Kayhan Kalhor auf dem Morgenland-Festival in Osnabrück; Foto: Morgenland Festival Osnabrück
Interview mit dem iranischen Virtuosen Kayhan Kalhor

Liebe zur Improvisation

Ein Höhepunkt auf dem diesjährigen Morgenland-Musikfestival in Osnabrück war der Iraner Kayhan Kalhor, der mit seinem virtuosen Spiel auf der Kamancheh, einer persischen Streichlaute, beeindruckte. Im Interview mit Shahram Ahadi erzählt der Komponist von der Kunst der Improvisation und seiner Ausbildung zum jungen Solisten im Iran.

Sie waren das erste Mal zu Gast auf dem Morgenland-Festival, bei dem sich in diesem Jahr alles um die kurdische Musik drehte. Haben Sie einen solchen Schwerpunkt bereits auf anderen Festivals erlebt?

Kayhan Kalhor: Eigentlich beginnt meine Arbeitssaison im April/Mai und endet im gleichen Zeitraum des nachfolgenden Jahres. Daher besuche ich im Sommer meist keine Musikfestivals. Doch in diesem Jahr fügte sich eins zum anderen: ein Auftritt vor den Olympischen Spielen, das Sfinks-Festival und nun das Morgenland-Musikfestival. Auf jeden Fall ist das Festival in Osnabrück ein sehr gutes und angesehenes, die Veranstalter sind sehr engagiert und lieben die Musik. In jedem Jahr ist der Fokus ein anderer, in diesem Jahr lag er auf der kurdischen Musik. Allerdings spiele ich normalerweise keine kurdische Musik. Vielleicht liegt es aber an meinen musikalischen Wurzeln, weshalb ich eingeladen wurde.

Im Alter von fünf Jahren haben Sie die Musik für sich entdeckt. Irgendwo habe ich sogar gelesen, dass Sie schon mit zwölf ein professioneller Musiker waren. Bedeutet dies, dass Sie in diesem Alter mit Ihrer Musik auch schon den eigenen Lebensunterhalt bestreiten konnten?

Kalhor: Ja, mit zwölf Jahren arbeitete ich nämlich beim Radio von Kermanshah. Ich spielte im Orchester des Rundfunks und Fernsehens und lernte in jener Zeit viel von Freunden und Virtuosen, wie zum Beispiel von Esmail Masqati, Abu-l Qasem Parandiyan oder Mahmood Mer'ati, bei dem ich eine zeitlang Unterricht nahm, aber auch von Masoud Zangeneh und vielen anderen. Auf jeden Fall bildete ich mich dort musikalisch weiter und gleichzeitig ging ich tagsüber zur Schule, wie alle anderen Kinder auch.

Kayhan Kalhor gemeinsam mit Reza Samani auf dem Morgenland-Festival in Osnabrück 2012; Foto: Morgenlandfestival Osnabrück
Der traditionellen, klassischen persischen Musik eng verbunden: Als Meister der kurdischen und persischen Musik und Mitglied des "Silk Road Project" von Yo Yo Ma begeistert der Komponist und Virtuose Kayhan Kalhor seit vielen Jahren ein weltweites Publikum.

​​Professionell bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ich zwar ein eigenes Einkommen hatte, doch im musikalischen Sinn kann man in diesem Alter noch nicht von Professionalität sprechen. Im Alter von 15 oder 16 Jahren wurde es für mich ernst, und ich war von diesem Zeitpunkt an davon überzeugt, dass Musik meine berufliche Zukunft sein wird.

In vielen westlichen Ländern im Westen kommen Kinder im Bildungssystem recht früh mit Musik in Berührung, selbst wenn die Eltern nicht viel mit Musik zu tun haben. Ob sie sich dann später für ein Instrument, für Gesang oder Tanz entscheiden, ist eine andere Sache. Wie war das bei Ihnen? Welche Rolle spielte Ihre Familie bei der musikalischen Erziehung?

