Fawzia Koofi, afghanische Menschenrechtsaktivistin und Präsidentschaftkandidatin; Foto: Getty Images
Interview mit Fawzia Koofi

''Ich fürchte, der Westen wird Afghanistan aufgeben''

Die afghanische Menschenrechtsaktivistin und Präsidentschaftkandidatin Fawzia Koofi kritisiert die Karsai-Regierung für ihren Kurs der Annäherung an die Taliban und steht dem Zeitplan für einen Abzug der internationalen Truppen skeptisch gegenüber. Martin Gerner hat sie in Kabul getroffen.

Sie sind das neunzehnte Kind unter dreiundzwanzig Geschwistern in Ihrer Familie. Hat Sie das gelehrt, für Ihre Rechte zu kämpfen?

Fawzia Koofi: Sicherlich. Das Leben in einer großen Familie hat viel damit zu tun, sich durchzusetzen. Als junges Mädchen habe ich gelernt, Präsenz zu zeigen und mich unter den Älteren zu behaupten.

Sie kandidieren 2014 um die Präsidentschaft in Afghanistan. Lassen Sie uns für einen Moment träumen. Was würden Sie ändern, wenn Sie gewinnen?

Koofi: Wieso träumen? Ich gehe vom Möglichen aus. Zwei Bereiche sind wichtig. Zum einen will ich die Situation der Menschen verbessern. Afghanistan ist kein Land, das chronisch arm bleiben muss. Wir verfügen über eine Menge Reichtum durch unsere Rohstoffe, etwas, was die gegenwärtige Regierung bisher noch nicht genutzt hat. Bislang hängen wir vor allem von ausländischer Hilfe ab. Wir brauchen aber einen Übergang zu eigenständigen Industrien. Das wiederum muss begleitet werden von einem Prozess, in dem die Politiker der Bevölkerung Rechenschaft schuldig sind sowie von einer funktionierenden Justiz.

Also weniger Korruption. Wie wollen Sie das erreichen?

Koofi: Wir müssen als Politiker selbst Vorbilder sein im Kampf gegen Korruption. Wir müssen es vorleben. Das fängt in unseren eigenen Familien an. Wenn wir das der Bevölkerung glaubwürdig vermitteln, hat das auch Folgen für das politische Leben. Nehmen Sie die Regierungsebene. Da ist in den letzten Jahren niemand verurteilt worden, obwohl wir zahlreiche Fälle von Korruption dort kennen. Das muss sich ändern.

Was wollen Sie für die Frauen in Afghanistan bewirken?

Koofi: Das ist mein Anliegen. Frauen machen 55 Prozent der afghanischen Bevölkerung aus. Sie entscheiden die nächste Wahl. Aber sie sind auch der vergessene Teil der Bevölkerung. 2004 wurde Karsai von 44 Prozent der Frauen gewählt. Er verdankt ihnen seine Wahl. Aber er hat sie gleich nach der Wahl wieder vergessen.

Demonstration gegen Männergewalt in Kabul; Foto: DW
Gegen Selbstjustiz, Männergewalt und religiöse Zwänge: Demonstration von Frauenrechtsaktivistinnen in Kabul im September 2012

​​Heute sind die Rechte von Frauen zu einer "Kampfgröße" im Krieg geworden, zwischen den Taliban auf der einen, der Regierung und den Geberländern auf der anderen Seite. Die Taliban kämpfen, um zunichte zu machen, was die andere Seite versucht, als Erfolg auf diesem Gebiet darzustellen. Unlängst hat es grausame Verletzungen von Frauenrechten gegeben. In einem Fall wurde eine Frau in Gegenwart einer Menge öffentlich hingerichtet. Das Gebiet kontrollierten die Taliban. Es wurde geklatscht dabei. So etwas darf kein Platz haben in unserer Kultur.

Wie wollen Sie als Politikerin Tradition und überkommenes Denken zurückdrängen?

Koofi: Es braucht viel Zeit, die negativen Seiten gesellschaftlicher Traditionen zu verändern. Über Nacht wird das nicht geschehen.

2014 verlässt das internationale Militär Afghanistan. Sind Sie damit einverstanden?

