Ansicht der Zitadelle in Aleppo; Foto: Claudia Mende
Gefährdetes Kulturerbe in Aleppo

Spiegel einer multikulturellen Gesellschaft

In der syrischen Handelsmetropole Aleppo ist das einzigartige Weltkulturerbe bedroht. Dabei hatte die Stadt gerade erst damit begonnen, sich für ihr historisches Erbe zu interessieren. Von Claudia Mende

In Aleppo droht einer der ältesten Städte der Welt die Zerstörung. Die Unesco befürchtet unwiderrufliche Schäden am Weltkulturerbe dieser Stadt, die in besonderer Weise die religiöse und ethnische Vielfalt Syriens verkörpert. Welche Schäden durch den Bürgerkrieg bereits entstanden sind, kann die Organisation nicht beurteilen. Dazu gibt es keine zuverlässigen Informationen aus Syrien.

Doch es sind nicht nur die steinernen Zeugen einer reichen Vergangenheit, die auf dem Spiel stehen. Die historischen Bauwerke Aleppos sind auch Teil der multikulturellen Identität der Stadt. Mit der alten Bausubstanz steht auch sie auf dem Spiel.

Moschee auf dem Areal der Zitadelle in Aleppo; Foto: Claudia Mende
Steinerne Zeugen einer reichen Vergangenheit: Auf dem Hügel mit der mittelalterlichen Zitadelle im Zentrum der Stadt fanden sich Spuren menschlicher Besiedlung, die bis ins 2. Jahrtausend vor Christus zurückreichen.

​​Die syrische Handelsmetropole blickt zurück auf eine 5.000-jährige Stadtgeschichte. Auf dem Hügel mit der mittelalterlichen Zitadelle im Zentrum der Stadt – wo sich Agenturmeldungen zufolge derzeit die Assad-Truppen zum Schlag gegen die Rebellen rüsten – fanden sich Spuren menschlicher Besiedlung, die bis ins 2. Jahrtausend vor Christus zurückreichen.

Bastion gegen Kreuzritter

Der Legende nach weidete der biblische Urvater Abraham auf dem Hügel seine Ziegen und gab der Stadt dadurch ihren arabischen Namen "Halab". "Halab" kann "gemolken" bedeuten, daher erzählte man sich, Abraham habe hier seine Ziegen gemolken und ihre Milch an die Armen verteilt.

Diese Geschichte zeigt, mit welchem Selbstbewusstsein Aleppo selber seine Bedeutung für die Menschheit einstuft. Die Zitadelle selber wurde im 12. Jahrhundert erfolgreich gegen die Kreuzritter errichtet.

Jahrhundertelang lag die Stadt im Zentrum der Handelsströme zwischen Europa und dem fernen Osten. Durch den Fernhandel mit den italienischen Stadtstaaten im 16. Jahrhundert erlangte sie Größe und Reichtum. Kaufleute brachten Gewürze und Seide aus Iran, Indien und China für den wachsenden Bedarf des Bürgertums nach Europa und machten Halt in Aleppo.

Der Souq von Aleppo – das pulsierende Zentrum der Stadt

Prächtige Herbergen, die Karawansereien, Moscheen und historische Wohnhäuser zeugen bis heute von der einstmals großen Rolle der Stadt für den internationalen Fernhandel. Mit einer Fläche von etwa 350 Hektar und rund 16.000 historischen Häusern beherbergt die Altstadt das größte traditionelle Wohnviertel in der arabischen Welt. Der Souq ist mit geschätzten zwölf Kilometern Gewölbegassen der größte im Nahen Osten und war mit Tausenden von Geschäften noch in den letzten Jahren das pulsierende Zentrum der Stadt.

Die Architektur ist ein Spiegel von Aleppos multikultureller Geschichte, geprägt von einem Völkergemisch aus Arabern, Tscherkessen, Armeniern, Aserbeid-schanern und Kurden, von Muslimen, Christen und Juden, von denen allerdings die meisten nach 1948 das Land verlassen mussten.

Der Souk von Aleppo; Foto: dpa
Unentwirrbares Basar-Labyrinth: Der Souq ist mit geschätzten zwölf Kilometern Gewölbegassen der größte im Nahen Osten und war mit Tausenden von Geschäften noch in den letzten Jahren das pulsierende Zentrum der Stadt.

​​Die historische Altstadt hat in den letzten Jahren vor Beginn des Aufstands gegen Assad Touristen aus aller Welt angelockt, aber die Aleppiner fingen gerade erst damit an, ihr historisches Gedächtnis zu entdecken. Auch die Stadtverwaltung hat lange gebraucht, um ihren Wert zu erkennen, denn bis in die 1990er Jahre verfielen große Teile der Altstadt. Wer es sich leisten konnte, zog in den Jahren eines ungebremsten Modernisierungswahns in neue Stadtviertel.

Drastischer Bevölkerungsrückgang

Die Zahl der Bewohner der Altstadt ging von 1945 bis 1995 um die Hälfte zurück, 2011 lebten dort noch rund 100.000 Menschen. Es waren vor allem einkommensschwache Familien, zum Teil vom Land, die nachrückten, nachdem das Bürgertum in die neuen Vororte gezogen war.

