Islamunterricht an einer Grundschule; Foto: DW
Islamischer Religionsunterricht

Allah oder der Beirat

Seit wenigen Wochen gibt es in Nordrhein-Westfalen ein neues Fach: "IRU" - Islamischer Religionsunterricht. Die Konstruktion wurde mittels eines Provisoriums durchgesetzt und steht auf wackligen Füßen. Ellen Hoffers berichtet.

Aya kneift die Augenbrauen zusammen. In der letzten Reihe verfällt Ayman in eine Art Singsang "Schalom-Salam-Schalom". Bernd Ridwan Bauknecht seufzt. Gerade hat er seiner vierten Klasse die Ähnlichkeit der arabischen Begrüßungsformel "Salam alaikum" mit dem hebräischen "Schalom alechem" erklärt. Beides bedeute Frieden.

"Und wisst ihr was?", sagt Bauknecht weiter, "die Christen in der Kirche geben sich vor dem Abendmahl die Hand und sagen 'Friede sei mit dir' - wie wir!" Aya bleibt kritisch. "Und was sagen die Katholischen?", möchte sie wissen. Bauknecht lächelt. "Na, das müssen wir sie wohl mal fragen." Weit haben sie es nicht. "Die Katholischen" sitzen im Klassenzimmer nebenan.

2.500 von 320.000 muslimischen Schülern erhalten in Nordrhein-Westfalen seit Schuljahresbeginn bekenntnisorientierten "islamischen Religionsunterricht" - ein Novum in der deutschen Bildungslandschaft. Die Katholische Grundschule am Domhof in Bad Godesberg, an der Bauknecht unterrichtet, gehört zu den 33 Schulen, die den Anfang machen.

Mit den Stimmen der rot-grünen Landesregierung wie auch der CDU war im Dezember 2011 das entsprechende Gesetz verabschiedet worden. Der Vorstoß findet breite Zustimmung, allerdings führt das von der Landesregierung ersonnene Beiratsmodell zu Ärger - und zwar vor allem unter denjenigen, die sich seit Jahren für die Einführung des Fachs starkgemacht haben.

Eine "religiöse Türstehermentalität"

Lamya Kaddor ist eine von ihnen. Seit zehn Jahren unterrichtet sie Islamkunde in Schulen. Sie hat den ersten deutschen Lehrstuhl für islamische Religionslehre mit aufgebaut, eine Professur vertreten und drei Lehrbücher geschrieben.

2011 wurde die 34 Jahre alte Islamwissenschaftlerin im Kanzleramt mit der Integrationsmedaille ausgezeichnet, ein Jahr zuvor in Madrid zu einer der einflussreichsten muslimischen Frauen in Europa gewählt. Damals schüttelte Cherie Blair ihr die Hand. Heute hat sie Angst, arbeitslos zu werden.

Lamya Kaddor; Foto: Uwe Ziss
Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Autorin, verfasste unter anderem drei Lehrbücher zum Islamkunde-Unterricht an deutschen Schulen. Zudem ist sie Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. 2011 wurde sie im Kanzleramt mit der Integrationsmedaille ausgezeichnet.

​​Denn Frau Kaddor ist auch Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. Sie sagt, die Gleichberechtigung von Mann und Frau sei im Islam verankert. Die Vorstellung, nur Rechtgläubigen stehe das Paradies offen, nennt sie "religiöse Türstehermentalität", ein Verbot des den Propheten Mohammed diffamierenden Videos, das die arabische Welt derzeit in Unruhe versetzt, lehnt sie ab. Muslime in Deutschland brauchten keine Sonderbehandlung, meint sie.

Standpunkte, die im konservativ-traditionellen Lager der Muslime nicht gern gehört werden. Auch nicht in den vier größten Muslimverbänden Deutschlands. Doch genau dieser Teil der muslimischen Gemeinschaft - der lediglich 15 Prozent der Muslime in Deutschland repräsentiert - wird demnächst darüber beratschlagen, ob sie über die "religiöse Eignung" verfügt, weiter zu unterrichten. Die Situation sei absurd, sagt Frau Kaddor.

"Was sage ich, wenn sie mich fragen, warum ich kein Kopftuch trage? Und was, wenn sie merken, dass ich einen Aufsatz zu diesem Thema veröffentlicht habe? Werde ich dann abgelehnt?"

Mit Hilfe eines rechtlichen Kunstgriffs

Zwölf Jahre wurde in einem Schulversuch "Islamkunde in deutscher Sprache" an nordrhein-westfälischen Schulen unterrichtet. Mehr war bis dahin nicht möglich: Um ein konfessionsgebundenes Unterrichtsfach einzuführen, ist eine anerkannte Religionsgemeinschaft nötig.

Da der Islam über keine kirchenähnlichen Strukturen verfügt, bediente man sich der Hilfskonstruktion eines - offiziell - religionswissenschaftlich ausgerichteten Faches. Die Praxis sah schon in der Vergangenheit anders aus: Als Lehrende ließ das Ministerium nur bekennende Muslime zu. "Allen Beteiligten war klar, dass das Ziel dieses Projektes ein bekenntnisorientierter islamischer Religionsunterricht war. Und so wurde auch unterrichtet", sagt Dorothea Paschen, Leiterin der Andreasschule in Bad Godesberg.