Koofi: Nein. Ich befürchte, dass der Westen Afghanistan aufgeben könnte. Die internationale Gemeinschaft ist im Namen von Sicherheit und Stabilität angetreten. Zwölf Jahre später sehen die Menschen davon nur wenig. Meine Heimatprovinz Badakhshan war für gewöhnlich ein ruhiger und sicherer Ort. Jetzt verschlechtert sich die Lage zusehends. Ein zu früher Abzug macht alles nur noch schlimmer und gefährdet die noch schwachen Institutionen. Ich hoffe, es kommt nicht zu einem worst-case-Szenario, so dass keine Wahl stattfinden kann.

Was bedeutet das Abzugsdatum 2014 wirtschaftlich für Afghanistan?

Koofi: Wir steuern auf eine wirtschaftliche Krise in Afganistan zu. Bisher sorgt das Geld aus der Militär- und Entwicklungshilfe für eine Anzahl von Arbeitsplätzen.

in Soldat des deutschen ISAF-Kontingents patrouilliert in der Umgebung von Faisabad ; Foto: dpa/picture alliance
Bangen um Frieden und Demokratie nach dem Abzug: Bereits bis Mitte 2013 soll die Kontrolle über die Provinzen schrittweise an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben werden. Der Nato-geführte Isaf-Einsatz wird Ende 2014 mit dem Abzug fast aller Kampftruppen der 50 beteiligten Staaten abgeschlossen sein.

​​Aber jetzt werden viele Menschen ihre Arbeit verlieren. Ohne klare Alternative besteht die Gefahr, dass einige dieser Menschen in Kriminalität oder Extremismus abrutschen könnten. Unter meinen Bekannten gibt es junge studierte Menschen, die zu mir kommen und mich nach Arbeit fragen. Nicht jedem kann ich eine Empfehlung geben. Einige haben sich später bei den Taliban wiedergefunden.

Zuletzt hat es mehr tödliche Übergriffe von afghanischen Soldaten auf internationales Militär gegeben. Welche Erklärung haben Sie dafür, dass Afghanen ihre internationalen Mitarbeiter angreifen?

Koofi: Einerseits geht es in einigen dieser Fälle um persönliche Streitigkeiten zwischen Soldaten beider Seiten, bisweilen in Verbindung mit einem Mangel an kultureller Sensibilität. Ein besseres Training für internationale Truppen, bevor sie nach Afghanistan kommen, wäre gewiss hilfreich. Andererseits reagieren afghanische Soldaten oft aggressiv, was auch mit fehlender Bildung zusammenhängt.

Es sollte z.B. klar sein, wie man mit einem Text des Koran umgeht. Auch sollte man afghanische Frauen in der Öffentlichkeit nicht einfach fotografieren. Es gilt eigentlich das Gleiche, was wir in jeder anderen Gesellschaft auch erwarten würden. Aber es gibt manche Personen bei den ausländischen Truppen, die sich offenbar für überlegen halten. Die Afghanen erscheinen ihn als nobodies. Mehr Respekt könnte daher helfen, solche tödlichen Zwischenfälle zu vermeiden.

Es hat eine Welle der Gewalt nach dem jüngsten Anti-Muhammad-Film gegeben. Wo stehen Sie zwischen Meinungsfreiheit und religiöser Sensibilität?

Koofi: Wir leben in einem global village. Wir alle haben Rechte und Pflichten. Die Ausübung von Meinungsfreiheit verlangt einen verantwortlichen Umgang - ohne die Absicht, Gewalt zu provozieren. Umgekehrt verurteile ich die Gewaltausbrüche, die es gegeben hat. Wir sollten diesen Gruppen keinen Anlass für solche Taten liefern.

Das Interview führte Martin Gerner.

© Qantara.de 2012

Die afghanische Frauenaktivistin Fawzia Koofi stammt aus der nordöstlichen Provinz Badakhshan, wo sich mehrere Jahre auch ein deutsches Wiederaufbauteam eingerichtet hatte, das jetzt abzieht. Sie war als Englisch-Lehrerin und als Unicef-Mitarbeiterin tätig. Seit 2005 sitzt Koofi im afghanischen Parlament und ist dort u.a. tätig im Ausschuss für Frauen-Angelegenheiten.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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