Die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek, Foto: Susanne Schanda
Interview mit der syrischen Schriftstellerin Samar Yazbek

Den Aufständischen eine Stimme geben

Im Gespräch mit Susanne Schanda berichtet die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek, warum sie im Verlauf des Aufstands gegen das Assad-Regime ihr Land verlassen musste und weshalb ihr die Unterstützung der Protestbewegung in Syrien so viel bedeutet.

Samar Yazbek, Sie haben die Revolution in den ersten Monaten aktiv unterstützt, Zeugenaussagen gesammelt und schließlich Ihr Tagebuch publiziert. Was geht in Ihnen heute vor, wenn Sie das Geschehen in Syrien von außen beobachten?

Samar Yazbek: Ich fühle mich machtlos und zur Untätigkeit verdammt in meinem Exil in Paris. Dennoch versuche ich weiterhin, auf irgendeine Weise die Protestbewegung zu unterstützen – und sei es nur, indem ich hier im Westen vom Leiden der Menschen in Syrien erzähle. Ich sehe, dass die Menschen protestieren, kämpfen und sterben. Was ich als Schriftstellerin machen kann, ist ihnen eine Stimme zu geben.

Gibt es etwas am Aufstand gegen das Regime, das Sie nun aus der Distanz klarer sehen als zuvor, als Sie unmittelbar darin verwickelt waren?

Yazbek: Ich sehe jetzt von außen Dinge, die ich zuvor von innen gar nicht wahrgenommen habe. Andererseits sehe ich vieles nicht, was man nur sieht, wenn man mitten drin ist. Es bleibt ein Mangel an Informationen. Was mir jetzt im Ausland bewusst wird, ist wie verlassen die Syrerinnen und Syrer sind. Ich habe erwartet, dass es im Ausland eine viel größere Unterstützung der Protestbewegung gibt, und jetzt sehe ich, dass niemand etwas für sie tut.

Sie sind 1970 geboren, als Hafiz al-Assad sich an die Macht putschte, und kennen wie ein großer Teil der syrischen Bevölkerung kein anderes als das Assad-Regime. Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass etwas daran faul ist?

Yazbek: Ich fing mit etwa 16 oder 17 Jahren an, mich mit Politik zu beschäftigen. Ich war Kommunistin. Gegen Ende der achtziger Jahre ging Hafiz al-Assad brutal gegen die Opposition vor, unterdrückte sie und steckte viele Oppositionelle ins Gefängnis. Ich war völlig verzweifelt und merkte, dass sich diese Gesellschaft gar nicht bewegen kann. Deshalb zog ich mich von der Politik zurück und beschäftige mich mit sozialen Fragen, Frauenrechten und Kultur.

Buchcover Schrei nach Freiheit von Samar Yazbek
Tiefe Einblicke in das Innenleben des Aufstandes gegen das Assad-Regime: Das Buch "Schrei nach Freiheit" von Samar Yazbek ist jüngst im Verlag Nagel & Kimche erschienen.

​​Als im März vor einem Jahr die Revolution begann, arbeitete ich gerade als Schriftstellerin und Moderatorin am Fernsehen. Ich suchte den Kontakt zu den Aktivisten und merkte, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, in die Politik zurückzukehren, denn jetzt gab es wieder Hoffnung auf Veränderung. Ich musste einfach mitmachen, weil diese Revolution für mich so etwas wie ein alter, beinahe abgestorbener Traum war, der plötzlich wieder zum Leben erwachte.

Sie haben das syrische Regime als Autorin und Journalistin bereits vor der Revolution kritisiert. Wie weit sind Sie gegangen in Ihrer Kritik und wie hat die Staatsmacht darauf reagiert?

Yazbek: Im Staatsfernsehen kritisierte ich nicht den Staat, sondern sprach ausschließlich über Literatur. Für ausländische arabische Zeitungen schrieb ich Artikel, in denen ich soziale Probleme thematisierte. Aber die roten Linien überschritt ich nicht, ich übte damals keine Kritik an der Assad-Familie.

