Sami al Hajj mit seinem Sohn Mohammad; Foto: dpa
Interview mit dem früheren Guantanamo-Häftling Sami al-Hajj

''Selbst die Wärter waren Gefangene''

Vor genau zehn Jahren landete das erste Flugzeug mit Häftlingen in Guantanamo Bay. Seitdem wurden 779 Menschen ohne Anklage festgehalten, 171 von ihnen sind noch in Haft. Der Sudanese Sami al Hajj kam vor vier Jahren frei, nahm seine Arbeit bei Al Jazeera wieder auf und gründete das "Guantanamo Justice Centre". Mit ihm sprach Stephanie Doetzer.

Am 30. April 2008 wurden Sie nach sechseinhalb Jahren in Guantanamo freigelassen. Wie geht es Ihnen heute?

Sami al Hajj: Gott sei Dank. Gut. Aber sieben Jahre sind keine kurze Zeit. Wir haben alle noch Probleme. Schlechte Träume in der Nacht. Und Schwierigkeiten, mit Menschen umzugehen. Manchmal wollen wir nicht sprechen und schweigen einfach.

Nach ihrer Freilassung wurden Sie quasi über Nacht vom Häftling zum Helden, der vor Kameras steht und zu Konferenzen eingeladen wird. Wie haben Sie das erlebt?

Al Hajj: Ich hatte vom ersten Moment an das Gefühl, dass ich Verantwortung trage für diejenigen von uns, die immer noch dort sind. Bei jedem Interview spüre ich diese Verantwortung.

Haben Sie noch Kontakt zu anderen früheren Häftlingen?

Al Hajj: Ja, natürlich. Zusammen mit zwei anderen früheren Guantanomo-Häftlingen habe ich eine Organisation namens "Guantanamo Justice Centre" gegründet. Wir versuchen, die Bush-Regierung zu verklagen, aber bisher ist es uns nicht gelungen.

Warum?

Al Hajj: Weil die Vereinigten Staaten unsere Klage nicht akzeptieren.

Sie beginnen Ihre Sätze mit eher mit "wir" als mit "ich". Wie sah das Verhältnis unter den Gefangenen in Guantanamo aus? Waren Freundschaften unter Häftlingen möglich?

Al Hajj: Ja, natürlich. Wir waren alle in der gleichen Situation. Und als Journalist wollte ich gern die Geschichten der anderen erfahren. Ich konnte im Laufe der fast sieben Jahre die Mehrheit aller Häftlinge kennenlernen, fast jedem bin ich irgendwann begegnet.

Protestaktion von Amnesty International in Brüssel zur Freilassung Sami Al Hajjs; Foto: dpa
"Amnesty International"-Kampagne zur Freilassung Al Hajjs: Der Sudanese, der als Journalist für Al-Jazeera arbeitet, war über sechs Jahre lang ohne Anklage in Guantanamo und plant gemeinsam mit anderen ehemaligen Gefangenen eine Klage gegen die Bush-Regierung.

​​Nach meiner Freilassung habe ich versucht, Kontakt aufzunehmen. Manchmal war das schwierig, aber von vielen habe ich die Email-Adressen. Und manche konnte ich besuchen, zum Beispiel in Algerien, im Jemen und im Sudan.

Was ist aus ihnen geworden?

Al Hajj: Es kommt darauf an. Manche sind verrückt geworden. Und von vielen wissen wir es nicht. Schauen Sie sich die Situation derjenigen aus Saudi-Arabien an: 90 Prozent der saudischen Häftlinge wurden nach ihrer Freilassung aus Guantanamo sofort wieder eingesperrt.

Beziehen Sie sich da auf Häftlinge, gegen die nie eine Anklage vorlag?

Al Hajj: Ja. Gar nichts. Keine Beweise. Sie sperren sie einfach ein und behalten sie im Gefängnis. Ein Marokkaner, der mit dem gleichen Flugzeug wie ich aus Kuba ausgeflogen wurde, dachte, er würde frei sein. Aber stattdessen hat er in Marokko zwölf weitere Jahre Gefängnis bekommen.

Die Geschichten hören also nicht mit der Freilassung auf...

Al Hajj: Überhaupt nicht. Viele, viele Menschen leiden weiter. Wissen Sie, wenn jemand aus Guantanamo entlassen wird, dann braucht er jemanden, der ihm hilft. Er muss lernen, überhaupt wieder in einer Gesellschaft zu leben. Aber es gibt keine Hilfe.

Was ist nach der Freilassung das Schwierigste?

Al Hajj: Das Schwierigste ist wieder ins Leben zu finden. Die meisten von uns waren mehr als fünf Jahre eingesperrt. Wir brauchen Zeit, um wieder zu leben. Wir brauchen Leute, die uns nicht wie Kriminelle behandeln. Wir haben nichts verbrochen, aber alle haben Angst vor uns. Wenn einer es schafft, eine Arbeit zu finden und der Chef herausfindet, dass es sich um einen ehemaligen Guantanamo Häftling handelt, dann schickt er ihn sofort wieder weg.

