Kinder beim gemeinsamen Mittagessen im multikulturellen Kindergarten St. Simeon, Berlin; Foto: dpa
Interview mit Kirchenpräsident Volker Jung

''Wir fördern interreligiöse Kompetenzen''

Deutschlands Muslime stellen Herausforderungen auch an die Kirchen, vor allem im Bereich der Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Darüber sprach Erhard Brunn mit Volker Jung, dem Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau.

Sehr geehrter Herr Dr. Jung, Sie sind als Kirchenpräsident einer großen deutschen Landeskirche, zudem Vorsitzender der Kammer Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland, vielfach damit befasst, dass sich Deutschland zusehends als Einwanderungsgesellschaft versteht. Wie gestalten Sie in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN) und der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) diesen Wandel?

Volker Jung: Wir sind längst dabei, zu einer Einwanderungsgesellschaft zu werden. Das haben viele über lange Zeit nicht wahrgenommen. Einige bis heute nicht. Aber viele Einwanderer sind in der dritten Generation in Deutschland, sprechen perfekt deutsch, sind bestens integriert, leisten ihren Beitrag in der Gesellschaft – und bereichern sie. Problemgruppen, denen das nicht gelingt oder die das nicht wollen, gibt es auch. Mit ihnen stehen wir erst am Anfang.

Als Kirche wirken wir an diesem Wandel mit. Wir tragen zur interkulturellen und zur interreligiösen Kompetenz in unseren eigenen Einrichtungen und in der Gesellschaft bei. Wir fördern den sozialen Frieden, wo und wie wir es können. Wir haben begriffen, dass wir in einem kulturellen und religiös vielfältigen Umfeld leben. Viele christliche Gruppen aus anderen Nationen sind in unseren Kirchen und Gemeindehäusern zu Gast.

Derzeit denken wir darüber nach, ob wir uns auch in unseren Beschäftigungsverhältnissen öffnen können. Tatsächlich können in Ausnahmefällen schon jetzt Muslime bei uns beschäftigt werden. Dazu gehört beispielsweise die muslimische Erzieherin in einer Kindertagesstätte. Eine spannende Frage ist, ob wir die kirchlichen Arbeitsverhältnisse in Zukunft grundsätzlich offener gestalten. Bisher gilt die Grundregel: Alle, die bei die Kirche arbeiten wollen, müssen auch Mitglied einer Kirche sein, die zur Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen gehört.

In der Broschüre zu einem Workshop der Diakonie in Hessen-Nassau zum Thema Interkulturelle Öffnung, zu dem Sie das Resümee formuliert haben, sind eine Reihe von Schlüsselbegriffen zu diesen Bemühungen erwähnt. Es werde angestrebt, sich interkulturell zu orientieren und zu öffnen. Aber es steht auch dort, dass zu dieser Öffnung gleichzeitig die Schärfung des evangelischen Profils angestrebt werde. Auf den ersten Blick scheint dies ein Gegensatzpaar zu sein. Das eine hat die Öffnung, das andere scheinbar die Abgrenzung zum Ziel. Was verstehen Sie darunter?

Volker Jung; Foto: privat
"Offenheit ist ein Teil des evangelischen Profils. Es gehört zum evangelischen Verständnis des christlichen Glaubens, gegenüber Anderen, auch Fremden, offen zu sein", sagt Kirchenpräsident Volker Jung.

​​Jung: Das sind zwei Seiten einer Medaille. Offenheit ist ein Teil des evangelischen Profils. Es gehört zum evangelischen Verständnis des christlichen Glaubens, gegenüber Anderen, auch Fremden, offen zu sein. Für Einrichtungen, etwa eine Kindertagsstätte, ist es wichtig, ihr evangelisches Profil nicht nur formal über die Trägerschaft und über evangelische Mitarbeitende darzustellen, sondern auch im konkreten Programm. Diese inhaltliche Profilierung könnten Beschäftigte, die einer anderen Religion angehören, mit ihren Fragen sogar eher fördern. Interkulturelle und interreligiöse Kompetenz gehört für mich zukünftig noch mehr als bisher zum evangelischen Profil.

