Fazlun Khalid; Foto: privat
Interview mit dem Öko-Islam-Pionier Fazlun Khalid

Mit dem Koran zum Umweltschützer

Für eine bessere Umwelt zu beten, das reicht nicht. Man muss selbst aktiv werden. Der Glaube kann dabei helfen, ist Fazlun Khalid überzeugt. Der Muslim ist ein Vorreiter des Öko-Islam. Mit ihm hat sich Franziska Badenschier unterhalten.

Herr Fazlun Khalid, alle drei Jahre besuchen rund zehn Millionen Hindus das Kumbh Mela Festival und nehmen dann ein Bad im Ganges; jedes Jahr pilgern gut drei Millionen Moslems nach Mekka in Saudi-Arabien; und bestimmte Religionen drängen ihre Gläubigen, viele Kinder zu zeugen. Bei allem Respekt: ​Das klingt so, als ob es nicht gerade umweltfreundlich ist, religiös zu sein. Oder?

Fazlun Khalid: Religiöse Traditionen gab es schon lange vor der Moderne, vor der Industriellen Revolution. Es gibt keine Beweise, dass diese Pilgerreisen global zur Umweltverschmutzung beitragen oder einen größeren Kohlendioxid-Fußabdruck verursachen. Was die Menschen heute tun, das haben ihre Vorfahren schon vor Jahrhunderten praktiziert. Der Unterschied ist nur, dass wir jetzt in einem Zeitalter leben, in dem alles ein riesiges Ausmaß hat, Transport, Kommunikation, einfach alles. Deswegen pilgern jetzt Millionen an Orte wie Mekka. Und wenn so viele Menschen auf kleinem Raum in einem kurzen Zeitraum zusammenkommen, dann muss man prüfen, wie umweltverträglich das ist.

Buchcover Islam and Ecology, hrsg. von Fazun Khalid
Fazlun Khalid zählt zu den 15 führenden Öko-Theologen der Welt; er stand auf der Liste der "Top 100 Environmentalists in the UK" und auf der Liste "500 Most Influential Muslims in the World". Er hat zahleiche umweltethische Schriften im islamischen Kontext herausgegeben.

​​Aber dieses Pilgern wird auf lange Sicht keine Auswirkungen auf die Umwelt haben. Es wird jetzt diskutiert, Pilgerreisen zu beschränken auf eine Reise pro Person in dessen Leben. Aber das würde nur für verwaltungstechnische Alpträume sorgen. Und was sagt die Gesellschaft dazu, dass der Massentourismus eine Wachstumsbranche ist, die Millionen von Menschen zu umwelt-empfindlichen Orten auf der ganzen Welt bringt? Millionen Menschen reisen und dessen Folgen für die Umwelt sind weit größer als die Folgen der Pilgerreisen.

Mehr noch: Ihr Ziel ist, dass Ihre Religion, der Islam, hilft, die Welt zu schützen. Wie das? Wo doch im Koran geschrieben steht, dass die Gläubigen die Natur nicht zerstören dürfen oder dass sie sogar aktiv die Umwelt schützen sollen?

Khalid: Der Koran enthält ganz grundlegende ethische Prinzipien. Und diese sind durch das Verhalten des Propheten interpretiert. Zum Beispiel sagt der Koran ganz entschieden in Kapitel 6, Vers 141: "Allah liebt nicht die Verschwender." Dieser Vers wurde vom Propheten so veranschaulicht: Er tadelte einen seiner Begleiter, weil der das Wasser wegschüttete, das übrig war, nachdem er sich gewaschen hatte. Der Prophet sagte ihm: Er solle das überschüssige Wasser wieder zurück in den Fluss gießen, damit andere Leute, die es weiter stromabwärts brauchen, verwenden können.

1994 haben Sie die "Islamic Foundation for Ecology and Environmental Sciences", kurz IFEES, gegründet. Aber davor arbeiteten Sie im britischen Innenministerium. Was hat Sie dazu gebracht, Ihren Job in der Politik zu beenden und dann mit Fokus auf Religion und Umwelt zu arbeiten?

