Rosa Yassin Hassan; Foto: DW
Interview mit der syrischen Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan

Von der Magie berührt

Noch bis vor wenigen Monaten berichtete Rosa Yassin Hassan in ihrem Blog "Tagebuch der syrischen Revolution" über den Kriegsalltag der syrischen Bevölkerung und die Gräueltaten von Regime und Opposition. Im Herbst 2012 gelang der von der Regierung verfolgten Autorin die Flucht nach Deutschland. Laura Overmeyer hat sich mit ihr unterhalten.

Im September vergangenen Jahres ist Ihnen und Ihrer Familie dank der Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung die Flucht nach Deutschland gelungen. Derzeit sind Sie Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. Wie geht es Ihnen nun?

Rosa Yassin Hassan: Wir fühlen uns sicher und wohl hier in Deutschland, doch unsere Herzen weilen in Syrien. Die Menschen dort leben jeden Tag in großer Gefahr und wir sind mit unseren Gedanken immer bei ihnen.

Aufgrund Ihrer regimekritischen Berichte waren Sie in Syrien nicht nur den Gefahren des Kriegs ausgesetzt, sondern wurden auch persönlich verfolgt. Was hat Sie trotz dieser doppelten Bedrohung so lange dort gehalten?

Hassan: Die Revolution war für jeden von uns ein Traum. Seit ihrem Beginn wollte ich das Land nicht verlassen, obwohl Assad von Anfang an extrem brutal gegen das Volk vorging und die Gefahr von Tag zu Tag wuchs. Ich wollte meinen Teil zu dieser Revolution beitragen und meine Art war das Schreiben. Doch die Lage verschlechterte sich zusehends: Freunde und Bekannte wurden festgenommen oder kamen um. Als mein Sohn bei einem Anschlag beinahe das Leben verlor, entschieden wir uns zur Flucht.

Seit Beginn der Revolution haben Sie in Ihrem international viel beachteten Blog "Tagebuch der syrischen Revolution" über die Entwicklungen und die am syrischen Volk verübten Gräueltaten berichtet. Was waren Ihre Beweggründe?

Hassan: Ich habe das festgehalten, was in den Medien nicht gezeigt wurde; was die Menschen fühlen, was die Menschen erleben. Ich wollte der Welt zeigen, was in Syrien passiert und wie die Lage wirklich ist – aus menschlicher, nicht politischer Perspektive. Jedes Land hat seine eigenen Interessen in Bezug auf Syrien und bei all den Diskussionen geht das Wichtigste oft unter: die Menschlichkeit.

Syrische Flüchtlinge in Atmeh; Foto: DW/A. Stahl
Das menschliche Tragödie des Krieges: Viele syrische Flüchtlingsfamilien leben in den angrenzenden arabischen Nachbarstaaten und in der Türkei unter zum Teil katastrophalen Bedingungen. Die Zahl der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien könnte sich nach Schätzungen der UN bis zum Jahresende sogar noch verdreifachen.

​​Das syrische Volk leidet, das ganze syrische Volk. Ich habe das Leid gesehen und es war meine Pflicht, darüber zu berichten. Ich habe erschütternde und bewegende Geschichten erfahren und habe den Schmerz jedes Einzelnen mitgefühlt. Doch ich habe auch mein Land und mein Volk besser kennengelernt und Menschen aus Teilen der Gesellschaft getroffen, mit denen ich zuvor nie in Kontakt war, weil das Regime eine Mauer durch das Volk gezogen hatte.

Halten Sie das Bild, das die Medien vom syrischen Konflikt liefern, für unzureichend oder verzerrt?

Hassan: Die Medien berichten nur über einen kleinen Ausschnitt des Konflikts und zwar meist über das, was die Politik in ihrem Land hören will. Sie reduzieren die Revolution beispielsweise auf die drohende Islamisierung durch dschihadistische Gruppen, weil es ihre größte Sorge darstellt. Es ist, als habe man eine riesige dunkle Wand und beleuchte mit einer Taschenlampe nur einen einzigen Punkt und behaupte, dieser Lichtpunkt repräsentiere die gesamte Fläche. Dabei ist die Revolution so viel mehr! Die Medien verzerren die Wahrheit nach ihrem Willen, besonders die arabischen.

Die Lage ist jedoch extrem unübersichtlich. Kann es überhaupt gelingen, den Überblick zu behalten, selbst wenn man sich im Land aufhält?

Hassan: Es ist schwierig. Man muss sich auf die Berichte der mutigen jungen Aktivisten verlassen, von denen viele ihr Leben für ein Foto oder Video opfern, mit dem sie ein Stück der Wahrheit ans Licht bringen wollten.

Die syrischen Medien werden vom Regime kontrolliert und verbreiten im Volk ein falsches Bild über die Lage im Land. Dieses Bild hat dazu geführt, dass die Gesellschaft zerbrochen ist und dass die Syrer ihre eigenen Brüder töten. Die Medien und die Regierung haben das syrische Volk konfessionell gespalten.

