Jüdische Männer beim Gebet in der Amram-ben-Diwan-Synagoge während einer jüdischen Pilgerreise in Nordmarokko (Foto: Abdelhak/AFP/GettyImages)
Interreligiöser Dialog in Marokko

Friedliche Koexistenz zwischen den Religionen

Vor der Gründung Israels lebten noch fast 250.000 Juden in Marokko. Doch seit den 1950er Jahren emigrierten viele in den neuen jüdischen Staat und ließen eine immer kleiner werdende jüdische Gemeinde zurück. Hind al-Subai al-Idrisi wirft einen Blick auf das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen im heutigen Marokko.

Genau wie einige andere Länder der arabischen Welt, etablierte sich auch in Marokko zu Beginn des Arabischen Frühlings eine Reformbewegung, deren Forderungen nach politischen Wandel zu einer Reihe von Veränderungen führten. Hierzu zählten u.a. ein Referendum über eine neue Verfassung und die Abhaltung von Wahlen, aus denen die islamistische "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" als Siegerin hervorging.

Obwohl viele Menschen fürchteten, dass eine islamische Partei den Glauben nicht-muslimischer Bürger nicht respektieren würde, zeigte sich, dass sich Marokko auch unter der Regierung der "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" der Förderung des jüdisch-muslimischen Dialogs und der friedlichen Koexistenz verpflichtet fühlt.

Marokko gilt als eines der stabilsten Länder der Region und ist seit langem bekannt dafür, dass sein gesellschaftliches Gefüge von einer friedlichen Koexistenz der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften und Kulturen geprägt ist.

"Eine Lektion für das 21. Jahrhundert"

Als Zeugnis hierfür kann ein bedeutendes Ereignis gelten, das im vergangenen Februar stattfand: In der Stadt Fez, von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet, wurde die Wiedereröffnung der frisch restaurierten Slat-al-Fassiyin-Synagoge gefeiert.

Ausblick von Boujeloud in die Medina von Fez (Foto: picture-alliance)
Blick in die Medina von Fez: die restaurierte Slat-al-Fassiyene Synagoge in Fez befindet sich in Mellah im Medina-Stadtteil, einem alten Stadtteil Fez

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Repräsentant der Regierung bei der Feier war Premierminister Abdelilah Benkirane, zugleich Vorsitzender der "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung". In seiner Rede wies er darauf hin, dass "die Veranstaltung die Identität Marokkos als Land des Friedens, der Toleranz und der friedlichen Koexistenz der Gläubigen aller göttlichen Religionen unterstreiche" und dass sie "eine Lektion für das 21. Jahrhundert" sei, "die Marokko an die ganze Welt aussendet."

Historischer und religiöser Meilenstein

Die Slat-al-Fassiyin-Synagoge von Fez ist eine der ältesten Synagogen der Stadt. Sie wurde im 17. Jahrhundert im Stadtviertel Mallah inmitten der Altstadt erbaut und gilt als historischer Meilenstein der jüdischen Kultur Marokkos. Die Synagoge spielte eine wichtige Rolle im Leben der jüdischen Gemeinschaft, zu denen früher einmal 30.000 Gläubige gehörten, heute sind es schätzungsweise zwischen 3.000 und 7.000.

Während die meisten Juden Marokko verließen, als der Staat Israel gegründet wurde, richtete der marokkanische König bei der Eröffnungsfeier eine Botschaft an die verbliebenen Rabbis und Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft, in der er die Restaurierung auch anderer Synagogen in Marokko forderte. Dabei gehe es bei diesen Gebäuden nicht primär darum, Orte für die Andacht zu schaffen, sondern auch Räume für den interkulturellen Dialog.

In diesem Zusammenhang sind noch andere, der Verständigung zwischen den Glaubensgemeinschaften dienende Ereignisse erwähnenswert, die vom König und der Regierungspartei angeregt wurden.

Zuletzt war dies eine Veranstaltung unter dem Titel "Interfaith Co-existence and Dialogue in Morocco" (Interreligiöse Koexistenz und Dialog in Marokko), ein Treffen von drei religiösen Führern unterschiedlicher religiöser Gemeinschaften: des Oberhaupts der katholischen Kirche in Marokko, des jüdischen Gemeindevorsitzenden und des Vorsitzenden des örtlichen Wissenschaftlichen Rates von Anfa, einem Stadtteil Casablancas. Das Treffen fand Ende Januar auf dem Siqala-Platz in Casablanca statt.

Fragen nach religiöser Freiheit

Abdelilah Benkirane (Foto: AFP/Getty Images)
Während der Zeremonie anlässlich der Restaurierung der Synagoge in Fes sprach Regierungschef Benkirane von einem "beredeten Zeugnis des Reichtums und der Verschiedenheit der geistigen Komponenten" Marokkos.

​​Die Religionsführer saßen an einem Tisch und sprachen über das Zusammenleben der Religionen in Marokko und beantworteten Fragen zum Thema, die ihnen von jungen Marokkanern unterschiedlicher Glaubenszugehörigkeiten gestellt wurden.

Dabei wurden ihnen viele Fragen zu den drei abrahamitischen Religionen gestellt, die von ihnen in einem Klima gegenseitigen Respekts und von Toleranz beantwortet wurden.

Viele Zuhörer fragten etwa nach der religiösen Freiheit in Marokko. Während es Muslimen nicht erlaubt ist, dem Islam abzuschwören, so betonten doch alle drei Diskutanten, wie wichtig es sei, die Annahme aller Glauben zu akzeptieren und ihnen allen die Ausübung derselben zuzugestehen.

Der muslimische Gelehrte verwies darauf, dass es "keinen Zwang im Islam" gäbe (Koran 2:256) und dass dieser Grundsatz auch im Alltag gelebt werden müsse, indem die Vielfalt der religiösen Überzeugungen allgemein akzeptiert werde.

Die jungen Menschen werden als besonders wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft angesehen. Deshalb ist es von so großer Bedeutung, dass sie für den Dialog gewonnen werden, und das trotz aller bestehenden Unterschiede in religiöser, ideologischer und kultureller Hinsicht; dies ist ein wichtiger Schritt für jede Gesellschaft, die sich dem Wandel zum Positiven verschrieben hat.

Durch Veranstaltungen wie diesen macht sich Marokko fit für eine neue Generation, eine, der das Zusammenleben mit Angehörigen anderer Religionen noch leichter fällt als den bisherigen.

Hind al-Subai al-Idrisi

© Common Ground News 2013

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Friedliche Koexistenz zwischen den Religionen

Ich denke, die arabischen und muslimischen Länder können viel von Marokko lernen. Schade nur dass über dieses wunderbares Land nur wenig berichtet wird.

Jens kant02.03.2014 | 21:57 Uhr