Das Minarett der Yavus Sultan Selim Moschee in Mannheim neben dem Kirchturm der Liebfrauenkirche; Foto: dpa
Katholikentag in Mannheim

Mit den Muslimen reden, statt über sie

Auf dem diesjährigen 98. Deutschen Katholikentag spielte der Dialog mit dem Islam eine wichtige Rolle. Diskutiert wurde mitunter die "mediale Darstellung und Selbstwahrnehmung von Christentum und Islam" oder das Verhältnis der beiden Religionen ein Jahr nach dem arabischen Frühling. Christoph Strack berichtet.

Talat Kamran beendet zufrieden das Gespräch. 90 Minuten hat der Mannheimer Muslim gemeinsam mit dem Hamburger Dominikanerpater Richard Nennstiel über christliche und islamische Mystik gesprochen. Gut 70 Zuhörer lauschten den beiden. "Nach meinem Verständnis", sagt Kamran, "kann man als christlicher Mensch oder als muslimische Person in der Mystik die gleiche Erfahrung machen, wenn man aufrichtig danach sucht. Es geht um das Göttliche, das in jedem von uns steckt."

Der "Christlich-Islamische Dialog" ist fester Bestandteil des Katholikentagsprogramms und auch der Katholikentagsroutine. Insgesamt bieten Christen und Muslime rund 40 Veranstaltungen, offene Moscheen und einige durchgehende Angebote an. So gibt es in der Johannes-Kepler-Schule am Rande der Quadrat-Innenstadt einen "Raum der Stille und des Gebets", eine "Mannheimer Teestube" und auf dem Schulhof ein "Marokkanisches Königszelt" für Gespräche. In der Teestube holen sich auch Polizisten Stärkung, die gelegentlich nach dem Rechten schauen.

In Mannheim zu Hause

Kamran lebt seit gut drei Jahrzehnten in Mannheim. Die Stadt ist seine Heimat. Der in Istanbul geborene Sunnit leitet ein "Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog". Dass nun die Katholiken auch auf den Islam schauen und das Gespräch suchen, begeistert ihn. "Ich finde das sehr gut, beim Katholikentag alle Bereiche der Religion zu behandeln. Das passt aber auch zu unserer Stadt."

Talat Kamran; Foto: DW
"Wir haben es geschafft, darüber aufzuklären, was der Islam ist." Talat Kamran, Leiter des "Mannheimer Instituts für Integration und interreligiösen Dialog"

​​Im von großen Industriekomplexen umrahmten Mannheim sind Muslime längst fester Bestandteil der Stadt und des Straßenbildes. Bis zu 50.000 Muslime leben hier, viele von ihnen in jenem "Klein-Istanbul" genannten Viertel, in dem auch die Johannes-Kepler-Schule liegt.

Wenige hundert Meter weiter steht, nur durch eine kleine Straße von der katholischen Liebfrauenkirche getrennt, die Yavuz Sultan Selim Moschee. Ihr Bau sorgte Mitte der 1990er Jahre für bundesweite Debatten. Bis heute ist sie eines der größten islamischen Gotteshäuser in Deutschland.

Die damaligen Kontroversen brachten auch Talat Kamran zum Dialog über Alltagsfragen und theologisch Grundsätzliches. "Wir hatten damals die ganze Problematik, die andernorts in Deutschland erst heute diskutiert wird. Und wir haben das gut gemanagt und darüber aufgeklärt, was der Islam ist."

Tradition des christlich-islamischen Austauschs

Den "Christlich-Islamischen Dialog" gibt es bei Katholikentagen schon seit 1992. Damals wagten in Karlsruhe das veranstaltende Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und das mit gastgebende Erzbistum Freiburg diesen Schritt, nachdem es schon länger einen "Christlich-Jüdischen Dialog" gab.

Zur Eröffnung kam damals hohe Prominenz, neben der ZdK-Spitze unter anderem der damalige Präsident des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Francis Arinze und der Apostolische Nuntius in Deutschland. Damals nannte der Gast aus Rom die Situation der Muslime in Deutschland beispielhaft und ermunterte zum Gespräch, sprach aber auch die oft schwierige Situation christlicher Minderheiten in islamisch geprägten Ländern an.

Eine Moschee als Partner fanden die Katholikentagsmacher jedoch damals in Karlsruhe nicht. Für ein entsprechendes Angebot mussten sie einige Kilometer weiter nach Pforzheim ziehen. Das kleine Jubiläum "20 Jahre" fiel nun nicht mal mehr den ZdK-Organisatoren auf.

Der Dialog mit Muslimen läuft ganz selbstverständlich mit im Programm. Spektakulär ist er nicht, aber nie war er so umfangreich wie in Mannheim: Da geht es um "Islam ABC" sowie Spiritualität, Zinsverbot und die Rolle der Frau, um Barmherzigkeit als "Schlüsselnamen Gottes". Es geht aber auch um die "Angst vor dem Anderen", Christentum- und Islamphobie und die Schwierigkeiten von Christen in arabischen Ländern. Eine Besonderheit in diesem Jahr: Auch katholische Bischöfe aus Ägypten und dem Irak, Geistliche aus Palästina und Indien beteiligen sich an den Gesprächen.

