Der türkische Schriftsteller Mario Levi; Foto: dpa
Interview mit dem türkischen Schriftsteller Mario Levi

''Das Wichtigste ist der Dialog!''

Im Gespräch mit Ceyda Nurtsch berichtet der Autor Mario Levi über versteckten Antisemitismus in der Türkei, das Schreiben als Ausweg und wie das Erinnern zum politischen Akt wird.

In der Türkei gibt es zwei unterschiedliche Denkarten. Zum einen rühmt man sich, während des Osmanischen Reichs Juden, die in Spanien verfolgt wurden, Zuflucht gewährt zu haben. Ebenso erzählt der Film "Türkischer Pass", der letztes Jahr erschien, die Geschichte von türkischen Diplomaten, die im Zweiten Weltkrieg Juden das Leben retten. Auf der anderen Seite existieren Verschwörungstheorien, nach denen Juden und Freimaurer für alles Unglück im Land verantwortlich gemacht werden. Wie haben sie dieses gesellschaftliche Klima wahrgenommen?

Mario Levi: Ich habe diese Extreme bereits als Kind gespürt. Auf der einen Seite ist die Türkei seit dem 15. Jahrhundert ein Zufluchtsort, für den ich sehr dankbar bin. Mittlerweile jedoch bestätigen Historiker, ohne diese Leistung schmälern zu wollen, dass hinter der Einladung von Juden durch Sultan Beyazit II. eine ganz pragmatische Überlegung stand: Er strebte danach, aus dem Staat, den er von seinem Vater Sultan Mehmet II., dem Eroberer, geerbt hatte, ein Weltreich zu machen. Die Menschen, die kamen, waren größtenteils gebildet und von Nutzen. Es handelte sich quasi um eine Art Braindrain, doch auch diesen Ansatz muss man anerkennen.

Ich erinnere mich aber auch noch gut an meine Kindheit, als meine Eltern und Großeltern mir immer wieder eingebläut haben: Erzähle auf keinen Fall draußen, was wir hier drinnen besprechen. Können Sie sich vorstellen, was das für eine schwere Last für ein Kind ist, welches Weltbild sich entwickelt und wie das die Charakterbildung des Kindes beeinflusst? Jahre später stellte ich fest, dass nicht nur ich dieses Problem hatte, sondern es mit vielen anderen teilte. Da stellte sich mir die Frage: Wer hat uns das angetan?

Journalisten wie Ezgi Başaran von der sozialdemokratischen Tageszeitung "Radikal" schreiben, dass es in der Türkei zwar Antisemitismus gibt, die meisten Menschen das aber nicht wissen. Teilen Sie seine Auffassung?

Levi: Ja, das stimmt. Dass sich die meisten Menschen dessen nicht bewusst sind, liegt auch daran, dass der Antisemitismus nicht systematisch verbreitet wird. Manchmal tritt er ganz offen zutage, manchmal aber auch nur versteckt. Autoren wie Soner Yalçın oder Yalçın Küçük, ich nenne bewusst ihre Namen, publizieren die bigottesten antisemitischen Bücher der Türkei. Andere Personen dagegen positionieren sich ganz klar, und man weiß wer sie sind und welche Haltung sie einnehmen.

Hochzeit in der Karäischen Synagoge Hasköy in Istanbul; Foto: Izzet Keribar/DW
In keinem anderen islamischen Land leben so viele Juden wie in der Türkei. Etwa 20.000 leben noch heute allein in Istanbul. Allerdings haben in den letzten Jahren antisemitische Anfeindungen zugenommen.

​​Was mich in der Türkei besonders stört, sind diese anderen, heuchlerischen Personen. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ist besonders schwer. In dieser Stimmung entsteht eine Spannung, die man ganz deutlich spürt. Man darf auch Folgendes nicht vergessen: Die heutige Türkei ist ein Land, das seine religiösen Minderheiten größtenteils verloren hat. In den 1920er und 1930er Jahren sah die Lage noch ganz anders aus. Wenn aber die Vielfalt verloren geht, entsteht Ignoranz, welche wiederrum Vorurteile mit sich bringt.

Vor etwa sechs Jahren wurde eine Untersuchung durchgeführt, deren Ergebnisse mich sehr schockiert haben. 65 Prozent der Befragten gaben an, keinen schwulen Nachbarn zu wollen, 64 Prozent keinen jüdischen. Es gibt sehr tief sitzende Vorurteile und diese angeblichen Forschungsergebnisse, die die oben genannten Autoren veröffentlichen, verstärken diese nur. Um gegen diese Ignoranz anzukämpfen, schreibe ich, denn das Wichtigste ist der Dialog.

