Libanesischer Informationsminister Tarek Mitri; Foto: AP
Interview mit Tarek Mitri

Die Früchte der aufgestauten Angst

Der libanesische christliche Politiker und Universitätsdozent Tarek Mitri kritisiert den Rückzug vieler arabischer Christen aus ihren Gesellschaften. Im Interview mit Mona Naggar fordert er, die Ideale der "arabischen Renaissance" wieder aufleben zu lassen.

Die arabische Welt erlebt tiefgreifende politische Umwälzungen. Viele arabische Christen äußern sich allerdings tief besorgt und reserviert gegenüber den Revolutionen in verschiedenen Ländern. Warum diese Sorge?

Tarek Mitri: Die Sorge ist ein verständliches Gefühl und ist nicht neu. In den letzten Jahren nahm dieses Gefühl stetig zu. Das hat viele Gründe: Der Rückgang der Zahl der Christen im Nahen Osten, die Auswanderung, die Entwicklung im Irak, der Rückgang des politischen Einflusses der Christen im Libanon, der nicht nur in ihrer abnehmenden Zahl zu suchen ist, sowie die Auswanderung aus Palästina. In Jerusalem leben heute weniger als 10.000 Christen. Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen und die Verantwortung dafür tragen viele.

Und nun geschieht diese unerwartete Veränderung in der arabischen Welt. Revolutionen brechen aus, und die Forderungen der Menschen sind Freiheit, Demokratie und Würde. Man hätte erwarten können, dass die Christen aufgrund ihrer Geschichte und aufgrund ihrer Rolle in der Nahda, der "arabischen Renaissance", sich auf die Seite dieser Revolutionen schlagen würden. Ein Teil der Christen solidarisieren sich, andere bleiben reserviert und einige stehen sogar den Revolutionen feindlich gegenüber.

Shenouda III., Patriarch von Alexandria bei der koptischen Mitternachtsmesse am 6. Januar 2012; Foto: AP/dapd
Zwar waren koptische Christen an der ägyptischen Revolution beteiligt, doch die Kirchenoberhäupter, hier Patriarch Shenouda von Alexandrien, waren ängstlich und haben zur Vorsicht gemahnt.

​​Der Grund für die reservierte Haltung sind die aufgestauten Ängste und Sorgen, die einen grundsätzlichen Zweifel an allem, was in der arabischen Welt geschieht, gesät hat. Es gibt ein tiefes Misstrauen gegenüber den Möglichkeiten des Fortschritts, eine Resignation gegenüber den ewigen Rückschritt in der arabischen Welt. Und es gibt etwas, das ich die "voreilige Enttäuschung" nenne. Das trifft etwa in Ägypten zu, nachdem sich herausgestellt hat, dass die islamistischen Bewegungen imstande sind, die Mehrheit der Stimmen der Ägypter auf sich zu vereinigen und das Land regieren werden. Aber auch die Gefahr eines Bürgerkrieges in Syrien vermehrt die Sorge natürlich.

Aber wird nicht auch diese Sorge bewusst instrumentalisiert?

Mitri: Ja, es gibt eine Instrumentalisierung. Mir macht Sorgen, dass Christen Opfer von systematischer, durchdachter, politisierter Angstmacherei seitens der Regime geworden sind, insbesondere in Syrien. Das Assadregime versetzt die Christen in Angst, dann beruhigt sie sie wieder. Es machte ihnen Angst vor ihren muslimischen Mitbürgern, und versucht sie davon zu überzeugen, dass es sich um eine islamistische Revolution handele. Dann sagt es, wir beschützen euch.

Die arabischen Christen haben im 20. Jahrhundert eine große Rolle in der Region gespielt, die von universellen Werten getragen war. Es waren Werte, die Christen und Muslime vereinigten und nicht die christliche Minderheit in Konfrontation zur muslimischen Mehrheit stellten. Christen vertraten nationale oder sozialistische Ideen. Sie kämpften für Menschenrechte oder Frauenrechte. Die Kirchen und sozialen Einrichtungen dienten der gesamten Gesellschaft, unabhängig der religiösen Zugehörigkeit der Menschen, die sie in Anspruch nahmen. Hinter alledem stand eine Vision, die die gesamte Gesellschaft nach vorne bringen wollte.

