Darstellung in der spanischen Königsresidenz El Escorial: Jüdische Soldaten, die 1431 auf Seiten der Truppen von Muhammad IX., dem muslimischen Emir von Granada, in der Schlacht von La Higueruela gegen Johann II. (Kastilien) kämpfen; Foto: Wikipedia
Jacob Bender: ''Out of Córdoba''

Das jüdisch-islamische Erbe von Córdoba

Die beiden größten Denker des islamischen Spanien waren der Muslim Ibn Rushd und der Jude Moses Maimonides. In seinem Film "Out of Córdoba" zeichnet Jacob Bender den Lebensweg der beiden als ein Gegenentwurf des Kampfes der Kulturen nach. Von Lewis Gropp

Jacob Benders "Out of Córdoba" ist ein Film über das große unbekannte Kapitel europäischer Geschichte: das islamische Spanien. Nahezu 800 Jahre lang standen weite Teile der Iberischen Halbinsel unter muslimischer Herrschaft, die spanische Kapitale Madrid wurde 1085 vom islamischen Emir Muhammad I. gegründet. Al-Andalus, so der Name des maurischen Spanien, steht bis heute für ein Zeitalter der Toleranz: Juden, Muslime und Christen lebten unter dem Banner der convivencia – der Koexistenz – größtenteils friedlich zusammen. Córdoba war die Hauptstadt in einer Region, die ein führendes kulturelles und wirtschaftliches Zentrum sowohl des Mittelmeerraums als auch der islamischen Welt darstellte. Mit der 1492 vollendeten katholischen Reconquista, der 'Rückeroberung', endete das Zeitalter der Toleranz: Juden und Muslime wurden vertrieben, die Spuren des islamischen Erbes zerstört.

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Nach den Terroranschlägen auf seine Heimatstadt New York habe er das Bedürfnis gespürt, neue Hoffnung und neuen Idealismus zu entdecken, mit denen er die These vom Kampf der Kulturen würde widerlegen können, erklärt Regisseur Jacob Bender am Anfang des Filmes.

​​In "Out of Córdoba" beschwört der amerikanische Filmemacher Jacob Bender den Geist der Toleranz dieses Ortes sowie das intellektuelle Erbe der beiden großen Söhne der Stadt, Ibn Rushd und Moses Maimonides. Nach den Terroranschlägen auf seine Heimatstadt New York habe er das Bedürfnis gespürt, neue Hoffnung und neuen Idealismus zu entdecken, mit denen er die These vom Kampf der Kulturen würde widerlegen können, erklärt Bender eingangs des Filmes. Die Spurensuche im Zeichen von Ibn Rushd und Maimonides ist gewissermaßen eine Pilgerreise der Hoffnung und des guten Beispiels.

Moses Maimonides (ca. 1138 – 1204) war Philosoph, Rechtsgelehrter und Arzt. Er versuchte, den Glauben an Gott mit rationalen Grundsätzen und den Naturwissenschaften zu verbinden. Maimonides gilt als großer Gelehrter des Mittelalters und als einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten aller Zeiten. Ibn Rushd, auch bekannt als Averroës (1126 – 1198) war ebenfalls Philosoph, Jurist und Arzt, und wie Maimonides war auch Ibn Rushd ein Verfechter aristotelischer Ideen, ein Advokat logischen und freien Denkens, der Vernunft.

Averroes in der Renaissance-Malerei

In Córdoba trifft Jacob Bender Menschen, die vom freigeistigen Denken der beiden inspiriert sind, unter anderem einen Imam, der eine Fatwa gegen Osama bin Laden verliest und ihn aufgrund seiner Gewaltverbrechen als "Ungläubigen" brandmarkt; aber auch den spanischen Außenminister Miguel Ángel Moratinos, für den Maimonides und Ibn Rushd nach eigener Auskunft Leitfiguren seiner Außenpolitik sind.

Karfreitagsprozession in der Moschee von Córdoba; Foto: AP
Karfreitagsprozession in der Moschee von Córdoba: Mit der spanischen "Rückeroberung" endete die Toleranz in Andalusien.

