Sheik Hamad bin Khalifa al-Thani, Amir von Katar, bei seiner Rede anlässlich des Revolutionsbeginns in Tunesien; Foto: Reuters
Katars Außenpolitik und der Arabische Frühling

Die katarische Kreuzung

Wie kaum ein anderer mischt der Emir von Katar seit einem Jahr die arabische Politik auf. Nicht bei allen kommt die neue Rolle des kleinen Landes gut an. Von Stephanie Doetzer

Am Tag des Sturzes von Gaddafi spielte sich in Tripoli eine denkwürdige Szene ab: Die Rebellen hissen auf Gaddafis ehemaligem Hauptquartier nicht nur ihre eigene Flagge, sondern auch die von Katar. Bis dahin war die dunkelrot-weiß-gezackte Flagge außerhalb der Golfregion recht unbekannt. Jetzt taucht sie immer öfter an unvermuteten Stellen auf. Zum Beispiel am Fenster einer Unterkunft für syrische Flüchtlinge im Libanon – und die Bewohner berichten begeistert, Katar habe letztes Jahr im Ramadan das Essen für alle bezahlt und unterstütze den Kampf gegen Bashar al-Assad wie kaum ein anderes Land.

Tatsächlich steht Syrien auf der katarischen Prioritätenliste derzeit ganz oben: Katar war das erste arabische Land, das letzten Sommer seinen Botschafter abzog, das Erste, das sich im Herbst für Sanktionen aussprach und das jetzt für eine Militärintervention plädiert.

Ähnlich wie zuvor im Fall von Libyen fließen aus Doha Millionenbeträge zur finanziellen und militärischen Unterstützung der Rebellen. Und ähnlich wie in Libyen wird Katar auch diesmal von säkularen Arabern vorgeworfen, vor allem konservativ-islamistische Kräfte zu unterstützen.

Gleichzeitig steht Katar so sehr wie nie zuvor in der Gunst der USA. Hillary Clinton äußert sich lobend über Al Jazeera und amerikanische Fernsehberichte porträtieren das Land derzeit gerne als Vorbild für die ganze Region. Und dass in der Wüste hinter Doha eine riesige amerikanische Militärbasis liegt, löst auch in Katar kaum noch Kritik aus. 

Kein neutraler Vermittler

Dass die außenpolitische Linie eines arabischen Landes gleichzeitig amerikanischer und islamistischer wird, mag paradox klingen. Aus katarischer Sicht jedoch gibt es keinen Widerspruch. Salman Sheikh, der Direktor des Brookings Institute in Doha, sieht in Katar ein Land, das "wie kein anderes mit allen sprechen kann". 


Treffen der Kontaktgruppe im Konfliktfall Libyen in Doha; Foto: dpa
Treffen der Kontaktgruppe im Konfliktfall Libyen in Doha: Aus Katar fließen Millionenbeträge zur finanziellen und militärischen Unterstützung der Rebellen in Libyen und Syrien.

​​"Katars Politik folgt nicht der Logik von 'Ihr seid entweder mit uns oder gegen uns'", sagt er und erklärt so den Erfolg des Landes als Vermittler im Libanon oder im Sudan. Die Rolle des vergleichsweise neutralen Vermittlers hat das Land jedoch im letzten Jahr aufgegeben. Die einst guten Beziehungen zum Iran sind deutlich abgekühlt und der wachsende Einfluss des Landes spaltet die arabische Welt: Sunnitische Revolutionäre in Syrien und Libyen fühlen sich zu Dank verpflichtet und sehen Katar als Land an der Seite der Unterdrückten. Säkulare Kräfte dagegen beobachten Katars Politik mit Misstrauen. Und viele Schiiten im Libanon und in Bahrain sind schlichtweg entsetzt.

Wie sich in der katarische Außenpolitik strategische, sicherheitspolitische und ideologische Motive mischen, ist umstritten. Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik hält den Emir, Sheikh Hamad Bin Khalifa Al-Thani, für einen Pragmatiker, der genau deswegen problemlos pro-westlich und pro-islamistisch auf einmal sein kann.

"Sheikh Hamad vertritt eine sehr positive Haltung gegenüber den islamistischen Bewegungen, die ziemlich genau die Positionen von Yusuf Al Qaradawi widerspiegeln, der seit 1961 in Katar residiert und praktisch zu einem religionspolitischen Sprachrohr des katarischen Staates geworden ist," meint Steinberg.

