Samar Yazbek; Foto: © Manaf Azzam
Interview mit der syrischen Schriftstellerin Samar Yazbek

Ein Volk in Geiselhaft

Die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek kämpft von ihrem Schreibtisch in Paris aus für die Freiheit ihrer Landsleute. Khalid El Kaoutit sprach mit ihr über die Brutalität des Assad-Regimes und die politische Ohnmacht der internationalen Staatengemeinschaft.

Frau Yazbek, Sie leben seit fast einem Jahr im Pariser Exil. Wie fühlen Sie sich angesichts der Eskalation der Gewalt in Syrien?

Samar Yazbek: Ich hatte gehofft, dass das Regime spätestens in diesem Frühling fallen wird. Darauf haben alle gesetzt.

Und warum tritt das nicht ein?

Yazbek: Assad hat die Macht von seinem Vater geerbt. Auch seinen Regierungsstil hat er vom Vater übernommen. Aber ich glaube, dass es keinen Unterschied zwischen Baschar al-Assad und Gaddafi gibt. Assad ist nur noch geschickter. Sein Image als moderner, gebildeter Staatsführer nutzt er geschickt aus.

Das Land wehrte sich trotzdem gegen seine Gewaltherrschaft...

Yazbek: Alle wussten, dass eine Revolution fällig ist. Aber die Unsicherheit war groß, ob die Menschen diesen Protest auch auf die Straße tragen können. Zufällig haben dann Kinder in Dara'a Protestsprüche auf Wände geschrieben. Der Geheimdienst hat ihnen zur Strafe die Fingernägel herausgerissen. Das war zu viel! Die Brutalität der Geheimdienste hatte dazu geführt, dass immer mehr Menschen auf die Straße gingen. Die Begriffe Bürgerlichkeit, Freiheit und Würde hatten schon vorher immer konkretere Züge bei den Menschen angenommen. Und die Forderung nach diesen Rechten und Prinzipien wurde immer lauter - vor allem bei der jungen Generation.

Wie erklären Sie sich die unglaubliche Brutalität des Regimes? Dient sie auschließlich der Einschüchterung und Erniedrigung der Menschen?

Yazbek: Das ist es ja, was mich beängstigt. Die wollen nicht nur eine Diktatur errichten. Nein, denen geht es um Demütigung. Die Militärs und Geheimdienstler können einfach nicht akzeptieren, dass Menschen ihre Rechte einfordern. Das entspricht der Struktur ihrer Psyche. Für sie gibt es keine diplomatischen Lösungen, nur Morden und Terror.

Vor der syrischen Botschaft in London; Foto: dpa
Die blutige Spur des Assad-Terrors: Insgesamt sind in Syrien nach Schätzungen vom März mehr als 9.000 Menschen getötet worden.Vorläufiger Höhepunkt der Grausamkeit des Regimes im Krieg gegen die syrische Bevölkerung war das Massaker von Al-Hula vom 25. Mai 2012, mit mehr als 110 Toten, etwa ein Drittel davon Kinder.

​​Sie wollen das Volk zermalmen. Sie haben die Gesellschaft Syriens aufgebaut wie einen Bauernhof, der alleine Baschar al-Assad und seinem Clan dient. Und auf diesem Hof dürfen die Bediensteten auf keinen Fall ihre Rechte einfordern.

Welche Rolle spielt der ethnische Hintergrund der Assads im momentanen Konflikt? Frau Yazbek, Sie sind ebenfalls Alawitin. Stellen die Alawiten die regierende Elite Syriens?

Yazbek: Nein! Die Alawiten sind nicht die regierende Elite, das ist ein historischer Irrtum. Richtig ist jedoch, dass die Assad-Familie diese Ethnie in Geiselhaft genommen hat. Die Alawiten waren lange von Repressionen betroffen - und wurden dann ein Teil des Regimes, um ihre Identität wiederzuerlangen.

