Atiq Rahimi; Foto: dapd
Interview mit Atiq Rahimi

Verharren in Bewegungslosigkeit

Im Gespräch mit Shikiba Babori kritisiert der aus Afghanistan stammende Exilautor Atiq Rahimi die westliche Gebermentalität beim Aufbau des Landes am Hindukusch und die Bequemlichkeit der afghanischen Bevölkerung, die sich zu sehr an die ausländische Entwicklungshilfe gewöhnt hat.

Herr Rahimi, Sie haben stets auf den politischen Aufbau Afghanistans nach dem Sturz der Taliban gesetzt und diesen unterstützt. Doch heute, kurz vor dem Abzug des westlichen Militärs, zeigt sich, dass die afghanische Regierung offenbar viel zu schwach ist, um die Kontrolle für das gesamte Land zu übernehmen. Die Taliban haben gegenwärtig mehr Macht als je zuvor. Wie sehen Sie die politische Zukunft Afghanistans?

Atiq Rahimi: Es ist noch nicht ganz sicher, dass die ausländischen Truppen 2014 Afghanistan vollständig verlassen werden. Nach meinen Informationen hat US-Präsident Obama zuletzt vorgeschlagen, dass ein Teil des Militärs bleiben wird. Das Thema Afghanistan ist bedauerlicherweise mit viel Leid und Schmerz behaftet. Die Chance, die wir vor elf Jahren hatten, haben weder die Afghanen noch der Westen genutzt.

Meinen Sie die afghanische Bevölkerung oder die Regierung?

Rahimi: Die Regierung Karzai war lediglich damit beschäftigt, die eigene Macht zu sichern und sich persönlich zu bereichern. Um die Menschen in Afghanistan wurde sich dagegen nicht gekümmert.

Hinzu kommen noch weitere Aspekte: Einige Hilfsorganisationen, die für den Wiederaufbau nach Afghanistan gekommen sind, haben den Afghanen vieles einfach hinterher geworfen, anstatt ihnen etwas beizubringen. Dadurch sind die Afghanen bequem geworden.

Britische Panzer bei Helmand; Foto: dpa/picture-alliance
Abzug in Raten und Politik der kleinen Schritte: Um in Afghanistan dauerhafte Stabilität zu gewährleisten, ist das Land auch in Zukunft auf die Unterstützung des Westens und der Nachbarstaaten angewiesen. Die internationale Gemeinschaft hatte erst kürzlich Afghanistan zivile Hilfe in Milliardenhöhe über das Ende des Nato-Kampfeinsatzes 2014 hinaus zugesagt.

​​Dann sind da noch die Nachbarländer wie Iran, Pakistan, China und Russland, die wirtschaftliche und politische Konflikte mit Europa und Amerika haben. Sie waren daher sicherlich auch kaum daran interessiert, dass sich die Lage in Afghanistan verbessert – weder dass Afghanistan ein selbstbestimmtes demokratisches Land wird, noch dass dort Frieden einkehrt. Und warum? Weil diese Länder, vor allem der Iran und Pakistan, von dieser beklemmenden Situation profitieren.

Ferner gibt es Auseinandersetzungen zwischen Pakistan und Indien. Dieser Konflikt wird in Afghanistan ausgetragen. China ringt derzeit wirtschaftlich mit den USA. Auch dieses Kräftemessen findet in Afghanistan statt. Die chinesische Führung weiß, dass ein politisches Scheitern in Afghanistan große wirtschaftliche Nachteile für die Amerikaner und Europäer bedeutet. China zeigt heute deutliche Präsenz in Afghanistan: Nach der Entdeckung neuer Kupferminen wurden erste Verträge mit den Chinesen gemacht. In dieser Situation ist Afghanistan offenbar allen anderen Ländern dienlich, nur nicht sich selbst und seiner Bevölkerung.

Glauben Sie, dass sich die zahlreichen Probleme Afghanistans überhaupt politisch lösen lassen?

Rahimi: Wir sind im letzten Jahr Zeuge der politischen Prozesse in den arabischen Ländern geworden. Diese vollzogen sich zunächst intellektuell und fanden dann auf breiter Basis statt. Doch letztendlich haben sie bislang zu keinem Ergebnis geführt. Man hatte erwartet, dass dem politischen Wandel ein gesellschaftlicher folgen würde. Aber mehr denn je benötigen wir heute eine kulturelle Revolution als eine politische oder wirtschaftliche. Auf dieser Ebene sind wir im Vergleich zur restlichen Welt rückständig geblieben.

