Israel-Palästina-Fusion: Udi Alonis Filmretrospektive & arabischer Rap mit Tamer Nafar und Rasha Nahas

17.11.2017 - 19:00 Uhr bis 19.11.2017 - 22:00 Uhr
Babylon-Kino
Rosa-Luxemburg-Str. 30
10178 Berlin

Hoffnung durch gelebte, jüdisch-palästinensische Zusammenarbeit verschiedener Generationen sowie sein Einsatz für den Binationalismus und einen gemeinsamen, jüdisch-arabischen Staat treiben den israelisch-amerikanischen Regisseur und Künstler Udi Aloni (*1959 in Tel Aviv) zu seinen Filmen an. Vom 17. bis 19. November stellt er erstmals komplett alle seine Filme aus 20 Jahren, seine kulturellen Visionen und künstlerischen Mitstreiter im Babylon in der „Udi Aloni Filmretrospektive – Art Violence“, in Gesprächen und einer Lecture vor. Zur Eröffnung am 17. November um 20 Uhr ist seine jüngste Produktion „Junction 48“ zu sehen. Im Anschluss gibt es ein Live-Konzert mit dem arabischen Rap-Star und „Junction 48“-Hauptdarsteller Tamer Nafar (*1979 in Lod) und mit Rasha Nahas (*1996 in Haifa). Mit ihrem poetischen, experimentellen Rock gilt Nahas als junger, aufstrebender Star der palästinensischen Musik-Undergroundszene. Aloni unterstützt Nahas als Mentor und lässt sie als Artist in Residence aktuell in Berlin leben. Beide palästinensischen Musiker treten erstmals gemeinsam in einem Konzert auf und werden begleitet von Samar Qupty (*1989 in Nazareth), der Hauptdarstellerin von „Junction 48“.

Udi Aloni ist streitbarer, kontrovers diskutierter Visionär, für viele ein Enfant terrible, Freund von Philosophen wie Slavoj Žižek, Judith Butler, Alain Badiou sowie Sohn von Shulamit Aloni (1928-2014), der bekannten israelischen Menschenrechtsaktivistin und Erziehungsministerin in der Regierung von Yitzhak Rabin. Seine Arbeiten verbinden Kunst, Musik, Philosophie und politisches Engagement. Zeitweilig hat Aloni in Berlin gelebt. Seit 2003 hat er seine Filme auf der Berlinale in der Panorama-Sektion vorgestellt, insgesamt inzwischen fünf abendfüllende Produktionen und einen Kurzfilm. Wieland Speck unterstützt deshalb die Babylon Retrospektive. Auch das Babylon in der Rosa-Luxemburg-Straße ist für Aloni von symbolischer Bedeutung: Rosa Luxemburg hat maßgeblich die politische Sichtweise seines polnischen Großvaters David Adler (1905-1980) geprägt. Seine Mutter Shulamit Aloni hat die neue hebräische Ausgabe von Luxemburgs „Briefe aus dem Gefängnis“ mit einem Vorwort versehen.

Udi Aloni: “As a paraphrase of Joseph Beuys‘ work: I love Berlin. Berlin loves me. Five of my films were opened at the Berlinale and achieved amazing awards here. The pre-war German philosophy was a big influence on my theological, political thinking. We could say ‘Local Angel’ is travelling with Walter Benjamin and ‘Forgiveness’ is like dancing with Franz Rosenzweig.”

Im Zentrum des arabischen Hip Hop Films „Junction 48“ (2016), u.a. mit dem Berlinale Panorama Publikumspreis ausgezeichnet, steht eine junge, palästinensische Generation, verkörpert durch den Hip Hopper Kareem (Tamer Nafar) und seine Freundin und Gesangspartnerin Manar (Samar Qupty). Sie leben als palästinensische Minderheit im israelischen Lod, arabisch Lyd, heute ein Vorort von Tel Aviv. 1948 wurden zehntausende Palästinenser gewaltsam aus Lod vertrieben, um israelischen Siedlern Platz zu machen. Kareem und seine Freunde erleben nicht nur Diskriminierung und Willkür durch die Polizei. Sie wollen sich auch von ihrer Elterngeneration emanzipieren, insbesondere von der patriarchalischen Einengung, die Frauen kaum Spielraum lässt.

Musik ist ein wichtiger Bestandteil in Udi Alonis Filmen. 2001 lernte er Tamer Nafar und dessen Band D.A.M. kennen und hat inzwischen in fünf Filmen mit Nafar zusammengearbeitet. Nafar gilt als einer der ersten, arabischsprachigen Hip Hopper. „Junction 48“ erzählt im wesentlichen seine Geschichte. Zum anderen zeigt der Film aber auch die Bedeutung junger, palästinensischer Frauen. So beginnt Aloni mit einer Nahaufnahme von Tamer Nafar und endet mit einem Close Up auf Samar Qupty.

