Adonis; Foto: dpa
Goethe-Preis 2011 an Adonis

Das Schweigen des Dichters

Der syrisch-libanesische Dichter Adonis bekommt den Goethe Preis. Ein falsches Signal im arabischen Frühling, mit dem viele arabische Intellektuelle überfordert scheinen, meint Mona Naggar.

Er habe die Errungenschaften der europäischen Moderne in den arabischen Kulturkreis getragen. Außerdem sei er ein leidenschaftlicher Rebell gegen die Erstarrung der arabischen Kultur. Das sind einige der Gründe, die die Jury des Goethe Preises bewegt haben, sich für Adonis als Preisträger zu entscheiden. Diese Beurteilung mag in früheren Jahrzehnten gestimmt haben. In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts galt Adonis für viele junge arabische Schriftsteller tatsächlich als Rebell. Er stand für den Bruch mit der Vergangenheit, für kritisches Denken, für Erneuerung. In seinen Essays schrieb er gegen Fanatismus und Despotie an.

Aber Adonis hat schon lange aufgehört ein Rebell zu sein. Er ist erstarrt, während die arabische Kultur um ihn herum sich bewegt, so rasant wie schon lange nicht mehr. Und er hat seine propagierten Ideale verraten. Wir erleben mit dem arabischen Frühling historische Umbrüche in einer Region, die lange an Lethargie litt. Aber der 81-Jährige scheint unfähig zu sein, eine Haltung dazu einzunehmen. Er laviert und hofft offenbar, dass die "Gewitterwolken" schnell vorübergehen mögen.

Das Schweigen des Denkers

Die junge syrische Schriftstellerin Maha Hassan bringt die Kritik an Adonis auf den Punkt, wenn sie ihn auffordert, seine letzte Chance wahrzunehmen und eine eindeutige Position zur syrischen Revolution zu beziehen. In einem Artikel für die überregionale Tageszeitung Al-Hayat schreibt Hassan: "Sie müssen deutlicher, sicherer und genauer sein in ihrer Aussage zu den Ereignissen in Syrien. Sie müssen das Wort ergreifen, etwas sagen zum syrischen Blut!"

​​Der syrisch-libanesische Dichter schreibt eine Kolumne in der gleichen Zeitung. Darin gibt er seine Überlegungen zu kulturellen und politischen Fragen wieder. In seinen letzten Beiträgen beschreibt er zwar das Herrschaftssystem in Syrien, aber er lässt den Leser über seine Position gegenüber dem Regime im Unklaren. Das ist angesichts der Entwicklung in seiner Heimat unbegreiflich.

Aufspringen auf den fahrenden Zug

Adonis ist nicht der einzige Vertreter der bisherigen kulturellen Elite der Region, der von den revolutionären Ereignissen im arabischen Raum unter Druck gesetzt wird. Es scheint, als ob Intellektuelle, die in den vergangenen Jahrzehnten die arabische kulturelle Szene beherrscht und die Diskurse bestimmt haben, Schwierigkeiten haben, mit den Entwicklungen der letzten Monate Schritt zu halten. Und die Öffentlichkeit reagiert offenbar sensibler auf Äußerungen, die Diktatoren in Schutz nehmen oder sich hinter Rhetorik verstecken.

Etliche Schriftsteller solidarisierten sich zwar mit den Aufständischen. Sie marschierten mit zum Tahrir-Platz in Kairo oder auf die Avenue Bourgiba in Tunis. Andere versuchten mit Stellungnahmen auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Trotzdem spielte bei den Protesten und Revolutionen niemand von ihnen eine aktive Rolle. Als ob über Nacht ein Generationenwechsel statt gefunden hat.

Der marokkanische Literaturwissenschaftler Abdalsamad al-Kabbas schreibt in einem Artikel für die arabische Website alawan, dass für die jungen Revolutionäre die Dinge klar seien. "Sie brauchen nicht die etablierten Intellektuelle, um sich zu orientieren, weder die Regimetreuen, noch die Oppositionellen." Auch würden sie nicht die langen Reden von Parteivorsitzenden, egal welcher Richtung, Verse avantgardistischer Dichter, die die Revolution voraussagten, oder die Lieder engagierter Liedermacher brauchen. Das gilt für Tunesien, Ägypten, aber auch für die "Bewegung des 20. Februar" in Marokko.

Ein Bruch der Generationen

Tahar Labib, tunesischer Soziologe und ehemaliger Professor an der Universität in Tunis bestätigt al-Kabbas' Feststellungen. Labib bemerkt eine Geringschätzung seitens der Jüngeren. Er spricht von einer neuen Elite, von einer neuen Kultur, die von seiner Generation nicht mehr verstanden wird. Er erkennt einen Bruch zwischen den jungen Machern der Revolutionen und den Intellektuellen seiner Generation.

Adonis mit Scheich al-Maktum in Dubai; Foto: Günther Orth
"Adonis hat seine propagierten Ideale verraten. Wir erleben mit dem arabischen Frühling historische Umbrüche in einer Region, die lange an Lethargie litt. Aber der 81-Jährige scheint unfähig zu sein, eine Haltung dazu einzunehmen", schreibt Naggar.

​​Der Bruch ist verständlich und längst überfällig. Die einstige Elite muss sich viele Fragen gefallen lassen. Es geht um Verstrickungen, um Schweigen, um erkaufte Loyalität, um zweifelhafte Beziehungen zu den Mächtigen. Wie kam es dazu, dass der berühmte palästinensische Dichter Mahmud Darwish von dem ehemaligen tunesischen Präsidenten Ben Ali Staatspreise akzeptierte? Warum kann sich Adonis problemlos mit dem Regime in Damaskus arrangieren, wobei er in Europa stets die Werte der europäischen Moderne hochhält?

Für Abdalsamad al-Kabbas ist es die Diskrepanz zwischen den Ideen und dem Leben, zwischen dem Aufruf zu den Idealen der Aufklärung und die Umsetzung. Es geht auch um die Frage nach Verhaltensweisen, die in einer Diktatur tolerierbar und zum persönlichen Überleben unumgänglich sind und welche nicht. Die ägyptische Schriftstellerin und Journalistin Mansoura Ezzedin definiert die Grenzen der Kompromissbereitschaft mit dem Schweigen zu Ungerechtigkeit und Unterdrückung: "Es geht um das ständige Ringen, die eigene Unabhängigkeit zu bewahren."

Keine Selbstkritik, nirgends

In den vergangenen Wochen wurde der ägyptische Literaturwissenschaftler Jabir Asfur an den Pranger gestellt und von verschiedenen zum Beispiel des korrupten Intellektuellen ausgerufen. Der ehemalige Direktor der "Obersten Behörde für Kultur" und Träger des Qadhafi-Literaturpreises 2010, akzeptierte seine Nominierung zum Kulturminister in der letzten Regierung unter Husni Mubarak.

Asfur, der trotz seiner Nähe zur Macht für seine akademischen Qualitäten geschätzt wurde, trat zwar einige Tage später zurück und verfasste eine öffentliche Rechtfertigung. Aber sie vermochte nicht zu überzeugen. Selbstkritik oder Entschuldigung folgten nicht.

Sicher fragen sich viele Araber, warum Adonis zum jetzigen Zeitpunkt einen renommierten deutschen Kulturpreis bekommt. Das hat der arabische Frühling wirklich nicht verdient!

 

Mona Naggar

© Qantara.de 2011

Redaktion: Lewis Gropp/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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