Aber das Regime hat die Alawiten nur für ihre politischen Zwecke instrumentalisiert. Und nun stehen die meisten hinter Assad, weil sie Angst haben, von der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit massakriert zu werden. Ich glaube aber, dass dieses Szenario unrealistisch ist. Assad hat viele teuflische Versuche unternommen, um die Leute in eine ethnische Auseinandersetzung zu treiben - bislang jedoch ohne Erfolg.

Doch gibt es seit dem Beginn des Aufstandes mehr interkonfessionelle Ressentiments als zuvor.

Yazbek: Ich war in den ersten Monaten der Revolution dabei, ich war auf der Straße, habe demonstriert. Alles verlief friedlich. Die Leute wollten das Regime stürzen. Aber dann hat Assad sein sinistres Spiel getrieben, indem er Sunniten umbringen ließ und erklärte, es seien Alawiten gewesen und umgekehrt.

Er hat es geschafft, die Leute einer Spirale der Gewalt auszusetzen, indem er das Militär gegen das Volk einsetzte. Dann gab es immer mehr Deserteure, aus denen sich schließlich die Freie Syrische Armee rekrutierte. Sie wurde zum bewaffneten Teil der Revolution. Die Angehörigen der regulären Armee mussten ja desertieren, sonst hätten sie ihre eigenen Leute töten müssen.

Aber zu Beginn war der Aufstand ausnahmslos friedlich. Die Leute sind völlig ungeschützt auf die Straße gegangen, sie wussten, dass sie dabei ihr Leben riskieren. Am nächsten Tag sind sie wieder auf die Straße gegangen. Aber Gewalt erzeugt eben eine Kultur der Gewalt.

Hat die Revolution also ihre Unschuld verloren?

Yazbek: Nein, sie hat ihre friedlichen Mittel verloren. Und das bedeutet, dass das Ausmaß der Gewalt und Repression gegenüber ganz einfachen Menschen zunimmt - das ist hier eine Volksrevolution, keine elitäre.

UN-Sicherheitsrat; Foto: Reuters
Tatenlose Weltgemeinschaft: "Die Staaten sind sich nicht einig, wie sie ihre Interessen im Fall Syriens untereinander koordinieren wollen, vor allem nach der Erfahrung in Libyen", sagt Yazbek

​​Sie engagieren die sogenannte "Shabiha" - alawitische Mafiatypen im schwarzen Mercedes mit getönten Scheiben -, die Sunniten umbringen.

Als Alawitin hätten Sie einfach Ihre Privilegien nutzen können, anstatt auf die Straße zu gehen.

Yazbek: Dieser Gedanke kam mir nie in den Sinn. Ich gehöre der Menschheit an, nicht einer bestimmten Ethnie. Die Menschen haben Freiheit und soziale Gerechtigkeit gefordert, ich habe das selbst erlebt, in den ärmsten Vierteln von Damaskus. Sie haben gerufen: "Nicht Sunniten, nicht Alawiten - wir sind alle Syrer!"

Sie haben nach einem zivilen Staat gerufen. Bevor sie dann auch zu religiösen Parolen übergingen und sich gezwungen sahen, zu "Allah" zurückzukehren. Sie brauchen einen spirituellen Unterstützer, es liegt einfach in ihrer Kultur.

Die Weltgemeinschaft sieht tatenlos zu. Gibt es nach dem Scheitern des Annan-Friedensplans überhaupt noch Hoffnung auf ein rasches Ende der Gewalt?

Yazbek: Die Weltgemeinschaft tut ja überhaupt nichts. Sie will offenbar dieses Regime, denn es verteidigt ihre Interessen. Staatdessen sollte ein Gleichgewicht hergestellt werden. Aber jeder, der in diesen Prozess involviert ist, will zunächst seine eigenen Interessen wahren.Die Staaten sind sich nicht einig, wie sie ihre Interessen im Fall Syriens untereinander koordinieren wollen, vor allem nach der Erfahrung in Libyen: Die Russen sind dort leer ausgegangen, deshalb haben sie jetzt Angst. Aber wenn die Verteilungsfrage gelöst ist, dann werden sie anders handeln. Außerdem glaube ich nicht, dass sich etwas ändert vor dem Ausgang der Wahlen in den USA.