Tamar Nafar: “We as Palestinians must fight the Israeli Apartheid and the Gender Apartheid. My dream is to march hand in hand, a woman holding a man’s hand against any separation wall. It is not reasonable to walk separately and ask for unity at the same time! … Freedom for all or freedom for none!” (2016, offener Brief an den Popsänger Mohammed Assaf)

Alonis erster Spielfilm “Forgiveness” (2005) weist wie “Junction 48” auf die gewaltsame, jüdisch-palästinensische Geschichte hin: Der junge David Adler weiß nicht, wohin er gehört. Sein Vater entkam Auschwitz und lebt nun in den USA. Als Davids Mutter jung verstarb, schickte er den Sohn nach Israel, holte ihn aber bald wieder zurück. David fühlt sich wie ein “fucking Yo-yo”, träumt auf Englisch, stottert in Hebräisch. Nun kehrt er nach Israel zurück, leistet dort seinen Militärdienst und findet sich nach einem Vorfall im psychiatrischen Krankenhaus von Deir Yassin wieder. 1948 tötete dort eine jüdische Miliz über 100 arabische Dorfbewohner. Kurz danach wurde das Krankenhaus auf den Ruinen erbaut. Die ersten Patienten waren Holocaustüberlebende.

Als Rückkehrer, der mit neuen Augen auf seine alte Heimat blickt, agiert Aloni selbst in zwei seiner dokumentarischen Werke: In „Left“ (1996), ursprünglich Teil des Ausstellungsprojektes „Re-U-Man“ im Metropolitan Museum of Art in New York, hält er den israelischen Wahlkampf fest, aus dem erstmals der Hardliner Benjamin Netanjahu siegreich als Ministerpräsident hervorgeht. Aloni spricht mit den arabischen Bürgern Israels, interviewt den arabisch-israelischen Politiker Azmi Bishara (*1956), der an der Humboldt-Universität in Berlin studierte, 1996 Knesset-Abgeordneter wurde und 2007 Israel verließ.

In „Local Angel“ (2002), inspiriert von Walter Benjamins „Angelus Novus“ und „Engel der Geschichte“, versucht Udi Aloni den theologisch-politischen Hintergrund zu begreifen, vor dem seine Mutter Shulamit Aloni als Friedensaktivistin und Gründerin des Israeli Civil Rights Movement agiert. Durch Vermittlung der Freundin von Shulamit Aloni, der palästinensische Menschenrechtsanwältin Hanan Aschrawi (*1946), Tochter einer der PLO-Gründer, trifft er Yassir Arafat. Inspiration sieht Aloni in der jungen Generation. Erstmals tritt Tamer Nafar in einem seiner Filme auf.

Einen starken Mitstreiter für die Vision des jüdisch-palästinensischen Zusammenlebens fand Udi Aloni in dem Regisseur, Schauspieler und Gründer des Freedom Theatres in Jenin, Juliano Mer-Khamis (1958-2011). Mer-Khamis war palästinensischer Jude und befand sich mit seiner emanzipatorischen Theaterarbeit für Flüchtlinge zwischen allen Stühlen. Aloni war für das Cinema Department des Theaters zuständig. Nach dem schockierenden Mord an dem Freund drehte Aloni zusammen mit den zwei Freedom-Schauspielerinnen Batoul Taleb und Mariam Abu Khaled (*1991 in Nazareth) ein berührendes, filmisches Denkmal mit „Art/Violence“ (2013), ausgezeichnet auf der Berlinale mit dem Cinema Fairbindet Preis. Die Schauspielerin Maryam Abu Khaled arbeitet aktuell im Exil Ensemble am Maxim Gorki Theater, u.a. in dem als Stück des Jahres 2016 ausgezeichneten „The Situation“. Abu Khaled wird am 18. November zu einem Gespräch mit Udi Aloni zu „Art/Violence“ zu Gast sein.

Wie ein Solitär wirkt der Dokumentarfilm „Kashmir: Journey to Freedom“ (2008) nur auf den ersten Blick. Tatsächlich bleibt sich Aloni in seinem Bestreben, als Jude solidarisch mit friedvollen Muslimen zu sein, treu. Zusammen mit dem aus den USA zurückgekehrten Kashmiri-Amerikaner Usmaan Raheem Ahmad blickt er auf die konfliktreiche Kaschmir-Region und die Jammu Kashmir Liberation Front. Yasin Malik (*1966), Anführer der JKLF und früherer Soldat, begibt sich auf einen gewaltlosen Friedensmarsch durch die Region. In Malik Sajad, einem 19-jährigen Cartoonisten, findet Aloni einen beeindruckenden Vertreter der jungen Generation. Auch mit diesem Film machte sich Aloni Gegner: Indien verbot ihm die Einreise.

Programm & weitere Infos: http://babylonberlin.de/udialonifilmretrospektive.htm