Mohammad Reza Shajarian bei einer Gedenkfeier für Parviz Meshkatian; Foto: AP
Interview mit Mohammad Reza Shajarian

Menschlichkeit ist das Ziel aller Kunst

Für Iraner auf der ganzen Welt ist Mohammad Reza Shajarian die Verkörperung der klassischen persischen Kultur. Der "Ostad", Meister, ist nicht nur seit 50 Jahren Volkssänger des Irans, sondern auch bekannt für Instrumentenbau und Kalligraphie. Mit ihm hat sich Marian Brehmer unterhalten.

Herr Shajarian, Sie sind im Moment auf Europatournee. Können Europäer eigentlich die Tiefe der persischen Musik verstehen?

Mohammad Reza Shajarian: Die Iraner in Europa, die meine Konzerte besuchen, sind sehr vertraut mit ihrer Musik. Europäer ohne iranische Wurzeln können sich in die Musik einfühlen, aber nicht in die Worte. Meine Musik lebt vor allem von Versen. Sie macht nichts anderes, als Poesie auszudrücken. Ohne Kenntnis der persischen Literatur kann man nicht die Verbindung zwischen Musik und Worten verstehen.

Was verbinden Sie mit Deutschland?

Shajarian: Hartes Arbeiten, Ordentlichkeit und Sauberkeit. Seit 1987 gebe ich alle zwei Jahre Konzerte hier.

Das Image des Irans in der deutschen Öffentlichkeit wird dominiert von Politik und zurzeit vor allem von der Diskussion um die Bombe. Sehen Sie sich mit Ihrer Musik auch als Botschafter für Ihr Land?

Shajarian: Ich weiß nicht, ob die Iraner mich als Ihren Botschafter ansehen würden. Aber unser Iran ist nicht der Iran, den die Regierung für sich beansprucht. Unsere Menschen sind völlig anders als unsere Regierung. Sie haben nichts mit Terror und Atomkraft zu tun. In diesem riesigen Unterschied liegt der Grund für den großen Konflikt zwischen Menschen und Regierung, den wir im Moment haben.

Nach streng islamischem Verständnis sind Saiteninstrumente verboten. Dennoch hat Iran eine reiche Tradition in der klassischen Musik. Frauen im Iran ist der öffentliche Auftritt verboten, Ihre Stimmen gelten als aufreizend. Vielen begabten Sängerinnen bleibt so eine Karriere verwehrt. Wie soll man mit diesen Widersprüchen umgehen?

Shajarian: Dieser Widerspruch wurde vor 1.400 Jahren geschaffen. Weder werden die islamischen Parteien aufhören, unsere Kultur mit Füßen zu treten, noch werden die Iraner ihre Kultur aufgeben. Dieser Widerspruch wird fortbestehen. Die Regierung ist gegen die zutiefst persische Identität der Iraner und will uns ihre islamische Identität aufzwängen. Iraner haben zwar den Islam angenommen, aber dabei nie ihre Kultur verloren.

Waren die Jahre unter dem Schah eine einfachere Zeit für Irans Musiker?

Shajarian: Unter dem Schah brauchte niemand Genehmigungen. Aber seit der Revolution müssen Musiker von verschiedenen Stellen Erlaubnis einholen, unter anderem vom Ministerium für Kultur und Islamische Führung, von der zuständigen Polizeistation für den Konzertort und vom örtlichen Freitagsimam.

Mohammad Reza Shajarian während eines Konzerts in Köln; Foto: © Shahriyar Ahadi
Mohammad Reza Shajarian zählt heute zu den berühmtesten Vertretern der klassischen persischen Musik. Die UNESCO hatte ihn 1999 mit der "Golden Picasso Medal" und 2006 mit der "UNESCO Mozart Medal" ausgezeichnet.

​​Wenn nur einer von ihnen Einspruch erhebt, gibt es keine Erlaubnis. Die Behörden schaffen diese Hindernisse, damit die Künstler aufgeben. Am Ende bleibt uns Musikern nur ein einziger schmaler Weg, der nach ihren Regeln verläuft. Die Regierenden sind nicht nur in völligem Unfrieden mit unserer Kultur, sondern sie wollen sie auch beseitigen.

