Imam Hajj Talib Abdur Rashid bei einer Demonstration in New York: dapd
Interview mit Imam Talib Abdur Rashid

Islamophobie als Teil des politischen Spiels

In den USA wird das Klima Muslimen gegenüber intoleranter. Kampagnen für sogenannte Anti-Scharia-Gesetze schüren Hysterie, in New York stellte ein Ausbildungsfilm der Polizei alle Muslime unter Dschihad-Verdacht, und Under-Cover-Agenten bespitzeln dort muslimische Aktivitäten. Darüber sprach Charlotte Wiedemann mit Imam Talib Abdur Rashid, dem Leiter des Moscheeverbandes "Islamic Leadership Council".

Sie standen auf der Straße mit einem Schild "Muslime verlangen gleiche Rechte!" Wogegen richtete sich Ihr Protest?

Talib Abdur Rashid: Die Überwachung von muslimischen Communities, von Moscheen, Treffpunkten und Studentengruppen ist ein heftiger Verstoß gegen die amerikanische Verfassung. Die New Yorker Polizei und ihre "Intelligence Division" maßen sich unter dem Vorwand der Sicherheit an, überall herumzuspionieren. Wir werden uns damit nicht abfinden. Das muss vor Gericht geklärt werden.

In Umfragen äußert nahezu jeder zweite Amerikaner eine schlechte Meinung über den Islam. Unter den Republikaner-Anhängern nennt jeder Dritte Barack Obama einen Muslim, als Synonym für unamerikanisch. Ist die religiöse Toleranz der USA am Ende?

Abdur Rashid: Die Atmosphäre ist heute für Muslime negativer als nach den Anschlägen vom September 2001. Wir sind alle traumatisiert von 9/11, aber damals gab es Bemühungen, sich untereinander als Amerikaner zu unterstützen und nicht in ein Kollektivschuld-Denken zu verfallen. Heute haben die Republikaner und besonders die Tea Party Islamophobie zum Bestandteil ihrer politischen Plattform gemacht. Sie benutzen Ängste, Traumata und den Mangel an Wissen für ihr politisches Spiel. Wir sehen in jüngster Zeit, dass es in jedem Wahljahr einen Anstieg der anti-islamischen Emotionen gibt. So war es bereits bei der Obama-Wahl vor vier Jahren und bei den lokalen Wahlen in New York vor zwei Jahren.

Nicht alle stellen sich so offensiv wie Sie gegen Islamophobie. Sie bezichtigen manche prominenten Muslime arabischer oder asiatischer Herkunft des Opportunismus. Warum?

Imam Talib bei einer Demonstration in New York, Foto: dapd
Wehrt sich gegen die seiner Meinung nach "verfassungswidrige Überwachung" muslimischer Vereine und Studentenverbände: Imam Talib Abdur Rashid

​​Abdur Rashid: Die amerikanischen Muslime müssen aufhören, sich selbst ständig als "der andere" zu sehen. Und das gilt auf zweierlei Weise. Die eingewanderten Muslime reißen sich ein Bein aus, um als echte Amerikaner akzeptiert zu werden. Ich sage ihnen: Wenn du Amerikaner bist, dann verhalte dich auch so! Hier ist Amerika und nicht Bangladesch. Die Afro-Amerikaner wiederum, also die einheimischen Muslime von Amerika, müssen sich selbstbewusst zu ihrer Einzigartigkeit bekennen. Immerhin stellen wir ein Drittel der hiesigen Muslime. Unsere Zahl übersteigt die jeder anderen ethnischen Gruppe innerhalb der US-Muslime.

Sie werfen den eingewanderten Muslimen vor, sich oft paternalistisch gegenüber den schwarzen Muslimen, den Konvertiten und ihren Nachkommen, aufzuführen. Was ist der Grund für diese Überheblichkeit?

Abdur Rashid: Die meisten eingewanderten Muslime kennen die Geschichte der afro-amerikanischen Muslime gar nicht. Sie suchen für sich selbst eine Nische in der Gesellschaft. Deshalb wollen sie gute Beziehung zu den Mächtigen, und das sind vor allem Amerikaner europäischer Abstammung. Die Muslime arabischer und südasiatischer Herkunft beziehen sich mehr auf die weißen Machtstrukturen als auf ihre muslimischen Brüder und Schwestern, die den Islam hier etabliert haben. Aber im 21. Jahrhundert sollten wir anfangen zu begreifen, dass wir alle mit derselben Islamophobie konfrontiert sind. Wir müssen lernen, für die Stärkung der muslimischen Gemeinde als Ganzes zu arbeiten. Ich setze auf die junge Generation, sie denkt globaler und wird uns über die Differenzen hinweg helfen.

Was religiöse Praktiken und Lebensstile betrifft sind die Muslime der USA sehr heterogen. Ist die Vielfalt genauso groß wie unter den amerikanischen Christen, die im Vergleich zu Europa immens zersplittert wirken?

