Islamexperte Reichmuth ruft zu deutsch-türkischem Dialog auf

28.02.2017

Der Bochumer Islamwissenschaftler Stefan Reichmuth hat angesichts der Spannungen im deutsch-türkischen Verhältnis zum Dialog aufgerufen. Das Vertrauen zwischen Christen und Muslimen könne nur wiederhergestellt werden, «indem man die gewachsenen persönlichen Beziehungen weiterhin pflegt, statt sich empört zurückzuziehen», sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Essen. «Und indem man miteinander redet, statt übereinander.» Die Spionage-Vorwürfe gegen Imame des türkischen Islamverbands Ditib bezeichnete Reichmuth als nicht überraschend.

Schon früher seien Ditib-Imame nicht selten als Spitzel im Dienst des türkischen Staates verdächtigt worden, erklärte der frühere Leiter des Seminars für Orientalistik und Islamwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum: «Sie werden ja von den Konsulaten eingesetzt und sind direkt der türkischen Religionsbehörde Diyanet unterstellt.»

In der Türkei sei der Prediger Fethullah Gülen, den die Regierung in Ankara für den Putschversuch im vergangenen Jahr verantwortlich macht, zum allgemeinen Feindbild stilisiert worden. «Dass das auch in Deutschland derartige Folgen für die deutsch-türkische Community nach sich zieht, ist natürlich ziemlich ernüchternd», sagte Reichmuth.

Die Ditib-Geistlichen stehen im Verdacht, im Auftrag von Diyanet Anhänger der Gülen-Bewegung in Deutschland ausspioniert zu haben. Die Bundesanwaltschaft ermittelt in dem Fall. Der Verband hatte die Spitzeleien bereits im Januar eingeräumt. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) mit Sitz in Köln ist mit rund 900 Moscheegemeinden der größte Islamverband in Deutschland. Diyanet entsendet und bezahlt die Imame für die deutschen Gemeinden.

Für den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan begeisterten sich viele jüngere Türken in Deutschland, die sich nicht voll anerkannt fühlten, obwohl sie längst integriert seien, sagte der Experte. Sie könnten auch nicht vergessen, «dass ihre Eltern hier so schwere Startbedingungen hatten und sich für sie aufgeopfert haben».

«Diese Leute mit ihrem latenten inneren Groll und ihren Schuldgefühlen gegenüber ihren Eltern begeistern sich jetzt umso mehr für Recep Tayyip Erdogan, der es bei seinen Besuchen in Deutschland meisterhaft verstand, sie emotional 'abzuholen'», erklärte Reichmuth, der am Seminar für Orientalistik und Islamwissenschaft auch nach seiner Pensionierung noch als Seniorprofessor tätig ist.

Erdogan wird nach Angaben der Türkischen Gemeinde in Deutschland Ende März oder Anfang April erneut in Deutschland erwartet. Er will dabei für das umstrittene Referendum in der Türkei werben. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat die Bundesregierung aufgefordert, einen Auftritt Erdogans in NRW zu verhindern. (epd)

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