Ziauddin Sardar Teaser; Foto: © Ziauddin Sardar
Interview mit dem Islamgelehrten Ziauddin Sardar

Für einen Bewusstseinswandel im Islam

Die Akteure des Arabischen Frühlings benötigen dringend intellektuelle, philosophische und kreative Unterstützung, sagte sich der prominente britisch-pakistanische Islamgelehrte und Schriftsteller Ziauddin Sardar, als er vor einem Jahr die Zeitschrift "Critical Muslim" gründete. Über das Projekt hat sich Susannah Tarbush mit ihm unterhalten.

Wann entstand die Idee zur Zeitschrift "Critical Muslim" und wie kam es, dass Sie sich mit Robin Yassin-Kassab und dem Verleger Michael Dwyer von C. Hurst & Co zusammengetan haben, um das Projekt letztlich zu verwirklichen?

Ziauddin Sardar: Das mag vielleicht überraschend klingen, aber das gesamte "Critical Muslim"-Projekt wurde von der Konzeption bis zum Druck des ersten Exemplars in weniger als einem Jahr realisiert. Ich habe mich durch den Arabischen Frühling inspirieren lassen, der eine zentrale Frage aufgeworfen hat: Die Aufstände werden zwar mit Gewissheit die Diktatoren stürzen, aber werden sie es auch schaffen, die Geisteshaltung der Diktatur, welche tief in den muslimischen Gesellschaften verwurzelt ist, zu entthronen? Was ist, wenn wir am Ende nur einen Diktator durch einen anderen ersetzen – so wie es beispielsweise im Iran passiert ist, oder mehrfach in Pakistan?

Ich dachte, der Aufstand im Mittleren Osten benötigt, ebenso wie vergleichbare Stimmungen in anderen Teilen der muslimischen Welt, intellektuelle, kulturelle, philosophische und kreative Unterstützung. Und wenn etwas getan werden muss, dann muss es sofort geschehen – wenn der Geist der Reform und des Wandels sozusagen noch in der Luft schweben.

Cover Critical Muslim: The Arabs are Alive
Für eine offene, kreative und faire Auseinandersetzung mit dem Islam: "Critical Muslim spricht nicht diejenigen an, die sich als die Hüter der 'Wahrheit' betrachten, ob in muslimischen Gesellschaften oder im Westen", sagt Sardar.

​​Zudem war ich gerade zum Vorsitzenden des 'Muslim Institutes' ernannt worden, das sich nach seiner Umgestaltung und Neueröffnung als eine Gesellschaft von Denkern, Akademikern, Künstlern und Menschen, die sich generell für neue Ideen interessieren, präsentierte. Das Institut brauchte eine Publikation. So schien es selbstverständlich, dass "Critical Muslim" (CM) im 'Muslim Institute' erscheinen sein sollte.

Ich sprach über diese Ideen mit meinen Freunden, dem Wissenschaftsjournalist Ehsan Masood und dem Romancier Yassin-Kassab. Da CM sowohl als ein kulturelles als auch ein intellektuelles Projekt geplant wurde, war es mir sehr wichtig, auch einen weitsichtigen Romanautor und einen Journalisten mit an Bord zu haben. Beide waren mit ihren eigenen Karrieren ausgelastet, aber nachdem ich meine Überredungskünste lange genug angewandt hatte, stimmten sie schließlich zu, dass die Idee überzeugend war.

In der "Times" schrieben Sie vor kurzem, Ihr erklärtes Ziel dabei sei es, "isolierte Individuen in ein globales Netzwerk zu transformieren, das ein Minimum an kritischen Gedanken produziert, um den positiven Wandel zu beschleunigen". Wie unterscheidet sich "Critical Muslim" von all den anderen islamspezifischen Publikationen, die in Großbritannien und weltweit publiziert werden?

Sardar: Es gibt einfach keinen Vergleich. Wir befinden uns auf einer vollkommen anderen Ebene. Die Idee war nicht, CM auf dem Niveau sonstiger populärer Literatur bei Muslimen zu belassen, sondern sie an den Standard von CM heranzuführen, sodass sie auf einem halbwegs pragmatischen Level frei über ihre Ideen debattieren und diskutieren können.

Wie meine Reisen gezeigt haben, sehnen sich viele Muslime nach einer richtigen und offenen Debatte. Sie wollen Dinge diskutieren, die sie betreffen, jedoch noch als Tabu gelten. Sie wollen problematische Fragen stellen und sich vom versteinerten traditionellen Gedankengut oder von vorgefertigten westlichen Argumentationsmustern wegbewegen. Damit füllen wir mit Sicherheit eine gewaltige Lücke.

Erschweren die Veränderungen in der arabischen Welt, insbesondere in den letzten zwei Jahren, und die offensichtliche Erstarkung gemäßigter oder sogar radikaler islamistischer Gruppen, wie beispielsweise der Salafisten, Ihre kritischen und aufgeschlossenen Ansatz – oder wirkt dies nicht gleichzeitig auch belebend?

Sardar: Nun, genau dies ist der Hauptgrund für die Existenz von CM. Soweit ich das sehen kann, wurden die jungen und kreativen Elemente des Aufstands an den Rand gedrängt. Die besser organisierten islamistischen Organisationen und die finanziell besser aufgestellten Salafisten haben von den Anstrengungen der aufgeschlosseneren und pluralistischeren Gruppen profitiert. Das war eine meiner Befürchtungen, die sich bewahrheitet zu haben scheint.

