Filmszene "Wer weiß wohin?"; Foto: dpa/TOBIS FILM
Interview mit Nadine Labaki

Der Versuch, anders zu denken

In ihrem neuen Film "Wer weiß wohin?" erzählt die libanesische Filmemacherin Nadine Labaki, wie in einem libanesischen Dorf die Frauen versuchen, mit List und Phantasie einen sinnlosen Krieg zu verhindern, den die Männer anzetteln. Mona Naggar traf die Regisseurin in Beirut.

Im Libanon hatte "Wer weiß wohin?" großen Erfolg. Tausende Menschen sahen sich den Film an. Wie entstand die Idee zu diesem Werk?

Nadine Labaki: Im Libanon hatten wir eine längere Phase des friedlichen Zusammenlebens gehabt. Aber plötzlich, über Nacht, griffen die Menschen zu den Waffen und begannen aufeinander zu schießen. Nachbarn, die Jahre lang unbeschwert nebeneinander gelebt hatten, wurden zu Feinden. Damals war ich mit meinem Sohn schwanger. Ich überlegte, was eine Mutter wohl machen würde, um ihren Sohn davor zu bewahren, in den Krieg zu ziehen. Nach und nach entwickelte sich diese Idee weiter. Es wurde zu einer Geschichte über Frauen in einem Dorf, die alles versuchen, um ihre Männer daran zu hindern, zu den Waffen zu greifen.

Wie entwickelt sich das Drehbuch weiter, die Idee von einer Mutter hin zu einer Geschichte von Frauensolidarität in einem abgelenen Dorf?

Labaki: Ich fand es schwierig das Problem auf eine Mutter zu reduzieren, auf eine Frau, eine Person, die sich in einer bestimmten Weise verhält oder denkt, oder einen bestimmten Hintergrund hat. So entwickelte sich die Idee hin zu einer Gruppe von Frauen. Jede dieser Frauen verhält sich anders. Einige sind eher komisch, andere tragisch. Ich musste diese ganze Bandbreite zeigen.

"Wer weiß wohin?" ist eine Tragikomödie. Es gibt viel zu lachen, aber im nächsten Moment könnte man auch weinen. Es ist ein Wechselbad der Gefühle. Warum haben Sie sich für dieses Genre entschieden?

Labaki: Eigentlich ist die ganze Geschichte und das Thema zum Weinen. Die Dinge, die zum Krieg führen, sind oft völlig sinnlos. Aber gerade diese Sinnlosigkeit, diese Absurdität, bringt einen zum Lachen. Aus diesem Grund ist mein Film so geworden, zum Lachen und zum Weinen. Ich habe komische und tragische Elemente zusammen gefügt. Beides ist notwendig. Und ich habe bewusst die Gründe für den Ausbruch des Konflikts im Dorf bagatellisiert. Die Anlässe für die Streitigkeiten der Männer sind lächerlich. Das wirkliche Leben ist manchmal so.

​​Der Libanon hat einen langen blutigen Bürgerkrieg erlebt. Trotzdem finden von Zeit zu Zeit bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen statt. Was sind die Gründe für den wie es scheint nie endenden Konflikt?

Labaki: Ich denke, dass wir im Libanon uns mehr zugehörig fühlen zu einer Partei, einer Religion, einem Führer als zu dem Land. Wir fühlen uns mehr als Sunniten, Schiiten und Christen denn als Libanesen. Und es wurde bereits viel Blut vergossen zwischen den verschiedenen Parteien. Hinzu kommt, dass wir nicht gelernt haben, uns zu entschuldigen. Aus diesem Grund führen unbedeutende Anlässe wieder zu Gewalt. Ich kann einen libanesischen Vater sehr gut verstehen, dessen Sohn getötet wurde, und der nicht dem anderen verzeihen kann. Es ist ein unvergesslicher Schmerz. Wir sind nicht imstande, uns von Angesicht zu Angesicht hinzusetzen und zu sagen, ich habe einen Fehler gemacht. In anderen Ländern, die ebenfalls Kriege erlebt haben, wurden die Probleme auf diese Weise überwunden. Bei uns klappt es bis jetzt nicht.

Aus diesem Grund lassen Sie das Ende des Films offen?

Labaki: Ja, genau aus diesem Grund. Ich habe keine Lösung zu bieten. In dem Film versuche ich, von einer Lösung zu träumen. Ich träume von einer Gesellschaft, in der es möglich ist, anders zu denken, in der es möglich ist, so weit zu gehen, dass man zum anderen wird. Aber das heißt nicht, dass es die Lösung ist. Wenn Muslime Christen werden und umgekehrt, wer sagt dann, dass es keine Konflikte mehr geben würde? Wenn Frauen die Macht übernehmen, wer sagt, dass es dann eine bessere Welt werden würde? Ich habe keine Antwort. Ich versuche nur, etwas anders zu denken.

Sowohl in "Caramel", Ihrem ersten Film, als auch in diesem neuen Film arbeiten Sie mit Laienschauspielern. Warum?

Labaki: Als Regisseurin bin ich immer auf der Suche nach dem Moment, an dem ich glaube, was ich sehe. Ich habe ein Problem mit einer Szene, in der ein Schaupsieler eine Person spielt, die ihm überhaupt nicht ähnlich ist. Aus diesem Grund suche ich Leute aus, die ich auch im wirklichen Leben mag, seien es Schauspieler oder nicht. Ich verlange nicht von Ihnen, dass sie spielen. Sie sollen so sein wie sie sind. Ich möchte keinen Film machen, sondern einen authentischen Moment im Leben dieser Persönlichkeiten.

Musik, Gesang, Tanz, Essen: Ihr neuester Film ist sehr sinnlich. Warum legen Sie ein großes Gewicht auf diese Elemente?

Labaki: Das hängt mit meiner Person zusammen. Wenn ich ins Kino gehe und zwei Stunden meiner Zeit investiere, dann möchte ich auch etwas dafür haben. Ich möchte verändert aus dem Kinosaal hinauskommen. Etwas soll mich berührt haben. Vielleicht lerne ich ein Problem kennen, dass ich noch nicht kannte oder Personen, von denen ich vorher nicht gewußt habe. Das gleiche verlange ich von meiner Arbeit. Ich versuche in meinen Filmen auch zu berühren, mit allen Sinnen zu arbeiten. Die schönsten Momente beim Schneiden sind, wenn ich das Gefühl habe, dass es mir gelungen ist, die Vision, die ich gehabt hatte, zu vermitteln.

Interview: Mona Naggar

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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