Denken Sie, dass innerhalb des jetzigen Systems eine Aussöhnung mit der Kultur möglich ist?

Shajarian: Nein, auf keinen Fall.

Würden Sie die Zeit also gerne zurückdrehen?

Shajarian: Nein, es bringt nichts, in der Zeit zurückzugehen. Wir sollten die Zukunft aufbauen.

Sie sind einer der wenigen Musiker, die nach der Revolution von 1979 noch regelmäßig Konzerte im Iran geben durften. Warum?

Shajarian: Nach 1979 war ich für einige Jahre nicht aktiv. Erst vier Jahre nach der Revolution bin ich wieder aufgetreten. Hin und wieder haben sie mich neue Alben herausbringen lassen. Die meisten Musiker, die jetzt im Exil leben, sind vor der Revolution in Bars aufgetreten. Nach der Revolution wurden alle Bars geschlossen. Die Regierung wollte mich als Beispiel eines konformen Musikers benutzen, da ich niemals in Bars gespielt habe. Damit wollte man zeigen, dass man nicht vollständig gegen Musik ist.

Wie haben Sie die Zeit der Revolution erlebt?

Shajarian: Seit hundert Jahren kämpfen die Iraner für ihre Freiheit. Ihr letzter Anlauf war 1979. Am Anfang war die Revolution überhaupt nicht islamisch, bis die Kleriker die Bühne betraten und ihre Islamische Republik vorschlugen. Es gab damals ein Referendum. Die meisten vertrauten den Geistlichen und votierten für die Islamische Republik. Ich habe ihnen von Anfang an nicht vertraut. Ich habe nicht für sie gestimmt und werde ihnen niemals meine Stimme gebe.

Sie haben mit Ihrer Musik aber auch die Revolution befeuert. Was sollten Ihre Lieder zu der Zeit ausdrücken?

Shajarian: Lieder, die in einer revolutionären Stimmung gesungen werden, haben großen Einfluss auf die Menschen. Mein Lied "Iran, ey saray-e omid" (Iran, Land der Hoffnung) war damals sehr populär. Die Menschen wollten das Schah-Regime nicht mehr. Das Lied handelte von der Wiederauferstehung der Menschen, von ihrem Streben nach Demokratie.

Mohammad Reza Shajarian; Foto: DW
Stimme der Freiheit und des Protests gegen Despotie und Unmenschlichkeit: Im Sommer 2009 verschaffte Shajarian sein Eintreten für die iranische Reformbewegung neue Popularität unter der jungen Generation.

​​Nach der Revolution wurde das Lied lange Zeit im Radio gespielt und von der Islamischen Republik verwendet. Erst nach den Protesten von 2009 verbot ich es ihnen und sagte: Ich habe dieses Lied nicht für euch gesungen, es war für eine andere Zeit gedacht. Das war das erste Mal, dass meine Musik eine wirklich politische Bedeutung gewann.

Das Sendeverbot, das Sie verhängt haben, hat hohe Wellen geschlagen. Was hat Sie zu diesem Schritt veranlasst?

Shajarian: Der Grund, dass ich mich eingemischt habe, war das Verhalten der Regierung gegenüber den Menschen. Es war unerträglich. Niemand konnte dabei schweigen. Ich bin kein politischer Aktivist, ich bin nur ein Künstler, der seine Gesellschaft kennt und in ihrem Dienste steht. Als ich gesehen habe, dass sie meine Lieder im Fernsehen spielten, habe ich die Staatsmedien verklagt.

Zwei Monate nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl und inmitten der Proteste von 2009 sangen Sie "Zaban-e Atash" (Sprache des Feuers). Mit diesem Lied wurden Sie zum Unterstützer der grünen Bewegung und in kurzer Zeit sehr populär unter jungen Iranern. Was ist die Botschaft des Liedes?

Shajarian: Es gingen so viele Menschen auf die Straße, die geschlagen und verhaftet wurden. All das hat mich bewegt, "nehmt eure Waffen herunter" zu singen. Ich sah es als meine künstlerische Pflicht an, dieses Statement abzugeben. Mit Waffen kann man nicht diskutieren, nur mit dem Verstand. Die "Sprache des Feuers" wird zu nichts führen, sondern den Weg nur noch gefährlicher machen.

