Dr. Henner Fürtig; Foto: Werner Bartsch
Henner Fürtig, Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien

''Tiefes Misstrauen gegenüber dem Westen''

In der islamischen Welt breiten sich die Proteste gegen den Anti-Islam-Film wie ein Flächenbrand aus. Über die Tragweite der neuen Unruhen in den Ländern des Arabischen Frühlings hat sich Anne Allmeling mit dem Nahostexperten Henner Fürtig vom GIGA Institut für Nahost-Studien in Hamburg unterhalten.

Nach den Ausschreitungen in Libyen, Ägypten und im Jemen gehen Beobachter davon aus, dass es auch in anderen islamischen Ländern zu Protesten kommt. Warum?

Henner Fürtig: Die Ausschreitungen erinnern fatal an die Proteste, die wir im Zusammenhang mit den Karikaturen in der dänischen Presse in Erinnerung haben. Man sieht hier eine ähnliche Dynamik. Eine zusätzliche Brisanz entwickelt sich allerdings dadurch, dass die Ausschreitungen im Umfeld von 9/11 stattfinden.

Wer steckt hinter diesen Protesten?

Fürtig: Es handelt sich in erster Linie um spontane Protestbekundungen und Ausbrüche von Volkszorn, die wir sowohl jetzt im Jemen als auch in Ägypten gesehen haben. Was Libyen betrifft, vermutet man hier wohl zu Recht, dass es ein geplanter Anschlag war. Dafür spricht die Bewaffnung der Angreifer zum Beispiel mit Panzerfäusten.

Was wollen diese Menschen erreichen, die sich mit Gewalt gegen die USA wenden?

Fürtig: Dieses salafistische, gewaltbereite Element beobachten wir nicht erst seit heute oder seit einigen Monaten. Es ist seit dem Arabischen Frühling stärker geworden und fällt jetzt auch politisch mehr ins Gewicht - teilweise unterstützt durch Wahlerfolge.

Proteste vor der deutschen Botschaft in Khartum; Foto: AFP/Getty Images
Reminiszenzen an die Karikaturenkrise: Nach einer Reihe von Protesten vor US-amerikanischen Botschaften in mehreren arabischen Ländern stürmten nun auch Tausende aufgebrachte Sudanesen die deutsche Botschaft in Khartum und legten dort Feuer.

​​Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass sich auch Veränderungen im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling ergeben haben, die nicht nur positiv sind. Aber letztlich agieren diese Menschen aus einer Grundstimmung heraus, die sich mit einem tiefen Misstrauen gegenüber dem Westen und seinen Absichten in Verbindung bringen lässt. Das ist über Jahre und Jahrzehnte gewachsen, nicht zuletzt aus dem Kolonialismus. Es ist aber nicht so, dass die gesamte Bevölkerung in diesen Ländern diesem Mechanismus folgt, es sind natürlich immer nur Bruchteile. Aber diese Bruchteile sind sehr gewalttätig.

Warum entfalten sie dennoch eine solche Dynamik?

Fürtig: Auch im Arabischen Frühling haben wir eine deutlich sichtbare Beeinflussung von Land zu Land beobachtet. Das sind auch Ergebnisse der elektronischen Revolution, die alle Teile der Welt erfasst. Es ist heute nicht mehr möglich, Entwicklungen zu verzögern, weil man voneinander weiß. Das Beispiel im Nachbarland steckt an. Es ist letztendlich eine natürliche Entwicklung, dass die Menschen im Jemen sehr schnell mitbekommen, was in Kairo passiert, was in Libyen passiert, und dann auch selbst aktiv werden. Aber ich glaube, dass man Al-Qaida maßlos überschätzt, wenn man hinter all diesen Vorgängen eine sorgfältig planende Hand des Terror-Netzwerkes vermutet.

Wie kann der Westen denn solchen Ausschreitungen angemessen begegnen?

Fürtig: Diese Art von spontanen Eruptionen kann man nicht voraussehen. Man kann solche Entwicklungen auch nicht von vornherein ausschließen. Ich glaube, man muss hier Ursache und Wirkung geschickt auseinanderhalten.

Und was war die Ursache?

Fürtig: Die Ursache war eine offensichtliche Provokation. Und bei der Schnelllebigkeit und der kurzen Verbindung, die heute das Internet und andere elektronische Medien möglich machen, kann man die Folgen nicht wirklich verhindern, so dass wir mit Toten, mit Zerstörung in anderen Teilen der Welt leben müssen - aber ich sehe hier von keiner Seite eine wirklich planende Hand.

Interview: Anne Allmeling

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Mehr zum Thema
Druckversion
E-Mail verschicken
Ihre Meinung zu diesem Artikel
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.