Mitri Raheb; Foto: Muhannad Hamed
Interview mit dem palästinensischen Pfarrer Mitri Raheb

''Ein abgeschotteter Islam gefährdet mehr Muslime als Christen''

Mitri Raheb wurde kürzlich für seine humanitäre und kulturelle Arbeit mit dem Deutschen Medienpreis geehrt. Durch das von ihm gegründete "Diyar"-Konsortium hat er wesentlich zur Förderung des interreligiösen Dialoges beigetragen. Muhannad Hamed sprach mit ihm über die Bedeutung dieser Ehrung und sein neues Buch zum Arabischen Frühling.

Was hat die Jury dazu bewegt, Ihnen den Deutschen Medienpreis zu verleihen?

Raheb: Die Jury hat mir den Preis für die Arbeit verliehen, durch die wir uns seit 16 Jahren für die Schaffung von Räumen der Hoffnung und des Dialoges in Palästina einsetzen. Wir haben ursprünglich als ganz kleines Unternehmen mit nur einem Beschäftigten begonnen, haben uns aber im Laufe der letzten 16 Jahre zum drittgrößten Arbeitgeber in Bethlehem mit mehr als 100 Mitarbeitern im "Diyar"-Konsortium entwickelt. Mehr als 60.000 Menschen nehmen an den Programmen der Gruppe teil.

Außerdem haben wir das "Dar al-Kalima"-College als erste Fachhochschule für Theater, Musik und Filmkunst in Palästina sowie das erste Kongresszentrum Bethlehems gegründet, um die Stadt zu einem attraktiven Ziel für internationalen Konferenztourismus zu machen. Des Weiteren sind ein Theater, ein Kino, mehrere Schulen und Sportvereine entstanden. Viel wichtiger als diese nackten Fakten finde ich jedoch, dass es uns gelungen ist, junge Palästinenser aus dem Ausland heimzuholen, die an den Aufbau des Landes und der Gesellschaft glauben.

Worin besteht die Arbeit des Diyar-Konsortiums?

Raheb: Wir arbeiten in drei Schwerpunktbereichen: Im Kulturbereich, weil dieser unmittelbar mit der Identität zusammenhängt. Wir wollen eine dynamische palästinensische Identität herausarbeiten.

Veranstaltung am Diyar-Konsortium in Bethlehem; Foto: Muhannad Hamed
Stätten der Begegnung, Arbeitsplätze und Ausbildungseinrichtungen unter einem Dach: Veranstaltung im Diyar-Konsortium in Bethlehem

​​Gleiches gilt für den Bereich der Schul- und Hochschulbildung, der Bildung junger Führungseliten. Außerdem verfügen wir inzwischen über einen eigenen Verlag, der Bücher zu Themen der Zivilgesellschaft, der Kultur und Frauenfragen herausgibt.

Welche Bedeutung hat der Preis für Sie persönlich?

Raheb: Ich stelle damit ein steigendes Interesse an der Palästinafrage fest. Was hier in Palästina geschieht, wird intensiv wahrgenommen und mitverfolgt. Der Preis ist für mich wie eine Ehrung des gesamten palästinensischen Volkes. Ich bin zwar zuvor bereits mit anderen Preisen ausgezeichnet worden, doch dieser Preis ist besonders wichtig, weil er von Deutschlands Geld- und Unternehmensprominenz verliehen wird.

Es gab auch Kritik an der Preisvergabe. Wie erklären Sie sich die?

Raheb: Ich wurde vonseiten des pro-israelischen Lagers in Deutschland scharf angegriffen, das verlangte, mir solle der Preis wieder aberkannt werden. Doch viele Persönlichkeiten aus Kirche und Politik in Deutschland, darunter auch prominente Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, erhoben ihre Stimme, um mein Anspruch auf den Preis zu verteidigen.

Der evangelisch-lutherische Pfarrer von Bethlehem, Mitri Raheb, Foto: dpa
Mahner für eine größere Vision vom Frieden im Nahen Osten und für Verständigung zwischen Palästinensern und Israelis: Mitri Raheb, evangelisch-lutherischer Pfarrer von Bethlehem

​​Hintergrund der Anfechtungen war mein Kritik an der israelischen Besatzungspolitik und natürlich die Tatsache, dass ich dies als arabischer Christ tue und mich vor allem für die Existenzsicherung von Christen in Palästina einsetze.

Vor kurzem ist Ihr Buch "Der Arabische Frühling und die Christen des Nahen Ostens" erschienen. Welche Prognose stellen Sie darin?

Raheb: Ich versuche mit dem Buch eine Bestandsaufnahme der Ereignisse in der arabische Welt und deren Auswirkungen auf die Christen. Viele Christen sind besorgt über die Entwicklungen in der arabischen Welt, weil sie ein Abgleiten in Chaos und Instabilität wie im Irak fürchten.

