Felsendom in Jerusalem mit isralischer Flagge; Foto: AP
Interview mit Sayed Kashua

Gleichheit in allen Lebensbereichen

Der in Israel bekannte Autor Sayed Kashua behandelt in seinen Werken das Leben der arabischen Bevölkerung in Israel. Nader Alsarras hat mit ihm über seinen neuen Roman gesprochen, in dem es um das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten und Religionen in Israel geht.

Herr Kashua, in Ihrem neuesten Roman "Zweite Person Singular", den Sie in hebräischer Sprache verfasst haben, zeigen Sie den Identitätskonflikt der arabischstämmigen Bewohner Israels auf. Warum ist dies das vorherrschende Thema Ihres literarischen Schaffens?

Sayed Kashua: Ich spreche in meinen Werken immer das Thema Identität an. Denn es ist an sich schon ein Problem, die arabischen Bürger offiziell zu definieren, um ihnen die Festlegung auf eine nationale Identität zu ermöglichen. Sie sind ja Palästinenser mit israelischen Pässen. Aber ich denke nicht, dass ich mich in meinen Romanen nur auf das Identitätsproblem konzentriere, sondern ich versuche auch die Unantastbarkeit der Identität zu hinterfragen, sowohl die Überbewertung der palästinensischen Identität durch die arabischen Bürger Israels als auch die von Seiten der israelischstämmigen Bürger.

Der Autor Sayed Kashua; Foto: Berlin Verlag
Sayed Kashua ist palästinensischer Schriftsteller und Journalist mit israelischem Pass. Er wuchs nach seiner Geburt 1975 in dem arabischen Dorf Tira in Israel auf. Neben seiner Arbeit für die Zeitung Ha'aretz hat Kashua in den letzten Jahren auch drei Romane auf Hebräisch veröffentlicht, die das Leben der arabischen Einwohner Israels behandeln.

​​So erzähle ich zum Beispiel in meinem Roman "Zweite Person Singular" die Geschichte von Amir Lahab, einem Araber, der soziale Arbeit studiert und hin- und hergerissen ist zwischen seiner arabischen und israelischen Identität. Doch ich erzähle diese Geschichte mit einer gewissen Ironie und werfe die Frage auf, ob Amir seinen arabischen Namen in den jüdischen Namen Jonathan ändern soll, um von der israelischen Gesellschaft als Bürger anerkannt zu werden.

Welchen Problemen begegnen die arabischen Bürger in Israel allgemein in Hinblick auf die Definition ihrer nationalen Identität?

Kashua: Ich glaube nicht, dass die Araber in Israel – oder wenn man so will "die Palästinenser in Israel" – Probleme bei der Festlegung ihrer nationalen Zugehörigkeit haben. Ganz im Gegenteil: Ein Vorteil heutzutage ist, dass die Araber über dieses Thema weder intensiv nachdenken noch es besonders ernst nehmen müssen. Denn die Lage ist eindeutig: es gibt dort eine arabische Minderheit und eine israelische Mehrheit. Und auch die israelische Regierung erinnert den arabischen Bürger täglich daran, dass er Araber ist.

Das Problem ist eher, dass diese arabische Minderheit nicht zu ihrer Herkunft stehen kann. Zum Beispiel wurde vor kurzem ein neues Gesetz in Israel erlassen, das es verbietet, dass der Staat Institutionen unterstützt, – egal ob arabische oder israelische – die des Tages der Niederlage gedenken. Und zur gleichen Zeit wurde ein Gesetz verabschiedet, das den israelischen Dörfern und Siedlungen zu entscheiden erlaubt, wer in ihre Siedlungen ziehen kann. Ich vermute, dass es die Absicht ist, den israelischen Dörfern das Recht zu erteilen, arabische Bürger abzuweisen, die in diesen Orten wohnen möchten.

Buchcover Die Zweite Person Singular von Sayed Kashua
Sayed Kashuas kürzlich erschienener Roman "Zweite Person Singular", der auch in deutscher Sprache erhältlich ist, wurde für einen der wichtigsten israelischen Literaturpreise nominiert.

