Badreya El-Beshr; Foto: privat
Interview mit Badreya El-Beshr

''Alles wird gleich zum Skandal gemacht''

In ihrem Roman "Der Duft von Kaffee und Kardamom" erzählt die saudi-arabische Autorin Badreya El-Beshr vom alltäglichen Kampf der Frauen um etwas mehr persönliche Freiheit. Christoph Dreyer hat mit der in Dubai lebenden Schriftstellerin und Kolumnistin gesprochen.

Hat es Sie überrascht, dass Ihr Buch in Saudi-Arabien überhaupt zugelassen wurde?

Badreya El-Beshr: Ja, das war wirklich eine Überraschung. Aber unter dem jetzigen König Abdullah hat es einige Veränderungen in Saudi-Arabien gegeben, und man rechnete mit dem Beginn einer neuen Reformbewegung. Deshalb wurden einige Bücher genehmigt, wodurch auch mein Roman diese Chance bekam.

Wie waren denn die Reaktionen auf Ihr Buch in der saudischen Öffentlichkeit?

Badreya El-Beshr und Claudia Kramatschek auf der Leipziger Buchmesse; Foto: litprom
Bruch mit Tabus und konservativen Dogmen: Badreya El-Beshr (links) auf der Leipziger Buchmesse

​​El-Beshr: Gegen das Buch wurden drei Vorwürfe erhoben. Erstens, dass es gegen den Islam verstoße, weil die Protagonisten einen Roman mit dem Titel "Jesus wird wieder gekreuzigt" liest (während es laut dem Koran überhaupt nicht zur Kreuzigung kam, Anm. d. Red.). Zweitens dass ich jeden, der sich meinen lüsternen Wünschen widersetze, als Moralpolizei anprangere. Und drittens warf man mir vor, dass ich in dem Roman meine Mutter schlechtmache. Diese Kritiker halten das Buch nämlich für autobiografisch.

Ist es nicht erstaunlich, dass sich die Kritik gerade daran festmacht und nicht daran, dass Sie zum Beispiel offen über sexuelle Belästigung sprechen oder sich über die Religionspolizei lustig machen?

El-Beshr: Viele betrachten dieses Buch als einen Wutschrei. Aber das Problem liegt auch bei diesen konservative Gesellschaften, die immer alles unter der Decke halten wollen. In solchen Gesellschaften ist alles ein Skandal, worüber man schreibt, sogar die Liebe.

Mehr als die Hälfte der Frauen in Saudi-Arabien heiratet meines Erachtens aus Liebe: die junge Frau, die den Nachbarssohn liebt, die einen Cousin oder sonst einen Verwandten liebt. Es gibt die Liebe also, aber wenn man darüber spricht, ist das ein Skandal. Und genau das ist das Problem. Nicht was tatsächlich passiert, gilt als Skandal, sondern dass man darüber spricht.

Glauben Sie, dass die meisten Menschen in Saudi-Arabien ihre Sicht der Dinge teilen?

El-Beshr: Ein Teil oder vielleicht die Hälfte meiner Generation stimmt mit mir überein, aber die nächste Generation wird das, was ich schreibe, schon banal finden. Für die Jugend von heute, die mit Satellitenfernsehen, Handys und Internet aufwächst, ist meine Roman wahrscheinlich nur noch eine Sammlung von Geschichten alter Frauen. Beziehungen zwischen jungen Männern und Frauen sind mittlerweile etwas ganz Normales geworden. Es ist sogar umgekehrt: Wer keine Beziehung hat, wird schon als rückständig betrachtet.

Könnte man also sagen, dass das Buch die Kämpfe einer bestimmten Generation von Frauen beschreibt?

El-Beshr: Meine Großmutter und meine Mutter sind nicht einmal zur Schule gegangen, während ich promovieren konnte. Das ist ein gewaltiger Sprung, da klafft eine Lücke zwischen den Generationen. Und dann gibt es einen weiteren Sprung zur Generation der Globalisierung, des Satellitenfernsehens und des Mobiltelefons. Es findet ein schneller Wandel statt, der ein Stück weit beunruhigend ist, der aber auch Fenster der Hoffnung aufstößt.

