Demonstranten in Kairo; Foto: dpa
Interview mit Sami Kilani

''Das Symbol des Widerstandes ist nicht die Kugel!''

Der Dekan der Fakultät für Pädagogik an der Najah-Universität in Nablus, Sami Kilani, gehört zu den bedeutendsten Verfechtern der Gewaltlosigkeit in der arabischen Welt. Er ist optimistisch, dass die friedliche Form des Protests in Tunesien und Ägypten auch in anderen arabischen Ländern Schule machen wird.

Wie definieren Sie den Begriff "Gewaltlosigkeit"?

Sami Kilani: Gewaltlosigkeit bedeutet Respekt des Menschen. Ich lehne es ab, den Anderen als Person oder als Gesellschaft herabzusetzen und sie als weniger menschlich zu betrachten. Das heißt, dass man an den Anderen dieselben Maßstäbe anlegt wie an die eigene Person. Gewaltlosigkeit ist nicht nur gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Gewalt – genauso wie Gesundheit nicht der Abwesenheit von Krankheit gleichkommt. Gewaltlosigkeit ist Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit. Ich lehne jedes Mittel ab, das Menschen erniedrigt und entwürdigt. Gewalt bedeutet jedoch all das.

In den letzten Monaten wurden im Verlauf friedlicher Revolutionen in Tunesien und Ägypten Diktatoren gestürzt, die seit Jahrzehnten an der Macht waren. Und in anderen arabischen Ländern finden ebenfalls Demonstrationen und friedliche Proteste statt. Wie bewerten Sie diese Bewegungen? Handelt es sich um spontane Aktionen oder um Strömungen, die dezidiert gewaltlose Strategien verfolgen?

Kilani: Es ist noch zu früh für ein abschließendes Urteil, aber einige Charakteristika lassen sich feststellen. Ich glaube, dass diese Bewegungen das Ergebnis langwieriger Bemühungen darstellen, ein Bewusstsein für zivilgesellschaftliche Themen zu schaffen.

Sami Kilani; Foto: Mona Naggar
Sami Kilani: "Ich glaube, dass die Jugend die Schwelle der Unterwerfung überschritten, die Akzeptanz, dass die diktatorischen Zustände ein Schicksal seien, das kein Entrinnen erlaubt."

​​Viele diktatorische Regime in der Region versuchten den Westen zufriedenzustellen, indem sie diese Aktivitäten zuließen. Westliche NGO haben lokale Organisationen unterstützt, die in den Bereichen Demokratisierung und Menschenrechte gearbeitet haben. Die Regime gingen davon aus, dass diese Bemühungen nur leeres Geschwätz seien und keine bleibende Wirkungen haben werden.

Ein weiterer Faktor ist die Öffnung durch moderne Kommunikationsmittel. Diese beiden Faktoren haben eine Veränderung des Bewußtseins bei der Jugend bewirkt. Ich bin mir sicher, dass die Proteste einen spontanen Charakter haben, das heißt, dass sie von keiner traditionellen Kraft initiiert worden sind. Sie stellen ein wirkliches Produkt dieser Jugend dar.

Wie erklären Sie sich den überwiegend gewaltlosen Charakter der Proteste in Tunesien und Ägypten?

Kilani: Es gibt eine Schwelle, die alles einfacher macht, wenn man sie überschreitet. Ich meine damit, dass man dann "das Gebäude des Schmerzes" verlässt und den Anderen mit den Augen der Menschlichkeit betrachtet. Das ist nicht einfach. Man wird ja beherrscht von seinen Qualen und dem Wunsch nach Rache. Aber sobald man diese Schwelle überschreitet, wird das alles zu einem normalen Bestandteil des Lebens. Man wundert sich dann, warum nicht alle Menschen sich so verhalten.

Ich glaube, dass die Jugend dies getan hat. Sie hat die Schwelle der Unterwerfung überschritten, die Akzeptanz, dass die diktatorischen Zustände ein Schicksal seien, das kein Entrinnen erlaubt. Diese Schwelle und das Bewußtsein, dass sie Millionen sind, die unmöglich vom Regime alle verhaftet oder getötet werden können, hat diese Bewegung möglich gemacht.

Denken Sie, dass diese friedlichen Revolutionen den Beginn einer breiten gewaltlosen arabischen Bewegung sind?

Kilani: Sicher. Sogar in Palästina sind die Begriffe "friedlicher Kampf" oder "Gewaltlosigkeit" gängige Begriffe geworden. In der Vergangenheit wurde diesen Begriffen noch mit Skepsis begegnet: Vielen galten sie als Position der Schwäche, des Unterwürfigen, des Verlierers. So wichen wir auf andere Bezeichnungen aus – so z.B. auf "zivilgesellschaftlichen Kampf" oder "Beteiligung des Volkes".

Wie ist es möglich, dass diese gewaltlosen Bewegungen des arabischen Frühlings Wurzeln schlagen?

Kilani: Man sollte darauf Wert legen, eine breite Strömung zu gründen, die auf Prinzipien und Werte basiert, auf flexiblen organisatorischen Strukturen, eine Jugendbewegung mit einer Mitgliedschaft, die von Zeit zu Zeit Versammlungen abhält. Sie sollte auch gesellschaftlich aktive Organisationen ins Leben rufen, die die jungen Leute etwa in freiwilliger Arbeit einbinden, so dass sie in ständiger Bewegung bleiben, im Einklang mit den Prinzipien.