Zu Hause keine Demokratie

In Doha gilt Sheikh Hamad Bin Khalifa Al-Thani als arabischer Nationalist – vielleicht ein Indiz dafür, dass der Pan-Arabismus von einst längst abgelöst wird von verschiedenen Strömungen des politischen Islams, so dass beide Denkweise nicht mehr konkurrieren, sondern sich immer öfter vermischen.


Yusuf al-Qaradawi; Foto: EPA
Nach Ansicht von Nahost-Experten vertritt der Amir von Katar ähnliche Positionen wie Yusuf Al Qaradawi, der seit 1961 in Katar residiert und praktisch zu einem religionspolitischen Sprachrohr des katarischen Staates geworden ist.

​​Bei den arabischen Aufständen unterstützt Katar den politischen Islam in ganz unterschiedlichen Ausprägungen: Von der tunesischen En-Nahda bis hin zu salafistischen Bewegungen. Nicht auf Unterstützung zählen können derzeit lediglich schiitische Islamisten, denn die gelten in Katar nicht als Reformer, sondern als potentielle Agenten des Irans.

Als im mehrheitlich schiitischen Bahrain die Aufstände brutal niedergeschlagen wurden, hielt sich Katar dementsprechend dezent im Hintergrund. In der unmittelbaren Nachbarschaft ist das Land der Revolutionstreiber am Erhalt des Status quo interessiert.

Denn während die katarische Regierung anderswo Diktatoren zum Sturz bewegen will, ist das System zu Hause von einer Demokratie noch weit entfernt. Salman Sheikh, der früher Berater der First Lady des Landes war, beschreibt es als Mischform zwischen einem traditionellen und einem repräsentativen System:

"Der Emir weiß, dass er seine Entscheidungen mit anderen Familiendynastien absprechen muss. Das funktioniert – weil die einheimische Bevölkerung so überschaubar ist und seine Familie eine hohe Legitimität besitzt. Anders als in anderen Ländern gab es hier bislang keine Forderungen nach einem mehr repräsentativen System. Für die Menschen hier sind Wohlstand und Stabilität am allerwichtigsten." 

Heikle Lage zwischen Saudi-Arabien und Iran

Erst im Herbst letzten Jahres gab es Gehaltserhöhungen, die jeden Gewerkschaftler vor Neid erblassen lassen: 60 Prozent mehr für alle Staatsangestellten und in den großen Unternehmen, 100 bis 120 Prozent für Polizei und Militär.


Karte von Katar; Foto: Wikimedia Commons
Heikle Lage am Persischen Golf: Sollte der Iran angegriffen werden, ist der Schutz von Katars Erdgas-Förderungsanlagen nur eines von vielen Problemen.

​​Bisher scheint die Rechnung aufzugehen: In Doha gibt es keine Demonstrationen, kein Aufbegehren, noch nicht einmal öffentliche Kritik an der Regierung. Doha boomt – und oberstes Ziel katarischer Politik ist, dass das so bleibt.

Doch wenn Katar außenpolitisch jetzt eine so große Rolle spielt, dann auch deshalb, weil die eigene Stabilität keineswegs selbstverständlich ist: Eingeklemmt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, ist die Lage des Emirats eindeutig als heikel zu bezeichnen.

Und während die Welt noch über das iranische Nuklearprogramm diskutiert, patrouillieren im Persischen Golf längst amerikanische Flugzeugträger und israelische Unterseeboote.

Sollte der Iran angegriffen werden, ist der Schutz von Katars Erdgas-Förderungsanlagen nur eines von vielen Problemen. Noch gravierender ist: 94 Prozent aller Arbeitnehmer im Land sind Ausländer. Sollten diese plötzlich nach Hause wollen, wäre das für Katar eine Katastrophe.

Doch darüber will in Doha derzeit kaum einer nachdenken. Katar ist anderweitig beschäftigt: Fast im wöchentlichen Rythmus finden internationale Konferenzen statt, treffen sich Regierungsvertreter und Revolutionäre und Katar profiliert sich als kleine, aber unumgängliche Führungsnation in der Region.

Im Newsroom von Al Jazeera fand ein Redakteur dafür folgende Worte: "Katar ist die Kreuzung, die mittlerweile jeder arabische Konflikt passieren muss. Dort entscheidet sich, wie es weitergeht." Große Worte für ein so kleines Land. Aber vielleicht nicht übertrieben.

Stephanie Doetzer

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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