Die Nachrücker waren oft nicht in der Lage, aus eigenen Mitteln Wohnhäuser zu sanieren und Dächer zu reparieren. Fundamente wurden unterspült und Häuser bekamen Risse. Die Stadtverwaltung verstand noch in den 1980er Jahren unter Modernisierung den Abriss alter Häuser zugunsten von breiten Straßen für den Autoverkehr, die zum Teil quer durch die Altstadt führen sollten.

Erst nach Protesten des prominenten syrischen Architekten Adli Qudsi und der Listung als Unesco-Weltkulturerbe im Jahr 1986 revidierte die Stadtverwaltung teilweise ihre Planung und entdeckte das enorme touristische Potential des Weltkulturerbes. In Zusammenarbeit mit internationalen Geldgebern hat das Altstadtdirektorat der Kommunalverwaltung von Aleppo in den letzten Jahren an der Restaurierung des alten Stadtkerns gearbeitet.

Erfolgreiche Altstadtsanierung

Insbesondere die Aga Khan Foundation und die damalige deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) sowie der kleine Stuttgarter Verein "Freunde der Altstadt von Aleppo", haben sich engagiert, um historisch wichtige Gebäude zu restaurieren und instand zu setzen. Die Bewohner erhielten dazu günstige Kredite und technische Unterstützung. Ihre Lebensbedingungen sollten auf diese Weise verbessert und die Entvölkerung der Altstadt aufgehalten werden.

In den vergangenen 15 Jahren konnten so rund tausend Häuser wieder hergestellt werden. Eine Fußgängerzone rund um den Zitadellenhügel war schon teilweise verwirklicht, sie sollte den Autoverkehr reduzieren und die Luftqualität in der Altstadt verbessern, schnitt aber auch den Basar von seinen Kunden ab.

Das südliche alte Stadttor Bab Qinnesrin wurde renoviert, ebenso das "Bimaristan Argun", ein mittelalterliches Krankenhaus aus dem 14. Jahrhundert, in dem damals schon psychisch Kranke mit Musiktherapie behandelt wurden. Das "Bimaristan Argun", eines der schönsten Innenhöfe Aleppos, wurde zu einem kleinen Museum, das über die wissenschaftlichen Leistungen arabischer Ärzte und Gelehrter informiert.

Aufgang zur Zitadelle in Aleppo; Foto: Claudia Mende
Reiches historisches Erbe: "Die Altstadt hat in den letzten Jahren vor Beginn des Aufstands gegen Assad Touristen aus aller Welt angelockt, aber die Aleppiner fingen gerade erst damit an, ihr historisches Gedächtnis zu entdecken", schreibt Mende.

​​Doch nicht nur die internationalen Geber haben sich für den Erhalt der Altstadt interessiert. Lange Zeit sahen die Aleppiner selbst die alten Bauten in erster Linie als Mittel dazu, Touristen in die Stadt zu locken.

Interesse an der eigenen Geschichte

Doch in den letzten Jahren vor Beginn des Aufstands gegen Assad, wuchs das Interesse an der eigenen Geschichte. Die nichtstaatliche Organisation "Adyat" (deutsch etwa "alte Dinge") unter der Leitung von Tamim Kasmo, einem Bauingenieur mit aserbeidschanischem Familienhintergrund, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, unter den Bildungsbürgern der Stadt mit Führungen und Vorträgen mehr Interesse am historischen Erbe zu wecken.

Die Führungen lockten immer mehr Interessierte an. Ausgestattet mit digitalen Kameras und Schreibblöcken sah man sie an Feiertagen in Gruppen die Altstadt erkunden, als Touristen und Suchende in der eigenen Stadt.

"Die Aleppiner fangen erst langsam an zu begreifen, welches ungeheure kulturelle Erbe sie besitzen", sagte bei einem Besuch in Aleppo Mitte des Jahres 2010 eine der besten Kennerinnen der Geschichte Aleppos, Jenny Pocher-Marrache. Die alte Dame mit österreichisch-ungarischen Wurzeln aus der christlichen Oberschicht wuchs in der ehemaligen, 1539 gegründeten venezianischen Handelsniederlassung auf, dem "Khan an-Nahazin" (Khan der Kupferschmiede) und verfügt über eine der größten privaten Sammlungen an historischen Dokumenten und Fotografien der Stadt.

Teile ihrer Sammlung flossen auch in das neue Stadtarchiv, das im Jahr 2010 mit Unterstützung des Deutschen Entwicklungsdienstes aufgebaut wurde. Historische Dokumente, die sich oftmals in Privatbesitz befanden, sollten im Stadtarchiv konserviert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Am 11. Dezember 2010 wurde es in der "Shebani School", einem ehemaligen Franziskanerkloster, in Aleppo eröffnet.

Doch kaum begannen die Aleppiner, sich für den Wert der eigenen Stadt zu interessieren, ist sie in einem Maß gefährdet, wie es sich damals niemand vorstellen konnte. Nur drei Monate nach der Eröffnung des Stadtarchivs begannen die ersten friedlichen Proteste gegen Assad in der syrischen Stadt Daraa.

Claudia Mende

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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