Assaf Gavron; Foto: dpa
Israels soziale Medien und der Gaza-Konflikt

Das passende Ventil

Angesichts des tobenden medialen Informationskrieges in Zeiten des Gaza-Konflikts misst der israelische Schriftsteller Assaf Gavron den sozialen Medien in seinem Land eine bedeutende Rolle als authentische und unabhängige Stimme bei – jenseits jeglicher staatlicher Kontrolle oder Einflussnahme.

"Wenn die Kanonen donnern, dann schweigen die Musen". So jedenfalls sagt ein – offensichtlich sowjetisches – Sprichwort. Im Israel des 21. Jahrhunderts könnte man es jedoch folgendermaßen ausdrücken: "Wenn die Kanonen donnern, dann halten die TV-Kommentatoren nie die Klappe".

Seit Beginn der Kämpfe – eigentlich aller Kämpfe der vergangenen Jahre –, doch wir wollen uns auf die aktuelle Gewalteskalation zwischen Hamas und Gaza konzentrieren – haben alle großen TV-Sender ihr normales Programm durch ein 24-Stunden "Sonder"-Nachrichtenprogramm ersetzt, welches in Dauerschleife die aktuellsten Bilder liefert: eine über den Nachthimmel fliegende Rakete, ein Loch im Dach eines getroffenen Hauses, eine Gruppe träge herumsitzender und auf Instruktionen wartender Reservesoldaten.

Und dann die Kommentatoren, die Experten: Sie alle sind Männer, sie alle haben jahrelange Erfahrung mit den Israelischen Streitkräften der IDF, dem Mossad oder dem Shin Bet. Sie alle haben ergrautes Haar und Bäuche in verschiedenen Stadien des Wachstums. Und sie alle wissen genau, was Israel tun müsste, wenn es die Hamas ein für alle Mal erledigen wollte.

Außerdem saßen sie alle beim letzten Mal – vor zwei, vier, sechs Jahren – in den gleichen Studios, sprachen mit ihrem wissenden und erfahrenen Ausdruck über die gleichen Dinge und schlugen die gleichen Lösungen vor – wobei sie heute alle vergessen haben, dass diese schon beim letzten Mal nicht funktionierten.

Manch einer von ihnen schlüpft sogar in die Rolle eines Cheerleaders, feuert das Militär an und verlangt nach mehr Feuer und Blut. Roni Daniel, Militär-Kommentator der bekannten Channel 2 News, ist solch ein Kandidat. In der vergangenen Woche verkündete er, eine "Dakhia" in Israels Operation sehen zu wollen, wobei er an die Zerstörung der Wohngebiete Beiruts im zweiten Libanonkrieg von 2006 dachte, welche in den Augen der Israelis die finale, zum Sieg führende Kriegshandlung eingeleitet habe.

Israels Ministerpräsident Netanjahu; Foto: Getty Images
Weiß Israels Sender im Konfliktfall größtenteils auf seiner Seite: "Es ist bekannt, dass die drei Hauptsender mit den IDF und den Regierungssprechern konform gehen, nur die eine Seite der Ereignisse darstellen", schreibt Gavron.

​​Im Anschluss an diese Aussage wurde er im Studio von dem neben ihm sitzenden arabischen Knesset-Mitglied Dr. Ahmad Tibi beschuldigt, den Tod von Kindern und Familien herauszufordern und zwischen den beiden brach ein lautstarker Streit aus.

Zwischentöne unerwünscht

In Kriegszeiten ist fast schon voraussehbar, mit welchen Informationen und Berichten Israels Medien aufwarten: Es ist bekannt, dass die drei Hauptsender (1, 2, und 10) mit den IDF und den Regierungssprechern konform gehen, nur die eine Seite der Ereignisse darstellen und – gleich einem Gesangschor – versuchen, ihre Stimmen in Einklang zu bringen (wobei man sich mancher Personen, die aus dem Takt fallen, wie etwa Tibi, schnellstmöglich entledigt).

Die unnötige Mühe echter journalistischer Arbeit machen sie sich selten – keine Recherche, keine schwierigen Fragestellungen, keine Suche nach objektiven Fakten gegenüber der Öffentlichkeit.

Israels Presse ist sogar noch leichter zu durchschauen: Die von Netanjahus Gönner Sheldon Adelson finanzierte Israel Hayom steht vollkommen hinter jeder Entscheidung der Regierung. Die in der politischen Mitte angesiedelte Yediot Achronot stellt sich zwar gegen Netanjahu, gibt sich jedoch gleichzeitig betont patriotisch und einseitig, ebenso wie die im Sterben begriffene Maariv. Die Haaretz vertritt zwar als einzige Zeitung liberale und oppositionelle Positionen, aber auch um ihre finanzielle Zukunft ist es derzeit eher düster bestellt.