Wurden Ihre Publikationen zensiert?

Yazbek: Ja sicher, allerdings auf subtile Weise. Wer nicht auf der Seite des Regimes steht, wird nicht ins Leben eingebunden, und bekommt daher keinen Job. Sie versuchen, deinen Ruf zu schädigen, etwa indem sie das Gerücht verbreiten, man sei ein israelischer Agent. Oder sie versuchen die Ehre von Frauen zu verletzen. Da ich sowohl meine Romane wie meine Artikel im Libanon publizierte, konnte ich die Zensur umgehen.

Welche Rolle spielte die Tatsache, dass Sie der alawitischen Gemeinschaft angehören?

Yazbek: Ich hätte die Möglichkeit gehabt, von diesem Umstand zu profitieren, aber das lehnte ich ab und versuchte, mich diesen Mechanismen zu entziehen. Ich wollte wie eine wirkliche Gegnerin wahrgenommen werden. Aber ich muss zugeben, dass ich vermutlich aufgrund meiner Herkunft während der Revolution nicht verhaftet wurde. Gegen mich wurde nie ein Ausreiseverbot verhängt, ich bin nie verhaftet worden, ich wurde "nur" schikaniert. Sie versuchten, meine Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen, aber die jungen Frauen und Männer der Protestbewegung kannten mich und vertrauten mir.

Sie wurden vom Geheimdienst überwacht und mehrmals zum Verhör abgeführt. Was haben Sie dort erlebt?

Yazbek: Ich wurde zuhause abgeholt, man legte mir eine schwarze Augenbinde um, damit ich nicht sehen konnte, wohin sie mich führten. Ich hatte so etwas noch nie zuvor erlebt. Es war eine schreckliche Erfahrung.

Sie wurden zur Abschreckung in Gefängniszellen geführt. Was haben Sie dort gesehen?

Yazbek: Plötzlich stand ich in diesen Zellen, einige waren Einzelzellen, und ich sah die geschundenen Körper von jungen Männern. Sie hingen, an den Händen aufgehängt, an der Decke, wie Schlachtvieh. Die Füße baumelten über dem Boden. Ich hörte schreckliche Schreie. Einige der Männer waren ohnmächtig. Grauenhaft.

Wie wussten Sie, dass das Regime Sie nicht verhaften, foltern und töten würde?

Yazbek: Ich habe begriffen, dass das Regime seine Propaganda weiter treiben will. Ihr Argument: der Protest gegen Assad sei Ausdruck einer konfessionellen Spaltung des Landes, es handle sich lediglich um einen Protest der Sunniten.

Protest gegen das Assad-Regime; Foto: AP/dapd
Widerstand gegen die Assad-Diktatur ungebrochen: "Das Regime wird bestimmt stürzen. Aber bis es endgültig weg ist, wird noch viel Blut fließen", meint die Journalistin und Schriftstellerin Samar Yazbek.

​​Daher wollten sie auch keine Alawitin im Gefängnis haben, die auf Seiten der Opposition steht. Denn das hätte diese Theorie über den Haufen geworfen. Wenn sie mich hätten verhaften wollen, hätten sie dies sofort getan.

Die wiederholten Verhöre zeigten mir, dass sie mir nur drohen wollten. Wenn ich allerdings in Syrien geblieben wäre, hätten sie mich wohl inzwischen ins Gefängnis gesteckt, denn jetzt sind sie wirklich verrückt geworden. Die Gewalt kennt inzwischen keine Grenzen mehr.

Haben Sie Syrien deshalb verlassen?

Yazbek: Nein, sondern weil ich fühlte, dass ich dort nichts mehr tun kann. Ich hatte keine Bewegungsfreiheit mehr. Außerdem wollte ich meine Tochter in Sicherheit bringen. Nachdem der Geheimdienst mich bei der alawitischen Minderheit als Verräterin beschimpft hatte, wurde der gesellschaftliche Druck so groß, dass ich es nicht mehr aushielt.