Besonders nach dem Wirtschaftsgipfel in Davos im Jahr 2009 und dem Vorfall mit der Marmara-Hilfsflotte für Gaza ein Jahr darauf hat die Türkei unter der AKP-Regierung eine unversöhnliche Haltung gegenüber Israel eingenommen. Hat sich die außenpolitische Situation auf das Leben von Juden in der Türkei ausgewirkt?

Levi: Konkrete Angriffe gab es keine, wohl aber ganz klar antisemitische Slogans auf Plakatwänden. Wir mussten uns die Frage stellen, ob die Aussage, dass es in der Türkei keinen Antisemitismus gibt, die wir auf unseren Reisen ins Ausland immer wieder verfochten, vielleicht doch nicht stimmt.

Was mich aber besänftigt ist, dass viele Menschen dagegen protestieren und Einfühlungsvermögen zeigen. Darunter auch viele, die sich als Muslime und nicht als Laizisten definieren. Zurzeit kämpfen wir Seite an Seite mit ihnen. Das ist ein Hoffnungsschimmer.

Sie haben mit dem Schreiben einen Weg gefunden, mit diesem Druck umzugehen. Doch Sie schreiben nicht nur, um zu informieren...

Levi: Würde ich nur informieren wollen, würde ich forschen und wissenschaftliche Bücher veröffentlichen. Diese sind auch sehr wichtig für mich, denn ich schreibe nicht nur aus meinem eigenen Wissen heraus. Und ich schreibe auch nicht nur, um Geschichten zu erzählen. Ich schreibe, um mich von einem Fluch zu befreien. Nennen sie es Ballast abwerfen, sich von der Angst befreien, verrückt zu werden oder sich verteidigen. Alles was ich schreibe, ist das Resultat eines Kriegs, der in mir stattfindet.

Die blaue Moschee in Istanbul; Foto: Getty Images
Faszination Istanbul: "Die Energie, die heute in Istanbul herrscht, findet sich in keiner europäischen Stadt. Nicht nur, weil hier viele Kulturen aufeinandertreffen, sondern wegen der vollkommen unterschiedlichen Menschen, die hier miteinander leben", schreibt Levi.

​​Literatur wird immer aus einer Qual heraus geboren. Es muss irgendeine Art von Konflikt geben, sonst entsteht keine Literatur. Sie entsteht niemals aus einem Glückszustand heraus. Ich gehe sogar noch etwas weiter und sage: Glückliche Menschen können nicht schreiben. Die treibende Kraft sind negative Gefühle wie Kummer und Melancholie, aber auch Wut und Rebellion. Deswegen habe ich das Glück, in einem Land wie der Türkei zu leben.

Neben diesen fruchtbaren negativen Gefühlen, die Sie nennen, sind Ihre Romane geprägt von Istanbul. Welchen Stellenwert hat die Stadt für Ihr literarisches Schaffen?

Levi: Der Grund, weshalb ich über Istanbul schreibe, ist zum einen, dass ich die Stadt sehr gut kenne. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Doch ich verfüge auch über ein emotionales Wissen über die Stadt. Sie ist eine sehr reiche Quelle für einen Schriftsteller. Schon wegen ihrer sehr alten Vergangenheit gibt es unendlich viele Geschichten, die ich teilweise kenne, teilweise aber während des Schreibens kennenlerne.

Daneben aber gibt es das Istanbul von heute. Das lebendige und laute Istanbul. Wenn ich einmal eine Vermutung wagen darf: Die Energie, die heute in Istanbul herrscht, findet sich in keiner europäischen Stadt. Nicht nur, weil hier viele Kulturen aufeinandertreffen, sondern wegen der vollkommen unterschiedlichen Menschen, die hier miteinander leben. Wir reden immer von einem Istanbul, aber in Wirklichkeit gibt es viele Istanbuls und manche von ihnen kenne ich vielleicht gar nicht und werde sie auch nie kennen lernen.

In dieser Energie gibt es ein Chaos. Es gibt nicht nur das Istanbul der Wehmut, das immer wieder in Romanen beschrieben wird. Auch mit seiner Härte und dem Chaos ist Istanbul eine gewaltige Stadt, die sehr inspirierend ist. Man nehme nur einmal den Stadtteil Beyoğlu und dann den Kontrast zu seinen Hintergassen.