Waren Sie von der Gewaltlosigkeit der Proteste überrascht?

Kilani: Nein, weil ich die Anfänge verfolgt habe. Aber ich war von der Dimension überrascht, die sie dann angenommen haben. Das soll keine Kritik sein. Aber manchmal wird man zum Opfer von Vorurteilen. Die Proteste im Jemen haben meine Erwartungen übertroffen. Ich bewundere die Führer dieser Proteste, die darauf beharren, nicht in gewalttätige Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden. In Syrien halten die Teilnehmer der Proteste ebenfalls am Prinzip der Gewaltlosigkeit fest, aber das Regime tut alles, die Opposition in die Gewalt hineinzuziehen. Immer versucht der Starke, materiell und militärisch, den Schwächeren mit hineinzuziehen – wohlwissend, dass er auf diesen Gebieten überlegen ist.

Palästinenser wirft Steine auf israelischen Panzer in der Westbank; Foto: AP
Zweifelhafter Nimbus des militanten Widerstands: Der Rückgriff auf Gewalt gegen die israelische Besatzungspolitik wurde von großen Teilen der Zivilbevölkerung während der zweiten Intifada nicht begrüßt.

​​Es ist immer klug und weise, sich zu verweigern. Und das war unser großer Fehler bei der zweiten "Intifada", die für mich keine war. Denn "Intifada" bedeutet die Beteiligung breiter Bevölkerungsmassen. Doch diese waren nicht beteiligt. Sie war auf bewaffnete Organisationen beschränkt, und die Menschen sollten sie unterstützen und bejubeln. Davor sollte man sich hüten. Manchmal führt der übertriebene Respekt vor Symbolen dazu, dass man das Eigentliche aus dem Auge verliert: das Symbol des Widerstandes ist nicht die Kugel!

Seit Ihrer Jugend waren Sie in der nationalen palästinensischen Bewegung aktiv. Fünf Jahre ihres Lebens haben Sie in israelischen Gefängnissen zugebracht. Ihr Bruder, ein gewaltloser Gewerkschaftsaktivist, wurde von Israelis ermordet. Wie kam es, dass Sie sich trotzdem vom Prinzip der Gewaltlosigkeit überzeugen konnten?

Kilani: Ich habe immer an eine Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts geglaubt und bin dabei Realist geblieben. Ich gehörte innerhalb der PLO zu den Befürwortern einer Linie, die darüber nachdachte, einen palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 zu gründen. Und von Anfang an war ich gegen das Konzept, das den militärischen Weg als "den einzigen Weg" bezeichnete. Diese Denkweise lähmt Tausende von Menschen, die nicht bereit sind, Waffen zu tragen. Doch muss es eine Möglichkeit für diese Menschen geben, sich zu engagieren – nicht nur der "Superman", der sich allein dem bewaffneten Kampf verschreibt und aufopfert. So wurde für mich ein Tabu gebrochen und es wurden viele Fragezeichen aufgeworfen.

Nach meiner Haftzeit begann ich mit Gleichgesinnten über Wege des Widerstandes nachzudenken, die wenig Schaden anrichten und dabei viele Menschen einbinden, wie etwa die Jugend, Frauen und Arbeiter. Und wir begannen die negativen Folgen der Gewalt bei uns zu sehen. Der Kämpfer nimmt sich das Recht heraus über andere zu bestimmen, er legt fest wie alle anderen leben sollten. Es ist eine lange Kette und beginnt mit der Gewalt.

Also ist die Idee der Gewaltlosigkeit bei Ihnen ganz allmählich herangereift?

Kilani: Ja, meine Überzeugungen haben sich gewandelt. Zunächst war da eine pragmatische Sichtweise. Ich ging davon aus, dass friedliche Wege des Widerstandes nützlich sind. Doch inzwischen vertrete ich die prinzipielle und ganzheitliche Überzeugung, dass der Samen der Gewalt für den palästinensischen Widerstand gefährlich ist. Er liefert der Besatzung Vorwände für Unterdrückung. Hinzu kommen die innerpalästinensischen Folgen der Gewalt. Parallel dazu entwickelte sich bei mir die Idee, den Anderen, d.h. den Israeli, nicht als Verkörperung des Teufels, des Bösen zu sehen. Er ist ein Besatzer. Ich möchte die Besatzung loswerden, nicht ihn als Menschen. Ich akzeptiere neben ihm zu leben, vorausgesetzt seine Übergriffe gegen mich hören auf. Das Ziel ist das Ende der Besatzung und der Weg zur Freiheit.

Wie verbreitet ist dieses Denken in den palästinensischen Gebieten?

Kilani: Die erste Intifada ist ein Ergebnis dieser Erfahrungen. Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre haben wir eine breite Volksbewegung erlebt, die gewaltlose Mittel einsetzte, wie etwa Streiks, Sit-Ins oder Aktionen wie das Kultivieren der Erde. Diese Initiativen haben die Übermacht der palästinensischen Parteien gebrochen. Die erste Inftifada bedarf noch einer umfassenden Bewertung. Aber wir sind uns darin einig, dass sie in ihren Anfängen von zivilgesellschaftlichen Zügen geprägt war. Dann haben die politischen Organisationen, die dem bewaffneten Kampf den Vorragn gaben, immer mehr Einfluss ausgeübt. Sie befürchteten, dass die Entwicklung ihnen entgleiten könnte. Das hat die Intifada dann verändert.

Interview & Übersetzung aus dem Arabischen: Mona Naggar

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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