Tariq Ramadan; Foto: dpa
Interview mit Tariq Ramadan

Eine Revolution im Schwebezustand

Nach Ansicht des islamischen Intellektuellen Tariq Ramadan bleiben die Revolutionen in der arabischen Welt unvollendet oder haben ihr Ziel bislang nicht erreicht. Ceyda Nurtsch hat sich mit ihm über die Perspektiven der Volksaufstände und den Charakter der Protestbewegungen unterhalten.

Sie widersprechen der "idealistischen" Bewertung, wie Sie sagen, dass es sich bei den arabischen Aufständen um eine Bewegung handelt, die aus dem Nichts oder einfach spontan durch junge Leute entstanden ist. Warum?

Tariq Ramadan: Als George W. Bush von der Demokratisierung des Mittleren Ostens gesprochen hat, war klar, dass er es ernst damit meinte. Viele amerikanische Institutionen begannen damit, Menschen dahingehend auszubilden. Ein Beispiel ist der friedliche Revolutionär Srdja Popovic, Mitbegründer der serbischen Protestbewegung "Otpor", der Menschen gegen Milosevic ausbildete. Es gibt also Cyber-Dissidenten und Menschen, die eine spezielle Ausbildung erhielten. Die Bewegung ist also von Anfang an unterstützt worden.

Unterstützt man eine solche Massenbewegung, kann man die Folgen aber letztlich nicht absehen. Und das ist genau das, was ich auch in meinem Buch "The Arab Awakening. Islam and the New Middle East" erkläre: Wir können nicht so weit gehen und behaupten, dass es sich bei diesen Protestbewegungen um eine "Verschwörung der USA" handelt. Vielmehr stehen sie für eine Bewegung in Richtung Demokratie, die aus vielen Gründen – auch nicht-politischer Natur – entstanden ist: Wirtschaftliche Gründe spielten ebenso eine Rolle wie die Rolle Chinas und Indiens.

Mitglieder der Studentenbewegung 'Otpor' aus Pozarevac; Foto: dpa
Revolution als Export-Modell: Die serbische Jugendbewegung "Otpor" hat 2000 durch gewaltfreie Aktionen zum Sturz des Milosevic-Regimes beigetragen und diente auch den arabischen Demokratiebewegungen während des Arabischen Frühlings als politisches Vorbild.

​​In meinem Buch analysiere ich, inwiefern die Vereinigten Staaten und die europäischen Länder ihre Politik ändern mussten, um nicht die Märkte in dieser Region zu verlieren. Also veränderten sie ihre Position und übten einen gewissen Druck aus.

Was wir derzeit beobachten, ist eine Übergangssituation. Wir wissen noch nicht, wie sich die Staaten weiterentwickeln werden. Klar ist, dass in einem Land der Region die Entwicklung gewiss nicht im Sinne Amerikas oder der europäischen Staaten: verlief: In Syrien wollte man zu Beginn, dass Baschar al-Assad an der Macht bleibt und das Land von innen heraus reformiert. Aber angesichts des Muts der Menschen, ihrer Entschlossenheit und ihrer Hingabe erkennen wir nun, dass es für sie keine andere Wahl gibt als eine grundlegende Veränderung.

Wir müssen also vorsichtig sein und können nicht so weit gehen zu behaupten, es handele sich hierbei um eine Verschwörung. Doch gleichzeitig sollten wir auch nicht naiv sein und davon ausgehen, dass diese Bewegungen aus dem Nichts gekommen sind.

Doch Sie leugnen nicht den eigenständigen Charakter der Bewegung?

Ramadan: Nein, es gibt durchaus etwas Eigenständiges. Die Jugend hat sich wirklich für die Bewegung eingesetzt. Die Stärke der Bewegung lag darin, dass sie keine Führung hatte. Doch darin lag gleichzeitig auch ihre Schwäche. Nun beobachten wir, dass die Bewegung zersplittert ist.

Um die Dynamik der Aufstände zu beschreiben, benutzen sie häufig die Analogie eines Schachspiels anstatt der häufig verwendeten Metapher des Domino-Effekts. Wer profitiert am meisten von den Aufständen?

Ramadan: Wenn ich Schachspiel sage, meine ich damit ein Spiel mit vielen Akteuren. Es ist kein Spiel mit nur zwei Spielern. Da gibt es die Gesellschaften und die Regierungen in Tunesien, Ägypten, Jemen, Syrien, Libyen, Bahrain und in Marokko.

Präsident Baschar al-Assad; Foto: AP Photo/SANA
"In Syrien wollte man zu Beginn, dass Baschar al-Assad an der Macht bleibt. Aber nun erkennen wir, dass es für sie keine andere Wahl gibt als eine grundlegende Veränderung", sagt Tariq Ramadan.