Islamischer Unterricht an Nordrhein-Westfälischen Schulen; Foto: Frank May/dpa
Der Islam auf dem Stundenplan: Als erstes Bundesland hat Nordrhein-Westfalen das Fach schrittweise etabliert. Da die muslimischen Organisationen bislang nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt sind, soll ersatzweise der Beirat über Lehrpläne und -bücher sowie bei der Bevollmächtigung von Pädagogen mitbestimmen.

​​"Was fehlte, war eigentlich nur die rechtliche Gleichsetzung mit den anderen konfessionsgebundenen Fächern." Um dieses Provisorium endlich in einen rechtlich gleichgestellten Unterricht zu überführen, bediente sich das Ministerium für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen eines rechtlichen Kunstgriffs: In Abstimmung mit dem Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland (KRM) wurde ein Beirat gegründet, der die Aufgaben einer Religionsgemeinschaft übernehmen sollte. In der Praxis heißt das: die Lehrer einer "religiösen Eignungsprüfung" unterziehen und die Lehrmittel zulassen.

Gegner des Beiratsmodells sprechen von "einer missglückten Verkirchlichung" des Islams. Sylvia Löhrmann (Grüne), Schulministerin in Nordrhein-Westfalen, sieht das Problem, plädiert dagegen für Pragmatismus: "Wir müssen den Islam institutionalisieren, wie die anderen Religionsgemeinschaften auch. Sonst kommen wir nicht weiter. Dass sich nie alle einig sind, ist klar."

"Das liberale Lager wurde außer Acht gelassen"

Ziel des Modells ist es, die weltanschauliche Neutralität des Staates zu wahren, indem - analog zum christlichen Religionsunterricht - die muslimischen Gemeinschaften selbst festlegen, was als Lehre des Islams gelten kann und was nicht.

Das Problem ist: Wer kann die muslimische Gemeinschaft repräsentieren? Der nun geschaffene Beirat setzt sich aus acht Vertretern zusammen: Vier Vertreter benennt das Schulministerium im Einvernehmen mit den Verbänden. Die vier Verbände selbst - Ditib, Islamrat, Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ) und Zentralrat der Muslime - entsenden zusätzlich jeweils ein Mitglied.

Alle diese Verbände sind konservativ-traditionell ausgerichtet. "Das liberale Lager wurde bei der Zusammensetzung des Beirates außer Acht gelassen", meint Lamya Kaddor. Bereits vor der Gründung des Beirates habe sowohl der Liberal-Islamische Bund als auch der Verband Demokratisch-Europäischer Muslime Frau Löhrmann auf die einseitige Besetzung aufmerksam gemacht.

Ausgehandelt hatte Frau Löhrmann die Beiratslösung mit dem Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM). Dessen Mitgliedsverbände sitzen nun allesamt im Beirat. Sprecher des Rates ist Ali Kizilkaya, ein Verbandsveteran.

1973 aus der Türkei nach Deutschland gekommen, war er lange Zeit als Funktionär in der Zentrale von Milli Görüş aktiv. Später wurde er Vorsitzender des Islamrates und Sprecher des Koordinierungsrates. 2006 sorgte er mit der Aussage für Aufsehen, das Tragen des Kopftuches sei ein "religiöses Gebot", das "nicht nach Land und Ort relativiert werden dürfe".

Nur mit Bestehen einer religiösen Eignungsprüfung

Aus Kizilkaya spricht der jahrzehntelange Kampf der Verbandsmuslime um Anerkennung. Die jetzige Vereinbarung sei auch für ihn nur ein Kompromiss: Den Verbänden stünde eigentlich die "alleinige Kompetenz" zu, über die religiöse Eignung der Lehrer zu entscheiden.

Er sagt, den bisherigen Islamkundeunterricht habe man gezwungenermaßen "geduldet" und sich bewusst mit Kritik zurückgehalten. Diese Zeiten seien nun vorbei. Natürlich sei es "Aufgabe und Recht" der Verbände, „den Glauben und den Lebenswandel der Lehrer zu überprüfen" - das täten die Kirchen schließlich auch. "Daran werden sich alle gewöhnen müssen", sagt er.

Bernd Ridwan Bauknecht hat die "religiöse Eignungsprüfung" schon hinter sich - und ist einigermaßen schockiert. In dem zwanzig Minuten dauernden Gespräch sei er vor allem nach seiner Loyalität zu den Verbänden befragt worden. Ihm sei unterstellt worden, "nicht gläubig genug" zu sein. Zwei Wochen nach der Prüfung erhielt er einen Brief von einem Beiratsmitglied, das ihn aufforderte, in einen der vier Verbände einzutreten.

