Anti-Mubarak-Demonstration; Foto: dapd
Interview mit der ägyptischen Schriftstellerin May Telmissany

Für Säkularität und Zivilgesellschaft

Um nicht den Islamisten das Feld zu überlassen, setzen sich zahlreiche ägyptische Aktivisten und Intellektuelle für die Errichtung eines zivilen, säkularen Staates ein. Unter ihnen ist auch die Schriftstellerin May Telmissany. Ein Interview von Samir Grees

Wenn Sie auf die Ereignisse in Ägypten seit dem Rücktritt Mubaraks am 11. Februar zurückblicken, also auf die Brandanschläge auf Kirchen und die interreligiösen Kämpfe und Spannungen sowie die starke Präsenz der radikal-islamischen salafistischen Bewegung – kann man unter diesen Umständen überhaupt einen zivilen Staat in Ägypten gründen?

May Telmissany: Ich bin überzeugt davon, dass der zivile Charakter des Staats in Ägypten eine Notwendigkeit ist. Kurz nach dem Rücktritt Mubaraks habe ich mit einigen Freunden eine in mehreren arabischsprachigen Zeitungen veröffentlichte Erklärung unterschrieben, in der dazu aufgerufen wird, den Artikel 2 in der ägyptischen Verfassung zu ändern. (Artikel 2 besagt, dass der Islam die Staatsreligion und die Hauptquelle der Gesetzgebung ist /  Anmerkung der Redaktion)

May Telmissany; Foto: DW
May Telmissany: "Der zivile Staat schützt alle Religionen und garantiert deren freie Ausübung"

​​Wir reagierten so schnell, weil uns bewusst war, dass die Revolution in Ägypten eine gute Gelegenheit ist, einen wirklichen Aufschwung in Ägypten herbeizuführen. Nur ein ziviler Staat kann für solch einen Aufschwung garantieren.

Einige Beobachter behaupten, Ägypten sei doch schon ein ziviler Staat...

May Telmissany: Ja, das stimmt. Das Problem liegt aber darin, dass die islamistischen und salafistischen Strömungen in den letzten drei oder vier Jahrzehnten zugenommen haben. Diese Zunahme stellt eine reale Bedrohung für Ägyptens Zukunft dar. Sie haben die Angriffe auf die Kirchen bereits angesprochen. So etwas ereignete sich auch schon vor der Revolution, beispielsweise am 1. Januar diesen Jahres in Alexandria.

Ich habe damals einen Artikel mit dem Titel "Die Schufte" geschrieben. Damit habe ich diejenigen gemeint, die diese schreckliche Tat verübt haben und diejenigen, die ihnen dabei geholfen haben. Ich habe aber auch die schweigende Mehrheit gemeint. Aufgrund solcher Vorfälle ist es jetzt besonders wichtig, einen zivilen Staat aufzubauen, dieses Ziel hat zurzeit oberste Priorität für das Land.

Das finden vielleicht linke Aktivisten oder Intellektuelle. Wenn wir aber das letzte Referendum über die Verfassungsänderung in Ägypten als Beispiel nehmen, dann sehen wir, dass die Mehrheit der Ägypter den islamischen Charakter des Staates betonen. Die Muslimbrüder sagen, die Änderung von Artikel 2 stellt eine rote Linie dar. Andere sagen wiederum: Ein ziviler Staat ist gleichbedeutend mit einem säkularen Staat, was die Mehrheit der Ägypter jedoch ablehnt. Wie wollen Sie in dieser Atmosphäre die Leute mit Ihrer Initiative überzeugen?

Telmissany: Seit dem Rücktritt des ehemaligen Präsidenten Mubarak gibt es viele Initiativen und Aktionen, um die Menschen aufzuklären und sie von den Errungenschaften des zivilen Staates zu überzeugen.

Einige meinen, der Aufruf zur Bildung eines zivilen Staates sei utopisch und kaum realisierbar.

Telmissany: Bei unseren Bemühungen handelt es sich nicht um einen Traum oder um Idealismus. Viele Intellektuelle haben sich dafür

Demo-Slogan in Kairo: Madaniya, madaniya, la diniya, la 'askariya!; Foto: flickr.com
"Zivilgesellschaft - weder Religion noch Militär!": Slogan auf einem Transparent in Kairo

​​ausgesprochen, dass die Muslimbrüder sich aktiv am politischen Leben beteiligen. Jetzt müssen die Muslimbrüder die andere Stimme hören, die Stimme der Säkularen und der Linken, denn diese Stimme wird eine einflussreiche Rolle in nächster Zeit spielen.

Wie sieht Ihre Initiative konkret aus?

Telmissany: Wir bereiten jetzt einige Kampagnen vor. Wir wollen zu den Menschen auf die Straße gehen, um darüber aufzuklären, wie gewaltig der Unterschied zwischen dem Aufruf zu einem zivilen Staat ist – der ja das Gegenteil von einem religiösen oder militärischen Staat ist – und dem Verzicht auf den Islam oder die Religion im Allgemeinen. Der zivile Staat schützt alle Religionen und garantiert deren freie Ausübung.