Inwiefern hat Ihnen das Schreiben im Verlauf der Revolution in Syrien geholfen, das Erlebte zu verarbeiten?

Yazbek: Die Situation war schrecklich, und das Schreiben hat mir geholfen, dies auszuhalten. Ohne das Schreiben wäre ich verrückt geworden. Zum Teil schrieb ich über mich in der dritten Person, als wäre ich eine andere. Dadurch konnte ich Abstand gewinnen.

Welche Rolle spielt für Sie das Schreiben heute im Exil? Gelingt es Ihnen wieder, auch literarische Werke zu verfassen?

Yazbek: Ich schreibe wieder literarische Texte. Aber meine eigentliche Aufgabe sehe ich jetzt darin, den Leuten zu erzählen, was in Syrien passiert, Vorträge zu halten, jetzt auch durch das Erscheinen dieses Buches. Ich möchte die aktuellen Ereignisse in einem Roman verarbeiten. Dies wird aber nicht vor nächstem Jahr geschehen. Das braucht Zeit.

Sie kritisieren in Ihrem Buch die Passivität der syrischen Intellektuellen. Was sollen sie Ihrer Meinung nach konkret tun?

Yazbek: Als ich das schrieb, nämlich am Anfang der Revolution, haben sich die Intellektuellen nicht bewegt. Dabei sind sie doch das Gewissen der Gesellschaft und müssen sich einmischen.

Ägyptische Demonstranten auf dem Tahrir-Platz protestieren gegen das Mubarak-Regime; Foto: dpa
"Eher eine Revolution des Volkes als der Intellektuellen": Ägyptische Demonstranten auf dem Tahrir-Platz protestieren gegen das Mubarak-Regime

​​Inzwischen haben sie sich zu Wort gemeldet. Wenn sie dies schon am Anfang getan hätten, hätte dies die Bewegung gestärkt. Die Menschen auf der Straße sind viel weiter als die Intellektuellen. Die Passivität der Intellektuellen ist eine Konsequenz der Diktatur, die alles erstickte, was sich an Widerspruch regte.

In Ägypten spielen die Intellektuellen und Künstler bis heute eine wichtige Rolle in der andauernden Revolution. Warum ist das in Syrien anders?

Yazbek: Die Situation in Ägypten ist eine völlig andere. Das ist eine "weiche" Revolution, und das Regime zuvor war nicht so brutal repressiv wie das syrische. In Ägypten genossen die Intellektuellen und Künstler mehr Freiheit. Aber auch die Revolution in Ägypten ist eher eine Revolution des Volkes als der Intellektuellen. In Syrien gab es von Anfang an bloß einige mutige Stimmen, aber als Einheit wurden die Intellektuellen nicht wahrgenommen.

Es scheint klar zu sein, dass das syrische Regime früher oder später fallen wird. Glauben Sie das auch?

Yazbek: Ganz sicher. Das Regime wird bestimmt stürzen. Aber bis es endgültig weg ist, wird noch viel Blut fließen. Die Armee bombardiert die Städte. Es wird noch einige Zeit dauern, aber das Ende ist eingeleitet.

Und was kommt danach?

Yazbek: Nach einer so langen Zeit der Diktatur wird es sicher Probleme geben. Es kann sein, dass es eine verstärkte Hinwendung zum Religiösen gibt, einen religiösen Extremismus, es kann sich Chaos entwickeln. Aber das ist eine Übergangsphase zur Demokratie. Sie ist bereits weit entfernt am Horizont erkennbar.

Interview: Susanne Schanda

Das Gespräch übersetzte Larissa Bender, die auch das Buch "Schrei nach Freiheit" von Samar Yazbek aus dem Arabischen übersetzt hat.

Samar Yazbek wurde 1970 im syrischen Dschabla geboren. Sie studierte Literatur, veröffentlichte Romane und Erzählungen und engagierte sich als Journalistin für Bürgerrechte und die Rechte der Frauen. Außerdem ist sie Herausgeberin des Onlinemagazins "Woman of Syria"

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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