Bundespräsident Joachim Gauck; Foto: Rainer Jensen/dpa
Gauck und die Muslime

Auf Distanz zum Islam

Joachim Gaucks bisherige Interviews und Reden zeigen, dass er auf Distanz zum Islam geht. Als Bundespräsident muss es aber seine Aufgabe sein, nicht zu polarisieren, sondern zu differenzieren. Vor allem auf konservative Muslime sollte er stärker zugehen, meint Jan Kuhlmann.

Es sind winzige Spuren, die Christian Wulff als Bundespräsident hinterlassen hat. Zurück aber bleibt ein Satz, der noch lange nachhallen wird: Der Islam gehört zu Deutschland. Seltsamerweise polarisieren dieses fünf Worte, obwohl oder gerade weil sie "nur" einen Zustand beschreiben.

Rund vier Millionen Muslime in der Bundesrepublik sind ein Fakt, den niemand leugnen kann. Auch nicht der neue Bundespräsident Joachim Gauck, weshalb er bereits angekündigt hat, es sei in dieser Frage "kein Richtungswechsel" zu erwarten.

Und doch: Gauck will andere Worte benutzen. Welche Akzente wird er setzen? Es zeichnet sich ab, dass er keinen Kuschelkurs plant. Gauck und die Muslime – das könnte ein diffiziles Thema werden. Nimmt man seine bisherigen Äußerungen als Grundlage, zeigt sich eine deutliche Distanz zum Islam.

Eine falsche Bewertungskategorie

Thilo Sarrazin; Foto: dpa
Die Polarisierung lieben und von ihr leben: Gauck hatte dem ehemaligen Bundesbank-Vorstand Sarrazin wegen dessen kritischer Thesen zur Zuwanderung in Deutschland Mut bescheinigt.

​​Da ist zuallererst Gaucks Interview mit dem Tagesspiegel, in dem er dem Buchautor Thilo Sarrazin "Mut" bescheinigte. Auch wenn sich das heutige Staatsoberhaupt an anderer Stelle von Sarrazins absurden Thesen zum Biologismus distanzierte, verwundert seine Wortwahl. Mut bedarf es wirklich nicht, wenn man wie Sarrazin einen Skandal plant, indem man sich weit verbreitete Vorurteile und Stereotypen zu eigen macht. Und überhaupt ist Mut in dieser Frage eine falsche Bewertungskategorie: Damit ließen sich viele Sätze rechtfertigen, die besser unausgesprochen bleiben.

Bei Gauck schwingt wohl Bewunderung für Sarrazin mit, weil beide die Polarisierung lieben und von ihr leben. "Zu solchen Debatten gehört die Zuspitzung und auch die populistische Übertreibung", urteilte er in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung über Sarrazin. Nein, muss man ihm da zurufen: Zu solchen Debatten gehören Zuspitzung und Populismus eben gerade nicht, jedenfalls nicht in dieser Form!

Wie Gauck zum Islam steht, lässt sich aus seinem Interview mit dem NZZ-TV herauslesen, auch wenn er hier äußerst verschwurbelt redet. Da spricht er beim Thema Islam von "Fremdheit und Distanziertheit", von "ganz anderen Traditionen", die "wir haben", ja er warnt sogar davor, das "überfremdet wird", was "auf dem Boden der europäischen Aufklärung und auch auf dem religiösen Boden Europas gewachsen ist".

Er wählt hier "ganz bewusst", wie er sagt, das Verb "überfremden", das eigentlich spätestens seit Steffen Heitmann aus dem Wörterbuch des vernünftigen öffentlichen Sprachgebrauchs gestrichen schien. Nur zur Erinnerung: Der sächsische CDU-Politiker Heitmann durfte einst nicht Bundespräsident werden, weil er eben dieses Wort benutzt hatte.

Dualistische Sicht

Muslimische Frauen in einer Moschee; Foto: dpa
Gaucks dualistische Sicht der religiösen Dinge: Hier stehen "Wir", also der aufgeklärte Westen auf dem Boden des christlichen Abendlandes, dort steht der Islam, der "nicht durch eine Reformation gegangen ist"

​​Der Islam ist bei Gauck das Fremde, das andere, etwas, was letztlich doch nicht wirklich dazugehört. Erkennbar ist hier eine dualistische Sicht der religiösen Dinge: Hier "Wir", also der aufgeklärte Westen auf dem Boden des christlichen Abendlandes, dort der Islam, der "nicht durch eine Reformation gegangen" ist, der also voraufklärerisch, ja geradezu mittelalterlich daherkommt. Das liest sich wie Sarrazin im feinen Zwirn des Intellektuellen.