"Das muss man sich mal vorstellen: Ich als deutscher Konvertit, als Islamwissenschaftler und bekennender Muslim. Warum sollte ich in einen von der Türkei aus gesteuerten Verband wie die Ditib eintreten? Oder mich den arabischen Kulturvereinen anschließen? Oder Mitglied im von Milli Görüş dominierten Islamrat werden? Das ist doch lachhaft."

Bernd Ridwan Bauknecht unterrichtet an der Domhofschule in Bonn-Mehlem; Foto: DW
Unterrichtet seit neun Jahren Islamkunde in Bad Godesberg: Bernd Ridwan Bauknecht. Der deutsche Konvertit, Islamwissenschaftler und bekennende Muslim versteht den Unterricht als "Bollwerk gegen radikale Formen des Islams".

​​Falls er nicht eintreten wolle, solle doch zumindest ein Imam bestätigen, dass er regelmäßig am Gemeindeleben teilnehme, hieß es in dem Brief. Am besten in einer Gemeinde, die einem der Verbände angehöre.

Für Ali Kizilkaya vom Islamrat stellt das kein Problem dar: "In der Kirche muss man schließlich auch Mitglied sein." Man werde Imame ausbilden, die ein Zertifikat über den religiös stimmigen Lebenswandel der Lehrer und deren Gemeindeaktivitäten ausstellten. Das Studium sei nicht ausschlaggebend, sagte er jüngst auf einer Podiumsdiskussion in Bonn, sondern "das Engagement in der Gemeinde und der richtige Glaube" - und den zu überprüfen, das sei im vom Staat vorgesehenen System nun mal Aufgabe der Verbände.

"Nun ja", antwortete Schulministerin Sylvia Löhrmann auf dem Podium, der Beirat sei noch dabei, seine Rolle zu finden. Seit neun Jahren unterrichtet Bernd Ridwan Bauknecht Islamkunde in Bad Godesberg.

Wenige hundert Meter von der Schule entfernt steht die saudische König-Fahd-Akademie, die 2004 wegen gewaltverherrlichender Schulbuchtexte in die Schlagzeilen geriet. Drei Straßen weiter haben sich in einer vor allem von Marokkanern frequentierten Moschee Salafisten breitgemacht - und dann gibt es noch die Ditib-Moschee mit ihrer starken Verwurzelung in der Türkei.

Seinen Unterricht an der Domschule hat Bauknecht immer als Bollwerk gegen radikale Formen des Islams verstanden. In seinem Unterricht wolle er Kindern einen Raum geben, in dem sie über sich und ihre Religion nachdenken und auch Zweifel äußern könnten. Seine Schüler, die aus ganz verschiedenen Strömungen des Islams stammten, müssten auch verstehen lernen, wie vielfältig ihre Religion sei. "Der Maßstab für den Unterricht müssen unsere Kinder sein - und nicht irgendwelche politischen Scharmützel", sagt auch ein Vater von vier Kindern.

Viele mögliche Konflikte

Anfangs schickte er seine Kinder in den katholischen Schulunterricht. "Da ging es ja auch um soziale und ethische Fragen. Die sind für alle Kinder wichtig", meint er. Später sei dann endlich "Islamkunde" als Fach eingeführt worden. Nun sei er stolz, dass das Fach eine rechtliche Gleichstellung erfahre. Herr Bauknecht mache seinen Unterricht hier in Bad Godesberg schon seit zehn Jahren gut - und das sei das Wichtigste. "Ob sich die Lehrer in Gemeinden engagieren, ist ihre Privatsache."

Für die Schüler ist bisher alles beim Alten geblieben. In ihrem Klassenzimmer hängt neben dem Mosaikkreuz eine Kalligraphie. Über der Tafel leuchten in Goldschrift die "99 schönen Namen Allahs", gleich daneben hängt eine Liste der Namen und Gestalten, die sowohl in der Bibel als auch im Koran vorkommen. Maryam - Maria, Ayoub - Hiob, Yusuf - Josef.

"Ruhe jetzt", ruft Bauknecht. Heute ist das Thema Streit und Versöhnung. Er malt einen Eisberg an die Tafel. Nur die Spitze schaut aus dem Wasser. Unter jedem an der Oberfläche sichtbaren Streit liege eine tiefergehende Verletzung, erklärt er seinen Schülern. Die müsse man erkennen, um den Konflikt zu lösen.

Lamya Kaddor, die Islamwissenschaftlerin, sieht auf die künftigen Lehrer viele mögliche Konflikte mit dem Beirat zukommen: "Was passiert, wenn eine Lehrerin einen Andersgläubigen heiratet? Wenn sich herausstellt, dass ein Lehrer homosexuell ist? Das wurde alles bei der Einführung des Fachs nicht bedacht."

Schulministerin Löhrmann sagt in letzter Zeit häufiger, was den Beirat betreffe, müsse man bedenken, dass es sich um eine gesetzlich befristete Übergangslösung handele. Im Juni 2019 läuft das Provisorium aus - dann werde neu verhandelt.

Ellen Hoffers

© Frankurter Allgemeine Zeitung 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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