Mahmoud Turkmani; Foto: © mahmoudturkmani.com
Interview mit dem Oudspieler Mahmoud Turkmani

Kein Platz für Querdenker

Aus dem Schweizer Exil bereichert der eigenwillige libanesische Komponist und Oudspieler Mahmoud Turkmani sowohl die abendländische als auch die orientalische Musik mit unorthodoxen Werken, die Traditionelles experimentell aufladen. Stefan Franzen hat ihn getroffen.

Herr Turkmani, im Libanon gibt es auffallend viele Komponisten, die versuchen, Tradition und Moderne zu verbinden. Sehen Sie sich als Teil dieser Bewegung?

Mahmoud Turkmani: Ich sehe mich eher als Einzelkämpfer. Lange Zeit wollte ich mit der arabischen Tradition nichts zu tun haben, da ich der Auffassung war, die Musik sei genauso rückständig wie die Gesellschaft dort. Dann habe ich gemerkt, dass wir orientalische Musiker Angst vor der Tradition haben. Deshalb flüchten wir in die westliche Musiksprache, die eigentlich alles erlaubt.

Wenn Sie sagen "Angst vor der Tradition", dann meinen Sie: Angst, die Tradition zu verändern?

Turkmani: Nein, das Problem ist vielmehr, dass die meisten Musiker und Komponisten ihre eigene Tradition überhaupt nicht gut kennen. Und wer sie nicht gut kennt, kann sie nicht entwickeln und verändern. Ich dagegen kannte die Tradition sehr gut, wollte mich aber nicht mit ihr beschäftigen. Dazu kam, dass man mir auf dem Moskauer Konservatorium eingetrichtert hat, die orientalische Musik sei eine nette Folklore und habe da keinen Platz. Es dauerte sehr lange, bis ich mich überwinden konnte. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum sich kein arabischer Musiker traut, ein richtiges Solokonzert für ein traditionelles arabisches Instrument zu komponieren. Viele meinen, wenn sie die Oud mit einem europäischen Orchester in Verbindung setzen, sind sie Erneuerer und Brückenbauer. Doch da gibt es nur sehr scheue, banale, kitschig und westlich geprägte Versuche.

Sie haben einen anderen Weg gefunden und sind prompt auf dem Kongress für arabische Musik angegriffen worden. Können Sie erklären, wie es dazu kam?

Turkmani: Das war das erste Mal überhaupt, dass ich mich getraut habe, mich mit der Tradition zu beschäftigen. Vorher habe ich in Kairo, Algerien und Marokko mit großem Erfolg meine Kompositionen für Streichquartette, Blockflötenquintette, Kammerorchester präsentiert. Solange man für diese westlichen Instrumente komponiert, kann man machen, was man will.

Mahmoud Turkmani, Foto: © mahmoudturkmani.com
Über Kategorien und musikalische Grenzen hinweg: Turkmanis Arbeiten reichen von Kompositionen für Kammerorchester bis zu Hörspielmusik, von Flamenco und modalen Ansätzen bis zu freier Improvisation.

​​Dann habe ich mich an ein arabisches Ensemble gewagt, mit genau den gleichen Mitteln, dem gleichen Respekt, und habe die arabo-andalusische Musikform der "Muwashahat" bearbeitet. Vorher bin ich herzlich empfangen worden als Brückenbauer, doch danach war die Reaktion verheerend.

Weil den Leuten am Kongress die Tradition so heilig ist, dass man nicht daran rütteln darf?

Turkmani: Das ist die Mentalität der Verlierer. Meine Theorie: Vom Orient ist seit der Zeit der Zurückdrängung der Mauren aus Andalusien nicht viel übrig geblieben als die Religion, die Tradition, die die Musik umfasst und die Sexualität. Wenn jemand an diesen drei Tabus rührt, fühlt man sich unsicher und angegriffen. Ich habe ja danach genau die gleiche Erfahrung gemacht in Marokko, in Algerien und in Jordanien. Ich wollte schließlich nicht mehr nach ihrer Pfeife tanzen und habe auf diese Beschimpfungen mit meinem Werk "Ya Sharr Mout" darauf reagiert, in dem ich mich selbst als "Hurensohn" bezeichne.