Anti-Regierungsproteste im saudi-arabischen Qatif, Foto: AP
Starker Drang nach Veränderungen: Anti-Regierungsproteste im saudi-arabischen Qatif

​​Von einem Beobachter der Revolution in Ägypten habe ich einen schönen Satz gehört: Die Jugend kann revoltieren, weil sie im Zeitalter des Internets genau weiß, was Freiheit bedeutet - anders als die Generation davor, die die Freiheit nicht gekannt hat.

Wie schwerwiegend sind die wütenden Reaktionen auf ihr Buch, von denen sie sprachen?

El-Beshr: Eine andere Frau würde sich an meiner Stelle vielleicht bedrängt oder in Gefahr fühlen, aber für mich gehört das zum Beruf des Schreibens und der Veränderung dazu. Deshalb akzeptiere ich, dass viele das ablehnen, was ich schreibe, denn ich schaue einfach auf diejenigen, die es annehmen. Mir persönlich genügt es, wenn die Hälfte der Leute oder weniger als die Hälfte akzeptieren, was ich schreibe. Das ist doch schon etwas, finde ich.

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die Rolle von Frauen bei den Veränderungen in der saudischen Gesellschaft oder auch in anderen arabischen Gesellschaften?

El-Beshr: Ich glaube, die Frauen leisten einen realen und aktiven

Buchcover Der Duft von Kardamom
Die politischen Revolten in der arabischen Welt sind nur der offensichtlichste Teil einer umfassenden sozialen Umwälzung. Von weniger augenfälligen Veränderungen handelt "Der Duft von Kaffee und Kardamom" von Badreya El-Beshr, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

​​Beitrag. Ihr Problem ist, dass sie in der zweiten Reihe bleiben müssen und nicht an vorderster Front stehen dürfen. Aber die Frauen haben mehr Mut, mehr Wut und ein genauso ausgeprägtes Bewusstsein. Wann immer Frauen heute die Chance bekommen, machen sie die schnelleren Fortschritte.

Ist das auch so, weil auf den Frauen mehr Druck lastet, weil sie mehr unter den Verhältnissen leiden?

El-Beshr: Natürlich. Es gibt ein gemeinsames Leiden von Frauen und Männern, es mangelt insgesamt an Rechten. Aber es ist die Art von Druck, wie ihn die Frauen ertragen müssen, der diese Art von Ausbruch hervorbringt. Deshalb werden Frauen auch stärker die Initiative ergreifen.

Wie wird die saudi-arabische Gesellschaft nach ihrer Einschätzung in fünf oder zehn Jahren aussehen?

El-Beshr: Ich weiß nicht, wie weit unsere Fortschritte gehen werden. Aber der Weg kann nur nach vorne gehen. Es kann nicht rückwärts gehen oder so bleiben wie bisher.

Wie schätzen Sie die politischen Ereignisse in Saudi-Arabien in letzter Zeit ein - zum Beispiel die Demonstrationen und die Petitionen an das Königshaus?

El-Beshr: Ich glaube nicht, dass es eine Revolution geben wird. Aber es gibt einen starken Drang nach Veränderungen von innen. Doch niemand weiß, inwieweit dem entsprochen werden wird.

Aber irgendetwas wird sich ändern müssen?

El-Beshr: Sicher, absolut - das muss einfach geschehen.

Interview: Christoph Dreyer

© Qantara.de 2011

Die saudi-arabische Schriftstellerin studierte Literatur- und Sozialwissenschaften an der König-Saud-Universität, Riad und der libanesischen Universität in Beirut. Sie arbeitet als Journalistin und schreibt literarische und sozialkritische Kolumnen für mehrere saudische Zeitungen, zurzeit hauptsächlich für die Tageszeitung "Al-Hayat".

Badreya El-Beshr: "Der Duft von Kaffee und Kardamom", erschienen im Alawi-Verlag, 270 Seiten, Aus dem Arabischen von Nuha Sarraf-Forst

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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