Brennender Basar in der historischen Altstadt von Aleppo; Foto: AP
Interview mit Stefan Knost vom Orient-Institut Beirut

Syrien verliert seine Geschichte

Der Bürgerkrieg in Syrien verursacht nicht nur immer größeres menschliches Leid, sondern gefährdet inzwischen auch das historische Erbe des Landes. Erst vor kurzem wurden große Teile des alten Basars in Aleppo zerstört. Über die Folgen sprach Björn Zimprich mit Stefan Knost, der vor einigen Jahren an historischen Ausgrabungen in Aleppo beteiligt war.

Herr Knost, übereinstimmenden Medienberichten zufolge wurden am vergangenen Samstag (29. September) große Teile des Basars von Aleppo durch ein Feuer verwüstet. Haben Sie nähere Informationen über das Ausmaß der Schäden?

Stefan Knost: Augenzeugenberichte deuten drauf hin, dass große Teile des Souks, also des alten Basars, zerstört sind. Aber die Kämpfe um den Basar in Aleppo gehen ja weiter. Das legt auch die Präsenz von Rebellengruppen seit einiger Zeit im Souk selber nahe. Wir müssen leider davon ausgehen, dass entweder große Teile des Basars schon zerstört sind oder noch zerstört werden.

Die Altstadt von Aleppo wurde 1986 als Weltkulturerbe aufgenommen. Der historische Basar galt bislang ja als einer berühmtesten in der gesamten Region. Worin besteht diese Einzigartigkeit?

Knost: Der große gedeckte Basar, den wir heute sehen, stammt im Wesentlichen aus der osmanischen Zeit. Im 16. Jahrhundert haben einige Governeure und ein Großwesir den Basar völlig neu gestaltet. Mit Investitionen in Stiftungskomplexe, Moscheen, Karavansareien und eben mit diesem großen gedeckten Basar.

Der große Basar in Aleppo; Foto: Arian Fariborz
Florierendes Handelszentrum und Herzstück der über 5.000 Jahre alten nordsyrischen Metropole: der große Basar von Aleppo

​​ Dies zeigt die große Blüte der Stadt besonders im 16. Und 17. Jahrhundert. Aleppo war damals ein multikonfessionelles und multikulturelles Handelszentrum. Es gab viele europäische Händler, auch Händler aus dem Iran und aus Indien, die sich damals in Aleppo niederließen. Auch existierten Konsulate und europäische Handelshäuser in den Karavansareien, einige von ihnen sogar bis heute.

Was Aleppo aber von anderen Altstädten, vor allem in Europa, unterscheidet, ist die konstante Nutzung bis in die Gegenwart. Der Basar wird seit dem Mittelalter fast ununterbrochen genutzt. Es kamen zwar vor dem Bürgerkrieg auch viele Touristen in die Altstadt, aber dieser Basar war nach wie vor das Handelszentrum Aleppos und kein Touristenort. Die heutigen Basarstraßen wären aneinander gereiht etwa 13 Kilometer lang. Es gibt dort mehr als 1.000 kleine Geschäfte. Nach wie vor haben die alten Familien und Handelshäuser dort ihre Zentren. Die Fabriken der Händlerfamilien befinden sich zwar mittlerweile außerhalb der Stadt, ihre Büros blieben aber in der Altstadt.

Was hatte die UNESCO dazu bewogen, das alte Zentrum von Aleppo 1986 zum Weltkulturerbe zu erklären?

Knost: Auschlaggebend für die Aufnahme in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes waren insbesondere die mittelalterlichen Monumente, die es in Aleppo gibt: die Zitadelle, die mittelalterlichen Moscheen und Madrasen aus der Ayubidenzeit des frühen 13. Jahrhunderts sowie aus der Zeit von Nur al-Din um die Mitte des 12. Jahrhunderts. Aleppo war in dieser Zeit, wie auch in späteren Jahrhunderten, ein florierendes Handelszentrum. Schon damals war die Stadt im überregionalen Handel und der sogenannten Seidenstraße involviert, aus dem ein Großteil des Reichtums der Stadt herrührte. Dieser Reichtum manifestierte sich in den Gebäuden. Bauwerke wie zum Beispiel die Zitadelle von Aleppo, die Umayadenmoschee oder die Madrasat al-Firdaws im Süden der Altstadt sind Monumente von Weltrang.

Welche anderen historischen Stätten in Aleppo sind neben dem Basar bisher durch die Kämpfe in Mitleidenschaft gezogen worden?

Knost: Es gab einen Bombenanschlag auf das Eingangstor der Zitadelle. Dabei wurden der erste Torturm und die Steinbrücke teilweise zerstört, genauso wie die Originaltüren des Haupt-Torturms aus dem 13. Jahrhundert. Ansonsten waren die Rebellen vor allem in den Vororten Aleppos aktiv, im Süden und Osten der Stadt. Das sind allerdings zum Teil auch alte Stadtviertel mit Madrasen aus ayubidischer Zeit. Es steht zu befürchten, dass es dort ebenfalls zu Schäden an der historischen Bausubstanz gekommen ist.

