Demonstranten des Iranian-Israeli Circle, Foto: Jakob Huber
Iranian-Israeli Circle

''Eigentlich müssten wir uns doch hassen''

In Berlin haben Israelis und Iraner ein Anti-Kriegs-Bündnis geschlossen, das sich gegen Krieg, Sanktionen und Besatzung wendet. Den Atomstreit betrachten sie als einen künstlichen Konflikt, der den Regierungen beider Länder zum Machterhalt dient. Von Marian Brehmer

Die starren Mauern zu durchbrechen, die Politik manchmal zwischen Menschen errichten kann, ist nicht immer leicht. Doch es gibt Menschen, die auferlegte Feindschaften wie den oftmals herauf beschworenen Antagonismus von Israel und Iran nicht hinnehmen wollen. Sind wir uns nicht eigentlich viel ähnlicher, als es uns unsere Regierungen weismachen wollen, fragen sie und setzen sich kreativ mit dem Thema "Identität" auseinander. Ein solcher Ausdruck von Menschlichkeit war die Kampagne eines israelischen Graphikdesigners im Frühjahr. Seinen Slogan "Iranians, we love you" verbreitete er über Facebook und bekam dafür ein gewaltiges Medienecho.

In Berlin hat sich ein Bündnis aus israelischen und iranischen Studenten gebildet, die gemeinsam gegen die Kriegstreiberei ihrer Länder protestieren wollen. Der "Iranian-Israeli Circle" möchte über die Mechanismen hinter dem Atomkonflikt aufklären und wendet sich gegen "Krieg, Sanktionen, Besatzung und staatliche Unterdrückung".

Bei der ersten gemeinsamen Demonstration von Iranern und Israelis in Berlin-Kreuzberg kamen im Mai Spruchbänder in Hebräisch, Farsi und Deutsch zum Einsatz. Zudem will die Initiative mit Vorträgen zeigen, dass sich nicht nur die Menschen mit all ihren Sorgen und Nöten ähneln, sondern auch die Strategien ihrer beiden Regierungen.

Nach dieser Lesart wird der Atomkonflikt vor allem als ein Ablenkungsmanöver von internen Problemen gesehen: In Iran gibt es eine Regierung, die vor allem unter der jungen Bevölkerung an Rückhalt verloren hat – eine Entwicklung, die während den Wahlprotesten im Jahr 2009 offen zu Tage trat. Besonders unter Jugendlichen war die Entfremdung von den ideologischen Grundfesten der Islamischen Republik nie so groß wie heute.

In Israel verbaut Benjamin Netanjahu durch eine aggressive Siedlungspolitik jegliche Lösung im Nahostkonflikt. Iran und der vermeintlich drohende "atomare Holocaust" sind ein dankbares Thema, um mit lauten Tönen die eigene Verantwortung zu überdecken. Die sozialen Proteste junger Israelis bleiben da weitestgehend ungehört.

Anti-Israel-Propaganda

Die Idee zum Freundschaftskreis entstand als der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak im März nach Berlin reiste. Damals wurde jener U-Boot-Deal besiegelt, der rund zweieinhalb Monate später in Reaktion auf einen "Spiegel"-Artikel die Debatte über deutsche Waffenlieferungen nach Israel entfachte.

Demonstranten des Iranian-Israeli Circle, Foto: Jakob Huber
Israelische und iranische Studenten gehen gemeinsam auf die Straße, um gegen die Regierungen Ahmadinedschad und Netanyahu und deren Kriegspolitik zu protestieren.

​​Als Barak sich in der israelischen Botschaft befand, versammelten sich zehn israelische Studenten vor dem Haus, um gegen die Außenpolitik ihrer Regierung zu demonstrieren. Aus einer losen Protestgruppe erwuchs die Idee, sich mit den Iranern vor Ort zu verbinden. Über Facebook starteten die Israelis einen Aufruf und erhielten bald Antwort von der anderen Seite. Man traf und tauschte sich aus – ein fruchtbarer Prozess, auch in der Beschäftigung mit eigenen Stereotypen.

Die Iranerin Arezu hat in den letzten zehn Jahren vor allem in Europa gelebt. In Iran aufzuwachsen bedeutet ganz automatisch den israelischen Staat hassen zu lernen. "Tod Israel" ist in Iran ein inflationärer Slogan. Das Fernsehen berichtet ausschließlich negativ über das Land und einmal im Jahr fordert die Regierung am "Quds"-Tag dazu auf, gegen das "zionistische Regime" durch die Straßen zu ziehen.

Das, meint Arezu, führe bei Iranern manchmal zu vorschnellen Schlüssen: Du bist gegen die Regierung. Die Regierung unterstützt die Palästinenser. Also stehst du der palästinensischen Sache gleichgültig gegenüber.

Feindschaft für Machterhalt

"Als wir uns in Berlin mit Israelis trafen, war es offensichtlich, dass wir alle in Opposition zu unseren Regierungen stehen", sagt Arezu. "Wir machten Witze darüber, dass wir doch eigentlich Feinde sein und uns hassen müssten."

Demonstrant hält Plakat für den Frieden; Foto: Jakob Huber
Schluss mit dem Säbelrasseln: Beide Seiten betonen, dass ihre Völker keinen Grund haben, sich gegenseitig zu hassen.

​​Arezu will unterscheiden zwischen der unrechtmäßigen Unterdrückung der Palästinenser und einer Regierung, die dieses Thema für sich ausschlachtet.

Gal Schkolnik, israelische Chemiestudentin, traf 2005 auf einem Festival zum ersten Mal auf Iraner. Es waren Frauen, vor allem Architektinnen und Rechtsanwältinnen. "Bis dahin wusste ich gar nicht, dass iranische Frauen so etwas studieren dürfen", sagt Gal. Aus dem Fernsehen habe sie nur Bilder von schwarz vermummten Frauen und Fäuste schwingenden Mullahs gekannt.

"Auf eine gewisse Art haben es die Iraner da leichter. Sie leben in einem autoritären Regime und wissen, dass sie von ihren Medien belogen werden. Aber in Israel haben wir noch ein gewisses Grundvertrauen in unsere Medien. Die Propaganda ist bei uns subtiler."

Auch Gal war bisher nicht bewusst gewesen, dass ihre Situation von der der jungen Iraner gar nicht so verschieden ist. "Wir sind zwei Völker, deren Regierungen nicht am Wohlergehen ihrer Bürger, sondern allein daran interessiert sind, an der Macht zu bleiben. Ein kreierter Krieg wie der Iran-Konflikt eignet sich hervorragend dazu."

Marian Brehmer

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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