Wann hörte diese Vision auf?

Protestierende Kopten vor dem ägyptischen Staatsfernsehen am 13. Mai 2011; Foto: dpa
Nachdem die Muslimbruderschaft die Mehrheit der Stimmen bei den Parlamentswahlen in Ägypten erhalten haben, setzte bei den ägyptischen Christen Enttäuschung ein, meint Tarek Mitri.

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Mitri: Ich nenne es Rückzug, Rückschritt, Aufgabe der historischen Rolle. Sie begann Ende des 19. Jahrhunderts und dauerte das gesamte 20. Jahrhundert an. Der Aufstieg der islamistischen Bewegungen führte dazu, dass ihre Sprache das politische und soziale Leben dominierte. Allerdings haben die radikalen islamistischen Bewegungen stets mehr Probleme mit anderen Muslimen gehabt und weniger mit Christen. Das Scheitern der modernen arabischen Staaten ist eine Zäsur. Dieses Gefühl haben Muslime und Christen gemeinsam, ein Gefühl tiefsten Scheiterns.

Seit Ausbruch der syrischen Revolution gibt es Äußerungen von syrischen und libanesischen Kirchenvertreten, die Bashar al-Assad ihre Loyalität ausdrücken und unterstützen. Wie kann man diese Äußerungen verstehen?

Mitri: Es gibt Geistliche, die Geiseln dieser systematischen Angstmacherei seitens der Regime geworden sind. Die Existenzangst, die Angst um das bloße Überleben der Minderheit, macht alles andere unwichtig, auch die moralische Verantwortung. Kein Geistlicher, sei er Christ, Muslim oder gehöre er einer anderen Religion an, kann sich von seinen moralischen Pflichten lossagen. Wenn ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wird, dann muss er es auch als solches benennen und verurteilen. Die Äußerungen stammen von Geistlichen mit lauter Stimme, die hier und im Westen gehört werden, aber sie vertreten nicht alle arabischen Christen. Man darf auch nicht verallgemeinern. Ich kenne viele Kirchenvertreter, die nicht mit den Statements einverstanden sind.

Was erwarten Sie von den arabischen Christen?

Mitri: Die Dinge bewegen sich. Kopten haben an der Revolution in Ägypten teilgenommen. Kirchenoberhäupter waren ängstlich und haben zur Vorsicht gemahnt, aber sie scherten sich nicht darum. Aber man braucht auch feste Rahmen für die Teilnahme an politischen Umwälzungen. Das heißt, wenn man als syrischer Christ etwa gegen das Regime ist, dann ist es schwer vorstellbar zur Khalid ibn al-Walid Moschee in Homs zu gehen und dort freitags zu demonstrieren. Das ist nicht der Platz für einen Christen. Es fehlen die geeigneten Mittel, um sich politisch zu äußern.

Gamal Mubarak, Sohn des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, bei der Weihnachtsmesse in der koptischen Kathedrale Kairos; Foto: AP
"Mir macht Sorgen, dass Christen Opfer von systematischer, durchdachter, politisierter Angstmacherei seitens der Regime geworden sind, insbesondere in Syrien", sagt Mitri.

​​Die Diktaturen haben Räume der politischen Betätigung, wo Menschen unterschiedlicher politischer Zugehörigkeiten zusammen kommen können, zunichte gemacht. Traditionelle Orte der Versammlung oder der Demonstration gibt es nicht. Wenn also die Moschee zu diesem Ort wird, dann fühlen sich die Christen, die die gleiche politische Meinung haben wie die Muslime, ausgeschlossen. In unseren Ländern sind die Orte mit gemischter religiöser Population zurückgegangen. Das "Christenviertel", das es in der osmanischen Zeit gab, gibt es zwar nicht mehr, es existiert eine gewisse Vermischung der Bevölkerung.

