Hassan Abu Haniyya; Foto: privat
Interview mit Hassan Abu Haniyya

Der starre Blick der Muslimbrüder

Nach Ansicht des jordanischen Islamismus-Experten Hassan Abu Haniyya hält die Muslimbruderschaft nach wie vor an den Strukturen fest, die der Begründer der Bewegung, Hassan al-Banna, schon Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Dies blockiere die politische Weiterentwicklung der Organisation und fördere gleichzeitig Abspaltungstendenzen, so Haniyya. Mit ihm sprach Emad Ghanim.

Nachdem es im Arabischen Frühling zum Sturz mehrerer arabischer Regimes gekommen ist und die neuen Regierungen inzwischen Konturen angenommen haben, scheinen die Kräfte des politischen Islams verstärkt den Ton anzugeben. Glauben Sie, es handelt sich dabei um eine vorübergehende Phase oder werden wir künftig erleben, wie sich die Muslimbrüder in der gesamten arabischen Welt als herrschende Kraft etablieren?

Hassan Abu Haniyya: Der Aufstieg der Muslimbrüder kam mit Sicherheit nicht überraschend. Schon in den 1990er Jahren konnten die islamistischen Kräfte – allen voran die Muslimbrüder – Mehrheiten für sich gewinnen, wo immer freie Wahlen abgehalten wurden, beispielsweise in Algerien oder Jordanien.

In Folge der arabischen Revolutionen verschwanden diejenigen Kräfte, welche gestützt auf Polizei- und Sicherheitsapparat die arabische Welt jahrzehntelang in ihrem Griff gehalten hatten, von der Bildfläche. Der anschließende Wahlerfolg der Muslimbrüder und anderer islamistischer Kräfte war zu erwarten gewesen: Ihnen galt die Sympathie der Bevölkerung, schließlich waren sie schon während der 1980er- und 1990er Jahre als einzige Oppositionsbewegungen gegen die totalitären Regimes aufgetreten.

Wählerin bei der Stimmabgabe in Alexandria; Foto: AP/dapd
Hassan Abu Haniyya glaubt, dass der Faktor "islamische Identität" für künftige Wahlentscheidungen an Bedeutung verlieren wird. Die Wähler in den Ländern des Arabischen Frühlings dürften es sich deshalb in Zukunft genauer überlegen, islamistischen Gruppen ihre Stimme zu geben.

​​Doch auch wenn die Islamisten ihre politische Macht festigen könnten, so wird es doch zu Ausdifferenzierungen innerhalb des Spektrums des politischen Islams kommen. Es werden sich gemäßigte und radikale Strömungen herausbilden, jeweils in Annäherung an das Modell Türkei oder das Modell Al-Qaida. Den eigentlichen Machtkampf werden die Islamisten innerhalb ihrer eigenen Reihen zu bestehen haben.

Kann denn diese neue Herrschaftselite den Hoffnungen der arabischen Jugend gerecht werden – einer Jugend, die in vielen arabischen Ländern auf die Straße gegangen ist mit der Forderung nach einem Staat, in dem die Bürgerrechte respektiert werden?

Abu Haniyya: Ich denke, die islamistischen Gruppierungen, allen voran die Muslimbrüder, haben seit den frühen 1990er Jahren an der Weiterentwicklung ihres politischen Diskurses gearbeitet. Während sie noch in den 1980er Jahre weder an das demokratische System noch an die Möglichkeit eines friedlichen Machtwechsels geglaubt hatten, lässt sich seit einiger Zeit beobachten, dass sie Positionen beziehen, die im Widerspruch zu ihren alten Grundsätzen stehen.

So präsentierte die ägyptische Muslimbruderschaft, die "Mutter" aller islamistischen Gruppierungen, 2004 ihre sogenannte Reforminitiative, in der vor allem Themen wie Bürgerrechte, Demokratie, Zivilgesellschaft, friedlicher Machtwechsel und Pluralismus behandelt wurden. Die übrigen Ableger der Bruderschaft nahmen sich diese Reforminitiative zum Vorbild. Durch die Weiterentwicklung ihrer politischen Positionen zeigten die Muslimbrüder, dass sie näher am Puls der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen sein wollten.

Mit der Zeit kam jedoch das – langfristig gesehen – zentrale Problem der Muslimbruderschaft zum Vorschein: Die Beziehung zwischen den einzelnen innerhalb des Organisationsgerüsts existierenden Gruppen.

Die Bruderschaft hält nach wie vor an den Strukturen fest, die Hassan al-Banna, Begründer der Bewegung, Anfang des 20. Jahrhunderts festgelegt hatte. Es fehlt ein neuer Interpretationsansatz, der auf sämtliche Organisationseinheiten der islamischen Welt ausdehnbar wäre. Diese Starrheit behindert die politische Weiterentwicklung und fördert gleichzeitig Abspaltungstendenzen oder die Bildung Unterströmungen innerhalb der Bruderschaft.