​​Sie sagen, dass die israelische Regierung derzeit versucht, die Identität der arabischstämmigen Bürger zu verwischen und sie daran zu erinnern, dass sie – im Gegensatz zu den jüdischen Bürgern – nicht vollkommen zum israelischen Staat dazugehören.

In Ihrem Buch "Zweite Person Singular" gibt es auch den arabischen Anwalt, der hin und hergerissen ist zwischen den konservativen Traditionen der arabischen Welt und deren Verständnis von Bildung, Ehe und Sexualität einerseits und der modernen jüdischen Kultur andererseits, die ja stark von der europäischen Kultur beeinflusst ist. Erleben arabischstämmige Bewohner Israels tatsächlich diesen Konflikt zwischen den beiden Kulturen?

Kashua: Ich teile nicht Meinung, dass der innere Konflikt des Anwalts zwischen seiner arabischen ländlichen Identität und der modernen europäischen Kultur Israels besteht. Wenn es einen inneren Konflikt gibt, dann entsteht dieser eher zwischen der ländlichen und der städtischen Mentalität, da der Anwalt ja vom Dorf in die Stadt gezogen ist. Ich glaube, diesen Konflikt gibt es überall in der arabischen Welt. Und zwar handelt es sich dabei um einen Konflikt zwischen der Moderne und den Stammesstrukturen, wenn man das so sagen kann.

Man kann erwarten, dass ein Dorfbewohner, der in die Stadt zieht, sich auf eine vollkommen neue Lebensweise einstellen muss, und das stellt ein großes Problem dar. Der Umgang damit äußert sich leider in einer Art "Israelisierung", da die im Lande vorherrschende Kultur die westliche Kultur Europas ist.

Der Zwiespalt des Anwalts entsteht dadurch, dass er liberal und fortschrittlich sein möchte und zugleich einen Brief findet, den er für einen Liebesbrief seiner Frau an einen anderen Mann hält. Sein Konflikt besteht also zwischen den Werten, mit denen er aufgewachsen ist, und der modernen Denkweise. Das ist ein Konflikt zwischen den Mentalitäten und nicht zwischen der israelischen und der arabischen Kultur.

Ihre Werke wurden vom Hebräischen in mehrere europäische Sprachen wie Deutsch oder Englisch übersetzt. Wie erklären Sie sich dieses Interesse an der literarischen Thematisierung von gesellschaftlichen und psychischen Problemen in ihren Romanen?

Kashua: Ich hoffe wirklich, dass die Länder, die meine Werke in ihre Sprachen übersetzen, nicht nur an der Lage der Palästinenser in Israel und im Nahen Osten interessiert sind. Ich glaube, dass es weltweit natürlich ein generelles Interesse an diesem Thema gibt, doch ich hoffe, dass man sich auch für die Geschichten interessiert, die ich schreibe, und dass diese nicht wie gesellschaftliche oder geschichtliche Lektionen wirken. Denn ich erzähle Geschichten. Sie beinhalten zwar, wie auch meine journalistischen Texte, politische Themen, doch es handelt sich dabei um eine Politik des täglichen Lebens. Es ist schwer, Politik und Alltag zu trennen.

Die arabische Minderheit in Israel wird wirklich sehr unterdrückt und darum wird die Politik zu einem Teil ihres Alltags. Ich glaube, dass es für die Veröffentlichung meiner Romane in verschiedenen Ländern eine große Rolle spielt, dass ich ein arabischer Autor aus einer Gegend bin, für die sich die ganze Welt sehr interessiert. Doch ich wünsche mir, dass meine Bücher in erster Linie auch deswegen veröffentlicht werden weil den Menschen die Geschichten gefallen, die ich erzähle.

Sie kritisieren in Ihren Büchern die israelische Politik und dennoch werden Ihre Werke derzeit von sehr vielen israelischen Juden, nicht nur von Arabern, gelesen. Die israelische Zeitung "Ha'aretz" bezeichnete Ihren Roman "Zweite Person Singular" vor kurzem als Ihr bislang bestes Werk. Finden Sie nicht, dass das im Kontrast zu der rechtsorientierten Stimmung der israelischen Regierung und deren genereller Einstellung steht?

