Koran; Foto: dpa
Islamisches Recht und Ethik

''Wir fordern eine Erneuerung der Koran-Interpretation''

Ein neues Forschungszentrum in Qatar will der ethischen Dimension des Islam zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Die Initiatoren um den Islamwissenschaftler Tariq Ramadan suchen nach zeitgemäßen Zugängen zum Islam. Dies kann sich auch auf die Rolle des Islam in den arabischen Revolutionsstaaten auswirken. Christoph Dreyer sprach mit Jasser Auda, dem Vize-Direktor des Zentrums.

Anfang des Jahres hat in Doha das "Forschungszentrum für islamisches Recht und Ethik" seine Arbeit aufgenommen, dessen stellvertretender Direktor Sie sind. Wozu ist ein solches Zentrum nötig?

Jasser Auda: Der Gedanke hinter dem Zentrum ist der einer Erneuerung. Islamisches Recht und islamische Ethik brauchen von beiden Richtungen her neue Impulse: Im islamischen Recht wird die ethische Dimension nicht genug betont. Und die Ethik ist im Islam zu abstrakt und nicht anwendungsbezogen genug, um als Regelwerk zu dienen – denn der Begriff "Recht" meint im Islam eher ein ethisches Regelwerk als ein System von Gesetzen im modernen Sinne.

Wovon grenzen Sie sich ab, wenn Sie die ethische Dimension des Islam so stark betonen?

Auda: Es geht uns um die Abgrenzung, ob man den Wortlaut des islamischen Recht betrachtet oder seine Absichten, auf Arabisch "maqasid". Wenn wir seine Absichten betrachten und nicht den Wortlaut, geben wir dem islamischen Recht nach unserer Überzeugung die nötige Dynamik, damit es dem gegenwärtigen Wandel gewachsen ist und die Erwartungen von Muslimen und Nicht-Muslimen in der heutigen Welt erfüllen kann.

Welche Rolle spielt dabei das Konzept des "Ijtihad", der eigenständigen Rechtsfindung aus dem Koran und den Überlieferungen?

Jasser Auda; Foto: Jasser Auda
"Der Begriff 'Recht' meint im Islam eher ein ethisches Regelwerk als ein System von Gesetzen im modernen Sinne", erklärt Jasser Auda.

​​Auda: Das ist genau das, was wir zu tun versuchen. Ein zeitgemäßer Ijtihad kann sich nicht nur auf die Schriften stützen, er muss auch die Lebenswirklichkeit der Menschen einbeziehen – er muss auf Text und Kontext beruhen. Wir bringen die Dimension des Kontexts in den Ijtihad, so dass er sich nicht nur um den Text und dessen sprachliche Interpretation dreht, sondern darüber hinausgeht und auch das mit einbezieht, was uns die verschiedenen Wissenschaften – Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften – an Erkenntnissen liefern. Das ist nichts Neues, aber wir definieren es im zeitgemäßen Sinne neu.

Wie kann diese Herangehensweise in der Praxis aussehen?

Auda: Zum Beispiel nähern sich viele Islamisten heute der Politik über den Wortlaut – sei es der Wortlaut der Schrift oder manchmal auch derjenige der Geschichte. Sie meinen, eine "khilafa" (Kalifat) in dem Sinne errichten zu können, wie es das in der Zeit nach dem Propheten Muhammad gab. Aber wenn wir uns die Bedeutung von "khilafa" ansehen, handelt es sich um einen Staat, der sich auf Gerechtigkeit gründet. Wenn wir also die Absichten des „Islamischen Staats“ betrachten, nämlich Gerechtigkeit, könnte er die Form eines modernen Staats mit verschiedenen Institutionen und Gewaltenteilung annehmen. Wenn wir die Schrift jedoch wörtlich nehmen und versuchen, einen Staat aufzubauen, der den islamischen Staaten von vor 1000 Jahren stark ähnelt, werden Gerechtigkeit und Freiheiten zu kurz kommen.

Ebenso ist es bei anderen Themen wie Frauen oder Menschenrechte. Wenn wir uns auf die koranische Botschaft von Barmherzigkeit und Liebe konzentrieren, können wir besser mit den Fragen der Gegenwart umgehen. Das gilt besonders für das Thema Politik und die Frau im Islam sowie für den ganzen Bereich der Menschen- und Bürgerrechte – zwei entscheidende Themen in der gegenwärtigen Reformdebatte.

Warum gerade diese beiden Bereiche?

Auda: Der Bereich der Politik und der Bereich der Frau im Islam sind voller historischer Konstrukte, die nicht unbedingt mit der islamischen Ethik übereinstimmen. So beschreibt etwa der Koran die Ehe zwischen Mann und Frau als eine Beziehung, die auf Liebe und Barmherzigkeit gegründet ist. Das ist nicht gerade das, was man in alten Fatwas findet, die diese Beziehung als Vertrag mit allen möglichen Bedingungen beschreiben, von denen manche gerecht und manche ungerecht sind. Wenn man zum Kerngehalt der koranischen Botschaft vordringt, kann man diese Verträge und sozialen Normen erneuern, so dass sie gleichberechtigter werden, die Frauen eine stärkere Rolle bekommen und das Wohl der Kinder gewährleistet wird.

Tariq Ramadan; Foto: dpa
Zu den Gründern des Instituts gehört der streitbare Denker Tariq Ramadan. "Wir sagen nicht, dass der Koran ungerecht ist. Aber er wurde auf ungerechte Art interpretiert, und wir fordern eine neue Interpretation, oder eine Erneuerung der Interpretation, um den islamischen Diskurs der Gegenwart auf der Ethik aufzubauen", sagt Auda.

