Konzert von Malek Jandali zur Unterstützung der syrischen Revolution vor dem Weißen Haus in Washington; Foto: Malek Jandali
Interview mit dem syrischen Komponisten Malek Jandali

''Ein freies Syrien kann es nur ohne Assad geben''

Der renommierte syrische Musiker Malik Jandali hat die Hymne der syrischen Revolution komponiert. Im Gespräch mit Falah Elias äußert er sich über die Situation in seinem Heimatland und erklärt, warum er keinen konfessionellen Konflikt nach dem Ende des Assad-Regimes befürchtet.

Herr Jandali, wie erleben sie die gegenwärtige Situation in Syrien?

Malek Jandali: Angesichts der aktuellen Ereignisse im Zuge des arabischen Frühlings und der syrischen Revolution gegen das Assad-Regime wird uns Künstlern eine neue Verantwortung zuteil. Schließlich verleiht das Publikum die Bezeichnung "Künstler". Und Kunst ist ihrem Wesen nach die Suche nach Wahrheit und Schönheit. Sie ist ein Spiegel der Realität. Solange der Kunst aber Beschränkungen auferlegt werden, ist sie nicht wahrhaftig, kann sie also niemals Kunst sein.

Die friedliche syrische Revolution hat Künstler hervorgebracht, die diese Realität abbilden. Sie sind zum Sprachrohr der zornigen Menschen in den Straßen geworden. Einer von ihnen war der Volkssänger Ibrahim al-Qashoush, der den Aufständischen eine Stimme gab – und sich dem verbrecherischen Regime des Diktators mutig entgegenstellte.

Al-Qashoush musste dafür mit dem Leben bezahlen: Die Schergen des Regimes ermordeten ihn, rissen ihm die Stimmbänder heraus und warfen anschließend seine Leiche in den Orontes. Ich habe daher das Bedürfnis, die Erinnerung an diesen unsterblichen Künstler zu bewahren, indem ich ihm eine Sinfonie mit dem Titel "Die Freiheit – Sinfonie für al-Qashoush" gewidmet habe. Damit ehre ich ihn, aber auch all die anderen Aufständischen in meiner Heimat.

Sie unterstützen als Künstler die syrische Freiheitsbewegung, andere syrische Künstler zögern noch. Wissen Sie warum?

Jandali: Wer jetzt immer noch schweigt, macht sich an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig, die vom kriminellen Assad-Regime begangen werden. Sprechen wir doch mal miteinander als ganz normale Menschen, und nicht als Künstler oder Intellektuelle!

Wer Zeuge der Folter oder des Mordes an Kindern, wie der vier Monate alten Afaf, der kleinen Hajir und anderen Kindern, oder von Aktivisten, wie Tal al-Mallohi oder Ibrahim al-Qashoush, geworden ist, kann nicht länger schweigen. Die Stimme nicht zu erheben, ist meiner Meinung nach weder moralisch noch religiös noch menschlich akzeptabel.

Aber einige Kulturschaffende in Syrien haben Angst...

Jandali: Wovor haben sie denn Angst? Wenn wir sehen, wie Kinder in Deraa, Homs und anderswo erschossen werden, macht dies die friedliche Revolution doch nur noch notwendiger. Dabei betone ich "friedlich", weil sie diesen Charakter in Syrien aufweist. Ihre Waffen sind das Applaudieren und das Skandieren von Losungen – abgesehen von der Freien Syrischen Armee, die für die Neuformierung und Restrukturierung der syrischen Armee steht. Denn die reguläre Armee verteidigt das syrische Volk nicht mehr, sondern mutiert zum Helfer der Assad-Banden, die meine Heimat und meine Landsleute beschießen – darunter Kinder und sogar Säuglinge –, und Frauen vergewaltigen. Das kann nicht mehr unsere Armee sein! Die Freie Syrische Armee aber verleiht den Soldaten, deren Pflicht es ist, das Vaterland und dessen Bürger zu schützen, ihre Würde wieder zurück.

Wenn man das begreift, hat man auch keine Angst mehr: nach einer solchen Fülle menschlicher Empfindungen, von denen sich Helden wie al-Qashoush, al-Sarout und andere leiten lassen, die so viel Mut besitzen, wie ich ihn wohl nicht aufbringen könnte, da ich in den USA lebe, wo meine Grundrechte garantiert sind und wo man mich als freien Menschen achtet. Und wo man zumindest nicht mit Panzern oder Geschossen konfrontiert wird.