Kashua: Wir können bei meinem neuen Roman nicht wirklich von einem wahnsinnigen Erfolg sprechen, denn er wurde nur 50.000-mal verkauft. Auf den ersten Blick sieht das aus wie eine große Zahl, doch sie ist eigentlich sehr begrenzt. Ich glaube nicht, dass die Israelis irgendein Problem mit Selbstkritik haben, denn sie kritisieren sich auch selber, zum Beispiel in satirischen Fernsehsendungen. Es stellt sich doch eher die Frage, ob ein Buch wie meines eine Änderung in der Denkweise bewirken kann. Ich denke, dass die Antwort darauf "Nein" lautet.

Doch ich wünsche mir wirklich, dass die Leser den Roman kaufen, weil sie auf der Suche nach einem interessanten Buch sind. Denn der Roman hat sehr gute Kritiken und großes Interesse lokaler Zeitungen erhalten. Es kann sein, dass die israelischen Leser den Wunsch haben, durch die Lektüre meines Buches mehr über die arabische Gesellschaft in Israel zu erfahren und möglicherweise hat das mehrere Gründe: Es gibt Leser, die an ihren Ansichten und Vorurteilen festhalten wollen und es gibt welche, die das Problem wirklich lösen möchten.

Israelischer Siedlungsbau in Ostjerusalem; Foto: AP
Frieden auf Eis gelegt: Die Palästinenser machen künftige Verhandlungen mit den Israelis von einem Ende des Siedlungsbaus im Westjordanland und in Ostjerusalem abhängig.

​​Wenn wir die linken Strömungen betrachten, die derzeit in Israel existieren, stellen wir fest, dass die israelische Linke gerade eine noch nie dagewesene Krise durchlebt. Und zum ersten Mal gibt es in Israel Gesetze, die man nur als faschistisch und rassistisch bezeichnen kann. Und das passiert in einer Zeit, wo 70 Prozent der Israelis den Plänen von Außenminister Avigdor Lieberman zustimmen, die darauf abzielen, große von Palästinensern bewohnte Gebiete (Galiläa und Meschulasch) innerhalb Israels der Palästinensischen Autonomiebehörde zuzusprechen. Darum kann ich nicht verstehen, wie mein Roman im Schatten dieser Entwicklungen erfolgreich sein konnte. Ich denke, dass einfach überhaupt kein politischer Zusammenhang besteht.

Sie beschreiben in Ihrem Roman "Zweite Person Singular" zwei Arten der arabischen Bürger, sich in Israel einzuleben. Es gibt den Anwalt, der unter dem inneren Konflikt zwischen der ländlichen Mentalität einerseits und der städtischen Mentalität und dem modernen Leben andererseits leidet. Außerdem gibt es Amir, den arabischen Jugendlichen, der versucht, sich als israelischer Jude auszugeben und seine arabische Identität zu verstecken. Was ist Ihrer Meinung nach, abgesehen vom Humor, eine angemessene Art des Zusammenlebens von Arabern, Muslimen sowie Christen und jüdischen Israelis?

Kashua: Wenn in meinen Werken überhaupt irgendeine politische Ansicht vertreten wird, dann ist es die für eine demokratische Richtung. Und diese ist sowieso ein Fantasiegebilde und sehr weit von der Realität entfernt. Ich bin kein politischer Mensch, doch wenn es um Politik geht, dann unterstütze ich eine Ein-Staat-Lösung, basierend auf dem Prinzip der Gleichheit von Palästinensern und Israelis ohne jegliche Rücksicht auf Religion.

Die Demokratie und die Gleichheit zwischen den Nationalitäten, den Religionen und den Geschlechtern ist die Grundlage eines jeden demokratischen Staates. Und ich bin nicht bereit, an eine Zwei-Staaten-Lösung zu glauben, denn die Siedlungspolitik Israels beweist, dass diese Lösung unrealistisch ist. Ich meine damit, dass bei einer Ein-Staat-Lösung absolute Gleichheit in allen Lebensbereichen bestehen muss.

Interview: Nader Alsarras

© Qantara.de 2011

Aus dem Arabischen von Hannah El-Hitami

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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