Gegen das Vergessen: Friedenspreis für Aleida und Jan Assmann

13.06.2018

Das Wissenschaftler-Ehepaar Assmann hat sich über Deutschland hinaus mit seinen Forschungen zur Erinnerungskultur einen Namen gemacht. Dass Aleida und Jan Assmann 2018 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen, ist auch ein politisches Zeichen. Von Thomas Maier

Die Ägyptologie wird gerne als «Orchideenfach» belächelt. Doch Aleida und Jan Assmann haben Leben und Totenkult der alten Ägypter studiert - und für die heutige Welt fruchtbar gemacht. Die Hochkultur am Nil schuf einst monumentale Denkmäler gegen das Vergessenwerden. Das 71 und 79 Jahre alte Ehepaar Assmann hat das Thema Erinnerung ebenfalls zur Grundlage seiner Forschungen gemacht.

International gehören die beiden Gelehrten, die in Konstanz wohnen, zu den bekanntesten deutschen Geisteswissenschaftlern. Jetzt erhalten sie zusammen den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Nach Ansicht des Stiftungsrats hat das Paar ein zweistimmiges Werk geschaffen, «das für die zeitgenössischen Debatten und im Besonderen für ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung ist».

Aleida Assmanns Arbeiten zum kulturellen Gedächtnis ist es mitzuverdanken, dass Deutschland heute eine Erinnerungskultur hat, die weltweit als beispielhaft gilt. Dies versteht die Literaturwissenschaftlerin auch als Antwort auf den Holocaust. Nach dem «Historikerstreit» von 1986, bei dem es um die Frage der Einzigartigkeit des Genozids an den Juden ging, hat sich das Ehepaar maßgeblich für den Bau des Holocaust-Mahnmals in Berlin eingesetzt.

Angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatte plädiert Aleida Assmann in ihrem jüngsten Buch «Menschenrechte und Menschenpflichten» (2017) für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Darin müssten die Menschenrechte, Werte wie Empathie und Solidarität sowie ein Kanon von Regeln für ein faires und respektvolles Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten maßgeblich sein.

Jan Assmann, bis zur Emeritierung 2003 Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg, hat mit seinen religionswissenschaftlichen Arbeiten und Büchern und seinen Thesen zum Monotheismus für Furore gesorgt. Dessen Anfänge sieht er im Auszug der Israeliten unter Moses aus Ägypten. Damit sei in der Religion die Unterscheidung von «wahr» und «falsch» in die Welt gekommen - mit fatalen Folgen vor allem später im Christentum und im Islam.

Anders als bei den alten Ägyptern wurde im messianisch-heilsgeschichtlichen Glauben an den einen strengen Gott in dessen Namen gemordet. Mit der Problematisierung des Zusammenhangs von (monotheistischer) Religion und Gewalt hat Assmann eine heftige Debatte in der Wissenschaft losgetreten. Assmann hat dabei deutlich gemacht, dass er den Monotheismus nicht verdamme, sondern sich gegen religiös-dogmatischen Fundamentalismus wende.

Mit dem Ehepaar Assmann, das zusammen fünf Kinder hat, wird zum zweiten Mal seit 1950 ein Ehepaar mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. 1970 hatten die beiden schwedischen Friedensforscher Alva und Gunnar Myrdal die Auszeichnung erhalten.

Wohl selten ist bei Wissenschaftlern die Arbeit so eng miteinander verwoben wie bei den Assmanns. Die beiden Gelehrten sprechen inzwischen sogar auch in gemeinsamen Interviews nur noch mit einer Stimme. Dabei melden sie sich immer wieder zu den Themen der Erinnerungskultur zu Wort, die sie angesichts des politischen Wandels mit dem Einzug der Rechtspopulisten in den Bundestag bedroht sehen.

Rechenschaft und Verantwortung für die eigene Geschichte halten sie für unerlässlich. «Wir dürfen nicht in die alte Rhetorik von Ehre und Schande zurückfallen», sagte Alida Assmann im Februar der «Süddeutschen Zeitung» - zu Björn Höcke befragt. Der hatte in einer Rede in Dresden unter anderem mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin gesagt: «Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.»

Vielleicht noch gefährlicher als die AfD ist für Aleida Assmann aber das mögliche Versiegen der «Ressource Erinnerungskultur». Für die 68er-Generation, denen sich die Assmanns zugehörig fühlen, sei das Holocaust-Gedenken so etwas wie eine historische Mission gewesen. «Ich frage mich, was bleiben wird, wenn sie einmal nicht mehr ist.»

Der Friedenspreis an das Ehepaar soll auch deshalb ein Zeichen setzen. Gegen Geschichtsvergessenheit und für Erinnerungskultur, wie es der Stiftungsrat deutlich macht. (dpa)

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