Filmszene aus Words of Witness von Mai Iskander
Interview mit der Dokumentarfilmerin Mai Iskander

Stets im Zentrum des Geschehens

Die amerikanische Filmemacherin Mai Iskander hat den Beginn der Revolution in Ägypten bis zu den Parlamentswahlen filmisch festgehalten, indem sie die couragierte junge Journalistin Heba Afify bei ihren Recherchen begleitete. Igal Avidan hat sich mit Mai Iskander über ihren neuen Dokumentarfilm "Words of Witness" unterhalten.

Wie entstand die Idee zu Ihrem neuen Film?

Mai Iskander: Bereits in den Jahren 2005 bis 2008 habe ich in Ägypten den Dokumentarfilm "Garbage Dreams" gedreht, in dem ich drei Jugendliche in einem Dorf bei Kairo begleite. Die Dorfbewohner sammeln Müll, den sie wiederverwerten. Zuletzt hat die ägyptische Regierung multinationale Konzerne damit beauftragt, obwohl diese wesentlich weniger Müll recyclen können. Die Folge ist, dass die jungen Ägypter vor immer neuen Hürden gestellt werden und sie um ihre Existenz bangen müssen. Das hat auch die Revolution ausgelöst.

Ich stellte fest, dass ich im Film eine persönliche Geschichte in einen breiteren politischen Kontext setzte. Meinen zweiten Film wollte ich in Ägypten drehen und darin eine Geschichte über Frauen erzählen. Denn viele Zuschauer in den USA fragten mich nach dem Leben einer Frau im Nahen Osten. Nach den ersten Kontakten zur ägyptischen Produktionsfirma "Birthmark Films" brach die Revolution aus.

Wie haben Sie Ihre Protagonistin gefunden?

Iskander: Ich kam nach Kairo zwei Tage vor dem Sturz Mubaraks. Ich habe dort mehrere Frauen interviewt, unter anderem Heba, die gerade ihre Arbeit in der Onlineredaktion der unabhängigen Tageszeitung "Al Masry al Youm" begann, und zwar in der englischsprachigen Redaktion der Zeitung. Diese Zeitung wird überwiegend von der Oberschicht sowie im Ausland gelesen, so dass die Redaktion dort mehr Freiraum genießt als etwa die für die arabische Sprachversion zuständige. Hebas Familie ist der Oberschicht zugehörig – ihre Mutter besitzt eine Bekleidungsfabrik, ihr Vater ist Bankier.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit für Ihren Film?

Iskander: Heba war sehr professionell. Es war ihr egal, dass wir sie filmen, so sehr war sie auf ihre Arbeit konzentriert. Ich hatte einfach ein gutes Gefühl bei ihr und folgte ihr zu einem der Massenproteste.

Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo am tag nach dem Sturz Mubaraks; Foto. DW
Der Tag, an dem der Pharao stürzte: Die Dokumentarfilmerin Mai Iskander hält in ihrem Film den dramatischen Umbruch am Nil fest: vom Sturz Mubaraks bis zur ersten freien Parlamentswahl nach jahrzehntelanger autoritärer Herrschaft.

​​Plötzlich verlor ich sie aber in der Menschenmenge. Ich suchte sie überall, vergeblich. Schließlich blieb nur noch ein Platz, an dem ich noch nicht nachgeschaut hatte: Ich stürzte mich direkt in die Masse, drängte mich in den Menschenkreis, und da stand tatsächlich Heba und fotografierte. Von dem Moment an wusste ich, wo ich sie immer finden würde: Im Zentrum des Geschehens.

Gab es für Sie auch gefährliche Situationen beim Drehen?

Iskander: Ich habe auch einen ägyptischen Pass, den ich immer mit dabei hatte, denn ich sehe nicht ägyptisch aus, sondern wie meine tschechische Mutter. Menschen auf dem Platz hatten mich mehrmals angehalten. Sie warfen mir vor, ich sei eine Agentin oder sie waren einfach sehr neugierig, was meine Arbeit angeht.

Wurden Sie physisch angegriffen?