Khalid: Das ist eine lange Geschichte, denn es gibt nicht den einen besonderen Moment, der mich auf meinen Kurs gebracht. Um es kurz zu machen: Ich wurde 1932 in Sri Lanka geboren und kam dann nach Großbritannien, um 1953 der Royal Air Force beizutreten. Ich wollte so gerne Luftfahrt-Ingenieur werden. 1962 verließ ich die Royal Air Force und geriet in Arbeitskämpfe zwischen neuen Arbeitsmigranten und dem unsensiblen Management. Diese Aktivitäten politisierten mich. Also beschloss ich, die Ingenieurskarriere, an der mein Herz gehangen hatte, aufzugeben – zum Wohle der anderen Menschen. Ich war dann kurz an der Universität und Sozialarbeiter. 1968 wurde ich als Schlichter vom "Race Relations Board" rekrutiert, aus der später die Kommission für Rassengleichheit hervorging. Meine Erfahrungen dort haben mich weiter politisiert.

Ich glaubte nun, dass Probleme im Zusammenhang mit Rassen, Armut und Schulden in den Entwicklungsländern einen gemeinsamen Ursprung haben: die politische Vorherrschaft. Zur gleichen Zeit begann ich, an Konferenzen von Umweltorganisationen wie dem WWF teilzunehmen. Bei einem dieser Treffen Anfang der 1980er Jahren wurde ich gefragt: Was hat der Islam über die Umwelt zu sagen? Ich hatte keine Antwort. Aber ich ging dieser Frage nach.

Muslim Green Guide to Reducing Climate Change; Foto: IFEES
Anleitung für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur als Muslim: der "Muslim Green Guide to Reducing Climate Change" des IFEES.

​​Der Weg führte mich zu Koran-Gelehrten und Lehrern des Islam. Keiner von ihnen konnte mir eine befriedigende Antwort geben, die den Bedürfnissen jener Zeit angemessen war. Also kündigte ich meine Stelle im Ministerium mit 58 Jahren und begann an der Universität, die Grundlage des islamischen Umweltschutzes zu erforschen. 1994 gründete ich dann die "Islamic Foundation for Ecology and Environmental Sciences". Mit dieser Umweltorganisation führen wir zum Beispiel Aufforstungsprogramme mit Schülern in religiösen Schulen in Indonesien durch.

Gab es auch IFEES-Projekte in Ihrem Heimatland Sri Lanka?

Khalid: Wir haben einmal einen kleinen Workshop durchgeführt, aber keine richtigen Projekte. Allerdings war mir eine persönliche Erfahrung in meinem Heimatland wichtig: Das war, als sich mein Umweltbewusstsein herausbildete und ich einen meiner Brüder besuchte, der immer noch in Sri Lanka lebte. Er brachte mich zu einer Teeplantage in den Bergen. Da dachte ich: "All der Tee, den wir in der Welt trinken, kommt aus Gegenden, die einst unberührter Regenwald gewesen sind. Wie konnten wir das tun?" Natürlich hat es die Wirtschaft von Sri Lanka verändert und Tee ist jetzt ein guter Devisenbringer. Aber wir müssen darüber nachdenken: Globalisierung hat tiefgreifende Auswirkungen auf die natürliche Welt.

Den bislanh größten Erfolg hatten Sie mit Ihrer Stiftung auf der ostafrikanischen Insel Sansibar. Wie kam es dazu?

Khalid: Im Jahr 1999 bekam ich einen Anruf von "CARE International" in Sansibar. Fischer konnten ihre Familien nicht mehr ernähren, weil es nicht mehr genug Fisch für alle gab – die Folgen von Überfischung und schwindenden Ressourcen. Also warfen die Fischer Dynamit in die Korallenriffe, um von dort noch ein paar Fische zu bekommen. Wir gingen dann zu ihnen und führten einen zweitägigen Workshop mit dem Koran durch. Innerhalb von 48 Stunden haben wir das erreicht, was den internationalen Organisationen in vier Jahren nicht gelungen ist: nämlich dass die Fischer aufhörten, mit Dynamit in den Korallenriffen zu fischen.

Was genau hatte die Fischer dazu gebracht, ihre Meinung zu ändern?