Abdur Rashid: Ja. Diese eklektische Vielfalt ist ein Teil davon, was es bedeutet, Amerikaner zu sein. Das gilt für die Christen, für die Juden und für die Muslime. Ein Rabbiner-Freund sagte mir neulich: "Wenn wir fünf Rabbiner in einem Raum haben, dann haben sie sechs Meinungen." Ich antworte ihm: "Fünf Imame in einem Raum können sieben Meinungen haben." Vielfalt ist unsere Stärke!

Sie fordern die schwarzen Muslime auf, ihrem Schicksal, ihrer Mission treu zu sein. Was meinen Sie damit?

Malcolm X, Foto: AP
Der inzwischen verstorbene Anführer der "Black Muslims" Malcolm X gilt auch heute noch vielen afroamerikanischen Muslimen als großes politisches Vorbild.

​​Abdur Rashid: Die Etablierung des Islam in Amerika hat mit dem Sklavenhandel begonnen. Ich persönlich glaube, dass dies Teil eines göttlichen Plans für dieses Land war. Es ist kein Zufall, dass in den USA afro-amerikanische Muslime in so großer Zahl existieren – das ist ein göttlicher Entwurf. Hier in New York sind die Westafrikaner heute die am schnellsten wachsende muslimische Community. Ich sage ihnen: "Gott hat uns hierhin gebracht, damit wir euch empfangen können!" Aber viele Afro-Amerikaner, auch die muslimischen, haben zu wenig Bewusstsein ihrer Geschichte und zu wenig Selbstwertgefühl. Es mangelt ihnen an psychischer und spiritueller Verwurzelung. Dieses Problems bin ich mir als Imam sehr bewusst.

 Sie haben den Islam als 20-jähriger angenommen, das war 1971. Wurden Sie, wie viele andere Konvertiten, christlich-religiös erzogen?

Abdur Rashid: Meine Eltern waren Baptisten in North Carolina. Sie ließen sich scheiden, als ich Kind war. Mit acht Jahren wurde ich Lutheraner, unterrichtete als Teenager sogar an einer Sonntagsschule. Aus spiritueller Neugier interessierte ich mich für andere Religionen. Am Ende wurde ich Muslim – Gott hat mich geführt. Heute habe ich einen muslimischen Sohn und eine Tochter, die Christin ist; sie hat sich so entschieden, obwohl sie muslimisch erzogen wurde. Das ist eine typisch afro-amerikanische Familie.

Als Sie zum Islam konvertierten, im Jahr 1971, war der Mord an Malcolm X erst sechs Jahre her. Er starb nicht weit von dieser Harlemer Moschee, wo wir jetzt gerade sitzen. Was ist aus dieser Zeit geblieben?

Abdur Rashid: Der Kampf für Gerechtigkeit! Das ist ein enorm wichtiges Anliegen aller Afro-Amerikaner und ganz besonders der Muslime unter ihnen. Malcolm X war eine Schlüsselfigur: sowohl für den Kampf um soziale Gerechtigkeit wie auch für die Hinwendung der Afro-Amerikaner zur sunnitischen Tradition des Islam. Malcolm ging von einer Version des Islam über zum eigentlichen Islam. Er ist heute immer noch eine sehr inspirierende Person.

Unter jungen afro-amerikanischen Muslimen werden salafistische Strömungen beobachtet, mancherorts scheint dies eine Art Mode zu sein. Bereitet Ihnen das Sorge?

Abdur Rashid: Ich sehe einen positiven und einen negativen Einfluss. Es ist wichtig, die Aufmerksamkeit der indigenen amerikanischen Muslime auf die authentischen Quellen des Islam zu lenken. Die Fokussierung der Salafisten auf den Koran und die Praxis des Propheten hat einen positiven Effekt, weil bei uns der Islam aufgrund des Eklektizismus immer allen möglichen Ideologien und Philosophien ausgesetzt ist. Aber leider haben die afro-amerikanischen Muslime wegen ihrer mangelnden Verwurzelung den Hang, sich kulturell beeinflussen zu lassen. Die Salafisten kommen aus der arabischen Welt. Im Namen der Religion kopieren nun manche Afro-Amerikaner arabische Sitten. Das ist nicht gut.

Interview: Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2012

Imam Talib Abdur Rashid, 61, Afro-Amerikaner, Konvertit, ist im interreligiösen Dialog aktiv und ein streitlustiger Blogger. Seine Moschee, die "Mosque of Islamic Brotherhood Inc." in Harlem, wurde einst von Männern und Frauen gegründet, die mit Malcolm X die "Nation of Islam" verließen und sich dem Mainstream des sunnitischen Islam zuwandten. Die afro-amerikanischen Konvertiten und ihre Nachkommen stellen ein Drittel der geschätzt sieben Millionen US-Muslime.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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