Tenor des Buches ist vor allem die Aussage, dass die Christen in der arabischen Welt sich nicht alle über einen Kamm scheren lassen. Vielmehr sind manche für, andere gegen den Arabischen Frühling und wieder andere hegen quasi als "Peptimisten" gemischte Gefühle.

Das Buch will auch dazu beitragen, eine arabische Perspektive des Orients aufzuzeigen, die sich auf die Achtung der Pluralität gründet. Ich meine damit, dass die Christen nur dann eine Zukunft in der Region haben, wenn es die Muslime auch haben. Und umgekehrt würden die Muslime ohne Christen in eine viel düsterere Zukunft blicken. Das heißt, es muss eine Formel gefunden werden, in der sich jede/-r BürgerIn in seiner Freiheit und Würde geachtet fühlt.

Viele Europäer befürchten eine Machtübernahme durch islamistische Gruppierungen in der arabischen Welt. Sind derartige Befürchtungen Ihrer Ansicht gerechtfertigt?

Raheb: Ich glaube schon, dass islamistische Strömungen stark im Kommen sind. Aber die eigentlich bedeutende Frage ist doch die, welche Art politischer Islam letztlich die Oberhand in der arabischen Welt behalten wird.

Der politische Islam kennt vielerlei Ausprägungen: das türkische, das saudische, das afghanische oder etwa das Dubaier Modell. Die Frage ist also vor allem: Welcher politische Islam wird die Länder des Arabischen Frühlings beherrschen? Und: wird es ein pluralistischer, offener oder ein abgeschotteter Islam sein? Ein hermetisch abgeriegelter Islam ist nicht nur für die Christen gefährlich, sondern auch für die Muslime selbst. Die Muslime wären ganz allgemein ohne die arabischen Christen zivilisatorisch-kulturell ärmer und weniger pluralistisch. Pluralismus ist etwas Positives, das die arabische Welt braucht.

Glauben Sie, dass wir nun infolge dieser historischen Umwälzungen auf einen islamisch-christlichen Konflikt zusteuern?

Raheb: Ich bin kein Anhänger der These vom islamisch-christlichen Konflikt. Für mich ist das eine westliche Sicht auf die Dinge hier. Es ist falsch, polarisierend von Konflikt und Koexistenz zu sprechen.

Kopten und Muslime demonstrieren gemeinsam in Kairo; Foto: dpa
Raheb: "Uns geht es um eine pluralistische Zivilgesellschaft, in der Freiheiten geachtet werden, ganz gleich, von welcher Religion sie geprägt ist. Wir haben nur die eine Option, nämlich eine gemeinsame Zukunft zu schaffen"

​​Uns geht es um eine pluralistische Zivilgesellschaft, in der Freiheiten geachtet werden, ganz gleich, von welcher Religion sie geprägt ist. Wir haben nur die eine Option, nämlich eine gemeinsame Zukunft zu schaffen.

Kann Religion bei der Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts auch eine positive Rolle spielen?

Raheb: Bedauerlicherweise halte ich viele der Ausprägungen von Religion in der Region für nicht positiv, seien sie nun christlich, muslimisch oder jüdisch. Religiosität gilt mittlerweile leider immer mehr als Synonym für Fanatismus.

In der Bibel gibt es hierzu ein sehr interessantes Zitat: "Wer sagt, dass er Gott liebt, aber seinen Bruder hasst, ist ein Heuchler." Leider kommt Religion nun auch immer mehr im Gewand des Tribalismus und des Konfessionalismus daher. Man hört jetzt immer: Ich bin Christ, ich bin Sunnit, ich bin Schiit. Für mich schließen sich derartige Abgrenzungen und Glauben gegenseitig aus.

Echter Glaube dagegen bedeutet, gleichzeitig Gott und seinen muslimischen Bruder zu lieben, der wiederum seinen christlichen Bruder liebt. Viele Phänomene, die den weiten Deckmantel der Religion für sich beanspruchen, sind eigentlich tribalistischer oder politischer Natur. Religion verkommt hier lediglich als Mittel zum politischen Zweck. Wenn jedoch alle sogenannten Gläubigen wirklich ein Gewissen hätten, ist echter Glaube dagegen tatsächlich hilfreich – ob bei der Verankerung des Friedens und der Lösung des Konflikts.

Bethlehem gilt allgemein als gelungenes Beispiel für das christlich-islamische Zusammenleben. Warum?

Raheb: Es basiert auf einer gemeinsamen Geschichte, auf gutnachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Christen und Muslimen. In vielen unserer Schulen lernen auch Muslime. Diese Beziehungen im Alltag und unter Klassenkameraden bilden das Rückgrat des Zusammenlebens.

Interview: Muhannad Hamed

Aus dem Arabischen von Nicola Abbas

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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