Youssef Ziedan; Foto: Susanne Schanda
Interview mit Youssef Ziedan

Revolution bedeutet Bruch mit Autoritäten

Der Ägypter Youssef Ziedan ist Bestsellerautor, Philosoph, Wissenschaftshistoriker und Direktor der Handschriftenabteilung der Bibliothek von Alexandria. Das Revolutionäre zeige sich auch im Hinterfragen von Autoritäten, sagt er. Susanne Schanda hat ihn an seinem Wirkungsort besucht.

Wir befinden uns in Ihrem Büro in der Bibliotheca Alexandrina, nahe der Stelle, wo einst die weltberühmte Bibliothek von Alexandria stand. Was bedeutet es für Sie, an einem so historischen Ort zu arbeiten?

Youssef Ziedan: Als ich hier in Alexandria an meiner Dissertation schrieb, begannen die Gespräche über den Bau einer neuen Bibliothek an der Stelle der zerstörten, antiken Bibliothek. Vom Dach der Universität blickte ich auf den Platz, auf dem der Neubau entstehen sollte. Die Bedeutung dieser Bibliothek geht weit über die Büchersammlung hinaus. Sie ist ein Zentrum des Denkens, der Philosophie und der Wissenschaft. Bereits in der Entstehungsphase begann ich als Berater für kulturelles Erbe und Manuskripte für die neue Bibliothek zu arbeiten und baute zugleich an einem Traum. Denn das ist nicht einfach eine Arbeit, ein Gebäude oder eine Bibliothek, sondern es geht um den Traum, den freien, kosmopolitischen Geist von Alexandria wieder zu beleben.

Die Bibliotheca Alexandrina; Foto: dpa/master
Dort, wo sich heute die Bibliotheca Alexandrina befindet, stand einst die weltberühmte Bibliothek von Alexandria, die bedeutendste Bibliothek der Antike. Die Arbeit in der Bibliotheca Alexandria bedeutet für Ziedan die Verwirklichtung eines Traums: "Es geht um den Traum, den freien kosmopolitischen Geist von Alexandria wieder zu beleben."

​​Wie hat Alexandria früher ausgesehen?

Ziedan: Als ich ein Kind war, gab es hier viele Griechen und Italiener, die Arabisch sprachen und zu uns gehörten. Einige meiner Freunde heirateten später griechische oder italienische Frauen. Das war überhaupt kein Problem.

Dann kam die Revolution von 1952, das war ein Desaster. Denn die Militärs verstehen nur etwas von Krieg, ihre Mentalität ist darauf ausgerichtet, die Grenzen gegen einen Feind zu verteidigen. Aber ein Land durch das Militär zu regieren, bedeutet immer eine Katastrophe.

Auch heute hat in Ägypten wieder die Armee die Macht ergriffen. Was ist an der Revolution vom 25. Januar 2011 anders als 1952?

Ziedan: Sie ist die erste echte Revolution in Ägypten. Denn 1952 war gar keine Revolution, sondern ein Militärcoup. Was wir jetzt haben, gab es in unserer Geschichte noch nie. Denn es begann als gesellschaftliche Bewegung. Seit Januar 2011 ist in Ägypten vieles passiert. Die Revolution wirkt sich auf allen Ebenen aus, im Alltag, in den Beziehungen zwischen den Menschen, in den Straßen. Jeder Bereich ist betroffen. Eine Revolution ist keine Kleinigkeit. Aber es bleibt noch viel zu tun. Denn die Armee ist immer noch mächtig, und viele Vertreter des alten Regimes sind immer noch aktiv.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation im Land?

Ziedan: Es ist äußerst kritisch, aber vieles hängt jetzt von unseren Handlungen, unserer Arbeit, von unseren nächsten Schritten ab. Die Ägypterinnen und Ägypter engagieren sich aktiv für ihre Zukunft. Ich trage durch meine wöchentlichen Kolumnen, durch Diskussionen auf Facebook, Vorträge, meine Romane und akademischen Bücher meinen Teil dazu bei.

Für welche Partei haben Sie gestimmt?

Ziedan: Für die Liberalen. Ich habe allerdings kein Problem mit den Islamisten. Ich beschäftige mich schließlich mit dem kulturellen Erbe. Mein besonderer Ansatz passt den Islamisten nicht, doch wir sind deshalb keine Feinde. Der liberale Weg ist nicht der einzige, aber der beste Weg, um schneller vorwärts zu kommen.

In meinem Buch "Die Arabische Theologie" zeige ich, wie die islamische auf der christlichen Theologie aufbaut und sich daneben auch auf jüdisches Gedankengut bezieht. In der vorherrschenden Meinung wurde der Islam geoffenbart. Aber die Theologie wurde nicht geoffenbart, sie ist das Werk von muslimischen Intellektuellen. Die islamische Theologie ist nicht so rein ist wie viele Muslime glauben.

Buchcover
Der Roman "Azazel" von Ziedan handelt vom Hinterfragen von Autoritäten. Der Erfolg des Buches in Ägypten zeigt, dass es einen Bruch im Denken und Handeln der ägyptischen Bevölkerung gegeben hat: Die Menschen beginnen, Fragen zu stellen – und "Fragen stehen am Anfang des Wissens, der Kenntnis", so Ziedan.