Iskander: Nein. Ich war zwar einigen gefährlichen Situationen ausgesetzt gewesen und hatte immer Angst. Doch hatte ich immer auch eine männliche Begleitung und fühlte mich daher sicherer. Eigentlich hatte ich mehr Angst nach Hause zurückzukehren, denn meine ägyptische Tante, bei der ich wohnte, machte mir das Leben schwer. Sie war überhaupt nicht glücklich, dass ich einen Film drehte, weil sie das für zu gefährlich hielt. So wie Hebas Mutter ist auch sie überaus beschützend. Das ist eine sehr ägyptische Verhaltensweise, vor allem was den Umgang mit jungen Frauen angeht. Als eine amerikanische Journalistin in dieser Zeit sexuell missbraucht wurde, druckte meine Tante einen Bericht darüber aus und legte diesen auf mein Bett. So war das dann mit jeder schlechten Meldung…

Sie waren gemeinsam in einem Dorf, wo Einheimische eine Kirche in Brand gesetzt hatten. Man hinderte Sie daran, das Gebäude zu besichtigen…

Iskander: Ja, das war in Atfeeh im ländlichen Süden Ägyptens. Dieser Brandanschlag löste die ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen in Kairo nach der Revolution aus. Heba wurde beauftragt, aus dem Dorf zu berichten. Als wir uns der Kirche näherten, um zu filmen, wurden wir daran gehindert. So etwas passierte andauernd. Daraufhin breiteten sich sehr viele Gerüchte, Ängste und Paranoia aus.

Inwiefern dokumentiert Ihr Film auch den politischen Wandel nach dem Sturz Mubaraks?

Iskander: "Words of Witness" ist ein intimer Blick auf die Wende bei den Ägyptern von der Einstellung, dass sie regiert werden hin zur Vorstellung sich selbst zu regieren. Als nach 18-tägigen Demonstrationen Staatspräsident Hosni Mubarak, der sogenannte "Vater Ägyptens", von seinem Amt zurücktrat, wussten die Ägypter nicht wie es weiter geht. Denn eine Demokratie hatten sie nie. Daher suchten sie ihren Schutz beim Militär, das ihnen beim Übergang zur Demokratie helfen sollte. Einen Monat nach dem Ende der Revolution begannen die Ägypter zu begreifen, dass ihre Armee nicht auf der Seite des Volkes ist. Heba war eine der ersten Reporter, die über Menschenrechtsverletzungen der Soldaten gegen einige Kritiker berichtete.

Die Journalistin Heba Afify im Gespräch mit ägyptischen Bürgern; Filmszene aus Words of Witness von Mai Iskander
Chronistin der Revolution: Die Journalistin Heba Afify hört sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo die Sorgen und Nöte der Bevölkerung an.

​​Am 9. März löste die Armee zum ersten Mal eine Demonstration auf, verhaftete Protestler im Ägyptischen Museum, wo sie angeblich gefoltert wurden. Dies ähnelte so sehr den Methoden unter Mubarak, dass man das Gefühl hatte, nichts habe sich geändert. Das Wichtige an diesem Moment war, dass die Ägypter begriffen, sie müssen sich selbst regieren und ihre Zukunft bestimmen. Sie verstanden, dass sie sich nicht auf den nächsten Herrscher verlassen können, der ihnen beim Übergang zur Demokratie helfen wird. Sie müssen ihre Form der Demokratie selbst definieren. Das war das erste Mal, dass die Ägypter Anteil an den politischen Prozessen in ihrem Land hatten. Und dieses Umdenken wollte ich filmisch dokumentieren.

In einer Filmszene wird das ja besonders deutlich...

Iskander: Ja, und zwar als Heba ihrer Schwester ihre gesammelten Zeugenaussagen über Folterungen, die die Armee gegen Zivilisten begangen hat, zeigt. In diesem Moment betritt ihre Mutter den Raum und fragt: "Wer soll nun unser Vater sein?" Und Heba antwortet: "Wir müssen anfangen, uns um uns selbst zu kümmern und das Land zur Demokratie führen!"

Auf den Demonstrationen hörte man die Rufe "Allah ist groß" und "Wir wollen Demokratie". Kann man diese beiden Forderungen erfüllen oder sind sie widersprüchlich?

Iskander: Das ist eine schwere Frage, ob Demokratie und Religion in Ägypten Hand in Hand gehen können, weil Demokratie nicht überall auf der Welt die gleiche Form annehmen soll. Wir Amerikaner setzten Meinungs- und Pressefreiheit als gegeben voraus, wofür die Ägypter jedoch bis heute kämpfen – im Gegensatz zu uns, die wir am System nicht mehr rütteln. Ich stellte mir vor, dass die Zeit der Revolution den 1960ern in den USA ähnelt, wo alle Amerikaner politisch aktiv waren. Ich habe in Kairo begriffen, dass Demokratie viele Formen annehmen kann und die Religion nicht ausschließen muss.

Warum beenden Sie ihren Film mit der ersten Phase der Parlamentswahlen?

Iskander: Ich wollte in dem Moment enden, in dem die Ägypter ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Der Weg zur Demokratie wird dennoch steinig sein.

Interview: Igal Avidan

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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