Wir sind aber zugegebenermaßen noch lange nicht so weit, dass sich das auch grundsätzlich in kirchlichen Beschäftigungsverhältnissen niederschlägt. Damit sind zum Beispiel auch schwierige juristische Fragen verbunden, etwa der Tendenzschutz der Kirchen, die für bestimmte Ziele und eine bestimmte Weltsicht stehen und deshalb ihre Belange selbstständig regeln können. Klar ist: Interkulturelle Öffnung in kirchlichen Arbeitsverhältnissen kann nur für Menschen gelten, die auch die Grundziele evangelischer Kirche bejahen und mittragen.

Einerseits tun Sie ja schon viel in diese Richtung, aber die Diskussion ist eigentlich noch nicht abgeschlossen?

Jung: Die Frage ist: Können wir uns vorstellen, dass an dem christlichen Grundauftrag auch Menschen mitwirken, die ein anderes religiöses Grundverständnis haben? Unser Grundverständnis lautet, dass wir als Kirche zu den Menschen gesandt sind, um das zu leben und das zu den Menschen zu bringen, was wir als Evangelium von Jesus Christus bezeichnen. Es ist zunächst also eine theologische Frage. Ich denke, dass dies unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist. Wir können Menschen zur Mitarbeit in der Kirche einladen, die nicht-christlichen Glaubens sind. Sofern diejenigen, die mitarbeiten wollen, die am Evangelium orientierte Grundausrichtung bejahen.

Werden Muslime nicht weitgehend ähnliche Werte haben wie Christen? Es wird also weitere Auswahlkriterien für Mitarbeiter geben?

Jung: Ich bleibe bei der muslimischen Erzieherin. Diese Erzieherin muss sagen, "Ja, ich kann das christliche Leitbild bejahen - auch auf der Grundlage meines Glaubens." Sie wird in einer evangelischen Einrichtung nicht mitwirken können, wenn sie sagt: "Damit kann ich überhaupt nichts anfangen." Ein Grundeinverständnis über Werte und Ziele der Arbeit muss also schon da sein.

Ein weiterer Schlüsselbegriff in ihren Dokumenten sind interkulturelle Teams in denen man zusammenarbeiten könnte. Welche Projekte stehen für diesen Weg, diese Öffnung?

Jung: Interkulturelle Teams kann ich mir in bestimmten Arbeitsfeldern sehr gut vorstellen. Ein Beispiel sind Beratungsstellen, die von Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Herkunft frequentiert werden. In solchen Beratungsstellen ist es gefragt, in einem Team interkulturelle und interreligiöse Kompetenz zu haben, um sich zum Wohl der Klienten gegenseitig zu ergänzen. Es gibt aber auch Bereiche in der Kirche, wo das anders ist, etwa wenn es um den Verkündigungsdienst geht.

Am Beispiel ihrer eigenen Landeskirche: Die EKHN ist sehr konkrete, mutige Schritte in der Kooperation mit dem Grünen Halbmond gegangen. Sie hilft substantiell mit ihren eigenen Ausbildern Muslime in der Krankenhaus- und Notfallseelsorge auszubilden. Der erste Ausbildungsgang bei dem evangelische und katholische Pfarrer geholfen haben, Muslime als Krankenhausseelsorger auszubilden, ist erfolgreich beendet worden. Die muslimischen Vertreter wurden in den Krankenhäuser,n in denen sie Praktika machten, sehr gut aufgenommen und von christlichen Tutoren unterstützt. Jetzt hat auch der erste Kurs in der Notfallseelsorge begonnen. Wie beurteilen Sie diese ersten Schritte?

Jung: Ich finde, das sind hervorragende Projekte. Von muslimischer Seite kam die Anfrage, unsere Kompetenz dazu nutzen, um muslimische Seelsorger auszubilden. Modellhaft wurde hier die seelsorgliche, pastoralpsychologische und theologische Kompetenz von christlichen Mitarbeitern mit der theologischen Kompetenz von Imamen zusammengebracht. Die muslimische Seite hat klar gesehen, dass wir als christliche Kirchen über eine lange, gute Erfahrung in der Seelsorge verfügen, die wir zudem durch eine sorgfältige Ausbildung professionalisiert haben.