​​Nach unzähligen wissenschaftlichen Büchern ist Ihnen mit dem Roman "Azazel" ein arabischer Bestseller gelungen. Was hat Sie veranlasst, Literatur zu schreiben?

Ziedan: Das war keine klare Entscheidung. Ich arbeite seit längerem daran, die Grenzen innerhalb des arabischen Kulturerbes einzureißen. Auch die Grenzen zwischen dem Sufismus und der Geschichte der Wissenschaften. Als ich dabei war, eine Theorie der Anthropologie zu schreiben, riet mir einer meiner Lehrer, einen Weg zu finden, meine Ideen künstlerisch auszudrücken, sei es in einem Gedicht, einer Geschichte oder einem Roman, um die Leser einzuladen, darüber nachzudenken. Der Gedanke gefiel mir, und so schrieb ich meinen ersten Roman "Schatten der Schlange".

Viele meiner Freunde und Kollegen waren schockiert und fragten entsetzt, was ich da täte, ich hätte doch so viele erfolgreiche Forschungsarbeiten geschrieben, was ich denn mit einem Roman wolle. Es wurde ein Bestseller. Mein nächstes Buch "Azazel" konnte ich gar nicht anders als in Romanform schreiben. Ich brauchte meine Fantasie und die Kraft der Metaphorik. Dadurch konnte ich auch ein breiteres Publikum ansprechen als bloß die akademische Zunft, die meine wissenschaftlichen Bücher liest.

Der Roman handelt vom Hinterfragen von Autoritäten. Dies war in Ägypten bis vor kurzem nicht gerade üblich. Hat die Revolution auch die Menschen selbst, ihre Mentalität revolutioniert?

Ziedan: Ganz sicher. Im Denken und Handeln der Menschen hat es einen Bruch gegeben, nach all den Jahren mit Antworten, Anweisungen und der Haltung der Autoritäten, die den Bürgern weismachten: Wir denken für dich an deiner Stelle, in politischer ebenso wie in religiöser Hinsicht. Alle meine Bücher beschäftigen sich mit Fragen. Denn Fragen stehen am Anfang des Wissens, der Kenntnis. Wir müssen tiefe, bedeutungsvolle Fragen stellen, nach uns selbst, nach dieser Existenz. Wir müssen tief graben.

Der Roman "Azazel" hat einen aufklärerischen Ansatz ...

Ziedan: ... und er ist sehr erfolgreich, das heißt, er repräsentiert eine verborgene Seite in Ägypten. Lange Zeit beklagten sich die Autoren, dass niemand in unserem Land Bücher liest. Das hat sich jetzt geändert.

Youssef Ziedan, Foto: Luchterhand Verlag
Ziedan weiß um die Bedeutung des Lesens für die ägyptische Bevölkerung in diesen Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit: "Die Menschen versuchen einen Ausweg aus dem Elend zu finden. In dieser Situation müssen sie ihr Bewusstsein bilden, daher lesen sie."

​​Lesen ist populär geworden. Warum?

Ziedan: Es gibt viele Gründe. Die breiten literarischen und politischen Debatten im Internet haben einiges dazu beigetragen. Die politische Autorität wurde in letzter Zeit immer schwächer. Die Menschen versuchen, einen Ausweg aus dem Elend zu finden. In dieser Situation müssen sie ihr Bewusstsein bilden, daher lesen sie. Nicht nur Romane. Die größten Bestseller in Ägypten sind soziologische Schriften oder Bücher über kulturelles Erbe; außerdem unterhaltende Bücher wie "Taxi" von Chalid el-Chamissi und Romane wie "Azazel". Auch die Biografie des ägyptischen Chemienobelpreisträgers Ahmed Zuwel ist hier ein Bestseller.

Haben Autoren den Weg für die Revolution geebnet?

Ziedan: Die Blogger-Literatur ist sehr erfolgreich, denn die Leute wollen alles wissen, aber das sind flashartige Erkenntnisse, nicht sehr nachhaltige. Dennoch glaube ich, dass jegliche Art von Literatur dazu beiträgt, die Menschen zu bilden, über sich selbst und über andere. Es ist toll, wenn man jemanden zum Lesen motiviert. Ich führe je einen literarischen Salon in Alexandria und in Kairo, die beide auf großes Interesse stoßen, besonders bei jungen Leuten. Das freut mich sehr, denn sie sind die Zukunft.

Interview: Susanne Schanda

© Qantara.de 2012

Youssef Ziedan wurde 1958 geboren und ist Professor für Islamische Philosophie mit Schwerpunkt Sufismus. Außerdem ist er Direktor der Handschriftenabteilung der Bibliothek von Alexandria. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen hat Youssef Ziedan mehrere Romane veröffentlicht. "Azazel" erschien in elf Sprachen und wurde 2009 mit dem Internationalen Preis für Arabische Literatur, auch arabischer Booker-Preis genannt, ausgezeichnet.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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