Das ist ein sehr nüchternes Fazit...

Yazbek: Ja, aber ich habe junge Menschen in Gefängniszellen gesehen, sie hingen an den Füßen nach oben wie geschächtetes Vieh. Ich habe Schreie gehört, ich habe Katakomben gesehen. Ich habe Grausamkeiten gesehen, da wurden die Menschenrechte mit Füßen getreten. Leute, die so stark geschlagen wurden, dass sich ihre Haut am ganzen Körper löste. Das war viel - aber jetzt denke ich, dass diese ganze Grausamkeit eigentlich nichts ist, nach den Bildern, die ich jetzt im Moment aus Syrien sehe.

Fühlen Sie sich nicht von den Geschehnissen abgeschnitten, seitdem Sie außer Landes sind?

Yazbek: Nein, im Gegenteil. Ich habe täglich Kontakt zu Aktivisten in Syrien. Und wenn du draußen bist, dann willst du einen Ort schaffen, der ähnlich ist, parallel ist zu dem Inneren des Landes.

Syrische Rebellen in Idlib; Foto: dapd
"Aus Gewalt entsteht eine Kultur der Gewalt": Zu Beginn der Revolution waren die Proteste friedlich, aber Assad hat es geschafft, die Leute zur Gewalt zu führen, indem er das Militär gegen das Volk einsetzte, sagt Samar Yazbek

​​Das Gefühl, dass du dem Tod entgangen bist, das ist eine zusätzliche Last. Du hast ein Schuldgefühl, dass du dieser Revolution noch mehr geben musst, dich opfern musst, so als wenn du noch dort wärst.

Wie können die Menschen im Exil helfen?

Yazbek: Zunächst durch mediale Arbeit. Das Regime versucht, das Bild der Revolution zu verzerren. Deshalb versuchen wir immer zu zeigen, was wirklich passiert ist in Syrien. Wir können auch den Menschen helfen, indem wir internationale Hilfsgüter organisieren. Ich habe gerade eine Organisation gegründet, sie heißt "Syrerinnen für die Entwicklung". Wir beschäftigen uns mit den Angelegenheiten der Mütter, die kein Einkommen haben. Wir protokollieren Verhaftungen und Folter, die syrische Frauen erleiden. Wir kontaktieren Forschungszentren, die Gesetze erarbeiten in Bezug auf die Frauenrechte.

Welche Rolle nehmen die Frauen in dieser Revolution ein?

Yazbek: Eine führende Rolle! Sie haben revolutionäre Gruppierungen gegründet, die bis heute im ganzen Land aktiv sind. Es gibt Frauen, die gegen das Regime anschreiben, das wahre Bild der Dikatur zeichnen. Andere sind in Hilfsorganisationen aktiv. Wahr ist, dass ihre Präsenz auf der Straße zurückgegangen ist, aber das liegt nur an dem drastischen Zuwachs der Gewalt. Die Frauen wurden für Zwecke der Gewalt instrumentalisiert - sie wurden gezielt angegriffen. Es gab Vergewaltigungen, sexuelle Belästigungen.

Und welche Rolle spielt Asma al-Assad, die First Lady Syriens?

Yazbek: Asma ist eine Komplizin des Regimes, eine Mittäterin. An dem Tag, als Homs bombardiert wurde, ihre eigene Stadt, war sie shoppen im Internet. Asma wird als Schönheitsaccessoire für das Regime benutzt. Als schöne, elegante Frau, die aber auf Kosten des syrischen Volkes lebt - von seinem Blut. Sie hat ihre Stadt, ihr Volk und alle Frauen verraten.

Syriens First Lady Asma al-Assad; Foto: picture-alliance/dpa
Das "Schönheitsaccessoire" des Regimes: In den Augen vieler Syrer hat First Lady Asma al-Assad ihr Volk verraten.

