Immer wieder die üblichen Verdächtigen - Talkshows in der Kritik

05.07.2018

Talksendungen sind regelmäßig in der Kritik, manchmal zurecht, manchmal nicht. Für den Medienwissenschaftler Bernd Gäbler sind sie ein ritualisierter Schlagabtausch der üblichen Verdächtigen. Mit ihm hat sich Andras Heimann unterhalten.

Bei Talksendungen gehen die Diskussionen oft hinterher erst richtig los. Kritik gab es zuletzt unter anderem daran, wie dort polarisierende Themen besprochen werden. «Ein Titel wie: «Flüchtlingskrise - mehr Kriminalität in unseren Städten?» stellt eben einen Zusammenhang her. Niemand denkt das Fragezeichen mit», kritisiert der Medienwissenschaftler und frühere Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts Bernd Gäbler. «Darum wäre eine Talkshow zum Thema: «Flüchtlingskrise - warum lassen uns die Toten im Mittelmeer eigentlich so kalt?» bald mal wieder angemessen.»

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Den Talksendungen von «hart aber fair» bis «Maischberger» ist vorgehalten worden, der AfD in die Hände zu spielen, indem sie immer wieder Themen wie Flüchtlinge oder Islam in Deutschland aufgreifen, wovon die AfD profitiere. Halten Sie das für realistisch? Oder wird die Wirkung von Talksendungen überschätzt?

Bernd Gäbler: Es ist das Recht und die Pflicht des Journalismus, Themen aufzugreifen, von denen er glaubt, dass diese wichtig sind, auch oder gerade wenn die regierende oder offizielle Politik das anders sieht. Das ist nicht zu kritisieren. Zu kritisieren ist aber, wenn die Beurteilung der Relevanz eines Themas nur oder hauptsächlich nach dem Grad der Popularität erfolgt. Gelegentlich auch einmal über etwas zu debattieren, was nicht auf den ersten Blick populär ist, zum Beispiel den Nord-Süd-Dialog, den Syrienkrieg, die Zukunft der digitalen Arbeit, würde der Gesprächskultur nicht schaden.

Meistens geht es aber nicht allein um das Was, sondern auch um das Wie der Talkshows. Viele Debatten sind ritualisiert, folgen dem gleichen Schema. Die Auswahl der Gäste ist viel zu eng. In jeder Islamdebatte einer Talkshow zeigt sich, dass ein Islamwissenschaftler dort fehl am Platze ist. Er kennt sich aus, hat Einwände, macht die Sache unnötig kompliziert. Das mögen die Redaktionen nicht. Jeder muss eindeutige Thesen vertreten. In normalen menschlichen Gesprächen geht es darum, sich durch Austausch wechselseitig zu bereichern. In der Talkshow geht es darum, Meinungen vorzuführen und Recht zu behalten.

Was halten Sie von dem Vorschlag des Deutschen Kulturrates, die Talksendungen sollten ein Jahr lang pausieren und ihre Konzepte überdenken?

Gäbler: Dieser Vorschlag ist Quatsch. Er zielt nicht auf seriöse Auseinandersetzung, sondern auf Schlagzeilen. Man sollte auch keine umstrittenen Bilder zuhängen, Statuen sprengen oder Gedichte übermalen. Ein vernünftiger Umgang mit Medien ist eine Bildungsaufgabe, aber nicht durch Boykotte oder Verbote zu erzielen.

Was ist der Grund, warum gerade die Talkformate so in der Kritik stehen - die Zuschauerzahlen sind ja überschaubar, selbst bei den genannten Themen?

Gäbler: Talkshows sind eine sehr einflussreiche Form der politischen Meinungsbildung. Im Vergleich zu anderen Formen – Magazinsendungen oder Dokumentationen - zu einflussreich. Sie sind eine wichtige Bühne für die Selbstrepräsentation der Politiker. Oft zählt dabei ihr selbstbewusster Auftritt mehr als die Kraft der Argumente. Noch vor einiger Zeit hat die ARD gegen alle vernünftige Kritik behauptet, fünf Talkshows pro Woche seien genau richtig. Dann hat sie das Repertoire zum Glück doch reduziert. Dennoch gibt es zu wenig Formenreichtum.

Was halten Sie von dem Framing-Vorwurf, der ja lautet, die Moderatoren würden schon durch die Themensetzung und den Titel die Richtung vorgeben, in der diskutiert wird?

Gäbler: Die Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling hat uns alle zurecht für das «Framing» sensibilisiert. Ein Titel wie: «Flüchtlingskrise - mehr Kriminalität in unseren Städten?» stellt eben einen Zusammenhang her. Niemand denkt das Fragezeichen mit. Inzwischen ist das Pendel von der Willkommenskultur umgeschlagen in eine «Zurückweisungskultur». Darum wäre eine Talkshow zum Thema: «Flüchtlingskrise - warum lassen uns die Toten im Mittelmeer eigentlich so kalt?» bald mal wieder angemessen. Fast kann man sagen: Talkshows wird es immer geben, alles ist schon ein Gewinn, was überrascht und mehr bietet als einen ritualisierten Schlagabtausch der üblichen Verdächtigen.

Interview: Andras Heimann

Bernd Gäbler, geboren 1953, studierte Geschichte und Germanistik in Marburg. Er arbeite lange Jahre als Journalist und war von 2001 bis 2005 Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts. Inzwischen lehrt er Journalismus an der Fachhochschule des Mittelstand (FHM) Bielefeld. Für die Otto Brenner Stiftung hat er 2015 die Studie «...und unseren täglichen Talk gib' uns heute» (dpa)

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