Jugendliche Musiker auf dem Tahrir-Platz in Kairo; Foto: AP
Junge arabische Künstler und sozialer Protest

Wind des Wandels

Dass sich die arabische Jugend bereits seit langem äußerst kritisch mit den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen in ihren Ländern auseinandersetzt, zeigt sich deutlich an vielen künstlerischen Produktionen dieser Generation. Charlotte Bank stellt einige aktuelle Projekte vor.

Die Revolutionen in der arabischen Welt und die tragende Rolle der Jugend haben viele in Europa überrascht. Zu lange war der Westen gewohnt, diesen Teil der Welt durch autoritäre Regime und rückständige, traditionalistische Gesellschaften repräsentiert zu sehen.

Dass die arabische Jugend längst nicht mehr in dieses Schema passte, wurde vielfach schlicht übersehen. Den alten Machthabern mit ihrer überholten Rhetorik und überkommenen Weltsicht stand eine Generation vielfach hoch ausgebildeter junger Menschen gegenüber, die mit größter Selbstverständlichkeit die neuen digitalen Kommunikationsformen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts angenommen haben.

Freier Umgang mit Tabu-Themen

Vor allem junge Videokünstler und Filmemacher widmen sich seit einiger Zeit einer Vielzahl von sozio-kulturellen und sozio-politischen Themen, wobei oft ein für Außenstehende erstaunlich freier Umgang mit Tabu-Themen zu beobachten ist.

Forderung nach Aufhebung der Internetblockade durch das Mubarak-Regime; Foto: AP
Internetaffine und multimedial versierte Jugend: "Diese Generation ist genauso selbstverständlich global vernetzt in der virtuellen Welt wie ihre westlichen Altersgenossen. Bisher war sie aber von politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen ausgeschlossen", schreibt Charlotte Bank.

​​Sahen sich frühere Generationen von bildenden Künstlern mit wenigen Ausnahmen eher als distanzierte Beobachter der Gesellschaft und weniger als aktive Mitgestalter, so hat sich seit den späten 1990er Jahren eine neue Künstlergeneration etabliert, die sich nicht länger als von der Gesellschaft abseits stehend betrachtet, sondern von dem Wunsch getragen wird, aktiv an der der Gestaltung neuer gesellschaftlicher Ansätze beizutragen.

Film und Video entwickelten sich hierfür zu bevorzugten künstlerischen Medien. Günstig in der Anschaffung und wenig platzaufwendig – die fertigen Arbeiten sind leicht zu transportieren und zu verschicken – ermöglichen sie durch ihre Position an der Schnittstelle zwischen Film und visueller Kunst eine größere Exponiertheit als traditionelle Medien, indem sich sowohl Filmfestivals als auch Kunstevents als Präsentationsfläche anbieten.

Auch sein unmittelbar aktiver Charakter macht dieses Medium so beliebt. Der/die Künstler/in ist nicht an ein Atelier gebunden, ist gesellschaftlich nicht abgehoben, sondern kann seine/ihre Kunst auf die Straße tragen, sich unter die Leute mischen und Themen angehen, die für alle Bürger aktuell und relevant sind. Für eine Generation, die häufig das Gefühl hatte, wenig gegen inakzeptable Lebensumstände tun zu können, schien diese Art der direkten gesellschaftlichen Interaktion besonders attraktiv zu sein.

In der Tradition des sozialkritischen Kinos

Dabei hat Film neben Literatur als Medium der sozialen Kritik in der arabischen Welt durchaus eine lange Tradition.

Youssef Chahine; Foto: EPA
Gesellschaftskritischer Geist und Vorbild für die jüngere Generation: Der Ägypter Youssef Chahine galt als das "enfant terrible" des arabischen Kinos. Er starb am 27. Juli 2008 im Alter von 82 Jahren in Kairo.

​​Filmemacher wie die Libanesen Borhan Alaouié, Maroun Baghdadi und Randa Chahal, die Syrer Mohamad Malas, Oussama Mohammad und der erst kürzlich verstorbene Dokumentarfilmemacher Omar Amiralay, die Ägypter Youssef Chahine, Daoud Abdel Sayed und die Pionierinnen des maghrebinischen feministischen Kinos, Moufida Tlatli, Farida Ben Lyazid und Néjia Ben Mabrouk gehören u.a. zu dieser langen Liste von Filmemachern, die in ihren Filmen oft mit erheblichem persönlichem Risiko immer wieder gesellschaftliche Missstände thematisiert und Verfehlungen ihrer Regierungen kritisiert haben.

Auf diese visuelle, kritische Tradition können sich junge "Videasten" genauso beziehen, wie auf ihre Stellung innerhalb der globalen zeitgenössischen Kunstszene.

Das gesellschaftliche Engagement der jungen Künstlergeneration zeigt sich in Arbeiten, die sich kritisch mit einer Vielzahl von Themen auseinandersetzen. Die Auswirkungen von Krieg und Bürgerkrieg auf die Gesellschaft, offizielle Geschichtsschreibung und Rhetorik – diese Themen werden genauso untersucht und hinterfragt wie Geschlechterrollen und der Umgang mit Medien.