Wie hat die Regierung darauf reagiert?

Shajarian: In diesem Sommer war ich auf Europatournee. Das Lied habe ich über Nacht auf "Youtube" veröffentlicht. Erst als ich ein Interview für die BBC gab, hat mich der Geheimdienst gewarnt.

Mohammad Reza Shajarian (r.) mit dem iranischen Musiker Farzin Darabi Far; Foto: © Farzin Darabi Far
Mohammad Reza Shajarian: "Menschlichkeit sollte die Welt regieren, nicht Religion, nicht Nationalismus, nicht Ideologie"

​​Meine Antwort an sie war: Ihr macht, was ihr machen müsst und ich mache, was ich machen muss. Seitdem durfte ich keine neuen Lieder mehr herausbringen. Sie haben mir die Auftrittserlaubnis entzogen.

Warum hat man Sie nicht verhaftet?

Shajarian: Die Regierung hat Angst, weil sie weiß, was ich dem Volk bedeute. Sie versuchen alles, um meine Verbindung mit den Menschen abzuschneiden und Gerüchte über mich zu verbreiten. Zum Beispiel behaupteten sie einmal, dass ich den Iran für immer verlassen hätte.

Denken Sie, dass die Regierenden im Privaten Ihre Musik hören?

Shajarian: Ja, natürlich. Auch sie sind in dieser Kultur aufgewachsen, sie ist ihnen nicht fremd. Sie haben in der Vergangenheit meine Musik gehört und tun das auch heute noch. Aber sie sind gefangen in ihren eigenen Ideen, haben auch ihre Konflikte untereinander. Einige befürworten ein totales Verbot von Musik, andere nicht.

Die fünf Jahrzehnte Ihrer Karriere im Iran waren geprägt von politischen Veränderungen und Unruhen. Welche Rolle spielte Ihre Musik für Iraner in all diesen Jahren?

Shajarian: Meine Musik war stets vollkommen mit dem Geschehen im Iran verbunden. Die Wahl meiner Gedichte gleicht eigentlich unserer sozialen Geschichte. Sie reflektieren Politik, auch wenn sie nicht direkt darauf abzielen. Meine Lieder handeln vom Leben der Menschen. Ich muss unter Menschen sein und werde durch sie inspiriert. Sonst könnte ich nicht singen.

Im aktuellen Umbruch der arabischen Welt, in Tunesien und Ägypten zum Beispiel, hat auch Musik eine Rolle gespielt. Kann Musik Mittel einer wirklichen Veränderung sein?

Shajarian: Musik hat stets Gesellschaften wach gerüttelt. Das ist auch in den arabischen Bewegungen nicht anders. Es ist gut, was dort passiert. Aber nur, so lange der Wille der Menschen siegt. Demokratie kommt nicht nur durch Mottos und Revolution. Sie sollte von der Familie ausgehen. Gesellschaften, in denen Familien nicht demokratisch funktionieren, werden keine Demokratie erreichen.

Wo sehen Sie Ihr Land in zehn Jahren?

Shajarian: Es liegt ein sehr heikler, entscheidender und gefährlicher Weg vor uns. Dieser Weg ist unvermeidbar, die Menschen haben keine andere Wahl. (Überlegt für einen längeren Moment) Wenn es so bleibt wie es ist, sehe ich keine Zukunft für den Iran. Die Situation wird von Tag zu Tag schlechter. Für die Menschen geht es ständig bergab. Ja, es ist ein sehr gefährlicher und harter Weg. Wir sollten diese 30 Jahre aus unserer Geschichte streichen. Sie stehen in keiner Verbindung mit unserer Kultur.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie auf der Bühne singen?

Shajarian: Ich denke an die inneren Sehnsüchte der Menschen. Menschlichkeit sollte die Welt regieren, nicht Religion, nicht Nationalismus, nicht Ideologie. Wenn die Menschen wertgeschätzt werden, ist alles ausgeglichen. Der Sinn von Religion ist, Verbindung zwischen den Menschen zu schaffen. Wir sollten sie nicht in den Mittelpunkt stellen und Menschen für sie opfern. Menschlichkeit ist das Ziel aller Kunst. Ich betrachte alles mit diesem Gedanken.

Interview: Marian Brehmer

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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