Ausländische Fachkraft in einem Druckereibetrieb, Foto: picture-alliance/dpa
Internationale Kooperationsprojekte von Migranten

Netzwerke in die Heimat

Viele Migranten in Deutschland unterstützen ihre Herkunftsländer. Das legt eine Studie des Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerks nahe. Migrantenorganisationen können durch Kooperationen mit Politik und Zivilgesellschaft dieses Engagement fördern – und auch die Herkunftsländer selber können etwas dazu beitragen. Von Rahim Hajji und Soraya Moket

Rund 215 Millionen Menschen leben und arbeiten heute in einem Land, in dem sie nicht geboren sind. In Deutschland allein sind es rund 10,8 Millionen Menschen. Vor allem die Zuwanderung von Hochqualifizierten dürfte hier noch weiter steigen, denn seit Ende 2011 gilt die EU-Freizügigkeit auch für alle Neu-Unionsbürger. Außerdem wurde dieses Jahr die Umsetzung der EU-Hochqualifizierten-Richtlinie beschlossen.

Migrationsforscher haben lange beklagt, dass sich die Auswanderung von Fachkräften aus Entwicklungsländern in reichere Nationen – der so genannte "brain drain" – negativ auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit dieser Länder auswirkt.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass Emigration auch zur Entwicklung des Herkunftslands beitragen kann – zum Beispiel durch sogenannte "Remittances", Rücküberweisungen an Familienangehörige. Indien beispielsweise erhält von seinen Auswanderern ein jährliches Überweisungsvolumen von über 51 Milliarden Dollar. Ferner tragen Migranten durch freiwilliges Engagement, Investitionen und Transfer von Technologie oder Know-How zum Fortschritt bei.

Ausländische Fachkraft in einem Krankenhaus, Foto: picture-alliance/dpa
Wege aus dem Brain Drain? - "Hochqualifizierte Migranten sind vor allem an Wissenstransfer und am Aufbau von Kooperationsnetzwerken interessiert", schreiben Rahim Hajji und Soraya Moket.

​​Zunehmend wird auch die Rolle von Migrantenorganisationen gewürdigt. In Deutschland haben die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bereits elf Studien dazu durchgeführt, wie sich Migranten in die Entwicklungszusammenarbeit einbringen. Das Ergebnis: Hochqualifizierte Migranten sind vor allem an Wissenstransfer und am Aufbau von Kooperationsnetzwerken interessiert. Migranten der sogenannten Gastarbeitergeneration dagegen bringen sich eher in Projekte zur Armutsminderung ein.

Investitionen im Herkunftsland

Auch das Deutsch-Marokkanische Kompetenznetzwerk e.V. (DMK) kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass hochqualifizierte Migranten sich durchaus für ihre Herkunftsorte einsetzen möchten. Zum zweiten Mal untersuchte der Verein 2011 in einer Online-Umfrage das Engagement seiner Vereinsmitglieder und Website-Nutzer, darunter vornehmlich marokkanische Fachkräfte, die in Deutschland leben.

Die meisten der 117 Befragten sind wirtschaftlich oder entwicklungspolitisch in Marokko aktiv. Und auch jene, die sich bisher nicht engagieren, haben keineswegs kein Interesse – sie hatten bisher nur meist nicht die Gelegenheit.

In der Umfrage gaben fast alle Befragten an, Geld an Familienangehörige im Herkunftsland zu schicken – rund 97 Prozent bereits mindestens ein Mal. Jeder Zweite investiert zudem in Immobilien und jeder Dritte in andere wirtschaftliche Unternehmungen. Ein Großteil der Befragten engagiert sich außerdem in humanitären (74 Prozent) oder entwicklungsbezogenen (53 Prozent) Projekten. Politisch bringt sich dagegen nur jeder vierte von ihnen ein.

Da es sich beim DMK um ein Netzwerk handelt, das sich die Entwicklungszusammenarbeit explizit zum Ziel gesetzt hat, sind die Daten für das Engagement der Befragten erwartungsgemäß relativ hoch. Dennoch haben sich immerhin 47 Prozent bisher noch nicht an einem entwicklungspolitischen Projekt beteiligt. Dies kann unter anderem an den schnellen Mitgliederzuwächsen des Vereins liegen.