In Ihrem Roman "Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach", erzählen Sie die Geschichte von einer Gruppe von Freunden, die alle den Militärputsch im Jahr 1980 miterlebt haben und sich 30 Jahre danach wieder treffen. Inwiefern stellt diese Art der Rückbesinnung eine politische Handlung dar?

Levi: Leider haben wir uns in der Türkei noch nicht ausreichend mit dem Militärputsch von 1980 auseinandergesetzt. Zurzeit besteht die Erinnerungskultur noch in der gebetsmühlenartigen Wiederholung vorformulierter Sätze. Wir erleben in der Türkei – besonders in den letzten Jahren – einen angsterregenden Aufstieg des Nationalismus. Das Schlimme ist, dass dieser Nationalismus nicht nur von rechts kommt, sondern auch von denen, die sich selbst als Linke bezeichnen.

Buchcover Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach? im Suhrkamp-Verlag
Lücke in der Erinnerungskultur: "Leider haben wir uns in der Türkei noch nicht ausreichend mit dem Militärputsch von 1980 auseinandergesetzt", mahnt Levi.

​​Doch das Problem der Erinnerung ist nicht nur eines der letzten Jahre, sondern reicht viel weiter zurück. Es ist so tief verwurzelt, dass es nicht alleine mit Nationalismus erklärt werden kann. Natürlich haben wir auf der einen Seite die Spinner, die junge Soldaten mit Jubelrufen in den Krieg schicken. Daneben gibt es aber auch die wachsenden Spannungen im Alltag – dieses unbedingte Festhalten an der eigenen Meinung, das Nichtzulassen anderer Ideen.

Fanatiker gibt es überall – nicht nur unter den religiösen Kräften, sondern auch unter den Nationalisten, den Republikanern und sogar unter den Fußballfans, wenn auch in abgeschwächter Form. Ich bin der festen Überzeugung, dass das grundlegende Problem die Demokratie-Frage ist. Die österreichische Autorin Ingeborg Bachmann formulierte einmal den Satz: Faschismus beginnt zwischen zwei Menschen.

In Anlehnung daran möchte ich sagen: Demokratie beginnt zwischen zwei Menschen. Das ist eine Frage der Ethik und die Grundlage dafür, dass wir die Themen besprechen können, die wir besprechen sollten. Doch wir sind noch nicht soweit. Der ganz einfache Grund dafür ist die Angst und die Selbstzensur, die sie mit sich bringt. Man muss sich dessen bewusst sein, dass der Prozess der Erinnerung mit Schmerz verbunden ist und als politische Handlung nur von Nutzen ist, wenn sie angebracht vollzogen wird.

Sie sagten einmal, dass der Begriff "Minderheit" im kollektiven Bewusstsein der Türkei keinen Stellenwert einnimmt und dass die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen wie Juden, Kurden, Aleviten, Armenier, etc. nicht viel voneinander wissen. Wie kann dieses Manko behoben werden?

Levi: Ich danke, dass wir vor einiger Zeit mit einem Prozess begonnen haben, um dieses Problem allmählich zu überwinden. Meinen intellektuellen kurdischen Freunden erzähle ich immer, dass ich über das Kurdenproblem in diesem Land erst erfuhr, als ich 1975 an die damals hochpolitisierte Istanbul-Universität kam. Sie amüsieren sich zwar jedes Mal, doch müssen sie auch zugeben, dass sie wiederum nichts über das Judenproblem wussten. Auch über das Armenierproblem hatten wir bis dahin nichts gehört. Damals kehrte man die Sachen unter den Teppich und ging davon aus, dass diese Probleme verschwinden, wenn man sie nur lange genug verschweigt.

Erst seit kurzem verstehen wir, dass wir miteinander reden müssen, damit die Probleme beseitigt werden können. Die Türkei braucht quasi eine Therapie, wir müssen uns gegenseitig therapieren. Dafür müssen wir den Finger in die Wunde legen. Noch haben wir nicht damit begonnen, darüber zu sprechen, doch wir haben zumindest verstanden, dass wir darüber sprechen müssen. Ich kann sagen, dass der Prozess schmerzhaft sein wird, doch dass ich voller Hoffnung bin.

Interview: Ceyda Nurtsch

© Qantara.de 2013

Mario Levi wurde 1957 in Istanbul als Sohn jüdischer Eltern geboren. Er absolvierte das französische Lycée Français Saint Michel und studierte Romanistik. Er arbeitet als Romanautor, Journalist und unterrichtet an der Yeditepe Universität. Auf Deutsch sind seine Romane "Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach?" (2011) und "Istanbul war ein Märchen" (2009) erschienen.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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