Shahinda Maklad; Foto: DW
Interview mit Shahinda Maklad

''Die Tahrir-Revolutionäre sollen ihre Reihen schließen''

Shahinda Maklad kämpft seit Jahrzehnten für soziale Gerechtigkeit in Ägypten. Die linke Polit-Aktivistin unterstützte von Anfang an die Tahrir-Revolution von 2011. Im Interview mit Christoph Dreyer rät sie der Revolutionsbewegung, ihre strategischen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.

Als Gamal Abdel Nasser und seine Freien Offiziere 1952 König Faruq stürzten, waren Sie 13 Jahre alt. Was unterscheidet die damalige Revolution von den Ereignissen der vergangenen anderthalb Jahre?

Shahinda Maklad: Die Revolution von 1952 ging von der Armee aus, und das Volk hat sich ihr angeschlossen. Dagegen ging die Revolution vom 25. Januar vom Volk aus, und die Armee hat sich ihr angeschlossen. Der Unterschied ist ein qualitativer: Die Revolution von 1952 riss die Macht an sich. Das versetzte sie in die Lage, Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und allen möglichen Bereichen zu bewirken. Die Revolution vom 25. Januar hat dagegen noch immer nicht die Macht gewonnen. Deshalb erleben wir jetzt ein erbittertes politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Ringen um die Konsolidierung der Revolution.

Sehen Sie ein Problem darin, dass die aktuelle Revolution – eben weil sie vom Volk ausgeht und damit keinen eindeutigen Urheber hat – über keine Führung und kein klares Programm verfügt?

Maklad: Natürlich, das ist auch der Grund für das Durcheinander, das wir momentan immer noch erleben. Manche sehen aber gerade einen Vorzug dieser Revolution darin, dass sie keine Führung hatte. Ihr Argument lautet: Hätte diese Revolution Anführer gehabt, dann wären die gleich verhaftet worden, was die Revolution abgewürgt hätte. Die Realität wird zeigen, wer recht hat.

Welche dieser Meinungen vertreten Sie?

Maklad: Ich hätte es tatsächlich gern gesehen, wenn die Revolution eine Führung gehabt hätte – oder dass sie gleich eine Führung hervorgebracht hätte. Das scheint jetzt auch die Revolutionsjugend zu entdecken. Es gibt das Sprichwort: Der Sieg hat tausend Väter, aber die Niederlage keinen einzigen. Deshalb schreit jetzt jeder: Ich bin die Revolution, ich bin die Revolution.

In Ihrer gerade erschienenen Autobiographie formulieren Sie den Satz, eine Revolution sei immer nur der Beginn für das Neue und niemals schon sein Ende. Wie weit, würden Sie sagen, ist "das Neue" nach der Revolution von Februar 2011 schon gediehen?

Maklad: Sie hat die wichtigste Hürde niedergerissen, die einer Revolution im Wege stand: die Angst. Die Angst vor dem Staatsapparat, die Angst vor den Sicherheitsorganen, vor Vergeltungsmaßnahmen gegen das Volk. Diese Angst wurde niedergerissen und die Tür zu Perspektiven für die Zukunft aufgestoßen.

Unterstützer und Gegner von Präsident Mursi auf dem Tahrir Platz in Kairo, Oktober 2012; Foto: AP/dapd
Demonstrationen auf dem Tahrir Platz ghören nicht der Vergangenheit an: Letzte Woche trafen Gegner und Unterstützer des ägyptischen Präsidenten Mursi auf dem Tahrir Platz aufeinander. Es flogen Steine und Molotow Cocktails und Dutzende wurden verletzt.

​​Als Kind einer politischen Familie haben Sie sehr früh den Unterschied zwischen strategischen Zielen und taktischen Manövern gelernt. An welchen Stellen sind in der jetzigen politischen Situation womöglich taktische Manöver nötig – und ist diese Unterscheidung etwas, das die jugendlichen Revolutionäre erst noch lernen müssen?

Maklad: Jede Taktik, die nicht in die Richtung der Strategie führt, ist falsch. Und die Strategie des ägyptischen Volks und der politischen Kräfte zielt momentan darauf ab, die Macht zu übernehmen.
Nach meiner Einschätzung sind die etablierten politischen Kräfte in Ägypten jetzt aber von der Grundstrategie abgewichen.

Wir hatten uns alle auf eine klare und einheitliche Richtung verständigt, die besagte: Zuerst brauchen wir eine Verfassung und eine Reihe von Gesetzen, die uns die Machtübernahme ermöglichen. Daran haben wir uns nicht gehalten, sondern sind zurückgewichen. Statt der Verfassung zuerst hieß es plötzlich, zuerst solle gewählt werden. Dann kamen die Wahlen, und das Ergebnis war katastrophal. Die Zersplitterung der Gruppen vom Tahrir-Platz hat schon begonnen, als der Oberste Militärrat zuerst das Referendum (über Verfassungszusätze vom März 2011, d. Red.) abhalten ließ. 18 Tage lang waren wir auf dem Tahrir-Platz brüderlich vereint – alle gesellschaftlichen Kräfte, gleich welcher politischen Schattierung, welcher Ethnie oder Glaubensrichtung. Das war das wahre Ägypten, und das wird wiederkommen. Die Jugend und die politischen Kräfte sind allerdings in eine Reihe von Intrigen und Hinterhalte verwickelt worden, aber die haben mit der Strategie nichts zu tun.