Symbolbild Migration aus Marokko, Foto: DW/dpa
Enge Bindung an das Herkunftsland: Viele marokkanische Arbeitskräfte in Deutschland stehen in ständiger Verbindung zu ihrem Heimat und sind zudem dort entwicklungspolitisch aktiv.

​​Als Gründe für die Nicht-Beteiligung gaben 30 Prozent der Befragten an, dass sie bisher noch keine Gelegenheit hatten, sich einzubringen, 22 Prozent hatten keine Projektidee und 17 Prozent fanden keine Mitstreiter. Rund ein Viertel der Befragten haben sich bisher schlicht noch nicht mit der Frage beschäftigt. Nur in marginalem Maße stehen einem Engagement fehlendes Interesse (fünf Prozent), mangelnder Altruismus (sechs Prozent), geringe Sprachkenntnisse (zehn Prozent) oder Kompetenzen (zwölf Prozent) entgegen.

Wichtige Partnerschaften

Diese Ergebnisse legen nahe, dass Migrantenorganisationen wie das DMK gute Möglichkeiten haben, das Engagement ihrer Mitglieder zu steigern. Zwar gibt es Mitglieder, die sich selbständig in Projekten einbringen, viele müssen jedoch erst angesprochen werden und brauchen konkrete Projektideen.

Um das zu leisten, müssen Migrantenorganisationen Möglichkeiten für entwicklungspolitisches Engagement im Herkunftsland ausfindig machen, Kontakte ins Land aufbauen sowie Mitglieder anwerben und begeistern.

Dafür müssen sie mit den politischen und zivilen Akteuren im Aufnahme- als auch im Herkunftsland zusammenarbeiten. Diese können helfen, Entwicklungshilfeprojekte umzusetzen und die Mitglieder zu mobilisieren. Eine solche Partnerschaft muss gepflegt werden, sie setzt allerdings Zuverlässigkeit und Kontinuität durch regelmäßigen, aktiven Austausch voraus. Das DMK beispielsweise pflegt den Kontakt zu den wichtigsten Akteuren in Marokko auf Basis eines Kooperationsvertrags.

Soraya Moket, Foto: DW
Soraya Moket ist Vorsitzende des Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerkes e.V. (DMK). Die Soziologin marokkanischer Herkunft lebt seit den 1990er Jahren in Deutschland. Hauptamtlich arbeitet sie im Bereich Migration und Integration im Saarland.

​​Zudem sollten die Migrantenorganisationen ihren Mitgliedern konkrete Projektvorschläge unterbreiten. Gute Erfahrungen hat das DMK damit gemacht, fachliche Arbeitsgruppen zu bilden, in denen sich die Mitglieder regelmäßig austauschen, Projektideen entwickeln und Kooperationspartner finden können.

Die Migration von Hochqualifizierten nach Deutschland muss also wirklich nicht zum Nachteil für die Herkunftsländer sein. Ob das klappt, liegt jedoch nicht nur in der Hand der Migranten selber. Auch die Herkunftsländer können dazu beitragen: Sie können die Migrantenorganisationen ihrer Auswanderer unterstützen und ihnen helfen, den Kontakt zum Herkunftsland zu halten. Die mexikanische Regierung beispielsweise fördert Migrantenorganisationen in den Vereinigten Staaten, die sich entwicklungspolitisch in Mexiko einbringen möchten.

Auch Marokkos Regierung hat erste Schritte unternommen und ein Ministerium, eine Regierungsorganisation und ein Programm geschaffen, die marokkanische Auswanderer unterstützen.

Genug ist das aber noch nicht. Das Ministerium braucht eine kompetente Kontaktperson für hochqualifizierte Migranten, die sich entwicklungsspezifisch engagieren wollen. Außerdem muss die Regierung die Entstehung stabiler, vertraulicher und aktiver Partnerschaften von Organisationen in Marokko mit denen von Migranten im Ausland unterstützen.

Rahim Hajji und Soraya Moket

© Zeitschrift Entwicklung und Zusammenarbeit 2012

Das Deutsch-Marokkanische Netzwerk e.V. (DMK) hat sich zum Ziel gesetzt, die Entwicklungszusammenarbeit in Marokko aktiv mitzugestalten. Der im Jahr 2009 gegründete Verein hat einen festen Kern von rund 100 Mitgliedern und betreibt eine Online-Plattform, die marokkanischstämmige Fachkräfte in Deutschland vernetzt.

Redaktion: Arian Fariborz/ Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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