​​Sie hat auch diejenigen verraten, die anfangs auf sie gesetzt haben, als sie versprochen hatte, sich für den Aufbau einer modernen, zivilen Gesellschaft einzusetzen. Ihr ist es aber offensichtlich wichtiger, First Lady zu bleiben, als sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Was ist eigentlich mit den Menschen, die die Drecksarbeit für das Regime verrichten - die Folterknechte und Schergen?

Yazbek: Einige von ihnen betrachten es als reinen Broterwerb. Sie kommen meist aus armen Verhältnissen und wollen Geld verdienen. Andere wiederum stehen in ethnischer Hinsicht loyal zum Regime. Und wieder andere mögen es, andere Menschen zu demütigen, weil sie sich nur auf diesem Weg selbst spüren können.

Die Motive sind gemischt, aber faktisch hat die Komplexität des Konflikts dazu geführt, dass viele Angst vor der Zukunft haben. Und weil das Regime bislang die stärkste Partei in dem Konflikt ist, wollen viele eben zu den Stärkeren gehören. Sie ahmen den Diktator nach und werden dadurch zu Monstern.

Können Sie sich im Moment überhaupt vorstellen, in ein solches Land zurückzukehren?

Yazbek: Ich habe große Sehnsucht nach Syrien, aber ich gehe erst zurück, wenn das Regime fällt. Die anderen, die sich noch in dem Land aufhalten, sind viel mutiger als ich. Meine Rolle als Schriftstellerin versuche ich weiterhin zu erfüllen. Mehr kann ich jedoch nicht leisten. Das allgemeine Verständnis von Mut ist, dass du dich dem Kugelhagel entgegenstellst. Philosophisch bedeutet Mut, dass du keine Angst hast, deine Meinung zu äußern, auch wenn dich das etwas kosten könnte - als Schriftsteller oder Intellektueller. Da muss man sich entscheiden und Position beziehen.

Frauen auf einer Demonstration gegen Assad in Idlib im September 2011; Foto: dapd
Sie gehen auf die Straße, gründen Hilfsorganisationen und schreiben gegen das Regime an: Frauen spielen in der syrischen Revolution eine führende Rolle

​​Ich habe mich seit langem entschieden. Ich lebe seit langem allein, außerhalb des familiären und gesellschaftlichen Rahmens und der Gebräuche, die für Frauen bestimmt sind. Diese Grenzen habe ich seit langem durchbrochen. Aber ich betrachte Freiheit als Verantwortung. Als ich mich entschlossen habe, alleine zu leben, habe ich das als große Verantwortung gesehen.

Verantwortung wem gegenüber?

Yazbek: Gegenüber den Frauen. Eine freie Frau sollte in der Lage sein, zu denken, sie sollte aktiv sein. Ihre Erfahrung sollte ein Beispiel sein für andere Frauen, die auch frei leben wollen. Die Zukunft wird allerdings eher von einer Beschneidung der Frauenrechte geprägt sein, da wohl bald die Islamisten erstarken werden.

Doch das muss nicht fatal sein, wenn wir einen demokratischen Staat aufbauen wollen, in dem sie sich auf demokratische Weise ausdrücken können - wir können uns streiten und verschiedener Meinung sein. Aber wir werden ihnen nicht erlauben, uns in die Vergangenheit zurückzubegeben. Wir werden wohl noch Jahrzehnte brauchen, um eine Zivilgesellschaft aufzubauen. Wir stehen erst am Anfang.

Khaled El Kaoutit

© Qantara.de 2012

Samar Yazbek wurde 1970 in der syrischen Stadt Dschabla geboren. Nach einem Abschluss in arabischer Literatur avancierte sie zur Film- und Fernsehkritikerin. Sie veröffentlichte mehrere Romane und Kurzgeschichten-Bände. Sie ist unverheiratet und hat eine Tochter. Ihr Buch "Schrei nach Freiheit - Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution" ist vor kurzem beim Verlag Nagel & Kimche erschienen.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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