Gewachsener Dialog

Katholiken in der Yavus Sultan Selim Moschee; Foto: dpa
Fragen nach der Trennung von Männern und Frauen in der Moschee, nach Fasten und Ernährung sowie der Wallfahrt nach Mekka: Eine Gruppe von Katholiken während einer Führung in der Mannheimer Yavus Sultan Selim Moschee.

​​Auf katholischer Seite ist Pater Hans Vöcking für Programm und Organisation verantwortlich. Der Ordensmann der "Weißen Väter" hat lange im arabischen Raum gelebt und ist heute in Brüssel tätig. "Der Dialog auf den Katholikentagen ist gewachsen", meint er. Die Erfahrung früherer Katholikentage lehrte ihn, dass es schwer war, vor Ort muslimische Partner zu finden, dass bei vielen Gesprächsveranstaltungen die Christen eher unter sich blieben.

Nun lobt er die gute Vorarbeit in Mannheim, zu der sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche mit bewährten Kontakten zu Muslimen beigetragen hätten. Dabei sei ihm die Mitarbeit der Muslime wichtig. Denn es solle ja nicht nur über den Islam, sondern auch mit Muslimen gesprochen werden.

Radikalität und Gewalt des Islam

So wie im Klassenraum 109 der Kepler-Schule. Die letzte Fragestellerin in der Diskussionsrunde konfrontiert Talat Kamran mit der Warnung, Religionen nicht zu verwischen, und beklagt einen aggressiven Islam. In seiner Erwiderung spricht der Muslim von sich aus auch den aktuellen Salafisten-Streit an und spricht von einer "fehlerhaften Interpretation des Islam". Die Mystiker in seiner Religion böten einen Gegenpol zu solchen gewalttätigen oder extremistischen Gruppierungen. Da spürt man Kamrans Verwurzelung im türkischen Sufi-Islam.

Die Probleme mit Radikalität oder Gewalt von Muslimen kommen auch im "großen" Programm des Katholikentages zur Sprache. Dort beklagt – um nur ein Beispiel zu nennen – Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) bei einer Veranstaltung zum Thema Christenverfolgung die Lage in Ägypten und warnt vor einem "arabischen Winter" nach einem "arabischen Frühling". Und Gesine Schwan, einstige Kandidatin der SPD für das Bundespräsidentenamt, warnt vor einem "Kampf der Kulturen" angesichts der neuen Debatte um die Salafisten in Deutschland.

Neugier und Unwissenheit

Keine fünf Minuten vom Schulgebäude entfernt befindet sich die Selim-Moschee: Eine deutsche und eine türkische Fahne wehen vor der Tür, dazu flattert ein großes Transparent mit dem Katholikentagsmotto "Einen neuen Aufbruch wagen" im Wind. Links am Gebäude steht "Damen-Eingang", rechts "Haupteingang", dazwischen bietet eine türkische Bäckerei ihre Waren an.

Führung in der Yavus Sultan Selim Moschee; Foto: DW
Vielfältige Facetten des islamischen Glaubens: Neben Moscheeführungen bot das "Zentrum Christlich-Islamischer Dialog" auf dem Katholikentag auch einen "Biblischen Impuls im Dialog" an, dazu Podien, Werkstätten und ein "Lehrhaus Islam".

​​Im ersten Stock der Moschee beendet Melahat Kurtaran eine umfangreiche Führung durch das Gebäude. Knapp 20 Gäste lauschen ihr, überwiegend weiblich, katholikentagstypisch mit Rucksack und nun auf Socken. Sie fragen nach der Trennung von Männern und Frauen im Gotteshaus, nach Fasten, Alkohol und Ernährung und der Wallfahrt nach Mekka. Und auch, wie denn Muslime nördlich des Polarkreises die exakten Uhrzeiten für den Beginn des Ramadan bestimmen könnten.

Kultaran, die schon einige Gruppen an diesem Tag begleitet hat, beantwortet alles geduldig und hält zwischendurch noch ihre Kinder ruhig. Die Frau mit dem Kopftuch, deren Deutsch vom Mannheimer Dialekt geprägt ist, entschlüsselt die arabische Schrift zwischen den kunstvollen Ornamenten auf den Wänden der Moschee.

Sie erzählt von der Wallfahrt nach Mekka, die sie vor sechs Jahren mit ihrem Mann unternahm. Bis zu tausend Beter passen in den Hauptraum der Moschee. Derzeit sitzen einige jugendliche Katholikentagsgäste ruhig und fast besinnlich auf den dicken Teppichen, weiter vorne betet ein einzelner Muslim.

Wissenslücken schließen

"Sicher, es gibt auch Trennendes", sagt Volker Walter nach der Führung. "Aber wir sollten Toleranz und Respekt haben vor der Religion anderer Menschen." Der gut 60-jährige Katholik aus Ludwigshafen zieht seine Schuhe wieder an. Mit seiner Frau war er zum ersten Mal in einer Moschee in Deutschland. Nur auf Reisen in Kairo hatte er zuvor schon einmal ein islamisches Gotteshaus besucht.

Ihn interessiere in den Räumen besonders die Kalligraphie, die bemerkenswerte Ausgestaltung der Räume mit arabischer Schrift, und bei der Glaubensvorstellung der Muslime die Lehre vom einen Gott. "Es ist schon wichtig, dass wir im Dialog bleiben mit den muslimischen Menschen, weil wir mit ihnen zusammenleben und es viele Gemeinsamkeiten in der christlichen und muslimischen Tradition gibt!"

Christoph Strack

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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