Irshad Manji und ihr neues Buch Allah. Liberty & Love; Foto: Christoph Dreyer
Islam und die Zensur in Malaysia

Die harte Hand des Staates

In Malaysia geraten nicht nur Medienschaffende zunehmend ins Visier der Zensurbehörden. Sorgen machen müssen sich seit neuestem auch Käufer von "verbotener Literatur", wie Joseph Mayton am Beispiel des aktuellen Buches der liberalen islamischen Feministin Irshad Manji erklärt.

Der Buchhändler sieht den jungen Mann, der vor ihm steht, aufmerksam an. Er versucht mit einige Fragen herauszufinden, ob es sich bei dem jungen Studenten vielleicht um einen Polizeispitzel handeln könnte. Nachdem er zum Schluss gekommen ist, dass dies wohl nicht der Fall sein kann, wechseln die beiden einige Worte und ein in Papier verpacktes Buch wird herübergereicht. Der junge Mann überreicht dem Händler eine 20 Ringgit-Note und der Handel ist abgeschlossen.

Im Weggehen steckt der Käufer das Buch schnell in seine Tasche und dreht sich um, um den Buchhändler zum Abschied zu grüßen. Dieser sieht ihm besorgt nach, bis er um eine Ecke gebogen und außer Sicht ist.

"Es handelt sich um ein Buch von Irshad Manji, das zur Zeit verboten ist", erklärt Mohammed der Käufer, nachdem er in einem Café in Chinatown, einem populären Viertel Kuala Lumpurs, angekommen ist. Das Buch von dem er spricht trägt den Titel 'Allah, Liberty and Love'. "Die Regierung will nicht, dass die Menschen dieses Buch lesen, weil sie Angst hat, dass die davon schwul werden", lacht er.

Auf dem Index

Der Buchhändler hat allen Grund, eine Polizeirazzia zu fürchten. Erst Ende Mai wurde Nik Raina Nik Aziz, eine 36-jährige Managerin einer Filiale der großen amerikanischen Buchhandelskette "Borders", vor einem malaysischen Gericht angeklagt, weil sie Manjis verbotenes Buch verkauft hatte. Sollte sie tatsächlich verurteilt werden, droht ihr eine Geldstrafe von bis zu 1.000 US-Dollar oder eine zweijährige Gefängnisstrafe.

Anwar Ibrahim; Foto: dapd
Erneute Wende im Prozess gegen Malaysias prominenten Oppositionsführer? Nach dem politisch motivierten Skandalprozess gegen Anwar Ibrahim wegen Homosexualität hat die Staatsanwaltschaft nun Einspruch eingelegt. Ibrahim war im Januar überraschend freigesprochen worden.

​​Mohammed und anderen jungen Aktivisten scheint es absurd, dass das Buch wegen seiner Botschaft zensiert wird – eine Botschaft, die das Bild eines "toleranten und verständnisvollen Glaubens" entwirft, was eigentlich nicht im Widerspruch zu Malaysias multi-ethnischer Gesellschaft stehen sollte.

Doch im Vorfeld einer Wahl – die Regierung muss bis April nächsten Jahres eine Parlamentswahl abhalten– sind die Beamten bemüht, den konservativen Teil der Wählerschaft zu umgarnen. Und das bedeutet, dass auch Manjis Buch auf den Index kam.

"Sie tun dies nur aus dem Grund, weil sie eine lesbische Frau ist, die ein Islambild vermittelt, das den Konservativen ein Dorn im Auge ist. Sie glauben, dass sie gefährlich ist und junge Menschen in Aufruhr versetzt. Natürlich ist das alles nicht wahr. Aber genau das ist der Grund für das Verbot", fügt Mohammed hinzu, der in Kuala Lumpur Politik studiert.

Offiziell verbot das Innenministerium das Buch, weil es angeblich "den Islam beleidigt" und Aspekte enthalte, die "die Gesellschaft fehlleiten könnten". Außerdem gefährde das Buch die öffentliche Ordnung des Landes.

Dagegen ließ die Autorin verlautbaren, dass ihr Buch „allen zeigen will, wie man den Glauben und die Freiheit in einer Welt voller repressiver Dogmen miteinander in Einklang bringen kann.“ Seit langem kämpft Irshad Manji, die sich als „praktizierende Muslima“ bezeichnet, für einen toleranten und verständnisvollen Islam.