​​Und es gibt die Akteure von außerhalb: Es gibt den Westen, der jahrzehntelang eine wichtige Rolle gespielt hat, wie die USA und die europäischen Länder. Aber es gibt auch neue Akteure in der Region. Lateinamerika und die asiatischen Länder, Indien, Russland und China spielen heute eine wichtige wirtschaftliche Rolle in der Region.

China zum Beispiel hat in den letzten Jahren seinen wirtschaftlichen Einfluss um das siebenfache gesteigert. Auch der Einfluss der Türkei in der Region wächst. Es ist letztlich alles eine Frage der Strategie: Wer wird was gewinnen? Es ist ein offenes Geheimnis in Syrien, weshalb Russland und China das Regime unterstützen und warum es auf der anderen Seite die Vereinigten Staaten und die Europäer gibt und weshalb es diese Trennung zwischen Schiiten und Sunniten gibt, die auch Teil dieser Schachpartie sind. Die Situation ist also sehr komplex.

Vor allem im Westen werden immer wieder Bedenken laut, die Islamisten hätten die Aufstandsbewegungen in der Region letztlich für ihre Zwecke instrumentalisiert, sie "entführt".

Ramadan: Ich denke, das ist eine grob vereinfachende Art, die Bevölkerung der Länder zu sehen. Darüber hinaus, handelt es sich bei den Islamisten ja um keine monolithische Bewegung. Der Ausgangspunkt der Aufstandsbewegung war die Jugend, aber unter ihr befanden sich auch Islamisten der jüngeren Generation, die auch die ältere Generation innerhalb der Bewegung integrierten.

Die Islamisten waren Teil der Opposition, das macht sie glaubwürdig.Zu einem großen Teil handelte des sich um Muslime. In Ländern wie Ägypten gibt es aber auch die Kopten. Am Ende war der religiöse Faktor die naheliegende Referenz und erst dann kam der politische Bezugsrahmen. Die Bewegung wurde also nicht "entführt". Da es anfänglich keine Führung gab, wurde diese schließlich von den besser organisierten Kräften übernommen.

Demonstration von Salafisten und Muslimbrüdern gegen den Obersten Militärrat auf dem Tahrir-Platz in Kairo; Foto: REUTERS/Mohamed Abd El Ghany
"Am Ende war der religiöse Faktor die naheliegende Referenz": Demonstration von Anhängern der Muslimbruderschaft und der Salafisten gegen den Obersten Militärrat auf dem Tahrir-Platz in Kairo, der zu Beginn des Aufstands gegen das Mubarak-Regime noch das Zentrum der säkularen Opposition und der jungen "Tahrir-Revolutionäre" gewesen war.

​​Niemand weiß genau, was geschehen wird. Man kann Menschen nicht beurteilen, bevor sie nicht etwas umgesetzt haben. Also sage ich: Lass’ sie es versuchen, anstatt die Losung der Diktatoren zu akzeptieren, die da lautet: Besser wir als die!

Das Beispiel Türkei zeigt, dass dort viel mehr von der Regierung umgesetzt wurde als in den vielen anderen Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, wo bisher die Diktatoren das Sagen hatten. Also sollte man ihnen besser die Chance geben als weiterhin den Diktatoren zu trauen. Doch sollten wir auch kritisch sein, falls sie ihre Prinzipien verraten sollten.

Bis jetzt haben sie es abgelehnt, die Geschehnisse im Nahen Osten und in Nordafrika als "Arabischen Frühling" oder als "Revolution" zu bezeichnen. Stattdessen bevorzugen sie Begriffe wie "Aufstand" oder "Erwachen". Weshalb?

Ramadan: Der Grund ist, dass ich denke, dass es sich entweder um unvollendete Revolutionen handelt oder um Revolutionen, die ihr Ziel nicht erreicht haben. "Unvollendet" bedeutet, dass sie noch Erfolg haben können. "Unerreicht" hingegen steht für Misserfolg. Aber ich denke, dass wir uns derzeit noch irgendwo dazwischen befinden. Ich sehe jedenfalls im Augenblick noch kein Land, das dieses Ziel bereits erreicht hat – auch nicht Tunesien. Wir sollten daher diesen bis heute anhaltenden Prozess weiterhin vorsichtig und kritisch beobachten.

Interview: Ceyda Nurtsch

© Qantara.de 2012

Tariq Ramadan ist Professor für Islamwissenschaften am St. Antony’s College der Oxford University. Sein aktuelles Buch „The Arab Awakening. Islam and the New Middle East“ ist im Verlag Penguin Books im Jahr 2012 erschienen.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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