Junge Indonesierinnen; Foto: AP
Islamismus in Indonesien und der Fall Lady Gaga

Wer hat das letzte Wort?

Auch im Fall des abgesagten Lady-Gaga-Konzerts in Indonesien bewahrheitet sich, dass diejenigen, die sich am lautesten zu Wort melden, auch diejenigen sind, die von den Medien mit der größten Aufmerksamkeit bedacht werden. Jene schweigende Mehrheit aber, die hofft, dass die Welt toleranter wird, bleibt oftmals unbeachtet. Von Joseph Mayton

Liest man die Medienberichte über den abgesagten Auftritt der Sängerin Lady Gaga in Indonesien, könnte man meinen, dass es sich dabei um ein konservatives und fremdenfeindliches Land handelt, das keinen Sinn für künstlerische Freiheit hat. Doch weit gefehlt. Viele Demokratieaktivisten in Indonesien halten wenig von vorschnellen Urteilen und Panikmeldungen, dass Indonesien angeblich kurz davor stehe, ein autoritärer Staat zu werden. Doch weisen sie häufig darauf hin, dass die jüngere Generation im Land mehr politisches Gehör finden müsste.

"Wir sind große Fans von Lady Gaga und wir waren sehr enttäuscht, dass sich die Kleriker derart wütend auf sie gestürzt haben", meint etwa Asha Mahammad, eine indonesische Studentin. Sie denkt, dass die Absage des Konzerts der Welt einen falschen Eindruck von der kulturellen und politischen Realität der Inselrepublik vermittelt und auch über die Muslime in der gesamten südostasiatischen Region.

Die Kluft zwischen Ost und West überbrücken

Sie und ihre Freundinnen, alle mit den neuesten Unterhaltungsmedien und technischen Geräten ausgestattet, unterscheiden sich kaum von jungen Menschen aus anderen Teilen der Welt. Auch wenn diese Frauen nicht unbedingt für Indonesien in seiner Gesamtheit stehen mögen, sollte man sich anhören, was sie zu sagen haben: Sie sind jung und ihre Mission ist es, die Kluft zwischen Ost und West zu überbrücken und der Welt zu sagen, dass Indonesien nicht anti-westlich ist.

Muslimische Frauen in Jakarta halten Protestplakate gegen ein Konzert von Lady Gaga; Foto: AP
Als Ungläubige stigmatisiert: Nach lautstarken Protesten radikaler Islamisten hatte die US-Popdiva Lady Gaga ihr Konzert in Indonesiens Hauptstadt Jakarta Ende Mai absagen müssen.

​​"Ich habe so viele Freunde, die zu dem Konzert gehen wollten. Wir waren alle sehr aufgeregt, als wir hörten, dass Lady Gaga kommen wollte und hatten schon begonnen, all ihre Lieder auswendig zu lernen, um beim Konzert mitsingen zu können", sagt Jumana, eine 24-jährige Masterstudentin in Jakarta.

Jumana sagt, dass es in Indonesien mehr Standpunkte gäbe als den, der schließlich dafür sorgte, dass das Konzert in der indonesischen Hauptstadt schließlich abgesagt werden musste. "In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Indonesier zu Geschlechterfragen geäußert, doch hört man davon nur selten in den Medien. Aber wenn das Lady-Gaga-Konzert abgesagt wird, weil die Scheichs wütend sind, wird darüber natürlich berichtet, das ist schon sehr traurig", meint die 24-jährige.

Indonesiens lautstarke Hüter der Moral

Sie haben recht, sich über den Kampf zu beklagen, der zwischen den islamischen Klerikern ausgefochten wird, nach deren Meinung Lady Gaga der "Unmoral" Vorschub leisten würde, und den jungen Menschen, die sich, wie diese Studentinnen, für Toleranz und gegenseitiges Verständnis aussprechen.

Viele Frauen erzählten mir, dass die jungen Leute in der Region kein Konzert und keinen Musiker bräuchten, um zu wissen, wie sie ihr Leben zu leben hätten. Sie entschieden sich selbstständig für ihren Weg und das umfasse das ganze Spektrum ihrer sozialen Neigungen und politischen Ansichten, von liberal bis konservativ. Lady Gaga diene, so argumentieren sie, für die Kleriker doch nur als Ventil, um ihrer Frustration über die von ihnen so wahrgenommenen Veränderungen im Lebensstil der jungen Menschen Ausdruck zu verleihen.

"Natürlich haben wir unsere Probleme, aber die haben andere Länder auch. Doch die ausländischen Medien berücksichtigen nicht alle Aspekte unserer Gesellschaft, so dass wir nicht verstanden werden und die Menschen im Ausland nicht wissen, was uns zu dem macht, was wir sind", sagt Jumana.

In Indonesien sind es die vielen verschiedenen Religionen, die die Gesellschaft so mannigfaltig machen. Viele aus der jüngeren Generation, egal ob liberal oder konservativ, glauben an die Idee der Toleranz und an das Konzept eines Landes, das seinen Bürgern keine bestimmten Werte aufoktroyiert.

Konzert Lady Gagas, Foto: dapd
Islamistischen Eiferern ein Dorn im Auge: In Indonesien hatten sie der Sängerin Gotteslästerung und Teufelsanbetung vorgeworfen. Zudem nehmen sie Anstoß an Lady Gagas Einsatz für die Rechte von Homosexuellen.

​​Als Lady Gaga ihr Konzert Ende Mai absagte, sorgte das bei 40.000 Menschen, die sich schon ein Ticket gekauft hatten, für große Enttäuschung, Frustration und Wut darüber, dass es den Klerikern gelungen war, die Absage des Konzerts zu erzwingen.

Im Kern geht es leider vor allem darum, dass heutzutage meist diejenigen, die sich am lautesten zu Wort melden, auch diejenigen sind, die von den Medien mit der größten Aufmerksamkeit bedacht werden. Jene schweigende Mehrheit aber, die hofft, dass die Welt toleranter wird und die bereit ist, dafür auch verschiedene Aspekte innerhalb der jeweiligen Gesellschaft zu akzeptieren, bleibt allzu häufig unbeachtet.

Diese jungen muslimischen Frauen, die sich dem allgemeinen Trend widersetzen und sagen, was sie denken, glauben nicht, dass ein Konzert allein ihr Glaubenssystem verändern würde. Hoffen wir, dass die wenigen überlauten Kleriker, die Lady Gaga verteufeln, nicht das wahre Indonesien mit seiner Toleranz und offenen Gesellschaft verdüstern.

Joseph Mayton

Der Autor ist Gründer und Herausgeber der ägyptischen Online-Zeitung "bikyamasr.com".

© Common Ground News Service 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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