Salafist demonstriert in Kairo; Foto: Reuters
Ungleiche strategische Partner: "Allianzen wie zwischen Salafisten und Muslimbrüdern in Ägypten werden stets zeitlich begrenzt bleiben, denn die ideologischen Unterschiede werden, allem Pragmatismus zum Trotz, zu ihrer Auflösung führen", meint Haniyya.

​​Bevor eine Organisation wie die Muslimbruderschaft also den Kampf um die gesellschaftliche Hegemonie aufnehmen kann, muss sie sich zunächst den internen Auseinandersetzungen stellen.

Wir sind schon auf die ägyptischen Muslimbrüder als "Mutterorganisation" zu sprechen gekommen. Könnte der Pragmatismus der Muslimbruderschaft auch in anderen Ländern eine Allianz zwischen ihnen und den Salafisten möglich machen, trotz der herrschenden ideologischen Unterschiede?

Abu Haniyya: Es scheint tatsächlich so, als würden sich temporäre Bündnisse bilden, wie es beispielsweise zwischen Muslimbrüdern und Salafisten während der Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in Ägypten der Fall war.

Allianzen wie diese werden jedoch stets zeitlich begrenzt bleiben, denn die ideologischen Unterschiede werden, allem Pragmatismus zum Trotz, zu ihrer Auflösung führen.

Wie ist Präsident Mursis Konfrontationskurs gegenüber dem Militärrat nach dessen Dekret zur Auflösung des Parlaments zu bewerten? Wollte er die Unterstützung der ägyptischen Bevölkerung gewinnen, um sich für die kommenden Parlamentswahlen zu rüsten? Die von den Muslimbrüdern bei den vorherigen Parlamentswahlen errungene Mehrheit hatte ja noch weit über dem später von Präsident Mursi erzielten Wahlergebnis gelegen.

Abu Haniyya: Das Wahlergebnis der ersten Parlamentswahlen wird so mit Sicherheit nicht noch einmal eintreten. Damals trafen die Menschen ihre Wahlentscheidung auf Grundlage ihrer islamischen Identität.

Dann aber begannen die Menschen die Bedeutung von "Identität" zu hinterfragen und ich denke, dass sie zunehmend zu rationalen Entscheidungen übergehen werden. Bei den Wahlen in Libyen konnte man diese Tendenz beispielsweise gut erkennen: Dort war Identität nicht der wahlentscheidende Faktor, weshalb die Allianz der Nationalen Kräfte unter Führung von Mahmud Dschibril beinahe die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen konnte.

Mahmoud Dschibril; Foto: dapd
Das Gesicht der Revolte gegen Ex-Machthaber Gaddafi und der neue Königsmacher der libyschen Politik: Die moderat-islamische Allianz von Ex-Regierungschef Dschibril erhielt nach den ersten freien Wahlen in Libyen 39 der 80 für politische Parteien reservierten Sitze im neuen Parlament.

​​Ich denke, dass auch in Ägypten die Menschen in Zukunft eher zurückhaltender und nüchterner handeln werden, wenn es um wichtige Entscheidungsfindungen geht, wie die, ob sie islamistischen Gruppen ihre Stimme geben sollen. Bei den kommenden Wahlen wird das Thema Identität an Strahlkraft einbüßen, während Programme politischer, ökonomischer und sozialer Natur in den Vordergrund treten werden.

Wie steht es mit Syrien? Rechnen Sie damit, dass die Muslimbrüder in der Zeit nach Assad eine einflussreiche Rolle spielen werden?

Abu Haniyya: Mit Sicherheit. Die Muslimbruderschaft ist nach wie vor die am besten organisierte und am meisten präsente Oppositionsbewegung in Syrien – und das, obwohl sie seit den 1980er Jahren gezwungenermaßen von der politischen Bühne Syriens verschwunden war. Sie verfügt über intakte Organisationsstrukturen und erfreut sich in der syrischen Bevölkerung einer hohen Akzeptanz.

Angesichts des in Syrien herrschenden konfessionellen Konflikts geht der Trend unleugbar zur Betonung der islamischen Identität. Die Muslimbruderschaft wird als Vertreterin der sunnitischen Richtung innerhalb Syriens fungieren, wodurch ihr eine wichtige Rolle in jeder denkbaren Übergangsphase zukommen wird. Und diese Rolle wird vermutlich, angesichts der Zersplitterung der übrigen Oppositionsgruppen sowohl im In- als auch im Ausland, nicht klein ausfallen.

Interview: Emad Ghanim

© Qantara.de 2012

Übersetzung aus dem Arabischen von Rafael Sanchez

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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