Internationale Friedenskonferenz an der Al-Azhar Universität

Wenn die Karten neu gemischt werden

Die Al-Azhar Universität in Kairo hatte eine internationale Friedenskonferenz mit Papst Franziskus als Hauptattraktion zu Gast. Die älteste aller sunnitischen Universitäten sucht ihren Platz in der islamischen Welt. Von Alexander Görlach

Der Vatikan und die Al-Azhar Universität in Kairo: das Treffen zwischen dem Papst und dem Großscheich verlief ohne Pannen, die Friedenskonferenz an der ältesten sunnitischen Universität der islamischen Welt ebenfalls.

Während des Pontifikat Papst Benedikts wurde der bereit vierzig Jahre lang geführte Dialog zwischen beiden Institutionen eingefroren: der Al-Azhar missfiel die Regensburger Rede des Pontifex, der Vatikan war von der Aufrichtigkeit der Dialogbemühungen der Gelehrten der Azhar nicht überzeugt.

An der Al-Azhar versteht man sich als so etwas wie der "islamische Vatikan". Dieser Aspekt gepaart mit der Wahrnehmung, dass der Bischof von Rom auch als weltlicher Herrscher einer absolutistischen Monarchie durchgehen kann, hatte bis zu dem Bruch am Nil die Überzeugung genährt, dass es Sinn macht, eine Form des Gemeinsamen aufrecht zu erhalten.

So haben beide Einrichtungen nach dem 11. September eine gemeinsame Erklärung verabschiedet, die Gewalt im Namen der Religion verurteilte. Aber nur wenig später hießen Gelehrte der Al-Azhar islamistische Selbstmordattentate gut. Das wurde am Heiligen Stuhl mit Befremden zur Kenntnis genommen.

Das alles hat Papst Franziskus vergessen machen wollen – auch die Tatsache, dass es unter Papst Benedikt Hardliner in Rom gab, die das Zweite Vatikanische Konzil und seine Aufforderung, überall auf der Welt Religionsfreiheit zu etablieren und den Dialog mit anderen Glaubensgemeinschaften zu suchen, am liebsten rückabgewickelt hätten. Nun ist alles auf Null und Neuanfang gestellt. Das ist eine größere Chance für die Al-Azhar als für den Vatikan.

Das doppelte Dilemma der Al-Azhar

Die Universität, die zweifelsfrei eine geschichtlich gewachsene Autorität besitzt, ist unter zweifachem Druck: zum einen von außen, aus der nicht-islamischen Welt, in der sie sich als Gesprächspartner anbietet, aber in der Vergangenheit häufig nicht mit der nötigen Sorgfalt und akademischen Reife geliefert hat, die man eigentlich von einer solchen Einrichtung erwartet. Zum anderen kommt der Druck aus der islamischen Glaubensgemeinschaft selbst, denn deren Zentrum liegt nicht mehr in der arabisch-sprachigen Welt, sondern weit weg von ihr in Indonesien und Malaysia.

Papst Franziskus; Foto: AFP/Getty Images
Warnung vor politischer Instrumentalisierung der Religionen: Während seiner Rede auf der internationalen Friedenskonferenz an der Al-Azhar Universität hatte Papst Franziskus betont, Gewalt widerspreche authentischer Religiosität. "Als religiöse Verantwortungsträger sind wir aufgerufen, die Gewalt zu entlarven, die sich hinter einem vermeintlichen sakralen Charakter verbirgt". Er beklagte eine gefährliche Vermischung religiöser und politischer Inhalte. Dies berge die "Gefahr, dass die Religion von der Sorge um weltliche Angelegenheiten aufgesaugt und von den Schmeicheleien weltlicher Mächte in Versuchung geführt wird, die sie in Wirklichkeit instrumentalisieren."

Dieses doppelte Dilemma der Al-Azhar ist sinnbildlich für die Situation, in der sich der Islam generell befindet: da ist der Druck von außen, der Entwicklungsdruck der Moderne, der seit zwei hundert Jahren die islamische Gelehrsamkeit herausfordert und in Atem hält. Was im Westen als Moderne gilt, ist positiv besetzt: Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks, die Menschenrechte, die Gewaltenteilung.

In der arabisch-islamischen Welt markiert ein negativ besetztes Datum den Beginn der Moderne: der Einmarsch Napoleons und seiner Truppen in Ägypten im Jahr 1798. Diese negative Assoziation wirkt bis in die Gegenwart statt. Und es gibt islamische Geistliche, die darauf hinweisen, dass die Schockstarre, die in Opferhaltung und wirtschaftlicher und kultureller Stagnation in der Region geführt hat, doch irgendwann einmal überwunden werden muss.

Und der Druck von innen: ein Muslim in Nigeria kann heute dank des Internets sehen und wissen, was ein Muslim in Pakistan denkt, fühlt und wie er für sich den Islam auslegt und den Glauben lebt. Die Begegnung mit der Moderne ist eben nicht nur Kühlschrank und Auto, sondern auch Youtube-Predigten und Gruppen zu islamischen Themen auf Facebook. Was ist der wahre Islam? Die Debatte geht durch die umma, die Gemeinschaft der Muslime, durch alle kulturellen Zonen, in denen der Islam wirkmächtig ist.

Alexander Görlach; Foto: David Elmes/Harvard University
Alexander Görlach ist Gastwissenschaftler an der Harvard University, wo er am Center for European Studies und der Divinity School im Bereich Politik und Religion forscht. Für seine Promotion in komparativer Religion hat er unter anderem an der Al-Azhar Universität in Kairo studiert.

Ein Wettbewerb über die Deutungshoheit im Islam

Dies lässt sich sehr gut vergleichen mit dem, was die anglikanische Kirchengemeinschaft seit Jahren erlebt: ein liberalerer Norden steht gegen einen konservativen Süden. Mehr als einmal stand die Kirche bereits vor der Spaltung, der Streit tobt in Hinblick auf Frauenpriestertum und Homosexualität. Die islamische Glaubensgemeinschaft orientiert sich neu, die Karten werden neu gemischt, und klassische Einrichtungen wie die Al-Azhar haben den Platz, den sie in der Vergangenheit eingenommen haben, noch längst nicht für die Zukunft gesichert.

Und es gibt in der Tat Wettbewerb: Als der unselige Kalif des sogenannten "Islamischen Staats" für sich die Oberherrschaft über die 1,4 Milliarden Muslime auf der Welt beanspruchte, da war es nicht die Al-Azhar, sondern vielmehr ein neuer Akteur, der ihm die Stirn bot: 130 Theologen aus der islamischen Welt und der Diaspora erklärten in verbindlichem Ton, warum Bakr den Titel Kalif nicht rechtmäßig für sich beanspruchen kann.

Für den christlichen Betrachter erinnerte diese internationale Ansammlung von islamischer Gelehrsamkeit an die Einrichtung des Konzils, auf denen die christlichen Theologen um die wahre Lehre ringen, um am Ende zu einem Konsens zu gelangen. Das, was sie zu Papier brachten, ist, ebenfalls in christlicher Sprache, nicht weniger als die Exkommunikation Bakrs, was bedeutet, dass er nicht mehr als Muslim gilt.

In einer globalisierten Welt ist eine solche Initiative wie die der 130 wegweisend und ein Modell. Sollte das Schule machen, wäre die Al-Azhar nur noch eine Stimme unter vielen. Das mögen die Gelehrten in Kairo nicht kampflos hinnehmen. Die Friedenskonferenz in Kairo war daher eine Machtgeste: wir schaffen es noch, zu mobilisieren.

Alexander Görlach

© Qantara.de 2017

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