"Die Zensur spielt inzwischen verrückt"

Die Frauenaktivistin und Bloggerin Ousmanah Aziz meint, dass es bei dem Verbot des Buches darum geht, zu bestimmen, welche Form des Islams im Land diskutiert wird. Ihrer Ansicht nach will die Regierung als einzige Vertreterin eines liberalen und toleranten Islam gesehen werden, um "Stimmen zu gewinnen". "Es geht darum, eine Botschaft auszusenden", glaubt Aziz. "Und diese Botschaft besteht darin, dass die Regierung und die Partei den Alleinvertretungsanspruch über den moderaten Islam behalten wollen. Überall in der Welt reden sie davon, wie offen und tolerant der Islam in Malaysia sei, dabei spielt die Zensur inzwischen verrückt."

Cartoon von Zunar; Foto: bikyamasr.com
Nimmt kein Blatt vor den Mund: Mit seinen Karikaturen geht der Cartoonist Zulkiflee Anwar Ulhaqur mit der Regierung schonungslos ins Gericht und kritisiert die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die Korruption in Staat und Gesellschaft.

​​Sie verweist auf den Fall des bekannten Cartoonisten Zulkiflee Anwar Ulhaqur (auch "Zunar" genannt), der in den letzten Jahren häufiger die harte Hand des Staates zu spüren bekommen hat. "Er ist eine Inspiration für uns junge Menschen, wenn es darum geht, immer wieder Themen anzusprechen, die uns wichtig erscheinen, der Regierung jedoch offensichtlich missfallen." Im Juli 2011 wurde der politisch unbequeme "Zunar" für seine Karikaturen sogar vom "Cartoonists Rights Network International" (CRNI) mit dem "Award for Courage" ausgezeichnet.

Seit bald zehn Jahren steht er unter strenger Beobachtung durch die malaysische Regierung. Drakonische Zensurmaßnahmen muss er fast ständig in Kauf nehmen. 2010 wurde er verhaftet und inhaftiert. Alle Zeitungen im Land wurden angewiesen, keine Cartoons mehr von ihm zu veröffentlichen. "Zunar" wehrte sich, indem er fünf Bände seiner Cartoons im Broschürenformat herausgab, sodass die malaysische Öffentlichkeit sie immer noch zur Kenntnis nehmen konnte.

Aber auch seine Bücher wurden von der Regierung immer wieder beschlagnahmt, die Verlage wurden aufgefordert, keines seiner Werke zu publizieren. Hinzu kommt, dass sein Büro regelmäßig durchsucht wird, Dutzende seiner Bücher von der Polizei konfisziert wurden und Buchhändler bis heute mit gerichtlicher Verfolgung bedroht werden, sollten sie seine Bücher weiterhin verkaufen. Seine Bewegungen werden aufgezeichnet und sein Telefon wird abgehört.

Aufs Ganze gehen

In vielen seiner Cartoons geißelt er die "korrupten Praktiken des Premierministers und seiner Kabinettsmitglieder, den Mord an Altantuya, einem mongolischen Model, die Verschwörung gegen Anwar Ibrahim und das herrschaftliche Gebaren der Ehefrau des Premierministers sowie um die Verschwendung öffentlicher Gelder".

"Zunar" erklärte, dass die Regierung nicht nur alle Zeitungen kontrolliert, sondern auch das Fernsehen und den Rundfunk, was keinen Raum mehr für abweichende Meinungen lässt. Er sagt: "Mein Ziel ist es, meine Cartoons als Waffe zu nutzen, um gegen Korruption und den Machtmissbrauch durch die malaysische Regierung zu kämpfen. Mit meinen Karikaturen spreche ich sehr wichtige Themen an, über die in den von der Regierung kontrollierten Medien nicht berichtet wird."

"Meine Philosophie ist einfach: Um wirklich etwas zu erreichen, müssen wir aufs Ganze gehen. Meine Methode ist deshalb, die mächtigsten Leute in der wirklich direkt anzugehen. Warum nur kneifen, wenn man auch boxen kann!", so "Zunar".

Für junge Menschen wie Mohammed und Aziz gehört die Idee des Widerstands gegen das Unrecht zu ihrem täglichen Kampf. Das ist der Grund, warum sie – verbotenerweise – Manjis Buch ergatterten und warum sie hoffen, dass ihr Kampf für einen zeitgemäßen Islam und gegen die Zensur vorankommt.

"Wir müssen weiter kämpfen, sonst wird Malaysia nie ein freies Land für alle seine Bürger werden. Auch Meinungen, die wir nicht mögen oder mit denen wir nicht übereinstimmen, haben einen Platz im Dialog verdient", meint Aziz.

Joseph Mayton

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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