Reader Ziauddin Sardar: Islam, Postmodernism and other Futures
Ziauddin Sardar wurde 1951 in Pakistan geboren und wuchs in London auf, wo er bis heute lebt. Der prominente Schriftsteller hat seit den späten 1970er Jahren rund 45 Bücher geschrieben, darüber hinaus eine Vielzahl von Artikeln und Essays. Nach Darstellung der britischen Tageszeitung "The Independent" ist Sardar einer von Großbritanniens hundert bekanntesten Intellektuellen.

​​Ich denke, dass ein besser organisiertes und koordiniertes Vorgehen, basierend auf zukunftorientierten strategischem Handeln, nötig ist, um die Islamisten in Schach zu halten. Ich denke nicht, dass es unser Vorgehen erschweren wird – wir wissen, dass es immer schwer sein wird – aber es macht es definitiv drängender und relevanter.

CM beinhaltet eine starke literarische und kulturelle Komponente. Beispielsweise ist Robin Yassin-Kassab, ein hoch angesehener Romanautor und Blogger, Mitherausgeber der Zeitschrift. Welchen Stellenwert nehmen Kunst, Literatur und Kultur in "Critical Muslim" ein?

Sardar: Wir erachten Kultur, Kunst, Literatur, Musik und all die Dinge, die uns als humane Werte erscheinen, als zentrale Inhalte unseres Projekts. Eine Gesellschaft ohne Kultur ist keine Gesellschaft, und eine blühende dynamische Gesellschaft braucht eine prosperierende und pulsierende Kunst und Kultur. Wir erachten Kultur sowohl als Quelle der Kraft, als eigentliche Kraft.

Sie ist sowohl für die Selbstdarstellung als auch für den Einfluss auf andere essentiell. Wir wollen die kulturellen Errungenschaften würdigen, wo sie existieren und die Kreativität dort fördern, wo sie nicht existiert. Wir wollen ein geschlosseneres und ausgewogenes Bild vermitteln, was es bedeutet, ein Muslim im 21. Jahrhundert zu sein.

Es ist bekannt, dass die zweite Ausgabe von "Critical Muslim" wurde in Malaysia verboten. Weshalb? Und welche Themen werden von bestimmten Regierungen und Lesern eher kritisch beäugt?

Sardar: Die öffentliche Reaktion auf unsere Zeitschrift war bislang meist positiv, auch wenn es natürlich immer Kritiker gibt. "Critical Muslim" spricht nicht diejenigen an, die sich als die Hüter der "Wahrheit" betrachten, ob in muslimischen Gesellschaften oder im Westen. Aus diesen Lagern erwarten wir scharfe Kritik. Nicht jeder Salafist oder Wahhabit wird mit den Inhalten übereinstimmen.

Auch die Traditionalisten werden das, was wir zu sagen haben, nicht gutheißen. Die zweite Ausgabe ("Die Idee des Islam") wurde in Malaysia verboten, denn die religiöse Obrigkeit missbilligte den Inhalt.

Machtdemonstration tunesischer Salafisten in Sidi Bouzid: Protestveranstaltung gegen Präsident Moncef Marzouki; Foto: Getty Images
An den Rand gedrängt: "Die besser organisierten islamistischen Organisationen und die finanziell besser aufgestellten Salafisten haben von den Anstrengungen der aufgeschlosseneren und pluralistischeren Gruppen profitiert", sagt Ziauddin Sardar.

​​Die dritte Ausgabe ("Angst und Abscheu") wurde von unserem Mitverleger Oxford University Press Pakistan nicht veröffentlicht, denn sie befürchteten, dass ein Artikel über islamische Bärte und ein weiterer, der sich damit befasste, dass Muslime eine Sprache entwickeln müssen, um über Homosexualität zu sprechen, ein Nachspiel der Dschihadisten nach sich ziehen könnte. Offen gesagt stört uns das nicht all zu sehr: Wir werden sagen, was gesagt werden muss.

Existieren gewisse "rote Linien" – also bestimmte Themen, Positionen, die Sie lieber nicht aufgreifen oder veröffentlichen wollen?

Sardar: Ja, die gibt es. Wir lehnen Beschimpfungen oder Verunglimpfungen ab und veröffentlichen auch nichts, was unsere Tradition beleidigt oder den Glauben anderer schlecht macht.

Ihr letztes Buch "Muhammed: All That Matters" wurde erst kürzlich veröffentlicht. Haben Sie bereits Pläne für neue Publikationen in der Schublade liegen?

Sardar: Ich bin ein Schriftsteller, also schreibe ich! Zurzeit schreibe ich über die Geschichte Mekkas für Bloomsbury. Und gewiss gibt es noch ein paar Bücher die ich schreiben möchte, bevor ich meinen Stift aus der Hand lege und zu meinem Schöpfer zurückkehre.

Interview: Susannah Tarbush

© Qantara.de 2013

Ziauddin Sardar wurde 1951 in Pakistan geboren und wuchs in London auf, wo er bis heute lebt. Der prominente Schriftsteller hat seit den späten 1970er Jahren rund 45 Bücher geschrieben, darüber hinaus eine Vielzahl von Artikeln und Essays. Nach Darstellung der britischen Tageszeitung "The Independent" ist Sardar einer von Großbritanniens hundert bekanntesten Intellektuellen.

Übersetzt aus dem Englischen von Laura Overmeyer

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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