Da wussten sie dann gar nicht mehr, wie sie darauf reagieren sollten, denn das ist das übelste Schimpfwort in der arabischen Sprache. Immerhin, meine "Muwashahat" werden an den Konservatorien in Tunis und Doha unterrichtet, doch mein Name wird dabei verschwiegen. Es kam erst raus, als zwei Studenten von dort später mit mir gearbeitet haben und dann ganz erstaunt waren, dass diese Kompositionen von mir stammten. Also habe ich wohl doch etwas bewegen können.

Sie haben während des Bürgerkrieges den Libanon verlassen. Waren die Tabus, von denen Sie gesprochen haben, auch damals schon die Beweggründe, ihrem Land den Rücken zu kehren? Und könnten Sie sich unter Umständen vorstellen, wieder dorthin zurückzukehren?

Turkmani: Ich möchte nicht nostalgisch sein. Im Moment sehe ich weder im Libanon noch in der gesamten arabischen Welt eine Zukunft für mich. Ich bin ein Querdenker und für die gibt es keinen Platz dort – vor allem im Libanon mit seinem komplexen konfessionellen System. Wenn Sie da eine Stelle haben möchten, dann müssen Sie darauf schauen, wie viele Sunniten, wie viele Maroniten, wie viele Schiiten im Amt sind. Man wird nicht aufgrund seines Könnens angestellt, sondern weil man irgendeiner Gruppierung angehört, mit irgend einem Idioten sympathisiert.

Mahmoud Turkmani; Foto: © mahmoudturkmani.com
In der Kritik: Turkmanis experimentelles Spiel brachte Musiktheoretiker der arabischen Welt wiederholt gegen ihn auf. Auf dem Internationalen Kongress für arabische Musik in Kairo wurde er gar als Verräter beschimpft. Er reagierte darauf mit seinem bekanntesten Werk "Ya Sharr Mout" ("Hurensohn").

​​Lieber möchte ich weiterhin punktuell in diesen Ländern arbeiten oder hier Projekte realisieren. Man muss nicht unbedingt dort sein, die Welt ist klein geworden. Früher war ich revolutionär, ich gehörte zu der aufbegehrenden Gruppe um Marcel Khalifé, die linke, politische Lieder gesungen hat. Ich war Kommunist, wollte nicht nur die arabische Welt, sondern die ganze Welt verändern, sozialistischer machen. Jetzt kämpfe ich mit anderen Mitteln eher darum, dass die arabische Welt nicht mich selbst verändert.

Wie lebt es sich denn als Querdenker in der Schweizer Provinz? Von einer solchen Persönlichkeit, wie Sie es sind, würde man ja eher erwarten, dass Sie nach musikalischen Inspirationen in Paris oder London suchen…

Turkmani: In der Schweiz herrscht eine sehr gute Atmosphäre. Man duldet mich, oder akzeptiert mich sogar, gibt mir Arbeit, unterstützt mich in meinen Projekten. Mittlerweile fühle ich mich in dem Dorf bei Bern mit seinen 200 Einwohnern sehr wohl. Natürlich versteht hier niemand meine Musik, aber sie denken, ich bin ein kluger Mann, mache etwas Vernünftiges. In den Städten, die Sie erwähnt haben, ist es gut für Leute, die Worldmusic machen. Ich nenne das Taboulé-Musik, wie der Soundtrack zu einer Benetton-Werbung, in der alle sehr nett sind und alle sich lieb haben.

Ihre Werke sind hochgradig experimentell – fühlen Sie sich den Neutönern, der Zwölftonmusik verbunden?

Turkmani: Gar nicht. Ich verwende weder Zwölftonmusik noch "Maqamat". Ich suche nach der Musik in mir, nach meiner eigenen Musiksprache. Ich könnte plötzlich ganz tonal komponieren, ich will nie dogmatisch sein, je nachdem welche Technik gerade meine Empfindungen, meine Ideen am besten ausdrücken kann. Bei "Ya Sharr Mout" wollte ich die Beschimpfungen, die auf mich niedergingen mit verschiedenen Mitteln zeigen. Deshalb hört man in diesem Werk ganz Verschiedenes: Tonales und Atonales, Abstraktes und Konkretes, Traditionelles. Über Kategorien bin ich hinweg.