Das Radio teilt sich in das staatlich finanzierte Kol Israel, welches bereits stark von Verantwortlichen der Regierung beeinflusst wird, und dem Radio der IDF, das zwar offener ist als man zunächst annehmen mag, aber dennoch allein schon aufgrund seiner Definition den Streitkräften untersteht.

Der Kontrolle entzogen

Vor dem Hintergrund dieser klaren Bestimmung der klassischen Medien im gegenwärtigen Konflikt stellen soziale Medien wie Facebook, Twitter, Blogs und Online-Diskussionsforen eine alternativen, unumgänglichen Weg dar, Neuigkeiten, Meinungen und Ansichten zu äußern.

Natürlich nutzen auch die offiziellen Gremien, wie das Büro des Premierministers, der Pressesprecher der IDF und Politiker, diese neuen sozialen Medien: Wie alle anderen twitterten und kommentierten und "like"-ten sie auch in den Tagen der Militäroperation. Anders als bei den traditionellen Medien sind sie hier jedoch nur eine von Millionen verschiedener Stimmen.

Sie haben keinen Einfluss auf das Veröffentlichte und können ihre Kontrolle, wie sie sie in größerem oder kleinerem Ausmaß bisher ausgeübt hatten, nicht fortsetzen – weder unter Einsatz von Geld, noch von Macht.

Der neue Medienbereich ist weitaus pluralistischer, offener, ehrlicher und deshalb auch wesentlich interessanter und authentischer. Hier werden die sonst beiseite geschobenen, schwierigen Fragen gestellt, hier werden die allseits als Wahrheit betonten Aussagen bezweifelt, hier findet man die schnellsten Reaktionen und informiert sich über die aktuellsten Diskussionen.

Israelische Panzer am Übergang zum Gaza-Streifen; Foto: Getty Images
In Kriegszeiten ist fast schon voraussehbar, mit welchen Informationen und Berichten Israels Medien aufwarten, kritisiert Assaf Gavron.

​​Und schließlich ist auch die Atmosphäre lockerer und witziger, quasi das Gegenteil der ernsten Nachrichtenstudios, in welchen sich mürrische Männer mit düsteren Mienen die Klinke in die Hand geben. Die sozialen Medien sind ein passendes Ventil, um Druck abzulassen.

Es kann abschreckend sein, die Nachrichten auf Twitter und Facebook zu verfolgen, denn man wird schonungslos Zeuge des angehäuften Hasses sowie der Blindheit und der Hoffnungslosigkeit, die viele Menschen verspüren. Allerdings kann das Gemeinschaftsgefühl, welches all die Menschen mit ihrer Weisheit und ihrem Humor online erschaffen, auch sehr beruhigend wirken. Man fühlt sich zumindest nicht alleine und ausgeschlossen.

Ende der Informationsblockade

Ob diese neue Art des Medienkonsums die Auffassung und das Verständnis der Menschen verändern kann, wird man sehen. Letzten Endes entscheidet sich jedes Individuum für seine eigene spezifische Mischung aus Menschen und Organisationen als Informationsquellen. Diejenigen, die sich der einen Seite zugehörig fühlen, werden demnach nur die Nachrichten und Ansichten verfolgen, welche ihren Ansichten entgegenkommen. Jeder hält letztendlich zu sich selbst.

Dennoch bieten die sozialen Medien – im Gegensatz zu den traditionellen – endlose Möglichkeiten. Es gibt keine Beschränkung auf ein paar wenige Ansichten, die alles Geschriebene oder Ausgestrahlte kontrollieren. Jeder ist sein eigener Redakteur und jeder kann für sich selbst auswählen.

Dieser Pluralismus an Stimmen macht eine Durchdringung von Fakten möglich: Wahrheiten kommen durch, Ideen finden ihren Weg ans Licht. Kanalisierte Informationen und Gehirnwäsche lassen sich daher in Zukunft sehr viel schwerer durchführen – und das ist eine positive Entwicklung.

Assaf Gavron

© Qantara.de 2012

Der israelische Schriftsteller Assaf Gavron, 1968 in Jerusalem geboren und aufgewachsen, studierte in London und Vancouver. Heute lebt der Autor in Tel Aviv. Zuletzt erschien sein Roman, "Ein schönes Attentat" (Verlag Luchterhand), in dem er die Innenwelten eines israelischen Terroropfers und eines palästinensischen Selbstmordattentäters beleuchtet.

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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