Bei vielen Künstlern der arabischen Diaspora nimmt die internationale Stigmatisierung von Arabern in der westlichen Wahrnehmung eine zentrale Rolle ein. Im ästhetischen Zugang zeigen sich Einflüsse von ganz unterschiedlichen Richtungen, auch von außerhalb des eigentlichen Kunst-Diskurses. So bieten der europäische Autorenfilm, das internationale Dokumentarkino, US-amerikanische Trash-Filme, Fernsehwerbung und TV-Nachrichtensendungen verschiedenartige visuelle Referenzen.

Meist wird mit historischen Texten und found footage, d.h. bereits vorhandenem Film- und Foto-Material, gearbeitet. Und manchmal wird bewusst auf technische Raffinesse verzichtet und im "rohen" Stil von Home-Videos gearbeitet, um so eine größere Nähe zum Publikum zu erreichen.

Gegen westliche Klischees und Stereotype

Fillmplakat Phatwa
Upside Down: Hala Alsalman nutzt in ihrem Film "Phatwa" das Format des Pop-Videos mit eingefügten Cartoon-Elementen, um auf humorvoll-ironische Weise die gängige Praxis des "Profiling" zu hinterfragen.

​​Die Ästhetik der Pop-Kultur wird von vielen Künstlern benutzt, um ernste gesellschaftliche Themen anzusprechen und dabei ein größeres Publikum zu erreichen, als es mit den traditionellen Methoden wie etwa des Dokumentarfilmes möglich wäre.

So benutzt beispielsweise die irakisch-kanadische Video- und Filmemacherin Hala Alsalman in ihrem Kurzfilm "Phatwa" (2008) das Format des Pop-Videos mit eingefügten Cartoon-Elementen, um auf humorvoll-ironische Weise die gängige Praxis des "Profiling" sowie das westliche Stereotyp vom "arabischen Terroristen" zu hinterfragen.

Mit ganz ähnlichen Mitteln arbeitet die palästinensische Künstlerin Larissa Sansour, um internationale politische Diskurse zu kommentieren. In dem Video "Sbara" (2008), das starke Referenzen an Stanley Kubrick’s Horror-Klassiker "The Shining" aus dem Jahr 1980 aufweist kritisiert die Künstlerin die Dämonisierung des arabisch-muslimischen "Anderen" im westlichen Diskurs.

Die Tunesierin Moufida Fedhila verwendet eine strenge schwarz-weiße Ästhetik, die an die Aufnahmen aus den gerade befreiten Konzentrationslagern erinnern, um die Abgrenzungspolitik einer italienischen Stadt gegenüber afrikanischen Immigranten in Frage zu stellen.

Die Konflikte des Einzelnen mit Autoritäten und gesellschaftlicher Härte spielten schon immer im syrischen Autorenfilm eine große Rolle und stehen auch in vielen Arbeiten von Filme- und Videomachern der jungen Generation im Mittelpunkt. Somit schreiben diese sich einerseits in die syrische Tradition sozialkritischer Kunst ein, andererseits folgen sie der regionalen Bewegung junger kritischer Video- und Filmkunst.

Zivilcourage und Widerstand

​​Die Filmemacherin Reem Ghazzi kritisiert in dem experimentellen Dokumentarfilm "Crack" (2007) die Brutalität arbiträrer Verhaftungen und zeigt die Geschichte eines verbitterten Mannes, der sich, nachdem sein geliebter Sohn zum Gefängnis verurteilt wurde, beschlossen hat, sich von der Gesellschaft und ihrer Grausamkeit zurückzuziehen.

Wo Ghazzis Film einen physischen Rückzug aus der Gesellschaft zeigt, so thematisiert Hazem Alhamwi in "Stone Bird" (2006) eine mentale Rückzugsstrategie, gewählt von einem Mann, der um einem unmöglichen persönlichen Konflikt zu entkommen, den Wahnsinn wählt.

Arbeiten wie diese zeugen von großem zivilem Engagement der jungen Künstlergeneration in der arabischen Welt. Und dass sie sich nicht auf Wörter und Bilder beschränken, zeigt heute u.a. die Initiative zum Boykott des Guggenheim Museums in Abu Dhabi, die von zwei Konzeptkünstlern ins Leben gerufen wurden: der Palästinenserin Emily Jacir und dem Libanesen Walid Raad.

Zusammen mit mittlerweile über 1.000 internationalen Künstlern, die die Petition unterschrieben haben, fordern sie bessere Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeitsmigranten, die am Bau beschäftigt sind und drohen andernfalls mit einer Weigerung, je in der Institution auszustellen.

Im Verlauf der Proteste in der gesamten Region setzten und setzen sich junge Künstler, Musiker und Filmemacher für Freiheit und individuelle Rechte ein. Dass die Jugend mit ihren Forderungen Erfolg haben würde, war für viele bis vor wenigen Monaten allerdings undenkbar gewesen.

Oder wie es der ägyptische Videokünstler Khaled Hafez formuliert hat: "Meine Generation hat sehr viel Zeit mit Schuldzuweisungen und Beschwerden verbracht. Es ist uns nie in den Sinn gekommen, 18 Tage auf dem Tahrir-Platz zu verbringen und einfach das, was wir wollen, einzufordern."

Charlotte Bank

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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