​​Beide Denker mussten vor den streng gläubigen Almohaden nach Marokko fliehen, und so führt auch Jakob Benders Weg nach Fes, wo er André Azoulay trifft, jüdischer Bürger und Chefberater des marokkanischen Königs, der hier vom Dialog der Kulturen spricht und betont, wie dringend wir der Botschaft der beiden Männer von Córdoba bedürfen, heute, 800 Jahre nach ihrem Tod.

Die nächste Station des Filmes ist Paris, hier trifft Bender den tunesischen Autor Abdelwahab Meddeb und den in Algerien geborenen und jüngst verstorbenen Mohammed Arkoun, der wunderbar leichtfüßig über den Einfluss Ibn Rushds auf die Scholastik des Mittelalters parliert. Ein "spanischer" Araber, der mit seinen Ideen das große Gebäue der europäischen Kirche des Mittelalters mit aufbaut – eine Tatsache, die heute wenig Berücksichtigung findet.
In Venedig berichtet der Kunsthistoriker Michael Barry von der Bedeutung Ibn Rushds in der italienischen Renaissance-Malerei und der besonderen Verbindung des Dogenreiches mit der islamischen Welt. "Der Doge von Venedig und der Herrscher von Kairo waren existentielle Verbündete", so der Princeton-Akademiker.

Jüdische Stimme des Gewissens

In Kairo besucht Bender die Ben Ezra Synagoge, hier wurden Ende des 19. Jahrhundert Schriften Maimonides' gefunden – hier hatte der große Gelehrte als Leibarzt des Sultans und Vorsteher der jüdischen Gemeinde die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbracht. Nach seinem Tod verordnete der Sultan eine dreitätige Trauerperiode. Maimonides' Leichnam wurde anschließend nach Jerusalem verschifft, wo die Familie zuvor eine Zeit lang gelebt hatte. Am Grab von Maimonides herrscht seit einiger Zeit Geschlechtertrennung – bei seinem letzten Besuch sei hier noch keine Trennwand gewesen, vermerkt Bender unzufrieden. Dabei sei einer der Grundgedanken Maimonides' gewesen, dass alle Menschen gleich dem Ebenbild Gottes geschaffen wurden, betont der Maimonides-Experte Menachem Kellner von der Universität Haifa.

Maimonides-Statue in Córdoba; Foto: Wikipedia
Pilgerreise der Hoffnung: In Córdoba trifft Regisseur Bender Menschen, die vom freien Geist Maimonides' und Averroës' sich inspirieren lassen.

​​Einer der bewegendsten Momente im Film ist die Begegnung mit Rabbi Arik Ascherman in Jerusalem. Noch auf dem Weg zu dem Büro von Rabbis for Human Rights sagt Bender, dass zeitgenössische Politik eigentlich keinen Platz in einem Film über Maimonides hätte, dass aber der Einsatz von Rabbi Ascherman für jüdisch-muslimische Versöhnung – mit Rückgriff auf jüdische religiöse Traditionen und Maimonides – ihn eines Besseren belehrt hätten. Ascherman sagt, dass man die Dinge auf den Kopf stellen und Religion zum Teil der Lösung machen muss.

Mit erschütternder Empörung in der Stimme beschreibt der Rabbi die Ungerechtigkeiten und die Gewalt, die vielen Palästinensern widerfahren sind, als Bulldozer ihnen ihre Häuser in Ostjerusalem zerstört wurden. Seine Organisation beschreibt er als Stimme des Gewissens von Israel, die dort organisierten Rabbis setzen sich für ihre Landsleute, die israelischen Palästinenser, ein. Ascherman sagt auch, dass er hofft, mit seinem Engagement dem Vorurteil vieler Palästinenser zu begegnenen, dass alle Juden ihre Feinde seien.

Das letzte Wort des Filmes hat der christliche Theologieprofessor David Burrell: "Eine Tradition ist erst dann eine Tradition, wenn sie selbstkritisch ist." Denn es ist nicht zuletzt das kritische Denken und die Fähigkeit zur Selbstkritik, die Ibn Rushd und Maimonides zu Leitfiguren unserer Zeit machen. Mit seinem Film "Out of Córdoba" erweckt Jacob Bender die Ideen der beiden Männer, des Juden und des Muslims, zum Leben.

Lewis Gropp

© Qantara.de 2011

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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