Was ist jetzt, nach der Präsidentenwahl, aus Sicht einer Unterstützerin der Revolution, taktisch geboten?

Maklad: Dass die revolutionären Kräfte ihre Reihen schließen und eine Führung bilden.

Heißt das neue Demonstrationen?

Maklad: Nein, nicht nur das. Das Recht auf Demonstrationen ist eines der Rechte, die wir uns zurückerobert haben. Aber Demonstrationen sind aber nur ein Mittel im Kampf und nicht der Kampf als solcher. Demonstrationen und Sit-Ins gibt es nach wie vor, und sie werden weitergehen, weil bis jetzt nichts von der Losung der sozialen Gerechtigkeit verwirklicht worden ist, die alle – einschließlich der liberalen Kräfte – erhoben haben. Wir wollen die Bewegung des ägyptischen Volks und der Revolution auf den rechten Weg führen, den Auftrag der Revolution zu vollenden.

Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass die Mehrheit der Ägypter für die "progressiven" Ziele ist, für die Sie immer gekämpft haben?

Maklad: Aus den 53 Jahren meines politischen Lebens. Ich war überall: in den Dörfern, in den Gassen, in den Stadtvierteln. Ich kenne das Volk und habe Vertrauen in es.

Demonstranten auf dem Tahrir Platz im Juni 2012 zur Zeit der Präsidentschaftswahlen in Ägypten; Foto: Reuters
"18 Tage lang waren wir auf dem Tahrir-Platz brüderlich vereint – alle gesellschaftlichen Kräfte, gleich welcher politischen Schattierung, welcher Ethnie oder Glaubensrichtung. Das war das wahre Ägypten, und das wird wiederkommen", sagt Maklad.

​​Sie beschreiben ihren Lebensweg als Teil einer oppositionellen politischen Kultur Ägyptens. Warum ist von dieser oppositionellen Kultur lange so wenig sichtbar gewesen?

Maklad: Ich bin ja nicht die einzige Oppositionelle in Ägypten gewesen. Viele meiner Kollegen wurden verhaftet, saßen im Gefängnis, mussten unter der Verfolgung um ihr Eigentum und Einkommen kämpfe. Ich habe zusammen mit 1651 anderen politischen Gefangenen eingesessen.

Eine Schlüsselszene in Ihrer Autobiografie spielt im Juni 2010, als Sie vom Tod des Bloggers Khaled Said erfahren und mit dem gleichen Satz wie beim Tod Ihres Mannes reagieren: "Du bist nicht umsonst gestorben, wir werden dich rächen!" Wann war Ihnen klar, dass der Tod Khaled Saids eine mobilisierende Wirkung für eine breite Protestbewegung entfalten könnte?

Maklad: Märtyrer mobilisieren eine Revolution, sie sind die Nahrung für die Revolution. Ich habe gleich erkannt, dass Khaled Said diese Wirkung haben könnte; ich habe am Kondolenzbesuch von Mohamed El-Baradei bei der Mutter Khaled Saids teilgenommen.

Ein anderes Schlüsselzitat in Ihrem Buch lautet, Sie seien nie bereit gewesen, ihr persönliches Glück einem Parteiprogramm unterzuordnen...

Maklad: Ich bin bereit, mein persönliches Glück zu opfern. Ich habe alles für die Revolution geopfert, und mir ist mit Sicherheit wenig vom Leben geblieben. Aber ich wollte nie im Korsett einer Partei gefangen sein, sondern habe mich außerhalb davon gestellt. Ich will frei sein und nicht eingezwängt.

Empfehlen Sie diese Haltung auch den heutigen Revolutionären?

Maklad: Ja, sie dürfen niemandem erlauben, ihnen das Denken zu verbieten. Der so genannte demokratische Zentralismus – die Neigung der Parteien, alles zu zentralisieren – tötet die Eigeninitiative der Menschen ab. Deshalb ist die junge Generation aus dieser Autorität ausgebrochen – das ist das, was bei der Revolution vom 25. Januar geschehen ist. Aber ich hoffe, dass sie nun einen gemeinsamen Rahmen für eine koordinierte Arbeit finden. Es darf nicht im Chaos enden.

Interview: Christoph Dreyer

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

Shahinda Maklad wurde 1938 im Shebin El-Kom im Nildelta geboren. Als Tochter eines in der liberalen Wafd-Partei aktiven Polizeioffiziers wurde sie früh politisiert. Landesweit bekannt wurde sie durch den Kampf für die Rechte der Bauern in dem Nildelta-Dorf Kamshish, den sie zunächst an der Seite ihres Mannes führte und nach dessen Ermordung 1966 alleine fortsetzte. Während sie im damaligen Präsidenten Gamal Abdel Nasser einen Verbündeten für ihre politischen Ziele sah, war sie eine scharfe Gegnerin von dessen Nachfolger Anwar as-Sadat, unter dem sie inhaftiert wurde. Maklad ist Generalsekretärin des nach der Revolution von 2011 entstandenen unabhängigen Ägyptischen Bauernverbands. Ihre Autobiografie "Ich werde nicht zerbrechen" (mit Gerhard Haase-Hindenberg) ist im Mai im Verlag Bastei Lübbe erschienen.

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