Was hat Ihnen geholfen die Jahre in Guantanamo zu überstehen?

Al Hajj: Zweierlei: Erstens mein tiefer Glaube. Ich wusste, dass ich nichts Falsches getan hatte und dass mir Gott deshalb helfen würde. Zweitens war ich Journalist und sagte mir: Ja, es ist schwierig, hier zu sein, aber vielleicht ist es notwendig. Wissen Sie, für lange Zeit durften Journalisten Guantanamo nicht besuchen. Erst nach drei, vier Jahren wurde manchmal Journalisten zugelassen, aber allen war es verboten, mit Häftlingen zu sprechen.

Inhaftierter in Guantanamo; Foto: AP
Isolation, Einschüchterung und Folter: Guantanamo gilt bis heute als Symbol für die Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit, die Bushs Regierung unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung betrieben hat.

​​Ich dagegen war einer von ihnen und konnte alles beobachten. Wie sie mit den Häftlingen umgehen, wie sie gequält werden. Und während der ganzen Zeit habe ich auf den Moment gewartet an dem ich die Möglichkeit bekommen würde der Welt da draußen die Wahrheit zu erzählen über das, was da an diesem Ort vor sich geht.

Sie sagen, Sie konnten beobachten wie Häftlinge gequält wurden. Was genau haben Sie gesehen?

Al Hajj: Viele verschiedene Arten von Folter. Schläge, sexuelle Dinge, Beleidigungen unserer Religion, Schlafentzug. Vor allem aber durfte man nichts verweigern. Als ich aus Protest gegen meine Gefangennahme nichts mehr gegessen habe, haben sie nach 30 Tagen Hungerstreik angefangen, mich künstlich zu ernähren. Ich versuchte, mich zu wehren, aber sie haben mir einfach die Schläuche in die Nase gesteckt. Und uns damit so viel Nährlösung gegeben, dass wir uns übergeben mussten.

Wurden alle Häftlinge gleich behandelt?

Al Hajj: Nein. Das war die Behandlung für diejenigen, die sich gewehrt haben. Die nicht mehr essen wollten oder bei den Verhören eine Frage nicht beantworten wollten. Wer das gemacht hat, der wurde bestraft. Manchmal indem sie die Häftlinge ins Wasser gehalten haben, damit sie denken, sie werden getötet... manchmal mit Hunden... oder mit Drogen. Manche bekamen Spritzen, durch die sie nicht mehr schlafen konnten und halluzinierten.

Sie sagen "sie haben das getan". Wen genau meinen Sie mit "sie"?

Al Hajj: Am meisten haben wir unter den jungen Wächtern gelitten. Die hatten keine Erfahrung und dachten, wir wären Terroristen. Man hat ihnen gesagt: "Ihr müsst jede Sekunde auf der Hut sein. Wenn diese Leuten eine Gelegenheit bekommen, werden sie Euch sofort umbringen!" Sie haben versucht, ihnen Angst zu machen damit sie sich von uns fern halten.

Aber es ist oft passiert, dass einer vergessen hat, unsere Zellen abzusperren. Nie hat ein Häftling versucht, einen Wärter umzubringen. Manche Wärter aber haben sich selbst umgebracht.

Denken Sie an eine bestimmte Situation?

Al Hajj: Ja. Weihnachten 2003. Ein Offizier brachte sich um und ließ einen Brief zurück, in dem er schrieb: "Wir sperren die Häftlinge in kleine Zellen ein – und uns selbst in größere Zellen." Auch die Wächter durften nicht reisen und durften niemandem erzählen, was innen vor sich geht. Die Wächter waren auch Gefangene.

Wie haben Sie die Wächter wahrgenommen? Waren das für Sie Menschen, die jede Menschlichkeit verloren hatten?

Al Hajj: Nein, nicht alle. Manche haben uns zugehört. Manche haben verstanden, dass wir normale Menschen sind. Aber immer wenn eine Art von Beziehung zwischen einem Wächter und einem Häftling entstanden ist, hieß es: "Sprecht nicht mit den Häftlingen!"

Sie haben dann überall Kameras installiert. Wenn sie gesehen haben, dass ein Wächter vor einer Zelle steht und fünf Minuten mit einem Häftling spricht, wurde der Wächter danach zur Rede gestellt.

Und wer sind die Menschen, die wiederum die Wächter kontrollieren?

Al Hajj: Auch vom Militär, aber höhere Ränge. Was uns am meisten zu schaffen machte, war das psychologische Team, also Psychologen, die das Militär beraten. Sie studierten jeden und gaben den Offizieren Informationen zu unseren Schwachpunkten. "Der da hat Angst vor Hunden. Und der andere ist sehr religiös, es wird ihn unter Druck setzen, wenn Sie sich seinen Koran vornehmen. Und der dritte kann nicht mit Hunger umgehen. Geben Sie ihm weniger zu Essen."