Wie kann diese Rückständigkeit Ihrer Meinung nach beseitigt werden?

Rahimi: Das ist eine schwierige Frage. Ob wir wollen oder nicht: Diese Veränderungen brauchen viel Zeit. Die Unterschiede, die zwischen Ost und West, zwischen den islamischen und christlichen Ländern existieren, haben nichts mit der fortschreitenden Entwicklung von Technologien zu tun. Die Unterschiede sind kultureller Natur. Ich sage nicht, dass die eine Kultur besser oder die andere schlechter ist.

Das Problem besteht darin, dass unsere Kultur nicht mit den aktuellen Entwicklungen mithalten kann. Aber was könnte die Lösung sein? Ein erster Schritt wäre, die eigene Kultur, die wir leben, zu hinterfragen. Solange wir nicht erkennen, dass unsere Kultur im globalen Vergleich eine große Kluft aufweist, werden wir nicht in der Lage sein, unsere Probleme zu lösen. Bedeutet dies, sich allein am Westen zu orientieren? Nein, dieser Ansatz wäre gewiss falsch.

Der afghanische Präsident Hamid Karzai (l.) und der chinesische Präsident Hu Jintao in Peking; Foto: picture-alliance
Kräftemessen der regionalen Wirtschaftsmächte am Hindukusch: "Die chinesische Führung weiß, dass ein politisches Scheitern in Afghanistan große wirtschaftliche Nachteile für die Amerikaner und Europäer bedeutet. China zeigt heute deutliche Präsenz in Afghanistan: Nach der Entdeckung neuer Kupferminen wurden erste Verträge mit den Chinesen gemacht", berichtet Atiq Rahimi.

​​Wir glauben immer, dass Fortschritt und Demokratie westliche Errungenschaften sind. Wir denken, dass der Gedanke des Humanismus, der sich im Westen entwickelt hat, durch und durch westlich ist. Das ist aber nicht der Fall. Er ist eine Leistung der gesamten Menschheit. Wenn der Osten bis zum Zeitalter der Renaissance nicht die wissenschaftlichen, kulturellen und geistigen Leistungen erbracht hätte, wäre der Westen nie in der Lage gewesen, die Renaissance zu erleben. Der Osten hat die Basis dafür geschaffen und der Westen hat diese fortschrittlichen Entwicklungen fortgeführt.

Warum sonst waren China, Indien und Japan, die weder christlich noch im Westen beheimatet waren, in der Lage sich den modernen Entwicklungen anzupassen? Sie alle haben es geschafft, ihre kulturellen Eigenständigkeiten zu bewahren und sich trotzdem weiterzuentwickeln. Sie waren zu diesen Leistungen fähig, weil sie es geschafft haben, sich und ihre Systeme zu hinterfragen. Sie haben darüber nachgedacht, was Menschenrechte, was Menschheit und Individuum bedeuten. Solange wir allerdings nicht in der Lage sind, die Idee der Individualität zu entwickeln, werden wir nichts erreichen. Warum? Weil erst die Individualität es zulässt, dass ein Individuum in der Lage ist, ein anderes zu kritisieren, und individuelle Freiheiten zulässt.

Unsere afghanische Kultur basiert jedoch auf der Gemeinschaft und der Gesellschaft – das Individuum findet darin keinen Platz. Das Individuum spielt lediglich in Verbindung mit Familie und Clan eine Rolle, für sich alleine existiert das Individuum aber nicht. Und solange das Individuum als solches nicht existiert, wird es auch keine Freiheit und keine Demokratie geben – ganz egal, wer etwas in das Land und in die Leute investiert. Denn die Basis einer demokratischen Idee ist das Recht des Individuums. Wenn das Individuum keine Rechte und Freiheiten kennt, entzieht man der Demokratie jede Grundlage.

Interview: Shikiba Babori

© Qantara.de 2012

Der Schriftsteller und Dokumentarfilmer Atiq Rahimi hat als Zwanzigjähriger Afghanistan verlassen und lebt seitdem in Frankreich. Er studierte Literatur an der Universität Kabul und promovierte anschließend audiovisuelle Kommunikation an der Pariser Sorbonne. 2008 erhielt er für seinen Roman "Stein der Geduld" den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Zuletzt erschien sein Roman "Verflucht sei Dostojewski".

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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