​​Natürlich sagen wir nicht, dass der Koran ungerecht ist. Aber er wurde auf ungerechte Art interpretiert, und wir fordern eine neue Interpretation, oder eine Erneuerung der Interpretation, um den islamischen Diskurs der Gegenwart auf der Ethik aufzubauen. Wir glauben, dass das zum Innersten des Islam gehört.

Sie haben kürzlich ein Buch über Scharia und Politik in den postrevolutionären arabischen Staaten veröffentlicht. Was ist ihre Botschaft mit Blick auf deren Situation?

Auda: Die Frage der Anwendung der Scharia steht in Ländern wie Ägypten, Tunesien oder Libyen ganz oben auf der Tagesordnung. Die Frage dabei ist: Was meinen wir überhaupt mit der Scharia? Meinen wir die Geschichte des islamischen Rechts oder die Werte und Ziele der Scharia? Wenn wir die Werte, Ziele und Philosophie der Scharia meinen, dann sprechen wir über Gerechtigkeit und Freiheit und das, was wir im Sprachgebrauch der Scharia die Bewahrung von Geist und Seele, Verstand, Nachkommen und Wohlstand und all dessen nennen, was das Wohlergehen der Gesellschaft betrifft. Wenn wir also die Scharia solchermaßen definieren, können wir die neuen Gesetzen und Verfassungen, die die Menschen für ihre Länder entwerfen, auf eine in diesem Sinne islamische Weise angehen.

Daneben geht es um die Stellung der nicht-muslimischen Minderheiten in diesem Teil der Welt. Ich will nicht, dass die Anwendung der Scharia ihre Rechte beeinträchtigt. Aber die Religionen unterscheiden sich nun einmal, besonders auf dem Gebiet des Familienrechts. Deswegen ziehe ich mehrere Kreise: Einen öffentlichen Kreis, in dem jeder gleichberechtigt sein muss und niemand wegen seines religiösen Hintergrunds diskriminiert oder anders behandelt werden sollte, und einen privaten Kreis, in dem sich die Menschen mitunter dafür entscheiden, aufgrund ihrer Religion anders behandelt zu werden.

Wie weit würden Sie diese Argumentation treiben? Muss zum Beispiel der Präsident in einem Staat wie Ägypten ein Muslim sein?

Wahlveranstaltung der Muslimbrüder in Kairo; Foto: Reuters
Die neuen Denkanstöße sollen auch die Debatte um die Rolle der Religion nach den arabischen Revolutionen befruchten: "Die Frage der Anwendung der Scharia steht in Ländern wie Ägypten, Tunesien oder Libyen ganz oben auf der Tagesordnung. Die Frage dabei ist: Was meinen wir überhaupt mit der Scharia? Meinen wir die Geschichte des islamischen Rechts oder die Werte und Ziele der Scharia?", fragt Auda.

​​Auda: Aus Sicht des islamischen Rechts sehe ich kein Problem damit, dass sich jeder, einschließlich eines Nicht-Muslims oder einer Nicht-Muslimin, zur Präsidentenwahl aufstellen kann. Die meisten Rechtsmeinungen in der islamischen Überlieferung haben das nicht gestattet. Die handelten allerdings nicht vom Präsidenten einer Republik, sondern von einem „khalifa“ (Kalifen). Der Präsident Libyens, Syriens oder Ägyptens ist aber kein Kalif und würde das auch niemals behaupten. Wir haben einen Nationalstaat, und der hat einen Präsidenten entsprechend der Grundlage des Nationalstaats, nämlich der Gleichheit der Bürger. Solange der Staat definiert ist, wird der Präsident daran nichts Wesentliches ändern. Aber werden die Ägypter realistischerweise einen Kopten zum Präsidenten wählen? Das ist unmöglich – genauso unmöglich, wie dass die Deutschen einen Muslim zum Kanzler wählen oder die Amerikaner einen Muslim oder Buddhisten zum Präsidenten.

Aber dann kommen die Islamisten mit ihrer eigenen Definition eines islamischen Staats daher. Wer entscheidet, ob es sich bei einem bestimmten politischen System um einen "islamischen Staat" handelt?

Auda: Ich glaube, dass es wichtig ist, einen islamischen Staat im Sinne von Gerechtigkeit und Freiheit und Gleichheit für alle zu haben. Ob man das islamisch oder demokratisch oder modern nennt, ist nicht wichtig – entscheidend sind die Werte. In diesem Teil der Welt werden die Werte Gleichheit und Gerechtigkeit durch ein islamisches Verständnis betrachtet, folglich kann man von einem "islamischen Staat" sprechen. Darin liegt auch die Bedeutung dieser Forschung: Die Islamisten fordern ohnehin einen islamischen Staat. Wenn wir ihnen den also auf solche Weise definieren, dass er mit Menschenrechten, Bürgerrechten und alledem kompatibel ist, haben alle etwas davon. Die Revolutionen sind ja nicht aus einer islamischen Motivation geschehen, sondern haben auf soziale Gerechtigkeit und dergleichen gezielt. Wenn die Menschen jetzt Islamisten gewählt haben, dann damit sie ihnen soziale Gerechtigkeit bringen. Wenn die Islamisten das nicht leisten, bin ich mir sicher, dass sie bei den nächsten Wahlen durchfallen werden.

Interview: Christoph Dreyer

© Qantara.de 2012

Jasser Auda ist stellvertretender Direktor des Forschungszentrum für islamisches Recht und Ethik an der Qatar-Stiftung in Doha. Er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der International Union of Muslim Scholars und hat in zahlreichen Ländern islamisches Recht gelehrt, insbesondere zum Thema der Intentionen der Scharia. Auda hat auf Arabisch und Englisch zahlreiche Artikel und mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt "Zwischen Scharia und Politik: Fragen in der post-revolutionären Ära".

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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