Aber in den letzten Jahren, sowohl im Libanon als auch in Syrien und in Ägypten, beobachte ich, dass Christen neben Christen leben, dass sie ihre Kinder in christlichen Schulen schicken, dass sie in Firmen arbeiten, die von Christen geleitet werden. In dieser Phase der Veränderung explodieren nun diese Probleme der Gesellschaft schlagartig.

Sie brachten die Nahda, die "arabische Renaissance", zur Sprache, in der die Christen eine zentrale Rolle gespielt haben. Ist es möglich, dieses Projekt wieder zum Leben zu erwecken?

Mitri: Ich sprach nicht vom Projekt der Nahda, sondern von den Werten die dieser Renaissance zugrunde lagen. Dieses Projekt hatte sowohl nationale als auch moderne Züge. Das Projekt des arabischen Nationalismus ist gescheitert und das Projekt der Moderne befindet sich in einer Krise. So ist eine Neuauflage der Nahda nicht leicht. Aber die aktive Beteiligung der Christen an der "arabischen Renaissance" basierte auf universalen Werten, auf Gerechtigkeit, Gleicheit, Befreiung der Frauen, Freiheit der Kunst und der Wissenschaft - alles was der Gesellschaft ales Ganzes zugute kommt. Die Christen gaben dem Universalen eine größere Bedeutung als dem Eigenen.

Die Christen erlebten das osmanische Millet-System, das ihnen zwar Rechte gab, aber sie doch eineingte. Es war wie eine Klammer, die mit dem Fall des Osmanischen Reiches und der Entstehung der modernen Staaten, aufgebrochen wurde. Die Christen waren davon überzeugt, dass der Bruch mit dem alten System erst vollkommen wäre, wenn sie eine Heimat aufbauen, die sich auf eine gemeinsame Identität gründet, die Angehörige der Mehrheit und der Minderheiten vereinigt. Sie wollten raus aus dem geographischen Begriff des "Christenviertels", das man jetzt "Minderheiten" nennt. Die Christen versuchten das Schneckenhaus der Minderheiten zu verlassen. Viele sind sich im Klaren darüber, dass sie in Zukunft nur diese Wahl haben, auch wenn es zurzeit schwierig erscheint. Aber was wären die Alternativen? Die Auswanderung oder die Isolierung?

Die Azhar-Universität in Kairo, die höchste sunnitische Institution, gab kürzlich zusammen mit einigen Intellektuellen das Dokument der "Grundfreiheiten" heraus. Wie schätzen Sie dieses Dokument ein?

Mitri: Wichtig zu wissen ist, dass die Azhar in den letzten Jahren im Dienste der Macht stand. Nun versucht sie, ihre Unabhängigkeit zurück zu erlangen. Wichtig ist auch, dass in Ägypten radikale Islamisten und einige Vertreter der Muslimbruderschaft sich nicht besonders um die Grundrechte scheren, die in dem Dokument verankert sind, wie etwa die Religionsfreiheit. Dazu gehört auch die Freiheit des Unglaubens, die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft.

In Ägypten gibt es Stimmen, die dazu aufrufen, Bücher zu verbrennen, Kino und Theater zu verbieten. Das Dokument tritt diesen Strömungen entgegen. Es ist mutig und eine wirkliche Reform. Es gab bis jetzt kein islamisches Dokument, das in dieser Vehemenz für die Freiheiten eintritt, obwohl es sie an koranische Grundsätze und den Respekt der Gefühle der Muslime bindet.

Wenn die Islamisten in Ägypten, die eine parlamentarische Mehrheit bilden, dieses Dokument respektieren, dann wäre damit schon viel gewonnen. Ich möchte in der positiven Bewertung dieses Dokuments nicht übertreiben, aber es ist das erste seiner Art.

Interview: Mona Naggar

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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