Wissen Sie, was über Sie gesagt wurde?

Al Hajj: Von mir wussten Sie, dass ich meine Familie und meinen Sohn sehr liebe. Also haben sie versucht, mir Briefe und Bilder vorzuenthalten. Als ich über das Rote Kreuz ein Foto von meinem Sohn bekam, zeigten sie mir nur die Fotokopie und dann haben sie sie mir weggenommen.

Ihr Sohn war sehr jung als Sie in Guantanamo ankamen...

Al Hajj: Ja, er war 14 Monate alt.

Wie hat er es erlebt, als Siebenjähriger plötzlich seinen Vater kennenzulernen?

Al Hajj: Zwiegespalten: Einerseits wollte er bei mir sein, andererseits kannte er mich nicht. Er kannte nur die Erzählungen seiner Mutter. Mit ihr hat er ein sehr enges Verhältnis und als ich wieder da war, hatte er das Gefühl, ich nehme ihm die Mutter weg. Gleichzeitig war meine Rückkehr für ihn eine Erleichterung. Vorher hat er sich in der Schule geschämt, weil sein Vater im Gefängnis war.

Proteste gegen das Lager in Guantanamo; Foto:
Zehn Jahre Guantanamo und kein Ende: Ursprünglich wollte US-Präsident Obama das Gefangenenlager schließen. Doch der Kongress verweigerte die finanziellen Mittel für die Abwicklung des Lagers und blockierte wegen Sicherheitsbedenken die Verlegung von Guantanamo-Häftlingen in amerikanische Gefängnisse.

​​Die anderen Kinder hatten sein Foto zusammen mit meinem Foto auf Al Jazeera gesehen, aber sie waren zu jung, um zu verstehen. Sie verstanden nur: Gefängnis. Und Gefängnis ist für schlechte Menschen, also dachten sie, ich sei ein schlechter Mensch. Wenn mein Sohn dann gefragt wurde, wusste er nicht, was er sagen sollte. Aber jetzt ist er zwölf Jahre alt und ok. Er hat jetzt zwei Brüder, Hamad und Ahmad, der kleinste ist vor ein paar Wochen geboren. Wissen Sie, wenn ich meine Geschichte erzähle dann denke ich: Ich hatte Glück. Ich wusste, dass ich eine Familie habe.

Wie denken Sie heute über Amerika, über das Land und seine Menschen?

Al Hajj: Vor Guantanamo hatte ich keine Erfahrung mit Amerikanern. Vorher hatte ich Respekt vor allen. Danach hatte ich jeden Respekt vor der Bush-Regierung verloren. Manchmal gebe ich den Menschen die Schuld dafür, dass sie ihn noch einmal gewählt haben, nachdem er so viele Probleme verursacht hat und so viele Menschen in Afghanistan und im Irak töten lies. Aber gleichzeitig sehe ich dann Clive Stafford Smith vor mir, meinen Anwalt, der mir so viel geholfen hat und der auch einen amerikanischen Pass hat. Menschen sind nicht gleich, sowenig wie die Finger an der Hand.

Und wenn Sie jetzt an die Jahre dort zurückdenken, sind das alles dunkle Erinnerungen oder gibt es auch Momente, in denen so etwas wie Leben war?

Al Hajj: Ja. Das Leid war nicht permanent. Manchmal mussten wir lachen, weil jemand etwas vom Englischen falsch ins Arabische übersetzt hat und es Mißverständnisse gab. Wir versuchten uns so gut wie möglich die Zeit zu vertreiben. Es war verboten, sich miteinander zu unterhalten, aber wir haben uns trotzdem unterhalten.

Wie ging das? Sie waren doch allein in einer Zelle, oder?

Al Hajj: Ja, aber man konnte mit den Nachbarn sprechen. Wir waren Häftlinge aus über 50 Ländern, also haben wir einander gefragt: Was habt Ihr für Traditionen? Wie feiert Ihr das "Eid" (muslimisches Fest/Anm. der Redaktion)? Manche konnten Französisch und haben ihren Nachbarn Französisch beigebracht. Wir haben viel gelernt. Einer war ein Arzt aus dem Jemen und hat den anderen medizinische Dinge beigebracht. Für mich war es am interessantesten, die Geschichten aus dem Leben der anderen zu hören. Ich habe meinen Nachbarn gefragt: Was war die schwierigste Situation in Deinem Leben vor Guantanamo?

Und was war für ihn das Schlimmste?

Al Hajj: Er hat mir erzählt, dass er in ein Mädchen sehr verliebt war und bereit, sie zu heiraten. Aber als er ihre Eltern um ihre Hand gebeten hat, haben sie ihn nicht akzeptiert.

Interview: Stephanie Doetzer

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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