Wir haben im Internet Bilder gesehen, die zeigen, wie Ihre Eltern geschlagen wurden. Können Sie uns sagen, was genau mit ihnen geschehen ist?

Jandali: Auf jede Aktion folgt logischerweise eine Reaktion: Diese Attacke gegen meine Eltern war für mich und für sie wie eine Auszeichnung – zumindest das können wir nämlich für die syrische Revolution tun. Vor zwei Wochen wurde unsere Wohnung in Homs beschossen, und zwar unmittelbar nach der Vorstellung der Sinfonie für al-Qashoush. Schergen des Regimes griffen meine Eltern an und attackierten meine Website, weil ich ein simples, fünfminütiges Lied mit dem Titel "Meine Heimat bin ich" herausgebracht hatte, das sich nicht einmal direkt auf Syrien bezieht. Es beginnt mit den Worten: "Meine Heimat bin ich und ich bin meine Heimat… Deine Liebe ist Feuer in meinem Herzen. Wann werde ich dich in Freiheit sehen, meine Heimat?“

Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert?

Jandali: Für meine Mutter bedeutete dies wie gesagt eine Auszeichnung. Wenige Tage nachdem man sie mit Schlägen gequält hatte, sagte sie mir: "Diese Mörder wären über eines deiner Benefizkonzerte entsetzt." Diese Schläge hatten zum Glück keinerlei psychische Auswirkungen auf sie. Sie sagte, dass diese Leute keine Menschen, ja nicht einmal Tiere seien. Sie seien überhaupt keine lebenden Wesen. Und deshalb habe sie auch nicht zugelassen, von ihnen seelisch gequält zu werden. Jetzt leben meine Eltern bei mir in den USA.

Malek Jandali; Foto: Malek Jandali
Malek Jandali: "Vor den Muslimen, die ihre Religion gewissenhaft ausüben, habe ich nicht die geringste Angst. Ich habe keine Probleme mit der Religionszugehörigkeit anderer, vor jemandem, der dann auch die Regierungsgeschäfte übernehmen könnte. Wir in den islamischen Ländern akzeptieren einander. Wann immer der Islam wirklich gelebt wurde, blühte die islamische Kultur auf. Ich glaube, dass wir jetzt auf dem richtigen Weg sind"

​​Die Schläge gegen meine Eltern und die Drohungen sowie Einschüchterungen gegen mich haben nur dazu geführt, dass ich die Revolution nunmehr noch entschlossener unterstütze. Ich sehe, dass die Freiheit nicht mehr fern ist. Ich habe daher meine eigene mathematische Gleichung aufgestellt, die lautet: "Das syrische Volk ohne Baschar al-Assad macht ein freies Syrien".

Aber missachten Sie damit nicht die Ankündigung der syrischen Machthaber, wonach im Rahmen eines gegebenen Zeitplans ein Reformpaket auf den Weg gebracht werden soll?

Jandali: Von welchen Reformen ist denn hier die Rede? Bisher haben sie das Blut von 10.000 Syrern vergossen, hinzu kommen noch die vielen Verhafteten, Verschwundenen und Vertriebenen. Assad gibt uns eine Verfassung – doch wer sollte sie akzeptieren? Es handelt sich um eine Verfassung ohne jede Ehre. Wie können wir jemals die Verfassung eines Pharaos akzeptieren?

Baschar al-Assad und seine Ehefrau gerieren sich als gütige, am syrischen Volk interessierte Menschen. Tatsächlich aber ist ihnen Güte absolut fremd. Sie sind böse. Baschars Frau kommt mit der Behauptung daher, sich um karitative Einrichtungen und Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf zu kümmern. Kümmert Euch doch erst einmal um die allgemeinen Bedürfnisse der Menschen in Syrien!

Dass von diesem Regime Reformen kommen, ist unvorstellbar, denn das würde auch bedeuten, dass Baschar al-Assad alle diese Schlächter, die Stützen seiner Macht, seine Helfershelfer und Verwandten, entlässt, was er nicht tun wird. Der einzige mögliche Ausweg aus diesem Dilemma ist der Sturz des Regimes.

Sie sind in Syrien aufgewachsen und haben die Schule besucht, bevor Sie ins Ausland gingen: Warum haben sich Ihrer Meinung nach die Syrer gegen das dort herrschende Regime erhoben?