Kalhor: Eine sehr große. In meiner Familie gab es zwar keine Musiker, aber alle waren große Musikliebhaber. Bei uns zu Hause konnte man immer anspruchsvolle, gute Musik hören: die Stimme des Sängers Banan, die Stimme von Dardashti und das damalige Radio Golha sowie andere Hörfunkprogramme. Mein Vater liebte die Musik. Meine Mutter hatte eine ausgezeichnete Stimme – sämtliche kurdische Lieder habe ich von ihr gelernt. Mein Bruder war ebenfalls musikbegeistert. Er begann Instrumente zu bauen und wurde später Instrumentenbauer. Ich wurde in eine Familie geboren, die mich nicht nur in musikalischer Hinsicht gewähren ließ, sondern mich stets unterstützte und mir so den Weg für meine Laufbahn ebnete.

Haben Sie als Kind gleich mit dem Spiel der Kamancheh begonnen?

Kalhor: Nein, als ich fünf Jahre alt war habe ich zunächst für kurze Zeit Santur gespielt. Zu jener Zeit lebten wir in Teheran und ich nahm Unterricht bei Ahmed Mohajer, der einer der besten Schüler des Virtuosen Abolhasan Saba war. Ich hatte großes Glück. Ich kam rein zufällig zu ihm. Meine Grundausbildung habe ich diesem unvergessenen Meister zu verdanken. Schon damals war er sehr alt. Als ich bei ihm Unterricht nahm, war er Anfang siebzig. Er war zwar älter als Ali Tajvidi und Faramarz Paywar, aber er war mit diesen in der gleichen Unterrichtsklasse des Virtuosen Abolhasan Saba.

Wenn jemand beginnt, ein Instrument zu lernen, spielt er am Anfang immer zusammen mit anderen. Wann hat bei Ihnen der Wunsch eingesetzt, Solist zu werden?

Kalhor: Ich bin der Meinung, dass die Basis und die Quintessenz unserer Musik das Solospiel ist. Das Spiel in der Gruppe ist eine relativ neuartige Entwicklung, die vor rund 100 Jahren eingesetzt hat. Wenn man auf die Zeit davor schaut, so gab es eine Singstimme in Kombination mit einem Instrument, einer Tar (Langhalslaute) und Kamancheh, zwei Instrumente zusammen oder ein einzelnes Instrument. Improvisation und Solospiel kennzeichnen die ursprüngliche iranische Musik. Diese Tradition setzte sich fort, und bis heute gibt es betagte Virtuosen, die Meister der Improvisation sind. Jalil Shahnaz, der hoffentlich noch lange unter uns weilt, und der kürzlich verstorbene Hassan Kasa'i sind bekannt für ihr Improvisationsspiel.

Von dieser Generation der Improvisationsspieler gibt es heute leider nicht mehr viele und das Spiel in der Gruppe und nach Noten gewinnt immer mehr an Bedeutung. Mein Wunsch war es, zu der ursprünglichen Tradition zurückzukehren und diese soweit wie möglich zu bewahren. Bei meinen Schülern achte ich auch sehr darauf. Alle, die dies mögen oder daran Gefallen finden, können sich musikalisch weiterentwickeln. Wenn sie ein anderes Ziel verfolgen, trennen sich unsere Wege – ob kurz oder lang. Ich wünsche mir sehr, dass es mir gelingt, eine Generation von Solisten, und seien es auch nur zwei, drei, vier oder fünf Personen, hervorzubringen, wenn ich selbst eines Tages nicht mehr praktizieren sollte, damit diese Musik eben nicht verloren geht.

Ein Teil ihrer Arbeit gilt der Fusion von verschiedenen Musikstilen. Die Zusammenarbeit mit Musikern aus anderen Ländern kann viele Gründe haben: nicht-iranischen Hörern die iranische Musik vorzustellen, Neues zu entdecken und neue Erfahrungen zu sammeln... Was hat Sie am meisten motiviert?

Kalhor: Ich denke, die Gesamtheit all dessen, was Sie erwähnt haben. Die traditionelle Musik hinterließ bei mir niemals ein Gefühl der Leere. Wenn ich im Iran leben würde, spielte ich sicher ausschließlich traditionelle iranische Musik und wäre dieser noch stärker verbunden.

