Kabarettist Serdar Somuncu im Wahlkampf: "Nicht Kanzler, sondern Kançler!"

08.09.2017

Es ist nicht leicht, dieser Tage zwischen den vielen, teils skurrilen Wahlplakaten im Berliner Stadtteil Kreuzberg hervorzustechen. Serdar Somuncu gelingt es dennoch. Unter der Überschrift "Kançler!" schaut der fast glatzköpfige Bartträger grimmig herab. Zusammen mit dem Logo der Partei Die Partei ist damit alles gesagt: Der in Istanbul geborene Kabarettist will als Spitzenkandidat der Satirepartei in den Bundestag einziehen.

Wer den 49-Jährigen wenige Wochen vor der Bundestagswahl auf einer Parteiveranstaltung erlebt, könnte sich leicht über die Ernsthaftigkeit von Somuncus Anliegen täuschen. Somuncu und der Partei-Parteivorsitzende und Europaparlamentarier Martin Sonneborn stellen in Kreuzberg ihr "Schattenkabinett" vor. Die Pressekonferenz ist eine groteske Inszenierung voller Pöbeleien, Altherrenwitzen und kruden Wahlversprechen.

"Wir sind genauso siegesgewiss wie die SPD", sagt Sonneborn und verspricht "mindestens doppelt so viel Gerechtigkeit" wie die Sozialdemokraten. Somuncu will nach seinem Wahlsieg einen gescheiterten Putsch inszenieren, um alle Macht an sich zu reißen. Und er verspricht, auf Kosten der Ostdeutschen die Mauer wieder aufzubauen. Anspielungen auf den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan und US-Präsident Donald Trump.

Außerdem kündigt Somuncu an, Frauen im Alter von 18 bis 28 Jahren zu öffentlicher Nacktheit zu verpflichten - "Frauen ab Körbchengröße B bis 30 Jahre". Keine Stunde später - die Kamerateams haben die gammeligen Partei-Räumlichkeiten verlassen - sagt derselbe Somuncu: "In der Genderfrage waren die Grünen sehr richtungsweisend - gut, dass die Ehe für alle jetzt erlaubt ist."

Auf der Bühne zieht der gelernte Theaterschauspieler meist eine lautstarke Show ab. Er verlangt dem Zuschauer ab, selbst das Ernsthafte vom Absurden zu unterscheiden. Im Einzelgespräch dagegen redet Somuncu mit sanfter Stimme und bezieht Position.

"Das mag für den einen oder anderen albern sein - für mich ist albern, was ich bei den etablierten Parteien sehe", sagt Somuncu über seine Kandidatur. Er vermisse in der Politik die "Wahrhaftigkeit". Die SPD hält er unter Verweis auf die Abschaffung der Tarifautonomie für unglaubwürdig. Die Kritik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an Erdogan sei Heuchelei angesichts des sogenannten Flüchtlingspakts mit Ankara.

Somuncu las viele Jahre lang vor meist kleinem Publikum aus dem Hitler-Manifest "Mein Kampf" vor, um die Lächerlichkeit des Buchs aufzuzeigen. Später feierte Somuncu Erfolge als wütender Kabarettist, der als selbst ernannter Hassprediger sämtliche Minderheiten durch den Kakao zog. Die Idee dabei: Erst wenn jeder über jeden lachen könne, werde niemand mehr diskriminiert.

Zudem schrieb Somuncu Bücher, nahm Lieder auf, trat im Fernsehen auf und moderierte auch selbst. Nun zieht es den Sohn türkischer Einwanderer - "ein stinknormaler bürgerlicher Haushalt im Rheinland" - auf die Bühne Bundestag. Somuncu sagt, dass er im Wahlkreis des aus Altersgründen abtretenden Christian Ströbele (Grüne) eine echte Chance auf ein Direktmandat habe.

"Es sind 25.000 Stimmen, um die es geht", sagt Somuncu. Das sei nicht unrealistisch. Zum Vergleich: Bei der letzten Bundestagswahl kam die Partei mit 0,2 Prozent Stimmenanteil bundesweit auf knapp 79.000 Zweitstimmen. Somuncus Vorgänger im Wahlkreis 83 sammelte 3142 Erststimmen, doch Somuncu sagt: "Ich habe achtmal das Berliner Tempodrom ausverkauft - das sind 24.000 potenzielle Wähler." Der Kabarettist setzt auf seinen Bekanntheitsgrad.

Ein mögliches Direktmandat will Somuncu nach dem Vorbild Sonneborns nutzen. "Er hat gelernt, wie man durch virale Verbreitung hohe Aufmerksamkeit erreichen kann, etwa wenn er vor dem Parlament über Steuervermeidung von Apple in Irland spricht", sagt Somuncu. Wenn es nach ihm geht, müssen demnächst nicht nur seine Fans, sondern auch die Bundestagsabgeordneten genau zuhören, um in wütenden Reden Klamauk von echter Empörung zu unterscheiden. (AFP)

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