Jandali: Die einfachen Syrer haben sich erhoben, weil sie mehr als 40 Jahre lang unterdrückt und entrechtet wurden und nicht nachdenken konnten, was im übrigen ja auch auf die Menschen in der gesamten arabischen Welt zutrifft. Das hat zu weit verbreiteter Unwissenheit geführt. Geben Sie beispielsweise den Leuten ein Hörbuch. Sie werden nicht zuhören, sondern ihre eigene Stimme aufnehmen, um sich selbst anzuhören. Das Assad-Regime hat moralische Dekadenz und audio-visuellen Schmutz verbreitet.

Jetzt aber haben sich die Leute auf der Straße die Freiheit genommen, mit all ihren geistigen Fähigkeiten. Sie haben gelernt, mutig aufzustehen. Und sie fangen wieder an zu denken. Wir sind auf diesem Weg erneut zu unseren Wurzeln und unserer Kultur zurückgekehrt. Wir haben bislang immer von der Vergangenheit gesprochen, denn die Diktaturen haben viel zu unserer Stagnation, diesem Rückschritt beigetragen.

Foto: Malek Jandali
Anteilnahme und Respekt für die Opfer des Assad-Regimes: Malek Jandali gemeinsam mit der Mutter der getöteten US-amerikanischen Journalistin Marie Colvin. Die 56-jährige Kriegs- und Krisenreporterin war am 22. Februar bei einem Artillerieangriff der syrischen Regierungstruppen auf die belagerte Stadt Homs ums Leben gekommen.

​​Die arabische Welt ist die Wiege der Kulturen und Religionen. Wir haben das Alphabet, die Tonleiter und vieles andere erfunden, weil wir damals in Freiheit leben konnten. Jetzt erleben wir eine historisch-geistige Revolution, die uns zurück in die Zeit vor al-Assad und anderer korrupter Diktatoren führen kann, um zu unserem Wesen und unserer wahren Identität zurückzukehren.

Fürchten Sie einen Bürgerkrieg entlang konfessioneller Linien in Syrien und die Unterdrückung anderer Religionen?

Jandali: Nein, überhaupt nicht. Nehmen Sie einfach mich als Beispiel, einen Muslim, der freitags in der Moschee betet und auf Pilgerfahrt war. Ich habe zehn Jahre lang als Pianist in einer Kirche gearbeitet. Als Student wohnte ich hier in Amerika zwei Jahre lang bei einer jüdischen Familie. Wir in Syrien waren es, die in der Zeit des Osmanischen Reichs die armenischen Brüder bei uns aufgenommen haben. Auch Iraker, Libanesen und Palästinenser haben wir willkommen geheißen. Man muss also zwischen dem diktatorischen Regime und dem zivilisierten syrischen Volk sehr wohl unterscheiden.

Die einen fürchten sich vor der Post-Assad-Ära, andere wiederum haben Angst davor, dass womöglich Islamisten den Staat kontrollieren könnten. Teilen Sie diese Befürchtungen?

Jandali: Vor den Muslimen, die ihre Religion gewissenhaft ausüben, habe ich nicht die geringste Angst. Ich habe keine Probleme mit der Religionszugehörigkeit anderer, vor jemandem, der dann auch die Regierungsgeschäfte übernehmen könnte. Wir in den islamischen Ländern akzeptieren einander. Wann immer der Islam wirklich gelebt wurde, blühte die islamische Kultur auf. Ich glaube, dass wir jetzt auf dem richtigen Weg sind.

Ich habe daher nicht die geringste Angst. Im Gegenteil: Ich sehne mich nach der Wiederkehr des wirklichen Islam und der islamischen Kultur, die von China bis Córdoba erblühte, als noch Toleranz und Harmonie herrschten. Es war eine wunderschöne Sinfonie, die von den Herzen der Menschen geschrieben wurde. Wir wollen, dass die Moschee wieder das wird, was sie einst war: Krankenhaus, Bibliothek, Treffpunkt und Diskussionsforum – und zwar nicht nur für Muslime, sondern für jedermann.

In der Moschee wurden einst philosophische Thesen diskutiert und Hymnen vorgetragen. Mit dem Mihrab, der Gebetsnische, wurde die Kunst der Arabeske erfunden. Die Moschee war also kein Ort der Trennung. Ich zweifele nicht daran, dass das syrische - und das arabische Volk insgesamt-, das seit tausenden von Jahren Einwanderer aufgenommen hat, sich erneut aufrichten wird, wenn es erstmal seine Freiheit wieder gefunden hat.

Das Interview führte Falah Elias.

© Qantara.de 2012

Übersetzt aus dem Arabischen von Gert Himmler

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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