Engagiert für Demokratie und Zivilgesellschaft: Die Schriftstellerin May Telmissany hat unlängst die Initiative
Engagiert für Demokratie und Zivilgesellschaft: Die Schriftstellerin May Telmissany hat unlängst die Initiative "Madanijja" (Für den zivilen Staat) ins Leben gerufen.

​​Zudem bereiten wir eine Aktion namens "Brot für die Bürger" vor. Wir wollen eine Million Brotfladen auf die Einwohner der Slums verteilen, währenddessen sprechen wir mit den Menschen über die Vorteile eines zivilen Staats.

Wir bereiten auch Kurzfilme zum gleichen Thema vor. Wir führen unsere Projekte nicht nur in Kairo durch, sondern auch in anderen Städten, wie Alexandria, Mahla und Mansoura im Delta.

Ist es nicht leichter, einer Partei anzugehören und diese Aktionen mit der Hilfe von Regionalverbänden durchzuführen?

Telmissany: Als Schriftstellerin will ich keiner Partei angehören. Ich will unabhängig bleiben. Aber einige der Aktivisten in der Initiative suchen nach einer geeigneten Partei, die auch den zivilen Staat zum Ziel hat.

Einer der Führer der Muslimbrüder will bei der Präsidentschaftswahl kandidieren. Denken Sie, dass der nächste Präsident Ägyptens der Muslimbrüderschaft angehört?

Telmissany: Nein! Die Teilung ist ja klar: Das Parlament gehört wohl

Pressekonferenz der Muslimbruderschaft nach der Zulassung als neue Partei; Foto: dapd
Politischer Kurswechsel am Nil? Die jahrzehntelang verbotene Muslimbruderschaft wurde Anfang Juni in Ägypten wieder als legale Partei offiziell anerkannt.

​​mehrheitlich den Muslimbrüdern, der Präsident aber wird eine Person sein, die vom Militär gebilligt wird.

Die Parlamentswahlen in Ägypten sollen im kommenden September stattfinden. Erwarten Sie, dass die Muslimbrüder und die Islamisten eine Mehrheit im neuen Parlament bilden werden?

Telmissany: Laut Einschätzung der Muslimbrüder werden sie zwischen 35 und 40 Prozent der Sitze im neuen Parlament einnehmen. Ich bin überhaupt nicht optimistisch, was die nächsten Wahlen anbetrifft. Es ist nicht zu erwarten, dass die neuen, unerfahrenen Parteien eine wirkliche Konkurrenz zur Muslimbruderschaft darstellen. Aber selbst eine Reise von 1.000 Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.

Unabhängig davon, wie das Ergebnis der Wahlen aussehen wird – mit ihnen würde das ägyptische Volk beginnen, endlich seine demokratischen Rechte in Anspruch zu nehmen. Dies wäre ein enormer Fortschritt, vor allem im Hinblick auf die vergangenen 40 Jahre.

Das Interview führte Samir Grees

© Qantara.de 2011

May Telmissany ist eine mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin. Sie ist 1965 in Kairo geboren, lebt seit 1998 in Kanada, wo sie als Dozentin für Arabische Studien an der Ottawa-Universität arbeitet. Ihr Roman "Dunjasad" wurde in sechs europäischen Sprachen übersetzt, darunter ins Deutsche.

Redaktion: Lewis Gropp & Arian Fariborz /Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Für Säkularität und Zivilgesellschaft

Die Tatsache, dass ein Staat sich an eine Religion bindet, heißt nicht automatisch, dass sie die anderen unterdrückt. Es wird so gemacht - aber es steht nirgendwo, dass es so sein muss. Ich würde von einem islamischen Staat erwarten, dass er einen offenen Diskurs über das Ethos, nach dem wir handeln wollen, nicht nur erlaubt, sondern sogar fördert. Und Religionsfreiheit ist eine der Grundlagen dazu.
Ein säkularer Staat bedeutet, dass der Konsens über einen Ausgleich der materiellen Interessen gesucht wird. In aufgeklärtem religiösen Selbstverständnis läge ihm ein normativer Diskurs zugrunde. Manche politischen Entscheidungen, die wirtschaftliche Vorteile versprechen, sind moralisch einfach nicht legitim - und in einem islamischen Staat könnte das ein Argument bei der Entscheidungsfindung sein.
Sicher, was wir als islamische Staaten erleben bzw. erlebt haben, ist himmelweit weg von dieser Utopie. Das kann aber auch ein Grund sein, deren Realität zu verbessern, verwerfen muss man sie nicht.
Ein Vergleich, der die Nachteile des einen an den Vorteilen des anderen misst, ist immer schief. Realistisch gemessen wird doch nur, wenn man Utopie mit Utopie und Fehler mit Fehler vergleicht.

K. E.01.07.2011 | 11:45 Uhr