Gleichzeitig wurde gesehen, dass Seelsorge einfach etwas Gutes für alle Menschen ist. Das zeigt sich etwa auch bei der Notfallseelsorge. Hier sind Seelsorgerinnen und Seelsorger für Menschen in Extremsituationen da, etwa nach einem schweren Unfall. Und zwar für alle, egal welcher Konfession oder religiösen Herkunft die Betroffenen sind. Aber Menschen reagieren je nach Herkunft, Kultur und Religion unterschiedlich. Es kann sein, dass ein Muslim nach einem Unfall unter Umständen andere Trauerrituale hat, als es im christlichen Kontext der Fall ist. Es ist wichtig, dass die Notfallseelsorger darum wissen und darauf gut eingehen können.

Der bei der Ausbildung der Muslime in der Krankenhausseelsorge beteiligte Pfarrer sagte, man würde als kleiner Übergangsschritt die bereits ausgebildeten Muslime in kleine Fortbildungen und Supervision der Kirche einbeziehen.

Mitarbeiterin beim muslimischen Seelsorge-Telefon; Foto: DW
In einer Kooperation mit dem Grünen Halbmond hilft die Evangelische Kirche Hessen und Nassau mit ihren eigenen Ausbildern, Muslime in der Krankenhaus- und Notfallseelsorge auszubilden.

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Jung: Das kann ich mir in Krankenhäusern gut vorstellen. Es kann sinnvoll sein, mit den muslimischen Kollegen Erfahrungen auszutauschen.

Der Grüne Halbmond ist bestrebt, in der Partnerschaft mit den Kirchen die vom Berufsverband und dem Staat vorgegeben professionellen Standards zu erlernen. Das ist ja eine Grundidee des Projektes, dass abgesehen von einem kleineren Teil der theologischen Unterschiede es eine gemeinsame fachliche und somit auch von Muslimen anzuerkennende professionelle Basis gibt.

Festzuhalten ist, dass dieses Projekt von der Basis kam und dann von der Kirchenleitung mitgetragen wurde. Die Kirchenleitung hat vor kurzem einen Bericht zu dem Projekt zustimmend und mit großem Respekt zur Kenntnis genommen. Daraus sind aber noch keine grundsätzlichen Entscheidungen abgeleitet worden, wie es weitergeht.

Die Aufnahme der muslimischen Praktikanten war sehr, sehr freundlich in den Krankenhäusern.

Jung: Das Pflegepersonal und die Ärzte sind oft mit Situationen konfrontiert, in denen sie ihre Patienten von ihrem kulturellen Hintergrund her nur mühsam verstehen. Dass es dann Seelsorger gibt, die kulturelle Übersetzungshilfe leisten, wird von den Krankenhäusern sehr begrüßt.

Manche Muslime kritisieren diese Kooperation als verfrüht. Es gäbe ja gar kein gemeinsames Verständnis von Seelsorge. Und die deutschen Muslime seien noch weit entfernt davon, eine auf Deutschland zutreffende muslimische Theologie für die Seelsorge entwickelt zu haben.

Jung: Es gibt Unterschiede im Verständnis von Seelsorge bei Muslimen und Christen. Muslime stehen vor der Herausforderung, ein eigenes Seelsorgeverständnis zu entwickeln. Das christliche Seelsorgeverständnis etwa setzt nicht auf theologische Belehrung oder das Erteilen von Ratschlägen, sondern auf empathische, im Glauben gegründete Begleitung in Krisensituationen. Kooperation bei der Ausbildung und Kooperation bieten die Chancen, sich gemeinsam weiter zu entwickeln.

Was kommt danach? Aus Pilotprojekten muss irgendwann eine Struktur werden.

Jung: Ob das möglich ist, muss sich zeigen. Im Moment besteht die Kooperation in erster Linie in der Unterstützung bei der Ausbildung. Insofern hängt viel davon ab, ob dies auch zukünftig so gewollt ist, und wie sich dann die Zusammenarbeit in der Praxis entwickelt.

Interview: Erhard Brunn

© Qantara.de 2012

Volker Jung ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN) sowie Vorsitzender der Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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