Wenn Sie Atonalität nicht bewusst schreiben und Tonalität nicht bewusst vermeiden, an welchen Kriterien orientieren Sie sich beim Komponieren? An einer völlig freien, improvisierten Sprache?

Turkmani: Improvisation ist auch Teil meines Schaffens, aber ich verwende nicht gerne diese Wort, denn es bezieht sich immer schnell auf den Jazz. In der orientalischen Musik haben wir eine viel bessere Umschreibung, nämlich "sich im Moment erfinden". Ich neige eher zu dieser Interpretation.

An den Hochschulen habe ich gelernt, dass man Strukturen ausarbeitet und dann zu komponieren beginnt. Mittlerweile verfahre ich genau gegenteilig: Ich sitze vor einem leeren Blatt oder dem Computer und lasse mich durch meine Hände oder mein "Mundwerk" entführen. Meine Stücke entwickeln sich durch meine momentanen Gefühle wie ein Schneeball in verschiedenen Größen und Formen. Stil ist für mich eine Art Gefängnis.

Sie haben über den langen "Umweg" klassische Gitarre, die Sie in Moskau studiert haben, wieder zur Oud zurück gefunden. Ist sie für Sie immer noch das arabische Instrument par excellence?

Turkmani: Die Oud hat mich seit meinem fünften Lebensjahr begleitet. Dabei habe ich sie gehasst, denn aus Trotz oder Dummheit habe ich mich immer automatisch gegen das gewendet, was mein Vater liebte. Ich wollte immer als Gitarrist wahrgenommen werden, denn die Gitarre bedeutete die neue, liberale Welt, wohingegen die Oud für mich die ewig klagenden, weinenden Lieder verkörperte. Doch das Instrument ist wunderbar, es hat seine ganze eigene Sprache, mit der man etwas vermitteln kann, das sich mit keinem anderen Instrument sagen lässt. Ist das Instrument rückständig? Nein, der einzige Rückständige bin ich selbst, habe ich irgendwann erkannt. Mein Verhältnis zum Instrument kann modern oder zeitgenössisch, traditionell oder altmodisch sein, aber nicht das Instrument an sich.

Sie haben Theatermusik gemacht für "Lilith's Return", haben an einem Hörspiel mitgewirkt namens "The Ocean in a Thimble". Demnächst erscheinen eine ganze Reihe neuer Aufnahmen von Ihnen. Geben Sie uns einen Einblick!

Turkmani: Mit einem Chor namens "Chant 1540th" habe ich eine CD mit modaler Musik aufgenommen, im Wechsel von gregorianischen Chorälen und Oudstücken, aber so, dass es nicht klischeehaft schön klingt. Bald nehme ich außerdem zwei Solo-CDs auf. Auf der einen wird meine Art von Flamenco zu hören sein, Paco de Lucia hat mich nach seinem Besuch bei mir dazu ermuntert. Die zweite Solo-CD wird sehr radikal, geräuschhaft sein, inspiriert vom arabischen Frühling, der ja vielleicht eher ein Winter ist, das weiß man noch nicht.

Und wie beurteilen Sie ihn selbst? Wird es die Chance für Veränderung geben oder wird man wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen?

Turkmani: Auf jeden Fall kommt jetzt eine Phase, in der gesellschaftliche und kulturelle Gegensätze aufeinander prallen werden. Aus diesem Schlamassel könnten ganz spannende Sachen entstehen. Die radikalen Kräfte werden wohl zwangsläufig an die Macht kommen, da sie besser organisiert sind als die jungen, demokratischen und liberalen Bewegungen. Doch sie werden scheitern, denn ihr Vertreter bringen keine Lösungen für diese Gesellschaften. Ich sehe schon ihre Niederlagen bei den nächsten Wahlen kommen. Kürzlich war ich in Kairo und habe mit vielen Künstlern und Intellektuellen gesprochen. Die fühlen sich total verloren, wissen nicht einmal, wie es in zwei Monaten aussehen wird, wer z.B. das Opernhaus bekommt. Es ist eine konfuse Situation. Zwei Generationen wird es schon dauern, bis die Gesellschaften neue Verhaltensformen eingeübt haben.

Interview: Stefan Franzen

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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