Besonders bitter ist diese Rhetorik der Ausgrenzung für diejenigen Muslime, die hier geboren und/oder aufgewachsen sind, die Deutsch als Muttersprache sprechen, die wie ihre nicht-muslimischen Altersgenossen in der Schule oder anderswo von den Normen und Werten des Landes (also auch von der Aufklärung) geprägt wurden und die nicht nur deswegen fester Teil der hiesigen Kultur sind. Nur weil eine junge Frau ein Kopftuch trägt oder ein junger Mann sich einen Bart stehen lässt, muss ihnen Kants kategorischer Imperativ nicht fremd sein.

Zumindest deutete sich in Gaucks erster großer Rede nach seiner Vereidigung an, dass er im neuen Amt ausgewogener urteilt. Da bekundet er, ihm liege "eine einladende, offene Gesellschaft" am Herzen. Da mahnt er, dass die deutsche Verfassung allen Menschen dieselbe Würde zuspreche, "ungeachtet dessen, woher sie kommen, woran sie glauben oder welche Sprache sie sprechen". Da sagt er weiter: "Sie tut dies nicht als Belohnung für gelungene Integration, sie versagt dies aber auch nicht als Sanktion für verweigerte Integration."

Und dennoch ist auch hier eine Distanz zum Islam zu erkennen. Gleichzeitig nämlich spricht er davon, dass "Religionen wie der Islam" in der Bundesrepublik "neben die ganz selbstverständliche deutschsprachige und christliche Tradition getreten sind". Wer jedoch daneben steht, gehört nicht zwangsläufig dazu, weshalb es besser gewesen wäre, wenn Gauck an dieser Stelle statt "neben die" das Wörtchen "zur" gewählt hätte – eine kleine Änderung mit großem Effekt. Man mag einwenden, es handele sich bei dieser Kritik um eine sprachliche Petitesse. Ein Rhetoriker wie Gauck aber dürfte jedes Wort mit Bedacht wählen.

Zumal er in einer späteren Passage den Islam – wenn auch, ohne ihn zu nennen – in den gängigen Kontext von "Fanatismus und Terror" einbettet. Angesichts der Ereignisse von Toulouse ist das durchaus nachvollziehbar. Allerdings wäre es gerade deswegen auch wünschenswert gewesen, wenn er hier ein ausgleichendes Gegengewicht gelegt hätte.

Brückenbauer und Mahner zugleich

Christian Wulff; Foto: Reuters
Populär bei Deutschlands Muslimen: Gaucks Amtsvorgänger Wulff genoss bei den islamischen Verbänden besonderen Rückhalt, weil er erklärte hatte, der Islam gehöre zu Deutschland.

​​Das nämlich muss seine Aufgabe als Bundespräsident sein: dass er beim Thema Islam nicht polarisiert, sondern differenziert; dass er die Menschen zusammenbringt, anstatt sie weiter auseinanderzutreiben; dass er keine Front aufbaut zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, also zwischen "uns" und "denen", sondern zwischen Extremisten und Nicht-Extremisten. All das muss ihm gelingen, ohne dabei real existierende Integrationsprobleme unter dem Mäntelchen des Schweigens zu verbergen. Brückenbauer und Mahner zugleich muss er sein.

Vergleichsweise leicht ist diese Aufgabe, wenn es um Muslime geht, die in Deutschland als "liberal" oder "säkularisiert" angesehen werden. Um Frauen etwa, die kein Kopftuch tragen. Oder um Männer, die auch gerne mal ein Gläschen Alkohol trinken. Tatsächlich aber legt eine nicht zu unterschätzende Zahl von Muslimen ihre Religion anders, sprich: traditioneller aus. Sie mögen "Konservative" sein, können deswegen aber dennoch mit beiden Beinen auf dem Boden eines freiheitlichen Rechtsstaates stehen. Gläubiger Muslim sein und Demokrat sein – das ist kein Widerspruch.

Gerade die konservativeren deutschen Muslime muss das Land für sich gewinnen, denn sie machen einen gewichtigen Bestandteil der muslimischen Milieus aus. Ohne sie, "die Gläubigen", wird es nicht gelingen, so etwas wie einen "deutschen Islam" zu entwickeln.

Sie sind es auch, die Jugendliche am ehesten davor bewahren können, in den Extremismus abzugleiten. Ein Bundespräsident Gauck, von Haus aus Pfarrer und deswegen mit einem besonderen Verständnis für Religion ausgestattet, sollte hier ansetzen und das Gespräch mit denjenigen suchen, die wegen ihres Glaubens ausgegrenzt sind.

Gauck selbst ermahnte seine Zuhörer in seiner Rede vor dem Bundestag und dem Bundesrat, in "Fragen des Zusammenlebens" dürfe man sich nicht "von Ängsten, Ressentiments und negativen Projektionen leiten lassen". Wohl wahr! An diesem seinem Imperativ wird er sich selbst messen lassen müssen.

Jan Kuhlmann

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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