Khalid: Ein Fischer sagte mir: "Wir müssen den Gesetzen des Schöpfers gehorchen, weil sie Teil der Schöpfung sind, aber den Gesetzen der Regierung müssen wir nicht gehorchen." Natürlich ermutigten wir niemanden, das Gesetz zu verletzen, aber die Koran-Stunden können schnell und kraftvoll auf den Menschen wirken.

Die Menschen auf Sansibar ließen sich also lieber und leichter mit religiösen Argumenten überzeugen als mit rationalen Gründen. Was ist mit anderen Religionen? Sind diese Konkurrenten zum Öko-Islam im Sinne von: Wer hat die wirksameren Instrumente, um ihre Gläubigen zu Umweltschützern zu machen?

Khalid: Nehmen Sie diese Metapher: Menschen verschiedener Religionen sitzen in einem Raum und dann fällt das Dach auf ihre Köpfe. Möchten Sie wirklich den Raum verlassen und sagen: "Du bist ein Katholik, du bist ein Hindu, also ist es nicht meine Sache, was mit euch passiert, also lasse ich euch hier zurück"? Wir alle leben auf einem gemeinsamen Planeten. Und es gibt kein Entrinnen. Also müssen wir miteinander reden und zusammenarbeiten.

Teeplantage in Sri Lanka; Foto: CC Anjadorra
Die Folgen der globalen Konsum- und Vernutzungslogik auf Kosten der Umwelt: "All der Tee, den wir in der Welt trinken, kommt aus Gegenden, die einst unberührter Regenwald gewesen sind. Wie konnten wir das tun?", fragt Fazlun Khalid.

​​1995 war ich in Japan Vorsitzender einer Konferenz über Religionen, Land und Naturschutz: Neun unterschiedliche Religionen waren vertreten. Wir kamen auf zehn Punkte, die uns allen gemein sind: Zum Beispiel war es kein Problem für uns zu vereinbaren, dass all unsere Traditionen uns dazu aufrufen, für die Erde zu sorgen. Das ist vielleicht eine offensichtliche Sache, aber unser Handeln zeigte das nicht gerade.

Sie sind 80 Jahre alt und arbeiten immer noch dafür, den Öko-Islam bekannter zu machen. Und sind immer noch sehr enthusiastisch bei der Sache. Woher kommt Ihre Energie, Ihre Kraft?

Khalid: Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich als Gläubiger dazu verpflichtet bin, fünfmal am Tag meine Stirn auf die Erde zu legen. Vielleicht kommt meine Kraft auch von meinen sieben liebenswürdigen Enkelkindern. Ich habe auf einem wunderbaren grünen Planeten gelebt und ich möchte diesen in einem besseren Zustand verlassen, als ich ihn vorgefunden habe. Was hinterlasse ich meinen Kindern und Enkeln? Das ist eine Frage, die aus jedem von uns einen Umweltschützer machen könnte, wenn wir sie ehrlich beantworten. Klar, das ist ein allgemeingültiger Ratschlag, kein religiöser. Aber der Koran sagt in Kapitel 4, Vers 57, auch: "Die Erschaffung der Himmel und der Erde ist wahrlich größer als die Erschaffung der Menschen."

Das ist so, auch wenn Allah uns Menschen einen besonderen Stellenwert gegeben hat, indem wir von ihm einen Intellekt bekamen. Aber wir müssen erkennen: Jede einzelne Sache, die wir tun, wirkt sich auf andere Menschen und auf andere Dinge aus. Wenn ich hier in England einen Baum absäge, dann wird jemand in Deutschland die Folgen spüren; oder wenn jemand in China einen Baum pflanzt, dann wird jemand in Europa davon profitieren. Wir müssen unseren Lebensstil ändern, weil die Folgen des modernen Lebens global und tödlich sind. Wir müssen unseren hohen Kohlendioxid-Fußabdruck verkleinern, wir müssen weniger konsumieren, wir müssen weniger reisen. So weiterzumachen wie bisher wird seine Konsequenzen haben: Es wäre eine Form des kollektiven Selbstmords.

Interview: Franziska Badenschier

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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