Wer trägt die Verantwortung für die Zerstörungen der historischen Altstadt? Schieben sich Rebellen und Anhänger des Assad-Regimes in dieser Frage denn gegenseitig die Schuld hierfür in die Schuhe?

Knost: Noch ist es zu früh, darüber ein Urteil zu fällen, da wir momentan noch nicht genügend Informationen haben. Doch abgesehen davon frage ich mich, warum die Kämpfe überhaupt auf die Altstadt übergreifen konnten. Es gibt dort keinerlei strategisch relevante Ziele, keine Kasernen oder Stützpunkte des syrischen Geheimdienstes. Bis auf die Zitadelle hat das Gebiet keine exponierte Lage.

Eingang zur Umayadenmoschee in Aleppo; Foto: Arian Fariborz
Gefährdetes Monument von Weltrang: die Umayadenmoschee im Süden der Altstadt von Aleppo, im Hintergrund die Zitadelle

​​Die Altstadt ist heute nur noch ein ganz ganz kleiner Teil von Aleppo. Dort lebten vor hundert Jahren rund 100.000 Menschen. Heute sind es wohl weniger und letztlich machen sie auch nur einen Bruchteil der über zwei Millionen Einwohner Aleppos aus. Es gibt daher meiner Meinung nach keinen Grund, den Krieg in die Altstadt und in den Basarbereich zu tragen.

Seit Monaten lässt sich ein militärisches Patt zwischen Rebellen und Truppen des Regimes in Aleppo beobachten. Wie lassen sich die schleppenden militärischen Erfolge der Freien Syrischen Armee erklären? Gibt es von Seiten der Bevölkerung keine nennenswerte Unterstützung für die Rebellen?

Knost: Das ist schwer zu sagen. Aber es scheint in der Tat so zu sein, dass viele Aleppiner mit dieser Rebellenarmee nichts zu tun haben wollen. Die meisten der aufständischen Kämpfer stammen auch nicht aus Aleppo, sondern aus dem ländlich geprägten Umland.

Die beiden größten syrischen Städte, d.h. Damaskus und Aleppo, haben offensichtlich Schwierigkeiten mit den Verfechtern des bewaffneten Widerstands. Obwohl es auch dort sicherlich nicht mehr viele Anhänger des Regimes gibt, finden sich in beiden großen Städten auch kaum Anhänger des bewaffneten Widerstands. Die Menschen sehen, dass die Auswirkungen dieses Kampfes ihr Land zugrunde richtet.

Nicht nur in Aleppo wird erbittert gekämpft. An welchen anderen Kampfplätzen in Syrien sind bisher ebenfalls antike Stätten und historische Bausubstanzen zerstört worden oder in Gefahr?

Knost: In Damaskus waren schon früh die südlichen Vororte und das Midan-Viertel betroffen. Die eigentliche Altstadt von Damaskus ist noch kaum in Mitleidenschaft gezogen worden. Anders sieht es in Homs aus, wo auch die Altstadt und historische Gebäude zerstört wurden.

Die Kreuzfahrerburg Krak des Chevaliers, ebenfalls ein UNESCO-Weltkulturerbe, wurde von der syrischen Armee bombadiert. Es soll auch Kämpfe in den antiken Stätten von Palmyra gegeben haben. Auch werden Schäden aus der Altstadt von Bosra, ein weiteres UNESCO-Weltkulturerbe, gemeldet.

Dr. Stefan Knost; Foto: Björn Zimprich
Dr. Stefan Knost: "So lange es keine Lösung für diesen Konflikt gibt, wird auch das Kulturerbe Syriens weiter zerstört werden. Syrien ist dabei, seine Geschichte zu verlieren"

​​ Insgesamt wurden bisher fünf von sechs Stätten des UNESCO-Weltkulturerbes in Syrien beschädigt. Nur von den Totenstädten bei Aleppo liegen uns bisher keine Berichte von Zerstörungen vor.

Was kann Ihrer Meinung nach gegen diese Zerstörungen getan werden?

Knost: Ich denke, die Möglichkeiten von außen Druck auf eine der beiden Seiten auszuüben, sind sehr limitiert. Zudem fehlt es meiner Ansicht nach auch am Willen dazu.

Sie haben lange zu Syrien, insbesondere Aleppo, geforscht. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Bilder der Zerstörungen sehen?

Knost: Das ist natürlich eine Katastrophe, abgesehen von der menschlichen Tragödie, die ja auch weiter anhält. So lange es keine Lösung für diesen Konflikt gibt, wird auch das Kulturerbe Syriens weiter zerstört werden. Syrien ist dabei, seine Geschichte zu verlieren.

Interview: Björn Zimprich

© Qantara.de 2012

Dr. Stefan Knost ist Referent am Orient-Institut Beirut im Libanon. Er beschäftigt sich mit frühmoderner westasiatischer Geschichte und gilt als ausgewiesener Kenner der Geschichte Aleppos. 2005 war er an den Ausgrabungen in der Zitadelle von Aleppo beteiligt.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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