Glauben Sie, dass dies eine dauerhafte Spaltung bedeutet oder wird das syrische Volk als Einheit überleben?

Hassan: Ich glaube, wenn sich das Regime weiterhin an der Macht hält und seine Gewalttaten fortführt, dann wird es zu einem Bürgerkrieg kommen.

Bereits jetzt wird der Konflikt oft als solcher bezeichnet…

Hassan: Nein, noch ist es kein Bürgerkrieg. Es ist wahr, dass konfessionelle Gruppen gegeneinander kämpfen, dass syrische Soldaten syrische Rebellen töten und umgekehrt. Doch noch ist es kein Bürgerkrieg. Um zu verhindern, dass es so weit kommt, muss die Regierung stürzen. Einheit wird das syrische Volk nur in einer Demokratie finden und die wird mit Assad nicht zustande kommen. Je früher das Regime verschwindet, desto größer ist die Chance, dass wir unser Land wieder aufbauen und zu einer Gesellschaft zusammenwachsen können. In jedem Fall wird es ein langer Weg sein.

Aktuellen Medienberichten zufolge scheint Assad dank militärischer Unterstützung aus Russland, dem Iran und seitens der Hisbollah wieder die Oberhand zu erlangen. Glauben Sie, dass er sich nun doch noch lange halten könnte? Und was ist Ihre Meinung zu der im Juni geplanten Friedenskonferenz in Genf?

Hassan: Assad erhält schon seit Beginn der Revolution Unterstützung, doch diese Truppen haben sich immer wieder zerstreut. Ich bezweifle, dass er wirklich militärisch im Vorteil ist, denn auch die Gegenseite erhält Unterstützung aus dem Ausland. Weder die Opposition, noch das Regime können frei entscheiden, sondern werden von außen gesteuert.

Viele fremde Staaten haben sich inzwischen in Syrien eingemischt um dort ihre Interessen zu vertreten: die USA, Saudi-Arabien, Qatar, die Türkei oder Israel, das meiner Meinung nach Angst vor einem Sturz Assads hat, da er für sie der Garant für Existenzsicherung in der Region war. Ironischerweise sind sie da mit der Hisbollah einer Meinung. Die Lage ist sehr kompliziert, aus diesem Grund kann niemand wissen, was morgen passieren, wann und ob das Regime stürzen wird.

Blumen und Fahne des 'Freien Syriens'; Foto: AP
Die friedliche Kraft des politischen Wandels: "Der Moment, als uns die Revolution ergriff, war wie Magie. Das ganze syrische Volk wurde von dieser Magie berührt, die Veränderung wird auch das ganze Volk durchdringen", sagt Rosa Yassin Hassan.

​​An der Friedenskonferenz wird Assad nicht teilnehmen und selbst wenn er am Tisch säße, würde es zu keiner Einigung kommen. Dafür ist es zu spät. Hätte der Westen früher politisch eingegriffen, dann hätte das Blutvergießen vielleicht verhindert werden könnten – doch leider wurde der Konflikt in Syrien lange Zeit nicht ernst genug genommen.

Nun, da Sie in Deutschland sind, können Sie Ihre Aufgabe als "Chronistin der Revolution" nicht mehr fortführen. Wie können Sie dennoch vom Ausland her Teil der Revolution bleiben?

Hassan: Glücklicherweise konnte ich all meine Aufzeichnungen aus Syrien mitbringen und werde nun einen Roman schreiben, der die Ereignisse in Syrien seit Beginn der Revolution 2011 verarbeitet. Ich werde die Protestbewegungen beschreiben, die Für- und Gegenstimmen zu Wort kommen lassen – denn beide Seiten gehören zu Syrien. Die Zersplitterung der Gesellschaft wird ein Hauptthema des Romans sein.

Gibt es schon einen Titel?

Hassan: "Die von der Magie Berührten". Der Moment, als uns die Revolution ergriff, war wie Magie. Sobald man von dieser Magie berührt wird, kann man nicht mehr in sein altes Leben zurückkehren. Man wird nie wieder so sein, wie zuvor. Das ganze syrische Volk wurde von dieser Magie berührt, die Veränderung wird auch das ganze Volk durchdringen.

Interview: Laura Overmeyer

Übersetzung aus dem Arabischen: Mona Rahmy

© Qantara.de 2013

Die 1974 in Damaskus geborene Autorin und Menschenrechtsaktivistin Rosa Yassin Hassan wurde mehrfach für ihr literarisches Werk ausgezeichnet, welches auch zwei Romane umfasst, die ins Deutsche übersetzt wurden (Ebenholz und Wächter der Lüfte). Bekanntheit erlangte sie zudem durch ihren Blog "Tagebuch der syrischen Revolution", in welchem sie schonungslos über den Kriegsalltag der syrischen Zivilbevölkerung berichtete und der in Auszügen in internationalen Medien Verbreitung fand (FAZ und Bild in Deutschland). Derzeit lebt sie mit ihrer Familie in Hamburg auf Einladung der "Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte", sowie der "Hamburger Initiative für Menschenrechte".

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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