Da ich seit vielen Jahren nicht mehr im Iran lebe, ist es ganz normal, dass sich mein Horizont erweitert hat – und natürlich auch der meines Publikums. Denn wenn man eine ganz spezielle Musik spielt, hat man es auch mit einem sehr speziellen Publikum zu tun. Die Verbindung mit indischer und türkischer Musik sowie mit klassischen westlichen Genres ermöglicht es, einen größeren Kreis von Hörern und Zuschauern zu erreichen. Manche Dinge waren unvermeidbar, andere wollte ich selbst unbedingt realisieren, damit die iranische Musik ein größeres Publikum erreicht – wobei ich dieses Ziel nie eigennützig verfolgt habe.

Konnten Sie dadurch auch für Ihr eigenes Spiel Neues entdecken?

Kalhor: Natürlich. Sehen Sie, ich habe niemals mit Leuten zusammengearbeitet, die der iranischen Kultur sehr fern stehen, oder die etwas Bizarres machen, das ich nicht verstehe. Manchmal kann man erleben, dass zum Beispiel vier oder fünf nicht zueinander passende Instrumente aus fünf unterschiedlichen Kulturen miteinander kombiniert werden. Davon habe ich abgesehen. Wenn ich zum Beispiel mit nordindischen Musikern zusammenarbeitete, habe ich berücksichtigt, dass es sich um zwei Musikstile handelt, die zur gleichen Familie gehören. Ich sage immer, dass die iranische und die nordindische Musik wie zwei Zwillingskinder sind, die in zwei unterschiedlichen Familien aufgewachsen sind. Sie sind eng verbunden und ähneln sich sehr, aber sie haben jeweils einen anderen Akzent und unterscheiden sich im Charakter.

Für die türkische Musik gilt das Gleiche. Die Improvisation genießt den gleichen Stellenwert wie bei uns und es gibt noch viele weitere Gemeinsamkeiten. Daher kam es denn auch zur Kooperation. Ich selbst habe viel gelernt von Ardal Arzanjan und Shujaat Husain Khan und anderen indischen Musikern, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Gleichzeitig habe ich mit Musikern klassischer westlicher Musik gearbeitet. Denn ich lebe im Westen und habe westliche Musik studiert. Dies war notwendig, da die westliche Musiksprache heute die gemeinsame Sprache in der Welt der Musik ausmacht – man muss sie beachten und kennen.

Sie haben die Ausbildung von jungen Musikern erwähnt, die sich der Improvisation zuwenden und sich der Tradition verschrieben haben. Interessant ist, dass das persische Wort "amuzesh" sowohl "lehren" als auch "lernen" bedeutet. Wie ist dies bei Ihnen? Gibt es, wenn Sie unterrichten, Dinge, die Sie selbst immer wieder neu entdecken?

Kalhor: Das trifft voll und ganz zu. Wissen Sie, wenn man lehrt und unterrichtet, kehrt man zurück zu seinen eigenen Anfängen. Man durchlebt diese Zeit wieder – das ist eine wichtige Erfahrung. Es gibt viele, die keinen Unterricht geben. Ich unterrichte zwar kaum Anfänger, denke jedoch, dass das großartigste Gefühl bei dieser Arbeit ist, dass man ständig zurückversetzt wird – in die Zeit vor fünf, vor zehn Jahren oder ganz zurück zum Anfang. Man blickt zurück, aus einer anderen Perspektive, mit mehr Erfahrung, nach mehr als vierzig Jahren des Spiels auf dem Instrument. Natürlich erinnert man an sich die Fehler, die man damals gemacht und die inzwischen korrigiert hat, und dies kann man an die Schüler weitergeben. Ich denke daher, dass es sehr wertvoll und reizvoll ist, zu unterrichten.

Interview: Shahram Ahadi

© Qantara.de 2012

Aus dem Persischen von Sabine Kalinock

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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